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Persönlichkeiten der Pferdeszene: Harry Boldt

Ein Mann mit Prinzipien

Harry Boldt hat Deutschland zwar den Rücken gekehrt, nicht aber seiner Leidenschaft: dem Dressursport, den er jahrzehntelang maßgeblich beeinflusst hat. Der legendäre Ausbilder, Buchautor und Trainer hat bei seiner Stippvisite in Aachen aus seinem Leben erzählt.

Harry Boldts Blick schweift über das Dressurstadion von Aachen. Der 87-jährige Reitmeister steht auf der Zuschauertribüne, entspannt lehnt er sich gegen das Geländer – ein hochgewachsener Senior, markante Nase, braungebrannt, aufrechter Gang. Ruhig wandern seine Augen über das Dressurviereck. Dort wo Helden geboren werden und wo das einmalige Glücksgefühl der großen Sieger greifbar in der Luft liegt – selbst wenn das Stadion menschenleer ist. Es sind Sieger, die (Dressur-)Geschichte schreiben. Und es ist eine Geschichte, in der Harry Boldt jahrzehntelang eine Hauptrolle eingenommen hat.

 

16 Jahre ungeschlagen

Vor 40 Jahren, 1977, entschied er den Aachener Nationenpreis mit Dr. Uwe Schulten-Baumer und Reiner Klimke im Team für sich. Diesen Triumph wiederholte er in den beiden folgenden Jahren und er gewann zweimal den Großen Preis von Aachen. 1980 beendete er mit 50 Jahren zwar seine reiterliche Karriere, kam aber als Bundestrainer der deutschen Dressurreiter immer wieder in die Soers zurück und sein Team blieb in seiner 16-jährigen Amtszeit in Aachen ungeschlagen. Als Trainer und Ausbilder wurde er zu einer Instanz weltweit. Unter seiner Ägide wurden Reiner Klimke, Nicole Uphoff und Isabell Werth Einzel-Olympiasieger, rund 50 Championatsmedaillen, davon 31 mal Gold, gehen auf sein Konto. Er hat unter anderem die US-Reiter Günther Seidel und Steffen Peters trainiert. Sein Wissen um die Ausbildung von Pferd und Reiter gab er jahrzehntelang rund um den Globus weiter und tut es bis heute, allerdings nur noch am anderen Ende der Welt. Seit 1990 lebt der Senior in Perth, der Hauptstadt Westaustraliens. Seinen Wohnort weiß Harry Boldt zu schätzen: „300 Tage Sonne im Jahr – das ist einfach Lebensqualität.“

Harry Boldt (87) lebt seit 1990 im australischen Perth. Einmal im Jahr kommt er nach Deutschland und kehrt an den Ort zurück, mit dem ihm so viel sportlicher Ruhm verbindet: die Aachener Soers. Fotos: J. Toffi

Erfahrung, Erfahrung

Seine zweite Frau war der Grund für den weiten Umzug. Das Ehepaar betrieb dort 20 Jahre lang eine Reitanlage und auch nach der Scheidung 2008 blieb Boldt vor Ort. Einmal im Jahr allerdings ist sein Reiseziel Deutschland, „18 Stunden Flugzeit bis nach Frankfurt. Aber mit einem Business-Nachtflug ist diese lange Reise gut machbar.“ Fester Jahrestermin: der CHIO Aachen. Von dort geht es meist einige Zeit nach Mallorca, wo sein Sohn aus erster Ehe lebt. Den Rest des Jahres verbringt er in Down-Under. „Ich gebe jeden Vormittag Dressurstunden“, erzählt Harry Boldt. „Einen Reiter bis zum Grand Prix zu bringen, das ist nach wie vor meine Leidenschaft.“ Dabei hat er aber klare Vorstellungen, wen er unterrichtet und wen nicht: „Der Reiter sollte Talent haben. Er sollte in jeder Gangart sitzen können, auch im starken Trab. Dann trainiere ich ihn. Ansonsten schicke ich ihn zu einem anderen Reitlehrer.“

Nicht nur bei seinen Schülern hat Harry Boldt genaue Vorstellungen, auch zum Trainerstand als solchen zeigt er eine klare Meinung: „Ich denke, ein guter Ausbilder braucht 20 Jahre und muss 30 Pferde bis zum Grand Prix geritten haben, um seinen Schüler optimal unterrichten zu können. Das Gefühl für das Pferd und den Reiter kommt mit der Erfahrung. Ein Trainer mit Ende 20? Das ist meistens nichts. Erfahrung ist das, worauf es ankommt.“

Harry Boldt verlässt die Aachener Dressurbühne und schlendert in Richtung Hauptstadion. Alle paar Meter bleibt er stehen für einen kurzen Plausch. Klaus Balkenhol, Ruth Klimke, Monica Theodorescu, Christoph Koschel, Nicole Uphoff-Selke, Christoph Hess, Madeleine Winter-Schulze – viele alte Weggefährten aus 50 Jahren Reitsport.

Der „Boldtersan“

„Ich habe Harry Boldt 1964 kennen und schätzen gelernt“, erzählt Ruth Klimke. „Mein Mann Reiner ritt jahrelang bei vielen Championaten mit ihm zusammen und wir waren seit den Olympischen Spielen in Tokio auch freundschaftlich verbunden. Früher gab es als Prüfung ein Pas de deux, welches die Ehepaare Boldt und Klimke oft und mit viel Freude gegeneinander ritten. Harry, den ich noch immer ,Boldtersan‘ nenne, war für mich immer ein aufrichtiger Mensch, der seine Meinung vertritt und den man immer um Rat fragen konnte.“ Im Museum der Aachener Geschichte, das im Hauptgebäude am Springstadion untergebracht ist, taucht Harry Boldt noch tiefer in die Vergangenheit ein. In Gedanken betrachtet er die Bilder alter Erfolgsgeschichten in der Soers. Viele davon hat er selbst miterlebt.

Pas de deux: Nicole Uphoff und Harry Boldt in Straßenkleidung.

Von Ostpreußen nach Essen

Geboren wurde Harry Boldt 1930 im ostpreußischen Insterburg. Noch im gleichen Jahr zog die Familie nach Essen. Sein Vater Heinrich Boldt, ein renommierter Reitlehrer und Ausbilder, war im Verein für Reit-sport tätig und wurde im Frühjahr 1939 von der Familie von Bohlen und Halbach engagiert, um die beiden Töchter in den Turniersport zu fördern. Aber im September endete das Engagement, weil die Pferde zum Militär eingezogen wurden. Die Kriegsjahre boten Harry Boldt kaum Möglichkeiten zu reiten. Lediglich wenn das Wagenpferd nichts zu tun hatte, durfte er sich da-rauf setzen. 1948 eröffnete sein Vater schließlich seinen eigenen Reitstall, in dem der mittlerweile 18-Jährige regelmäßig Reitunterricht bekam. Zwei Jahre später bestritt Harry Boldt seine ersten Turniere. Zunächst galt seine Leidenschaft dem Springreiten, er ritt bis zur schweren Klasse, bevor er sich ganz der Dressur widmete. Seine Trainerin war Käthe Franke. Bis 1957 blieb er bei seinem Vater, lernte dann seine erste Frau kennen, mit der er einen Sohn bekam, und zog nach Iserlohn. Dort führte er einen Turnierstall und etablierte sich in der Szene. Er erlebte Ausbilderpersönlichkeiten wie Felix Bürkner, Otto Lörke, Bubi Günther und Willi Schultheis. Mit Beginn der 60er-Jahre gehörte er beständig zum deutschen Championatsteam. Er war bei zwei Olympischen Spielen am Start, gewann zweimal Teamgold und zweimal Einzelsilber, außerdem errang er sieben Einzel- und acht Mannschaftstitel bei Europameisterschaften und Weltmeisterschaften sowie drei Deutsche Meistertitel.

Harry Boldt erstes Olympiapferd war der Ramzes-Sohn Remus. Mit dem Schimmel gewann er Team-Gold und Einzel-Silber in Tokio.

Ramzes Sohn Remus

Sein erstes Olympiapferd war Remus. Ihn ritt er in Tokio im Team mit Reiner Klimke und Josef Neckermann. Remus war ein westfälischer Schimmelwallach v. Ramzes, der vierjährig zu Harry Boldt kam. „Er war das erste Pferd, das ich von Beginn an bis in den Grand Prix ausgebildet habe. Mit vier Jahren war er noch so klein und schmächtig. Das sah so aus, als ob ich auf einem Pony sitze. Ich hätte nie gedacht, dass aus ihm einmal ein Grand Prix-Pferd wird. Als junges Pferd fehlte ihm die Gehfreude. Er konnte mitten im Training stehenbleiben und ging keinen Schritt mehr weiter. Aber er bestritt dann schon achtjährig seinen ersten Grand Prix und wurde Zweiter bei der Europameisterschaft. Ein tolles Gefühl, auf einem selbstausgebildeten Pferd zu sitzen. Das war schon was. Ich habe von ihm gelernt und er hat von mir gelernt.“ Die beiden gewannen gemeinsam Teamgold, Einzelsilber und -bronze bei Welt- und Europameisterschaften, sie wurden Deutsche Meister und erreichten insgesamt 143 S-Platzierungen.

Zwölf Jahre später erzielte er dasselbe Ergebnis bei den Spielen in Montreal, diesmal mit dem Hannove­raner Woycek.

Woycek, der Beste

Gut zehn Jahre später wiederholte Harry Boldt seinen olympischen Triumph und sicherte sich 1976 in Montreal erneut Einzelsilber und Teamgold. Dieses Mal saß er im Sattel von Woycek, einem Hannoveraner v. Wunsch II, von dem er heute sagt, dass er das beste Pferd seiner Karriere gewesen sei. „Woycek war ein Toppferd in Deutschland. Er hatte ein Stockmaß von 1,80 Meter und tolle Grundgangarten“, beschreibt Harry Boldt.

„Und er verband Kaliber mit Adel auf eine tolle Art und Weise. Er kam Grand Prix-fertig zu mir. Ausgebildet hatte ihn Udo Nesch. Er war ganz klar im Kopf. Wenn ich ihn forderte, war er da. Das ist es, was ein Spitzenpferd damals brauchte, um im Sport bestehen zu können. Er war so ausgeglichen, dass man auf seinem Rücken hätte Skat spielen können, wenn er sich zum Mittagsschlaf hingelegt hatte.“ Ein Erlebnis mit dem Wallach ist dem Senior besonders in Erinnerung geblieben: „Als wir zur Europameisterschaft nach Kiew fuhren, fing ein anderes Pferd im Transporter an zu toben. Mitten in der Stadt mussten wir alle Pferde ausladen. Woycek schoss erst etwas übermütig und aufgeheizt aus dem LKW heraus und graste dann aber sofort ganz friedlich auf einem Grasstreifen. Er ließ sich überhaupt nicht beeindrucken von dem Trubel.“ Neben dem Olympiaerfolg gingen zwei EM-Teamgoldmedaillen und Einzelsilber- und Bronze, eine WM-Teamgoldmedaille sowie Platz eins im Deutschen Dressur-Derby auf das Konto des Paares.

Trainerlegenden unter sich: Siegfried Peilicke, Harry Boldt und Dr. Uwe Schulten-Baumer.

Unzählige schöne Erinnerungen begleiten Harry Boldt, als er dem CHIO-Museum im Verwaltrungsgebäude des Aachen-Laurensberger Rennvereins einen Besuch abstattet.

Bibel: Das Dressurpferd

Harry Boldts Entscheidung seine reiterliche Karriere in den 80er-Jahren zu beenden, war schließlich eine ganz pragmatische: „Damals durften nur Amateure Championate reiten und ich dachte mir, dass irgendwann auch mal Schluss sein muss, damit ich Geld verdienen kann. Als Bundestrainer hatte ich im Anschluss eine interessante, lehrreiche Zeit, die ich nicht missen möchte. Es gab eine gute Zusammenarbeit mit Georges Theodorescu und Isabell Werth kam mit Uwe Schulten-Baumer – das waren alles gute Trainer.“ Um seine Erfahrungen in der Pferdeausbildung festzuhalten, schrieb Harry Boldt ein Buch. „Das Dressurpferd“ kam 1978 auf den Markt – und es ist bis heute nicht mehr wegzudenken aus der Fachliteratur. Die mittlerweile dritte Auflage ist zweisprachig verfasst, in Deutsch und in Englisch. Eine Bibel für den Ausbildungsweg eines Pferdes von der Pike an bis in den Grand Prix-Sport. Auf sein Werk angesprochen wiegelt der Senior jedoch ab. Theorie sei auf jeden Fall wichtig, viel wichtiger sei aber, was man in der Praxis daraus mache. Zu seinen Vorstellungen eines Dressurpferdes sagt er: „Es sollte gute Grundgangarten, ein schönes Vorderbein und genügend Hals für den Reiter haben. Und natürlich wünscht man sich Eleganz und Schönheit. Aber das sollte man nicht überbewerten. Viele gute Dressurpferde sind im Stand betrachtet überhaupt nicht schön, strahlen dann aber unter dem Sattel eine große Faszination aus. Die wirklich guten Pferde werden durch die richtige reiterliche Ausbildung so geformt, dass sie von alleine schön werden.“ Eine Charaktereigenschaft ist Harry Boldt bei einem Pferd besonders wichtig: der Wille für den Sport. Ein Pferd muss nicht nur können, sondern auch wollen, sagt er. Er würde sogar ein Pferd vorziehen, das etwas weniger überragende Bewegungen hat, dafür aber eine ganz besondere Leistungsbereitschaft.

Zu viel mit der Hand

So eine klare Meinung wie über die Pferde, hat der Senior auch über die Reiter. „Der Sport hat sich dahin entwickelt, dass oft zu viel mit der Hand geritten wird. Die Pferde können sich nicht mehr im Hals öffnen. Aber ein guter Trainer weiß, wie man ein Pferd reiten muss, damit es sich optimal entfalten kann – das eine etwas ruhiger, das andere etwas frischer. Jedes Pferd ist anders. Isabell Werth kann das richtig gut. Sie kann sich einstellen auf jede Art von Pferd, egal ob ein kalibriges wie El Santo oder ein feines wie Weihegold. Das lernt man nur durch eines: Reiten, Reiten, Reiten.“
Harry Boldt wirft einen Blick auf seine Armbanduhr. Der Grand Prix im Dressurstadion geht weiter. Unvermittelt verabschiedet er sich. Genug von der Vergangenheit erzählt und Theoretisches ausgeführt. Die Dressur im Hier und Jetzt ist es, was zählt – für den Mann mit Prinzipien.

Laura Becker

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