Vorheriger Artikel

Ausgabe 11-12/2016
Neuerscheinung im FNverlag: Hannoveraner

Nächster Artikel

Ausgabe 11-12/2016
PM blickten hinter die Kulissen der Frankfurt Animal Lounge

Das alte Pferd – Teil I: Haltung, Fütterung, Bewegung

Zeit für den Seniorenteller?

Was tun mit dem alten Pferd? Und wann ist ein Pferd denn überhaupt alt? Auf diese Fragen, die sich früher oder später jeder Pferdebesitzer und -halter stellen muss, gibt es keine pauschalen
Antworten. In den wenigsten Fällen aber muss man die sportliche Partnerschaft abrupt beenden.

Das alte Pferd, erkennbar an seinem Senkrücken und seinem struppigen Fell, genießt seinen Lebensabend auf der Weide. Foto: Frank Sorge

Es war nicht nur eine schöne Idee, an der einige wenige Insider ihre Freude hatten, die Film-Serie „Alte Helden“, von der FN im Sommer dieses Jahres realisiert, stieß auf große Resonanz. Wie die vierbeinigen Heroen des deutschen Pferdesports – Otto Beckers Cento, Hinrich Romeikes Marius, Meredith Michaels-Beerbaums Shutterfly, Heike Kemmers Bonaparte und Isabell Werths Satchmo – ihren Lebensabend verbringen, das interessiert viele Pferdefreunde. Hunterttausende Aufrufe schon wenige Monate nach dem Hochladen der Filme im Netz sind der beste Beweis und ein schönes Zeichen dafür, dass die Oldies eben nicht nur Sportgeräte waren, sondern unvergessen sind.

Solche Pferde kennen wir alle. Die wenigsten sammeln Medaillen bei Championaten oder auch nur Schleifen auf ländlichen Turnieren, viele sahen nie einen Turnierplatz aus der Nähe. Vielleicht waren sie Partner bei wunderschönen Ausritten oder Ponys, die den Schlitten der Kinder gezogen haben, vielleicht wurden sie vor eine Kutsche gespannt oder für eine Jagd gesattelt. Weniger wertvoll sind sie für uns deshalb nicht. Doch irgendwann lässt die Kraft nach, die Wehwehchen häufen, die Bedürfnisse verändern sich. Kurz: Das Pferd wird alt. Man kann diesen Prozess nicht stoppen, aber man kann versuchen, dem alternden Pferd gerecht zu werden. Und ihm so in vielen Fällen noch eine schöne Zeit schenken.

„Dritte“ gibt es nicht

Wann das Pferd alt ist? Darüber sind sich auch die Wissenschaftler nicht einig. Die einen ziehen die Grenze zum „alten Pferd“ bei 15 Lebensjahren, andere bei 20, einer Definition der Pferdezahnmedizin zufolge sind Pferde dann „alt“, wenn die Schmelzanteile auf den Kauflächen der Zähne verloren gehen, und Ponys werden im Schnitt ohnehin älter als Pferde. Letztendlich sind Alterserscheinungen eine individuelle Angelegenheit. Tatsache aber ist: Durchschnittlich werden unsere Pferde älter als noch vor wenigen Jahrzehnten, zwangsläufig finden sich mehr Senioren in den Ställen, Schätzungen zufolge sind mindestens 20 Prozent der Pferde und Ponys in Deutschland älter als 20 Jahre. Die Gründe sind vielschichtig: Der medizinische Fortschritt spielt eine Rolle, die Anpassung von Futterrationen an die jeweiligen Bedürfnisse beugt Mangelkrankheiten vor, und nicht zuletzt sind viele Pferdebesitzer bereit, auch alte Pferde behandeln zu lassen und ihnen ein Leben jenseits der sportlichen Nutzung zu ermöglichen.

Kontrolle ist besser: Viele Altersbeschwerden sind auf Zahn­probleme zurückzuführen. Fotos (4): Arnd Bronkhorst

Besser mit Decke: Mit zunehmendem Alter lässt die Fähigkeit zur Thermoregulation nach.

Verdauungsstörungen

Fraglos gibt es spezielle Krankheiten, von denen vor allem ältere Pferde betroffen sind. Ihnen widmen wir uns im zweiten Teil des Artikels. Daneben aber gibt es auch Abnutzungserscheinungen, die bei älteren Pferden zu gesundheitlichen Problemen führen können. Alterserscheinungen des Gebisses spielen dabei eine Hauptrolle. Nicht umsonst lässt sich anhand der auch ohne spezielle Instrumente leicht zugänglichen Schneidezähne das Pferdealter schätzen, wenn auch diese Schätzung mit zunehmendem Alter immer ungenauer wird.

Unter natürlichen Bedingungen verformen sich nicht nur die Kauflächen mit den Jahren, sondern die Schneidezähne nutzen sich durch das Abbeißen von Gras, die Backenzähne dank ihrer Mahlfunktion in dem Maße ab, wie sie durch das Herausschieben der „Reservekronen“ ersetzt werden. Aber dieses Ideal der Pferde­haltung ist nun mal unrealistisch, die Steppen sind hierzulande rar. Die Folge: Die Schneidezähne werden oft nicht ausreichend abgenutzt, während die Backenzähne im Laufe der Jahre zunächst meist abgeschliffen werden und die Reservekronen dann ihre Verankerung im Kiefer verlieren. Ergebnis der schleichenden Veränderungen: Irgendwann kann das Pferd das Raufutter nicht mehr ausreichend zerkleinern, es wird entweder wieder ausgespuckt oder unzureichend zerkleinert und zu wenig eingespeichelt geschluckt. Abmagerung oder Verdauungsstörungen – Kolik! – drohen! Typisch sind milde Koliken, die sich oft nur durch vermehrtes Liegen und reduzierten Appetit sowie kleine, trockene Pferdeäpfel äußern. Also: Alte Pferde sind oft nicht einfach nur plötzlich etwas müder, wenn sie mehr als gewohnt liegen. Die Ursache können durch Zahnprobleme verursachte Koliken sein!

Gewickelt statt gekaut

Vorsicht: Während Stellungsanomalien der Schneidezähne leicht erkannt werden, kann man Veränderungen der Backenzähne oft nicht ohne tierärztliche Untersuchung feststellen! Hinweise auf die unzureichende Zerkleinerung von Raufutter sind lange, schlecht zerkaute Fasern im Kot. Ein Anzeichen für Kau­störungen ist außerdem das sogenannte „Wickelkauen“, das heiß, das Pferd lässt beim Kauen Heuwickel aus dem Maul fallen, weil diese nicht mehr mit den Backenzähnen gemahlen werden können.

Auch in Sachen Pferdezähne gilt: Vorbeugen ist besser! Gebissfehler, die beim jungen Pferd erkannt und korrigiert werden, führen später nicht zu Problemen. Und auch ohne offensichtliche Kaustörungen sollte das Pferdegebiss jährlich kontrolliert werden.

Altersgerecht: Grascobs

Magert das Pferd ab, weil es trotz Gebisskorrektur Futter nicht mehr ausreichend aufbereiten kann, muss die Fütterung angepasst werden.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist zu wissen, wieviel das Pferd tatsächlich frisst. Das ist bei einem Pferd in der Einzelbox vergleichsweise leicht festzustellen – im Zweifel wiegen! –, bei Gruppenhaltung dagegen oft deutlich schwieriger einzuschätzen. Auch wenn das alte Pferd nicht abgedrängt wird, so frisst es möglicherweise langsamer als die Kumpels in der Gruppe. Also genau hinschauen!

Wenn das übliche Raufutter alleine nicht ausreicht, um den Energiebedarf des Oldies zu decken, weil dieser schlicht nicht genug frisst, wird gerne tiefer in die Kraftfutter-Kiste gegriffen. Leider oft mit fatalen Folgen, denn zu viel Stärke kann zu einer Übersäuerung des Darmes führen, die sich wiederum in Appetitlosigkeit äußert, sodass auch das Kraftfutter nicht mehr gefressen wird.
Empfehlenswert dagegen ist das Verabreichen von Krippenfutter, am besten in Form von eingeweichten Grascobs. Grascobs sind faserreich, müssen aber weniger intensiv gekaut werden als Heu, weil sie vorzerkleinert sind. Im Gegensatz dazu macht gehäckseltes Heu oft Probleme. Sind die Halme zu lang, sinkt der Kauaufwand nicht wesentlich, sind sie zu kurz, werden sie möglicherweise unzerkaut geschluckt und können Blinddarmverstopfungen verursachen.

(Zu) Gut gemeint

Auch wenn wir es mit den Oldies gerne vermeintlich gut meinen – auch im fortgeschrittenen Alter ist „moppelig“ nicht gleichbedeutend mit „gut ernährt“! Nicht nur fürs junge Pferd gilt: Ideal ist der Ernährungszustand, wenn die Rippen je nach Fell­länge schwach sichtbar oder leicht tastbar sind.

Alten Pferden sollte immer ein einfacher Salzleckstein zur Verfügung stehen.

Wasseraufnahme

Was im Zusammenhang mit Zahnproblemen häufig übersehen wird, ist, dass auch die Wasseraufnahme eventuell nicht mehr störungsfrei funktioniert. Auch da gilt: Kontrolle ist besser. Praktikern zufolge wird lauwarmes Wasser gerade von alten Pferden meist bevorzugt. Ein entsprechendes Nachrüsten der Tränke oder das zugegebenermaßen aufwendige Tränken aus dem Eimer kann da Abhilfe schaffen.
Dass auch das alternde Tier ausreichend mit den sogenannten Mikronährstoffen – Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente – versorgt sein sollte, versteht sich von selbst. Aber auch da kann man des vermeintlich Guten zu viel tun! „Viel hilft viel“ ist das falsche Motto, „bedarfsgerecht“ sollte das Stichwort sein. Pferde, die sich überwiegend von Gras beziehungsweise Graskonserven wie Heu, Heulage oder Cobs ernähren, sind meist ausreichend mit Kalzium, Phosphor, Magnesium und Kalium versorgt, während Spurenelemente wie Kupfer, Zink und Selen, aber auch Vitamin E oft „Mangelware“ sind. Deshalb empfiehlt sich ein Blick auf die Liste der Inhaltsstoffe von Mineral- und Mischfutter. Produkte mit hohen Gehalten an Kalzium und Phosphor sind eher schädlich als hilfreich.

Gerade Mineralfutter enthalten oft einen Kalzium-Anteil von zehn Prozent oder mehr. Werden diese dann noch mit entsprechenden Mischfuttern kombiniert, ist das Pferd deutlich übervorsorgt, was nicht nur die Nieren belastet, sondern auch zu einer verminderten Aufnahme von Mangan, Zink und Kupfer führen kann. Im Zweifel einfach den Futtermeister, einen Futtermittelhändler Ihres Vertrauens oder den Tierarzt fragen!

Was dagegen auch alten Pferden zur Verfügung stehen sollte, ist ein Salzleckstein. Und wieder gilt: Weniger ist mehr. Ein einfacher Leckstein aus Natriumchlorid, also Kochsalz, genügt. Denn für stark aromatisierte und gesüßte Leckmassen gilt bei Pferden dasselbe wie für Gummibärchen bei Menschen: Man isst einfach zu viel davon.

Wer rastet, der rostet

Bleibt die Frage nach der Leistungsfähigkeit. Zweifellos: Die Leistung der Senioren lässt nach. Studien beweisen: Alte Pferde können weniger Sauerstoff aufnehmen als ihre jüngeren Artgenossen, schalten viel schneller auf den sogenannten „anaeroben Stoffwechsel“ um, bei dem nur sehr begrenzte Energievorräte genutzt werden können, und benötigen längere Erholungsphasen. Der Grund liegt an der Zusammensetzung der Muskulatur: Bei untrainierten älteren Pferden ist der Anteil an sogenannten Typ IIX-Fasern höher, bei jüngeren Pferden der an Muskelfasern der Typen I und IIA.

Ein gemütlicher Ausritt im Schritt oder mit kurzen Trabreprisen hält alte Pferde fit.

Eine Frage des Typs

Muskelfasern der Typen I und IIA nutzen Sauerstoff und arbeiten eher langsam, ermüden aber auch langsamer. Der Anteil dieser Fasern ist beispielsweise bei Distanz- und Vielseitigkeitspferden hoch.
Typ IIX-Fasern können schnell Energie gewinnen ohne Sauerstoff zu nutzen, ermüden aber auch schneller. Die Muskulatur von Rennpferden hat ein hohen Anteil dieser Fasern.

Belegt ist aber auch, dass selbst bei mehr als 20 Jahre alten Pferden Konditionstraining – einer Studie zufolge zehn bis zwölf Wochen lang drei bis vier Mal wöchentlich 30 Minuten Trab – den Anteil an Muskelfaser-Typen beeinflusst und die Leistungs­fähigkeit deutlich verbessert. Trotzdem sind ältere Pferde unter manchen Bedingungen empfindlicher als jüngere. Auch, weil ihre Thermoregulation während Belastung deutlich eingeschränkt ist.

All das muss dem Pferdehalter und Reiter bewusst sein, wenn er dem Pferd einen guten Lebensabend à la „Alte Helden“ ermöglichen möchte. Fürsorge, genaues Hinschauen, Gesundheitskontrollen, dem Leistungsvermögen angepasste Bewegung und möglicherweise auch spezielle Fütterung – das Halten eines alten Pferdes ist anspruchsvoll. Aber es muss ja nicht die intensive Trainingseinheit im Hochsommer bei hoher Luftfeuchtigkeit sein – ein Ausritt bei angenehmer Temperatur ist auch was Schönes und hält Reiter und Pferd nicht nur fit, sondern auch bei Laune.

Dr. Michaela Weber-Herrmann

Oldies vor der Linse

Wenn auch Sie sehen wollen, wie die „Alten Helden“ des deutschen Pferdesports – Marius, Satchmo, Shutterfly, Bonaparte und Cento – ihren Lebensabend genießen, alle Filme finden Sie im Internet. Die Adresse: www.pferd-aktuell.de/altehelden

Vorheriger Artikel

Ausgabe 11-12/2016
Neuerscheinung im FNverlag: Hannoveraner

Nächster Artikel

Ausgabe 11-12/2016
PM blickten hinter die Kulissen der Frankfurt Animal Lounge

Teilen

Teilen Sie diesen Beitrag mit Freunden