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Stefan Stammer: „Das Pferd in positiver Spannung“

Locker ist nicht leicht

Liest man im Zusammenhang von Reiten und reiterlicher Ausbildung von Spannung, kreuzen viele Pferdefreunde abwehrend die Finger. Spannung, nein Spannung möchten sie nicht haben. Spannung klingt nach Verspannung, nach fehlender Losgelassenheit und damit schlichtweg falsch. Immerhin gibt es ja den zweiten Punkt der Ausbildungsskala und deshalb will man auch innerlich und äußerlich lockere Pferde haben. So einfach ist das.

linke Skizze:
Wirkt die Schwerkraft auf das Pferd nach unten, werden sich diese beiden Zahnräder zur Mitte hin zueinander
bewegen.

rechte Skizze:
Die positive Körperspannung wirkt gegen die Schwerkraft und öffnet durch
die gegenläufige Drehung der Zahn­räder die Oberlinie des Pferdes.

Illustrationen: Jeanne Kloepfer, Lindenfels; mit frdl. Genehmigung entnommen aus „Das Pferd in positiver Spannung“ von Stefan Stammer, FNverlag, Warendorf 2015

Dass der Begriff Spannung aus sportphysiologischer und biomechanischer Sicht aber viel weitreichender ist und differenzierter betrachtet werden muss, macht Pferde-Osteopath und Physiotherapeut Stefan Stammer in seinem Erstlingswerk „Das Pferd in positiver Spannung“ deutlich. Dabei stellt er in seinem 183 Seiten starken Buch die These auf: „Locker bedeutet nicht entspannt“. Als Beispiel führt er unter anderem den 100-Meter-Sprinter an, der im olympischen Finale auf den letzten 30 Metern zwar locker bleiben müsse, um zu gewinnen. Der sich aber weder verkrampfen noch sich entspannen dürfe, sonst drohe die Niederlage. Deshalb fordert Stammer, der Begriff ,Locker‘ im Reitsport müsse mit dem sportfachlichen Sprachgebrauch gleichgesetzt werden. Und dort bedeute innere und äußere Losgelassenheit die Entwicklung von positiver Körperspannung und Konzentration. „Das wichtigeste Ziel jedes Turners, Skifahrers oder Leichtathleten ist es“, so Stammer, „seine Leistung im Zustand der Losgelassenheit abzurufen. Nur dann wird eine Leistung als optimal bewertet.“

Eine richtig gestellte Traversale erfordert Körperspannung des Pferdes, ansonsten fällt das Pferd „auseinander“. Foto: Corinne Foxley

Das Buch „Das Pferd in positiver Spannung: Biomechanik und Reitlehre in Be­wegung“ kostet 27,90 Euro und ist im Buchhandel, in Reitsportfachge­schäften und direkt beim FNverlag (Telefon 02581/6362-154 oder -254, Fax 02581/6362-212, E-Mail vertrieb-fnverlag@fn-dokr.de, Internet: www.fnverlag.de) erhältlich.

„Tiefer Riss“

In der Reiterei dagegen scheine es – zumindest derzeit – einen „tiefen und breiten Riss“ zu geben. Auf der einen Seite die „Fraktion der K(r)ampfsportler“, die in ihren Pferden nur Sportgeräte sieht und sie auf die Stufe eines Formel-1-Motors stellt, Höchstleistungsoptimierung samt Ableben eingerechnet. Auf der anderen Seite die „Fraktion der Leichtreiter“, die sich eigene Ausbildungsphilosophien passend zurechtschneidert, ihre Pferde vor lauter Entspannung auf der Vorhand auseinander fallen lässt und sie anschließend als „Biophysiogutmensch‘ verwöhnt ohne jeglichen Zugang zur Natur des Pferdes. Und die dann bejubelt werden von Ausbildern, deren wichtigste Qualifika­tion Liebe zum Pferd ist.

Ein wenig Zynismus mag hier beim Autor schon durchklingen, aber Recht hat er allemal. Auch mit seiner Ansicht, dass die Liebe zum Pferd für einen Ausbilder zwar kein Nachteil sei, dass aber seine fachliche Kompetenz sowie die Achtung des ihm anvertrauten Lebewesens und der Respekt vor seiner Natur noch wichtiger seien. Und zwei wahre Kernsätze dieses Buches lauten: „Die äußere Leichtigkeit, mit der ein gut gerittenes Pferd am Ende geht, ist das Ergebnis von Können und Erfahrung innerhalb der ersten Jahre seiner Ausbildung. Leicht ist das ganz sicher nicht!“

Versöhnlicher wird Stammer, wenn er feststellt, dass es sie aber noch gibt, die Reiter und Ausbilder, die über reiterliches Können, fundierte Kenntnisse und Erfahrung verfügen und die ihnen anvertrauten Pferde und Reitschüler ernst nehmen. Dies sei zwar unspektakulär und brächte solche Ausbilder eher selten mit bunten Portraits in die Reitsportmagazine, aber es sei die einzige Möglichkeit, über Monate und Jahre hinweg jene Bewegungsabläufe aufzubauen, die Pferde und Reiter bräuchten, um langfristig gesund zu bleiben und ihre Ziele zu erreichen.

Wenn die Körperspannung des Turners zu niedrig ist, kann er seine Übung nicht perfekt ausführen. Foto: imago/Pressefoto Baumann

Zur Person

Stefan Stammer ist internatio­nal anerkannter Osteopath für Pferde. Als ausgebildeter Physiotherapeut und staatlich geprüfter Sport- und Gymnastiklehrer nahm er an der ersten fachgebundenen Weiterbildung für Pferdeosteopathie in Deutschland teil und konnte sich schnell in der damals aufstrebenden Szene etablieren. Seitdem behandelt er nicht nur regelmäßig Pferde in Europa und den USA, sondern ist auch als Dozent und Referent vor Reitern, Tierärzten und Physiotherapeuten gefragt. Mit „Stammer Kinetics“ entwickelte er ein eigenes Rehabilitationsprogramm für Pferde, das unter anderem an der Universität Zürich erfolgreich zum Einsatz kommt.

Aussagekräftige Grafiken

Wie das geschehen kann und welche vor allem biomechanischen Zusammenhänge es in der Arbeit mit und auf dem Pferd zu beachten gibt, davon handeln insgesamt sieben Kapitel, die allesamt mit Fotos und vor allem mit aussagekräftigen Grafiken versehen sind und Themen wie unter anderem Kraftentwicklung und Kraftübertragung, Statik des Pferdes in Bewegung, Körperspannung des Pferdes, Skala der Ausbildung, Sitz des Reiters aber auch Therapie, Rehabilitation und pferdegerechte Aufzucht behandeln. Dabei wird dem Leser immer klarer, dass Überforderung genauso schädliche Folgen für die Gesundheit des Pferdes haben kann wie Unterforderung. „Keine Leistung ist nicht gleichbedeutend mit keine Belastung“, macht der Autor klar. Ihm geht es darum, dem Reiter Ursachen und Folgen klar zu machen, ihm den Unterschied zwischen Verkrampfung, Auseinanderfallen und positiver Körperspannung näher zu bringen, ihm zu beweisen, dass Losgelassenheit aktive Federung bedeutet und ihm die dabei und auch in diversen Lektionen und Linienführungen wirkenden biomechanischen Mechanismen zu erklären.
Der Leser dieses Buches, ganz gleich ob Reiter oder Ausbilder, ob Freizeit- oder Spitzensportler, soll so die Prinzipien der im Pferd ablaufenden Bewegungen besser verstehen und dadurch zu einer besseren Kommunikation mit seinem Pferd kommen.

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