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Freizeitpferde-Championat: Gelassenheit ist Trumpf

Trainieren mit viel Spaß

Das Freizeitpferde-Championat, das am 27. August wiederum in Verden rund 60 Reiterinnen und
Reiter an den Start locken wird, fordert von den Pferden und Ponys eine gehörige Portion Durch­lässigkeit, Gehorsamkeit und Vertrauen. Wie trainiert wird und wie viel Freude diese Übungen auch zu Hause machen, erklärt Waltraud Böhmke, die zu den Mitbegründern des Championats gehört.

Gelassen durchs Wasser – auch das muss trainiert werden. Carolin Böhmke, Janne Lehmann und Christina Karl (v.l.) haben jedenfalls viel Spaß mit ihren Pferden. Alle Fotos: Thoms Lehmann

Waltraud Böhmke kennt das Championat des Freizeitpferdes/-ponys seit seiner Premiere vor neun Jahren. Die Pferdewirtschaftsmeisterin Reiten sowie Zucht und Haltung aus dem niedersächsischen Belum war seinerzeit treibende Kraft der Initiative. Sie hatte sich in ihrem Betrieb auf die Ausbildung von Freizeitpferden spezialisiert und lange – vergeblich – nach einem Prüfungsformat gesucht, das den Reitern eine überregionale Vergleichsplattform bietet. Seit der Erstauflage des Championats, das in die „Verdiana“ auf dem Verdener Rennbahngelände eingebunden ist, ist sie jedes Jahr mit zwei bis drei Schülern dabei.

Wer über das Championat lächelt, sollte sich einmal die Anforderungen genauer anschauen. Naturgemäß geht es hier nicht um Piaffe und Passage oder den 1,60 Meter-Oxer, sondern um die vielseitige Grundausbildung des Reiters und des Pferdes, in der von der E-Dressur, einigen Naturhindernissen, Wasserdurchritt, Geschicklichkeitsaufgaben vor allem der Gehorsam des Pferdes, seine Gelassenheit und Durchlässigkeit abgefragt werden. Um Pferde also, die den Reitern in ihrer Freizeit viel Freude bereiten. Waltraud Böhmke erzählt: „Es kam schon vor, dass Turnierreiter etwas arrogant gelächelt haben, wenn die Rede auf das Freizeitpferde-Championat kam, aber wenn man ihnen dann erklärt, worum es eigentlich geht, dann kommen sie ins Grübeln.“ So mancher vierbeinige Turniercrack auf dem Viereck oder im Parcours würde wohl die Nerven verlieren, wenn er beispielsweise an einem Rappelsack vorbei müsste…

Die Zahl der Startplätze in Verden ist begrenzt, und auch nicht jeder Freizeitreiter hätte Ambitionen, sein Pferd zu verladen und unter Umständen hunderte von Kilometern auf die Autobahn zu gehen. Auch Waltraud Böhmke hat viele Schüler, speziell in der Altersklasse von 40 bis 60 Jahre, die kein Interesse an einem Wettbewerb hätten. Aber die Anforderungen des Freizeitpferde-Championats sind maßgeschneidert für die breitensportliche Ausbildung in den Vereinen und Betrieben. Denn das was in Verden verlangt wird, lässt sich nahezu überall trainieren. So stellen sich im Stall Böhmke stets viele Reiter den Herausforderungen, auch wenn nur wenige konkrete Championatsambitionen haben.

Rittigkeitswettbewerb

Grundgangartenüberprüfung in der Gruppe

Gehorsamswettbewerb

Geländewettbewerb

Die Aufgabenstellung

Der Wettbewerb umfasst fünf Teilwettbewerbe. Dazu gehören eine Rittigkeitsaufgabe, vergleichbar mit einer E-Dressur, sowie ein Fremdreitertest. Beim Gruppengeländeritt und im einzeln gerittenen Geländeparcours über drei feste Hindernisse und durch eine Wasserstelle werden das Verhalten in der Gruppe bzw. am Sprung und zwischen den Sprüngen bewertet. Eine weitere Besonderheit ist der Gehorsamswettbewerb: Im Stangenlabyrinth, beim Überreiten einer Plane, beim gelassenen Schreiten neben einem Rappelsack sowie in weiteren Aufgaben müssen die Pferde Vertrauen und Gehorsam unter Beweis stellen.

Waltraud Böhmke bringt die Voraussetzungen auf den Punkt: „Um das alles bewältigen zu können, müssen die Reiter und Pferde eine fundierte Grundausbildung haben, sonst ist man aufgeschmissen. Die Durchlässigkeit ist bei diesen Übungen das A und O.“ Die Pferdewirtschaftsmeisterin hat die Erfahrung gemacht, dass der Geländeritt eigentlich die größte Klippe ist. Viele Vereine und Betriebe haben kein geeignetes Außengelände mit kleinen Naturhindernissen und schon gar keinen kleinen flachen See oder eine vergleichbare Wasserstelle. Die gibt es in Böhmkes Betrieb auch nicht. „Wir haben nur eine trockene Senke, die wir durchreiten können.“ Die Ausbilderin trainiert deshalb mit ihren Schülern das Reiten durch Pfützen oder kleine Wassergräben, wie sie im Parcours eingesetzt werden. „Wenn das Grundvertrauen des Pferdes vorhanden ist, dann kommen sie auch durchs Wasser.“ Beim Championat in Verden bekommen die Teilnehmer übrigens Gelegenheit, schon vor der Prüfung den Ritt ins Wasser zu testen.

Wendehammer, ein aufgeklappter Sonnenschirm und Pylone, wie auf unserem Foto, gehören zu den Gelassenheitsaufgaben.

Waltraud Böhmke, Pferdewirtschaftsmeisterin Reiten sowie Zucht und Haltung, betreibt eine Reitanlage mit Landwirtschaft in Belum, Landkreis Cuxhaven. Neben der Ausbildung der Turnierreiter hat sie sich auf Freizeitpferde und -reiter spezialisiert. Sie ist Mitglied im FN-Arbeitskreis Bodenarbeit und stellvertretende Vorsitzende des Pferdesportverbandes Hannover. www.boehmke-belum.de

Trainingsvoraussetzungen

Um die Gehorsamsaufgaben erfüllen zu können, brauchen Vereine und Betriebe folgende Gegebenheiten bzw. folgendes Material:

– Viereck 20 x 40
– Aufsitzhilfe (2 Stangen)
– Stangenlabyrinth (10 Stangen)
– Stangengasse (6 Stangen)
– Wasserplane (2 Stangen)
– Rappelsack (1 Träger)
– Wendehammer: Sonnenschirm, Pylonen

Wer alle Teilprüfungen trainieren möchte, benötigt zudem drei bis vier Parcourshindernisse, einige kleine feste Geländesprünge sowie eine Wasserstelle.

Nicht alle Vereine und Betriebe haben so schöne Wasserstellen wie das Vielseitigkeitsgelände am Bundesleistungszentrum Reiten in Warendorf. Manchmal muss man sich mit kleinen Bachläufen oder Wasserbas­sins auf dem Reitplatz behelfen.

Während der Prüfung absitzen und einen Huf des Pferdes anheben, gehört ebenso zum Gehorsamkeits­wettbewerb.

Vielseitigkeit ist Trumpf

Waltraud Böhmke geht mit ihren Schülern den Weg der vielen kleinen Schritte. Bei den Gelassenheitsaufgaben wird nicht alles gleichzeitig trainiert, sondern die Übungen werden ständig variiert. „Vielseitigkeit ist Trumpf, sonst macht es den Reitern und den Pferden keinen Spaß“, sagt sie. Abhängig vom Temperament und Charakter des Pferdes muss manches auch intensiver trainiert werden. Beispiel: der Sonnenschirm, der Teil des Gehorsamkeitstest ist. An einem Sonnenschirm vorbeizugehen, fällt in der Reithalle noch leicht, aber draußen bei Wind weht er hin und her. Das müsse schon sehr gut erarbeitet werden, denn viele Pferde erschrecken sich, so Waltraud Böhmke.

Auch der Rappelsack, der von einem Helfer neben dem Pferd gezogen wird, ist nicht „ohne“. „Wenn man sich an der Natur des Pferdes orientiert, dann bereitet er aber keine Schwierigkeiten.“ Denn Waltrau Böhmke konfrontiert die Pferde nicht mit einem scheppernden Etwas, sondern lässt sie das unbekannte Objekt erst mal in Ruhe anschauen. „Es sind viele kleine Sequenzen, die zum Erfolg führen. Der Sack wird zunächst ganz ruhig bewegt, dann kommen leise Geräusche hinzu und so werden die Anforderungen ganz langsam gesteigert, bis die Pferde auch an dem lautem Rappelsack vorbeilaufen. Wie schnell das geht, hängt natürlich vom Temperament des Pferdes ab.“ Eine weitere Lektion, die man nicht unterschätzen sollte, ist das Rückwärtsrichten in der Stangengasse. Waltraud Böhmke weiß: „Das ist für das Pferd viel, viel schwieriger als auf einer freien Fläche rückwärts zu gehen. Wer beim Championat zu schief tritt und die Stangen berührt, bekommt gleich einen Punktabzug. Einige von vielen Beispielen, die verdeutlichen, dass das Freizeitpferde-Championat alles andere als ein „Spaziergang“ ist.

Umwelteinflüsse

Zwei Faktoren kommen nämlich noch hinzu: Freizeitpferde werden nicht so oft auf fremden Plätzen vorgestellt wie Turnierpferde. Andere Geräusche, viele Menschen, viele Pferde, Fahnen, Musik – das alles sind Umweltfaktoren, die manche Pferde anders reagieren lassen als daheim, selbst wenn sie grundsätzlich gehorsam an den Reiterhilfen stehen.

Im Stangenlaby­rinth wird die Durchlässigkeit und der Gehorsam des Pferdes abgefragt.

Ebenso spielt das Nervenkostüm der Reiter mitunter einen Streich. „In der Vorbereitung muss ich als Ausbilderin eine positive Einstellung prägen. Aber ein gewisser Druck gehört schon dazu, denn sonst kommen die Reiter nicht zu ihrer vollen Leistungsfähigkeit. Wenn Reiter allzu nervös sind, dann spiegelt das Pferd das natürlich sofort wider“, sagt Waltraud Böhmke. Sie selbst reist nicht mit Erfolgsdruck nach Verden, aber auch nicht nur zum Spaß. „Wir versuchen immer, die Pferde bestmöglich vorzustellen. Ich bin begeistert, wenn ein Reiter mit seinem Pferd die Sache gut gemacht hat, und es ist mir nicht so wichtig, ob die beiden weit vorne platziert sind oder nicht. Die Freude an dem Wettbewerb muss immer überwiegen.“

Susanne Hennig/Lina Otto

Championat zum zweiten Mal „offen“ ausgeschrieben

Am 27. August werden in Verden wieder die Freizeitpferde-Champions gekürt und zum zweiten Mal steht das Championat allen offen. „Damit haben wir auf das Drängen und Bitten derjenigen reagiert, die sich immer wieder darüber beschwert haben, dass sie nicht mitmachen dürfen“, sagt Dr. Teresa Dohms-Warnecke, FN-Bereich Zucht.

Sieben Jahre lang war das bundesweite Championat des Freizeitpferdes/-ponys ausschließlich eine Angelegenheit der deutschen Pferde- und Ponyzucht. Teilnahmeberechtigt waren nur vier- bis siebenjährige Pferde und Ponys aller Rassen, sofern sie eine Zuchtbescheinigung eines FN-Mitgliedszuchtverbandes besaßen. Seit vergangenem Jahr nun gibt es eine zusätzliche Abteilung, die allen Pferden unabhängig vom Alter und einer Zuchtbescheinigung offen steht. Teilnehmen können Reiterinnen und Reiter ab zwölf Jahre (darunter nur mit Reitpass oder Reitabzeichen 5). Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.pferd-aktuell.de/freizeitpferdechampionat. Hier findet man auch eine Musterausschreibung für eine Eignungsprüfung für Freizeitpferde, eine verkürzte Form des Championats, als Anregung für Turnierveranstalter, die breitensportliche Wettbewerbe ausschreiben möchten.

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