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Ausbildungstipps von Christoph Hess

Winterzeit – Leidenszeit?

Überfüllte Halle, wenig Platz, Frust unter der Reitern – die dunklen Wintermonate können den Spaß am Reiten gründlich verleiden. Sinnvolles Einteilen der Reitzeiten ist ebenso gefragt wie die Bereitschaft, an sich selbst zu arbeiten. Einige Tipps von FN-Ausbildungsbotschafter Christoph Hess.

Regelmäßige Cavalettiarbeit und das Absolvieren von einzelnen gymnastizierenden Sprüngen oder Gymnastikreihen ist für jedes Pferd eine Abwechslung in der Winterarbeit. Fotos: Jacques Toffi

Frage:

Alljährlich knubbeln wir uns (dressurlastiger Stall mit 40 Pferden) im Winter in der Reithalle und schieben spätestens ab Januar Frust, weil es zu voll ist und man selten in Ruhe trainieren kann. Mit der Zeit werden unsere Pferde immer missmutiger und verlieren an Schwung und Durchlässigkeit. Leider haben wir kein geeignetes Ausreitgelände (alles tiefer Schlamm oder knüppelhart gefrorene „Buckelpisten“), so dass wir uns notgedrungen in der Halle arrangieren müssen. Haben Sie ein paar Rezepte, wie wir unseren Pferden Abwechslung bieten, sie gut gymnastizieren und bei Laune halten können?

 

Laura Mahlmann

Sie sprechen ein Problem an, das viele Reiter in der dunklen Jahreszeit (be)trifft und das immer wieder zu Frustrationen bei Pferd und Reiter führt. Doch es gibt Lösungsansätze und die sind zum Wohle der Pferde und zur Freude der Reiter. Wie in Ihrer Reithalle stellt sich häufig die Situation dar. Tagsüber ist in den Reithallen oftmals nichts los. Doch in den Abendstunden und in bestimmten Phasen am Wochenende „knubbelt“ es sich dafür umso mehr. Für Pferde ist das Reiten ohne genügend Platz eine Zumutung, schließlich sind sie von ihrem Ursprung her Steppentiere, die es gewohnt sind, einen weiten Raum vor sich zu haben, um sich ungehindert nach vorne bewegen zu können. Dieser natürliche Bewegungsdrang unserer Pferde wird in den übervollen Reithallen nicht wirklich befriedigt. Deshalb empfehle ich, dass in jedem Verein und Betrieb Pläne ausgehängt werden, damit die Reiter wissen, wann es sinnvoll und angebracht ist zu reiten. Sicherlich werden sich diese Pläne nicht in jedem Einzelfall eins zu eins umsetzen lassen. Dennoch helfen sie, ein Chaos in der Halle zu vermeiden.

So empfiehlt es sich, bestimmte Zeiten für Reiter zu reservieren, die junge Pferde ausbilden wollen. Hier ist es sinnvoll, wenn diese – begleitet durch einen Ausbilder – hinter einem erfahrenen Pferd in der Abteilung bzw. hintereinanderher geritten werden. Auf diese Weise wird der Herdentrieb der Pferde angeregt und die Pferde werden schneller und leichter lernen, als wenn sie vornehmlich alleine geritten werden – und es dabei noch „Gegenverkehr“ gibt. Für junge Pferde ist es oftmals schwierig, wenn sie zusammen mit „erwachsenen“ Pferden in ein- und derselben Halle geritten werden. Dabei kann es leicht zu unfallträchtigen Situationen kommen.

Ein Pferd ist kein Hund!

In den letzten Jahren habe ich zunehmend beobachtet, dass viele Pferdefreunde mit ihren Pferden spazieren gehen, so als würden Sie einen Hund „Gassi führen“. Zunächst habe ich bei diesem Anblick die Stirn gerunzelt. Doch inzwischen habe ich sehr viel Sympathie für diese Form des Pferdebewegens entwickelt. Bei der Bewegung im Freien können Pferd und Reiter Sonne und Licht „tanken“, was in den Wintermonaten besonders wichtig ist. Doch das Führen im Freien ersetzt das kontinuierliche und regelmäßige Reiten nicht, denn eines ist zu bedenken: Unsere Pferde haben von wenigen Ausnahmen abgesehen einen ausgeprägten Bewegungsdrang. Deshalb ist es wichtig, sie im kontrollierten „Vorwärts-Galopp“ im leichten Sitz (mit kürzer geschnallten Bügeln) zu galoppieren.

Nicht weglaufen lassen

Dabei sollte zunächst auf dem Zirkel begonnen werden, der allmählich vergrößert wird, bis der Reiter nach einiger Zeit in der Lage ist, außenherum zu galoppieren. Der Reiter muss zum Treiben kommen. Das Pferd darf nicht „weglaufen“, sondern Sie müssen genau so wie in der gymnastizierenden Arbeit das Gefühl haben, Ihr Pferd vor sich an ihren treibenden Hilfen zu haben. Ich glaube, in vielen Reitbahnen wird dieser ausgiebige Galopp vernachlässigt bzw. gehört er nicht zum Standardprogramm. Dadurch werden die Pferde missmutig und verlieren an Schwung und Durchlässigkeit. In dieser Situation wird der Reiter mehr und mehr versuchen zu treiben, ohne dabei den erforderlichen Effekt bei den treibenden Hilfen zu spüren. So wird aus der sensiblen und gefühlvollen Reiterei mehr und mehr ein kraftorientiertes Reiten, durch das die Pferde fest und unzufrieden werden. Dieser Prozess verschlechtert sich während des Winterhalbjahres und ein Pferd, das sich zu Beginn der Wintersaison noch motiviert nach vorne bewegte, wird faul und frustriert seinen Reiter deshalb in zunehmender Weise.

Spazierengehen mit dem Pferd ist bei vielen Reitern zurecht beliebt, aber es ersetzt nicht die Bewegung unter dem Sattel oder an der Longe.

Gymnastik ist Trumpf

Die Winterzeit ist hervorragend geeignet, um das Pferd intensiv zu gymnastizieren. Das Reiten von Übergängen, bei denen der Reiter darauf achten muss, stets seine vortreibenden Hilfen vorherrschen zu lassen und das Reiten der Basisübung Schenkelweichen – mit all seinen verschiedenen Facetten – sollte zum täglichen Standardprogramm gehören. Das gilt für alle Pferde, also nicht nur für die jungen, sondern auch für weiter ausgebildete Pferde.

Trainingsplan erstellen

Im Winter müssen zudem neue Übungen und Lektionen erarbeitet werden. Hier empfiehlt es sich, zu Beginn der Wintersaison einen Trainings- und Ausbildungsplan zu erstellen, um damit einen roten Faden für die tägliche Arbeit zu haben. Stets muss dabei das Prinzip gelten: Vom Leichten zum Schweren kommen und es müssen methodische Übungsreihen erarbeitet werden, nach denen die neuen Lektionen geübt und trainiert werden. Empfehlen möchte ich, sich von einem erfahrenen Ausbilder unterstützen zu lassen. Je sorgfältiger diese Arbeit im Winterhalbjahr erfolgt, desto mehr Freude werden Reiter und Pferd gemeinsam im Sommer haben und desto größere Erfolge werden sich einstellen. Doch das bestens ausgebildete Pferd nutzt nichts, ist nicht auch der Reiter selbst bereit, immer wieder an seinem reiterlichen Fortkommen zu arbeiten. Deshalb empfehle ich, dass in den Wintermonaten jeder Reiter intensiv an der Verbesserung seines Sitzes und seiner Einwirkung arbeiten sollte und sich beispielsweise an der Longe schulen lässt, damit die Geschmeidigkeit und das gefühlvolle Eingehen in die Pferdebewegung verbessert wird.

Sprünge zur Abwechslung

Die Arbeit sollte im Winterhalbjahr nicht nur auf dem „ebenen Hufschlag“ erfolgen. Ich empfehle regelmäßige Cavalettiarbeit, das Absolvieren von einzelnen gymnastizierenden Sprüngen und Gymnastik­reihen und kleineren Parcours – und das völlig unabhängig von der reiterlichen Disziplin, dem reiterlichen Niveau und der persönlichen Zielsetzung. Deshalb ist es ein wichtiges Ausbildungsziel, auch Dressurpferde zu springen. Es wird kaum ein Pferd geben, das nicht springen kann oder daran keine Freude hat. Ich empfehle Ihnen, sich dazu mit anderen Reitern zu verabreden, zwecks gemeinsamen Auf- und Abbaus der Hindernisse.

Fazit:

Die Wintermonate müssen nicht ab Januar zu Frust und Unmut bei Pferd und Reiter führen. Hallenbelegungspläne sind hilfreich, damit die Reithallen nicht überfüllt sind. Verschaffen Sie Ihrem Pferd in den Wintermonaten möglichst viele Kompensationsmöglichkeiten, gymnastizieren Sie es systematisch und bewegen Sie es genug. Abschließend habe ich selbst eine Bitte: Lassen Sie mich Ihre Erfahrungen wissen, wie es Ihnen gelingt, Frust in den Wintermonaten zu vermeiden und wie Sie Ihre gute Laune beim Reiten in überfüllten Reithallen behalten. Schreiben Sie mir. Wir werden ausgewählte Leserbriefe hinterher veröffentlichen.

PM-Leserinnen und -Leser können sich bei Ausbildungsproble­men gerne an Christoph Hess wenden. Schildern Sie Ihre Schwie­rig­keiten kurz und bündig, die Redaktion wählt dann einen Beitrag für die Veröffentlichung aus. Wenn Sie ein gutes, druckfähiges Foto ­haben, können Sie dies selbstverständlich mitschicken.

 

Kontakt: chess@fn-dokr.de

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