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Pferd und Mensch
im Mittelpunkt

Der richtige Einsatz von Sporen und Gerte

Sinnvolle oder kritische Helfer

Sporen und Gerte – die einen sehen darin sinnvolle Hilfsmittel beim Reiten, die anderen ein tier-quälerisches Teufelszeug. Tatsache ist, dass beide Fraktionen Recht haben können, denn es ist immer eine Frage, wie der Reiter Sporen und Gerte einsetzt. Was bei ihrem Gebrauch zu beachten ist, erklärt Dr. Britta Schöffmann.

Perfektes Paar: Wolfhard Witte bei den DKB-Bundeschampio­naten mit dem Celler Landbe­schäler Quaterhall. Alle Fotos: J. Toffi

Zunächst einmal: Muss jeder mit Sporen und/oder Gerte reiten? Nein. Wer ein gehorsames Pferd hat und nur gemütlich durch Wald und Feld bummeln möchte, kann auf diese Hilfsmittel im Allgemeinen verzichten. Wer sein Pferd jedoch gymnastizieren und fordern und fördern möchte, tut gut daran, bei Bedarf darauf zurückzugreifen. Denn korrekt eingesetzt kann sowohl die Gerte als auch der Sporn das Pferd beim Verstehen der reiterlichen Einwirkung unterstützen und das Gelingen von allen möglichen Anforderungen verbessern. Wohlgemerkt: Es geht dabei um Unterstützung, nicht um Ersatz. Der treibende Schenkel sollte auch ohne Hilfsmitteleinsatz funktionieren. Ganz verzichten kann im Allgemeinen auch derjenige, der einen „heißen Ofen“ unterm Hinterteil hat.

Der verlängerte Arm

Warum dann aber überhaupt Gerte oder Sporen? Die Gründe dafür sind vielfältig. So haben junge, gerade angerittene Pferde meist noch keine Ahnung davon, dass ein leichter Druck des Reiterschenkels zunächst das Zeichen für „Vorwärts“ ist. Fast alle Youngster haben aber bereits die Gerte kennengelernt – beim Freilauf oder beim Longieren, obwohl man hier dann nicht von Gerte, sondern von Peitsche spricht. Klingt brachial, besagt aber nur, dass dieses spezielle Hilfsmittel einen langen ,Schlag‘ hat mit dem man ein Knallgeräusch hervorrufen oder, quasi als verlängerter Arm, aus der Entfernung die Hinterhand des Pferdes berühren kann. Beides wirkt vortreibend. Ein Umstand, den sich der Reiter vom Sattel aus zunutze machen kann, denn mit dem Einsatz der Gerte – entweder nur zischend oder die Hinterhand kurz berührend – greift er aus Sicht des Pferdes auf Bekanntes zurück. Kombiniert er den Einsatz der Gerte hier mit einer vortreibenden Schenkelhilfe und setzt dann alles, sowohl Gerte als auch Schenkelimpuls, aus sobald das Pferd nach vorn geht, versteht es, vereinfach gesagt: ,Auch der Schenkeldruck heißt wohl loslaufen‘.

Hinterhand aktivieren

Die Unterstützung durch die Gerte kann später auch bei verschiedenen Lektion hilfreich sein. So lässt sich mit der innen geführten Gerte bei Bedarf auch mal der biegende innere Reiterschenkel auf gebogenen Linien verstärken, indem sie beispielsweise mit verhindert, dass das Pferd nach innen drängelt (hierbei dann entweder an der inneren Schulter oder gleich hinter dem inneren Schenkel eingesetzt). Oder aber sie unterstützt in der Wendung den vortreibenden inneren Schenkel punktuell beim Aktivieren des inneren Hinterbeins (dann Richtung Unterschenkel/Sprunggelenk eingesetzt). Beim Schenkelweichen kann die Gerte den seitwärtstreibenden Schenkel verstärken und dem Pferd so helfen, mit der Hinterhand seitlich auszugreifen. Und bei späteren Übungen in höherer und hoher Versammlung lässt sich mit Hilfe der Gerte bei Bedarf die Aktivität der Hinterhand auffrischen. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig.

Zu viel Schenkelklopfen

Drei Grundsätze sind dabei aber immer wichtig: Nicht zu häufig, nicht zu stark und immer in Verbindung mit einer korrekten Schenkelhilfe! Bei manchen Reitern hört man aber beinahe unablässig das „Patsch, Patsch“ eines fast durchgängigen Gerteneinsatzes. Statt das Pferd damit aber aufmerksamer zu machen, stumpft man es so nur ab, ähnlich wie mit unaufhörlichem Schenkelgeklopfe oder übertriebenem Schenkeleinsatz. Und irgendwann wird dann fester geschlagen, damit das Pferd überhaupt noch reagiert. Doch ein Schlaginstrument soll die Gerte nicht sein. Deshalb spricht man bei ihrem Einsatz auch von „touchieren“, also berühren, und nicht von draufhauen. Diese Berührung soll kurz und prägnant sein, ähnlich einem Anschnippsen mit zwei Fingern. Ein lockeres Handgelenk und eine lockere Faust sind dabei wichtig, um erstens das schnelle Touchieren hinzubekommen (am besten als schnelles Doppel-Touchieren, das gelingt nämlich nur aus einem lockeren Handgelenk) und zweitens beim Einsatz der Gerte nicht gleichzeitig mit der Hand vorn im Maul zu rucken und so sich wiedersprechende Einwirkungen zu setzen („hinten Gas, vorne Bremse”).

Ein solcher Sporeneinsatz provoziert Verletzungen.

National ist die Gerte erlaubt, international nicht.

International ohne

Der dritte Grundsatz, also der Gerteneinsatz in Verbindung mit einer entsprechenden Schenkelhilfe, ist ebenfalls ganz wichtig. Die Gerte soll der Hilfe ja nur ein wenig Nachdruck verleihen, so dass sich die Hilfe selbst immer besser etabliert. Das Ziel ist es, bei sensibel reagierendem und korrekt gearbeiteten Pferd irgendwann auf die Gerte ganz oder zumindest größtenteils verzichten zu können. Aus diesem Grund wird übrigens auf internationalem Niveau auch ohne Gerte geritten. Die Reiter sollen zeigen, dass ihre Pferde auch bei schwierigsten Anforderungen allein auf die Reiterhilfen reagieren.

Nichts für Anfänger

Wer sich unsicher ist, ob sein Pferd schon so weit ist, oder wer die Gerte nur ab und zu mal bei möglichen Problemlektionen einsetzen möchte, sollte sie einfach auf die Bande legen und nur bei Bedarf zur Hand nehmen. Das mit dem „bei Bedarf“ ist unter rein praktischen Gesichtspunkten bei den Sporen schon schwieriger. Die Gerte ist schnell weggelegt und wieder aufgenommen, Sporen ab- und wieder anlegen ist dagegen eher störend. Wer allerdings ein perfekt liegendes Bein hat kommt mit den Sporen sowieso nur dann ans Pferd, wenn er ganz bewusst eine Einwirkung setzen möchte, also eigentlich auch nur bei Bedarf. Aus diesem Grund sind Sporen für Anfänger, ganz gleich welchen Alters, auch nicht das geeignete Hilfsmittel. Ihnen fehlt meist noch der ausbalancierte Sitz und die optimale Schenkellage, die Voraussetzung für das Tragen von Sporen ist. „Sporen muss man sich verdienen“, ein Satz, der viel älter ist als Horst Sterns fast gleich lautendes Standardwerk, sondern der aus der Mittelalter stammt und beschrieb, dass ein Knappe zu seiner Ritterweihe als Zeichen seiner neuen Würde neben seinem Schwert auch ein Paar Sporen erhielt.

Heftigen Sporeneinsatz quittieren die meisten Pferde mit Schweif­schlagen.

Kurz, leicht und punktuell

Der Sporn ist übrigens nicht dazu gedacht, ihn dem Pferd in die Flanken zu rammen. Er stellt im Gegenteil viel mehr die Möglichkeit einer verfeinerten, genauer dosierten Schenkelhilfe dar. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass das Pferd die Schenkelhilfe als solche bereits verstanden hat. Auf einen kurzen, leichten und punktuellen Impuls über den Sporn wird das Pferd veranlasst, seine Bauchmuskulatur ein wenig anzuspannen und dabei seinen Rumpf anzuheben. Aus diesem Grund kann der Einsatz der Sporen auch versammlungsunterstützend wirken. Ein brutales „in die Seite treten“ mit den Sporen als Strafe oder Versuch, das Pferd massiv nach vorn zu treiben, ist aus ethischen Gründen abzulehnen und bringt meist auch nichts.

Der Selbstversuch macht es vielleicht klarer: Pikst Ihnen mit einem Sporn jemand leicht in den Bauch, werden sie Ihre Bauchmuskulatur kurz anspannen, also den beim Pferd gewollten Effekt zeigen. Rammt ihnen aber jemand den Sporen in den Bauch, werden Sie automatisch, um Ihre inneren Organe zu schützen, Ihre Muskeln massiv anspannen, sich verkrampfen und dabei die Luft anhalten. Auch ein Pferd reagiert so und „klemmt“ dann eher, anstatt nach vorn zu gehen.

Leichtes „Anschubsen“

Selbst wenn der Sporn mal eine „energische vortreibende Schenkelhilfe“ unterstützen und somit einem diffusen und abstumpfenden Absatzgeklopfe vorbeugen soll, ist eher ein kurzer, kleiner Impuls aus lockerem Fußgelenk gefragt, ähnlich einem kleinen „Zack“ oder einem „Anschubsen“, wie Vielseitigkeits-Olympionikin Bettina Hoy es gern nennt. Ein Sporeneinsatz zu weit hinten am Rumpf des Pferdes bringt allerdings meist wenig und kann sogar zu Widersetzlichkeit führen. Vor allem Stuten verbinden das Kitzeln und Kneifen im Bereich der Leistengegend mit den Annäherungsversuchen eines Hengstes und würden bei Rosse möglicherweise mit Stoppen reagieren, sind sie dagegen nicht rossig gern auch mit Schweifschlagen oder nach dem Schenkel (dem vermeintlichen Hengst) treten. Schnell heißt es dann, die Stute sei „extrem zickig“, dabei reagiert sie nur ihrer Natur entsprechend auf eine fehlerhafte Einwirkung des Reiters.

Korrekt eingesetzt, können Gerte und Sporen das Pferd unterstützen.

Wunde Haut

Überhaupt kann es beim Gebrauch von Sporen und Gerte zu jeder Menge Fehler kommen, die das Pferd abstumpfen, verunsichern oder sogar verängstigen. So wie jede Reiterhilfe soll auch der Einsatz dieser Hilfsmittel so eindeutig wie nötig und dabei aber so selten wie möglich sein. Ein Dauergeklatsche mit der Gerte stumpft ebenso ab wie ein Dauergeklopfe mit den Sporen. Bei stocherndem Sporeneinsatz kommt es dort, wo der Reiter immer und immer wieder gewollten oder ungewollten Sporenkontakt mit dem Pferdekörper hat, irgendwann zu Haarbruch, dann zu kahlen und vielleicht wunden Stellen oder gar zu sich krankhaft gegeneinander verschiebbaren Hautarealen. Es ist schon verwunderlich zu sehen, auf welch abstruse Ideen manche Reiter kommen, um solche Stellen zu vermeiden. Da werden Bandagen um den Pferdebauch gewickelt oder spezielle Lederkonstruktionen angebracht, statt sich an die eigene Nase zu fassen und sich einzugestehen, dass die beste Lösung eine bessere Schenkellage, ein effektiveres Treiben und der vorübergehende und auch mal langfristige Verzicht auf Sporen wäre.

Kein Falsch und Richtig

Verunsicherung durch falschen Gerten- oder Sporeneinsatz entsteht vor allem dann, wenn der Reiter diese Hilfsmittel einsetzt, um sein Pferd mal energisch nach vorn zu schicken – und dann mit dem Zügel gleichzeitig sagt ‚aber nicht zu schnell und bleib durchs Genick‘. Wenn schon, denn schon! Wenn der Reiter sein Pferd zur Auffrischung seiner treibenden Hilfe einmal massiv nach vorn schicken muss/möchte, dann muss er ihm auch für zehn, zwanzig oder mehr Meter die Möglichkeit und den Raum dafür geben. Die Form ist dabei absolut zweitrangig. Ansonsten würde er sein Pferd mit einer solchen Aktion nur irritieren. Verunsicherung bis hin zu Verängstigung entsteht aber auch, wenn ein Reiter Lektionsfehler mit der Gerte oder den Sporen bestraft. Auch hier sollte man sich immer an die eigene Nase fassen und sich klar machen: Für Pferde gibt es kein Falsch und Richtig einer Übung. Wie auch, Pferde haben vermutlich niemals die FN-Richtlinien oder sonstige Lehrbücher gelesen. Statt einer Strafe wäre das Ignorieren des Fehlers und die Wiederholung der Lek­tion nicht nur pferdefreundlicher, sondern auch sinnvoller. Je angstfreier sich Lernen gestaltet, desto schneller und nachhaltiger stellt sich der Lernerfolg ein.

Wer seinem Pferd dagegen Sporenwunden am Bauch oder Gertenstriemen auf der Kruppe verpasst, der stellt sich und seiner Reiterei nur eines aus: ein Armutszeugnis.

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