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Persönlichkeiten der Pferdeszene: Madeleine Winter-Schulze

Immer in Bewegung

Ihre Pferde sammeln etliche Championatsmedaillen und unzählige Erfolge – und auch wenn Madeleine Winter-Schulze nicht selbst im Sattel sitzt, widmet sie ihr ganzes Leben dem Reitsport. Sie ist da, wenn sie gebraucht wird. Sie unterstützt die Reiter, weil sie es kann, und hilft, weil es ihr Freude macht.

Madeleine Winter-Schulzes Terminkalender ist das ganze Jahr über voll gepackt. Sie ist dort, wo ihre Pferde im Einsatz sind. Hamburg, Aachen, London, Göteborg, Amsterdam, Omaha, Dubai, Rio… Aber auch auf dem Turnier in Kleinkleckersdorf um die Ecke ist sie zu Gast. Wichtig ist nicht, wie groß oder prestigeträchtig die Veranstaltung ist, sondern dass sie einem ihrer Schützlinge die Daumen drücken kann – sei es in einer Springpferdeprüfung oder in einem Nationenpreis, in einer Nachwuchsdressurprüfung oder bei Olympischen Spielen. Dann steht sie am Einritt und fiebert mit, springt gedanklich über jeden Steilsprung und Oxer oder piaffiert und passagiert im Geiste mit. Immer mit vollem Herzen, aber stets im Hintergrund – zurückhaltend und doch einnehmend mit ihrer freundlichen Art. Immer in Bewegung, immer dabei. So wie die 76-Jährige auch zuhause ist, in der Wedemark unweit von Hannover. Hier lebt sie seit knapp 40 Jahren auf der Anlage des verstorbenen Springweltmeisters Hartwig Steenken.
Auf Madeleine Winter-Schulzes Hof in Wedemark wachsen zahlreiche Fohlen heran, die meisten aus Anpaarungen mit Hengsten der Station Beerbaum. Alle Fotos: J. Toffi

Bedeutendste Mäzenin

„Wir bauen gerade einen Offenstall für die Jungen im Winter. Das war Ludgers Idee“, erzählt Madeleine Winter-Schulze, während sie mit forschem Schritt Richtung Weide läuft und zu einem angrenzenden, halb fertiggestellten Stallgebäude zeigt. Ludger Beerbaum kennt sie schon seit über 20 Jahren, trotzdem scheint die fürsorgliche Pferdefrau vom Konzept, dass die Pferde bei Wind und Wetter nach draußen sollen, noch nicht vollends überzeugt. „Ich habe nur gesagt, dass er dann damit leben muss, dass ich sie reinhole, wenn es mir zu kalt vorkommt“, sagt sie mit einem breiten Lächeln auf den Lippen und fügt augenzwinkernd hinzu: „Und vielleicht mache ich noch Vorhänge an die Fenster.“

In der Zwischenzeit ist sie auf der Weide angekommen und wird umringt von zwei Mutterstuten mit Fohlen. Es sind Nachkommen von Chaman und Zinedine. Zwei Fohlen von vielen, die bei Madeleine Winter-Schulze aufwachsen. Sie kennt sie alle, samt Pedigree. „Und falls ich einmal eine Abstammung vergesse, habe ich mir alles genau notiert.“

Madeleine Winter-Schulze sorgt sich um ihre Pferde. Genauso wie um die Menschen um sie herum. Nie kommt ein unfreundliches Wort über ihre Lippen. Sie ist unkompliziert und möchte, dass es allen gut geht. Als Gast fühlt man sich sofort willkommen und erlebt die Freundlichkeit und Offenheit einer Dame, die zu den bedeutendsten Mäzenen des deutschen (Spitzen)Reitsports zählt.

Ludger und Isabell

Angefangen hatte alles, als das Ehepaar Winter-Schulze einen Reiter suchte für Dieter Schulzes Springpferde Gaylord und Casanova. Das war 1994. Der ehemalige Bundestrainer Herbert Meyer gab den beiden damals den entscheidenden Tipp, es mit Ludger Beerbaum zu versuchen. Der war gerade dabei, sich in Riesenbeck selbstständig zu machen. „Das war der Anfang einer langen und intensiven Freundschaft.“ Und der Beginn, dass sich Winter-Schulzes aus der aktiven Reiterei zurückzogen und zu Sponsoren des Pferdesports wurden.

Madeleine Winter-Schulze im Kreise ihrer Freunde, die gewissermaßen Familienmitglieder sind: Ingrid Klimke, Ludger Beerbaum und Isabell Werth.

Sie hatten Freude daran, „ihre Jockeys“ zu fördern, und zu sehen, wie sich ihre Pferde unter ihnen entwickelten. Dazu gehörten Ludger Beerbaums Team-Weltmeister Priamos, Europameister Champion de Lys, L’Espoir, Chaman, Zinedine, Colestus und Gotha. Besonders Goldfever, den Dieter Schulze entdeckt hatte, lag ihnen am Herzen. Über die olympische Team-Goldmedaille und die vielen EM-Titel jubelten sie mindestens so sehr wie Ludger Beerbaum selbst.

Ende der 90er Jahre wurde der Kontakt zu Isabell Werth enger, deren Zusammenarbeit damals mit ihrem Mentor und Trainer Dr. Uwe Schulten-Baumer zu Ende ging. Madeleine Winter-Schulze kannte Isabell Werth aus ihrer Tätigkeit als Equipechefin Dressur und übernahm Apache und Antony. „Isabell zog mit ihren Pferden für zwei Jahre zu uns, bevor sie sich 2003 in Rheinberg selbstständig machte“, erinnert sich Madeleine Winter-Schulze, die später auch als Besitzerin von Olympiasieger Satchmo, Weltcup-Sieger Warum nicht, Europameister Don Johnson, El Santo, Emilio und Bella Rose eingetragen wurde. Isabell Werth sagt heute: „Madeleine Winter-Schulze hat dafür gesorgt, dass ich mich damals im Spitzensport halten konnte und es immer noch kann. Ihr verdanke ich die Unabhängigkeit, meine Pferde mit der nötigen Ruhe auszubilden und mich sportlich einzig und allein an ihnen zu orientieren.“

Ein Paar, das für Pferde und den Pferdesport lebte: Ehemann Dietrich Schulze starb vor neun Jahren.

Verlust des Ehemanns

Vor neun Jahren musste Madeleine Winter-Schulze den größten Verlust ihres Lebens verschmerzen. Dieter Schulze starb nach langem Kampf an Krebs. „Er war ein Magnet für Groß und Klein – und für mich ganz besonders“, betont sie und ihr Blick schweift dabei in die Ferne. Für einen Moment übermannt sie eine tiefe Traurigkeit. Doch die wischt sie mit einer Handbewegung schnell wieder weg. Es geht weiter. Das stand für sie immer fest. Deshalb führt sie seitdem die Zucht, der sich ihr Mann mit großer Leidenschaft widmete, weiter und sie hilft, wo sie nur kann.

„Man muss mit der Zeit gehen. Es ist gut, wenn sich die Dinge verändern, weiterentwickeln. Isabell ruft jeden Abend zwischen 22 und 22.30 Uhr an. Dann besprechen wir, was es Neues gibt. In regelmäßigen Abständen fahre ich ein paar Tage zu ihr und schaue beim Reiten zu. Ich habe dort mein eigenes Zimmer, genauso wie bei Ludger. Das ist meine Familie. So oft es geht, begleite ich sie auf die Turniere. Wenn sie im Parcours oder im Dressurviereck sind, bin ich schon angespannt. Aber die Aufregung ist anders als früher, als ich selbst geritten bin. Außerdem: Was meine Pferde angeht, habe ich ein ganz tiefes Vertrauen zu den beiden.“ Während sie das sagt, fällt ihr Blick auf einen Strauß Rosen, der auf dem Tisch steht. Von Isabell Werth. Eine kleine Aufmunterung, als sie die Woche zuvor krank im Bett lag.

 

Nicht gerne allein

Nicht nur im Dressur- und Springsport ist Madeleine Winter-Schulze mittlerweile eine tragende Säule, auch Ingrid Klimke konnte auf sie zählen, als Spitzenpferd Butts Abraxxas zum Verkauf stand. Und die Verbindung hat bis heute Bestand. Para-Dressurreiterin Hanne Brenner hat sie unter die Arme gegriffen, sie unterstützt die Beerbaum-Reiter Philipp Weishaupt und Christian Kukuk genauso wie Dressurausbilderin Karin Rehbein. „Ich habe die Möglichkeiten, also helfe ich“, bringt sie es auf den Punkt. „Es gibt einem so viel, etwas zu geben. Das erfüllt mich. Es macht Freude, weil es menschlich so schön ist. Und die Freude, die du gibst, kommt in dein Herz zurück.“ Als der ortsansässige Kindergarten zu Besuch kam, wurden flugs zwei Ponys organisiert. „Das war so schön, die Begeisterung in den Kinderaugen miterleben zu dürfen.“ Sie scheint für alles und jeden einen Plan zu haben. „Vielleicht ist das auch ein Stück weit Egoismus – weil ich nicht gern allein bin“, gibt sie offen zu.

Als Equipechefin begleitete Madeleine Winter-Schulze die deutschen Dressurreiter in den 1990er Jahren u.a. zum CHIO Aachen, (v.l.) Isabell Werth, Monica Theodorescu, Nadine Capellmann und Martin Schaudt.

60 Pferde im Besitz

Auf Madeleine Winter-Schulzes Hof sind 14 Pferde eingestallt. Hinzu kommen die Stuten und Fohlen, die Jährlinge und Rentner. Gotha und Cash genießen im Moment ihren Ruhestand auf den Wedemarker Wiesen. Sechs Mitarbeiter helfen bei der täglichen Arbeit auf dem Hof und im Haus. Anja Traut und Springausbilder Pawel Jurkowski sind seit 30 Jahren dort beschäftigt. Sie kümmern sich nicht nur um die Pferde, sondern auch um persönliche Dinge.

Sie gehören sozusagen zum Inventar – so wie Dressurreiterin Ines Knetter, die gemeinsam mit Pawel Jurkowski die jungen Pferde arbeitet, sie auf Turnieren vorstellt und sich mit Ludger Beerbaum und Isabell Werth berät. Insgesamt gehören Madeleine Winter-Schulze rund 60 Pferde. „Als Pferdebesitzerin teile ich Freud und Leid. Und wenn es mal nicht klappt, tut mir der Reiter leid. Ich weiß ja, wie man sich dann fühlt. Da will ich als Besitzerin nicht auch noch draufhauen, es ist schon frustrierend genug. Mir ist es eher wichtig, den Reiter zu stärken. Er soll nicht das Gefühl haben, ich sei sauer. Das wäre ja nur kontraproduktiv.“

Die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes war zwölf Jahre lang Aktivensprecherin im Dressurausschuss des DOKR und ist Mitglied des FN-Präsidiums sowie des DOKR-Vorstandes. Sie mag es, wenn viel los ist. Rastlos, immer auf Achse. Urlaub ist, wenn sie auf Turnier ist. „Ein Buch zu lesen, wäre eine Strafe. Die Ruhe habe ich einfach nicht.“ Die einzige Pause, die sie sich ab und zu gönnt, ist ein kurzes Mittagsschläfchen. „Aber ich will mich nicht daran gewöhnen – auf Turnier geht das schließlich nicht.“

Triumph mit Coca-Cola

Den Grundstein sowohl für ihre reiterliche Karriere als auch für ihre Sponsorentätigkeiten legte ihr Vater Eduard Winter. Er war in Berlin in den 50er-Jahren zuständig für die Vermarktung von VW und später auch von Coca-Cola. In seiner Freizeit ritt Eduard Winter im Grunewald aus. Als der Kinderarzt irgendwann sagte, seine beiden Töchter sollten Sport treiben, setzte er sie aufs Pferd. „1958 bin ich meine erste Juniorenprüfung unter dem Berliner Funkturm geritten und habe gleich gewonnen“, erzählt Madeleine Winter-Schulze. „Mein Vater war Feuer und Flamme und sagte, dass ich weiter machen solle mit der Reiterei. Wir haben dann ein braunes Pferd geschenkt bekommen und haben die Stute Coca-Cola getauft.“ Trainiert wurde Madeleine Winter von Ines von Badewitz, später von Herbert Rehbein, und neun Jahre nachdem sie das erste Mal im Sattel gesessen hatte, trat sie als 18-Jähriges Mädchen mit Coca-Cola bei den Deutschen Meisterschaften der Dressurreiter an. „Die Namen der anderen Reiter auf der Starterliste – da musste ich in die Knie gehen“, erinnert sie sich. „Die anderen Pferde waren auch besser als Coca-Cola. Das war echt aufregend. Aber im Finale mit Pferdewechsel sind wir allen davongeritten und haben Liselott Linsenhoff und Rosemarie Springer hinter uns gelassen.“

Mit Coca-Cola gewann Madeleine Winter-Schulze die Deutsche Meisterschaft der Dressurreiter – mit Pferde­wechsel. Sie ließ Liselott Linsenhoff und Rose­marie Springer hinter sich.

Titel auch im Parcours

Den Dressursattel tauschte Madeleine Winter zeitweise ein, wechselte in den Parcours und gewann zweimal den Deutschen Meistertitel, 1969 mit Patellas und 1975 mit Da Capo. Im Deutschen Dressur-Derby siegte sie ebenfalls (1983 und 1986) und sie entschied den Grand Prix in Aachen für sich. „Ich wollte nie in Aachen reiten. Aber alle sagten, das musst du doch mal machen. Habe ich dann auch und im Grand Prix gewonnen vor Reiner Klimke, Sven Rothenberger und Christine Stückelberger. Diese Ehrenrunde im Stadion in Aachen zu reiten, das war… ach.“ Beim Gedanken an diesen faszinierenden Moment muss Madeleine Winter-Schulze lächeln.

Bei der Berliner Meisterschaft 1969 stand sie in der Siegerehrung der Damen ganz vorn neben Dieter Schulze, der die Wertung der Herren gewonnen hatte. Die beiden hatten sich Anfang 1960 kennengelernt, er war Berufsreiter in Berlin. Madeleine Winter arbeitete halbtags in der Firma ihres Vaters, im Autohaus VW Winter am Kudamm, den Rest des Tages saß sie im Sattel. 1987 wurde in Berlin geheiratet. Ehrengast war Gert Wiltfangs hochtragende Goldika mit roter Schleife um ihren Bauch, in dem Ricci heranwuchs, den Ludger Beerbaum später S-erfolgreich vorstellten sollte. In Erinnerung und aus Dankbarkeit an ihren Vater hat Madeleine Winter-Schulze die „Eduard Winter Kinder Stiftung Berlin“ für hilfsbedürftige Berliner Kinder gegründet. „So bleibt der Name meines Vaters erhalten.“ Ihre Schwester Marion Jauß, deren Leidenschaft dem Trabrennfahren gilt, lebt mittlerweile nördlich von Hamburg auf dem Gestüt Neritz. Seit vielen Jahren unterstützt sie Spring-reiter Christian Ahlmann, kaufte unter anderem Spitzenpferd Cöster. Die Schwestern verbindet eine wunderbare Freundschaft.

Reiterkreuz mit Brillanten

In den Sattel steigt Madeleine Winter-Schulze nicht mehr. Vor ein paar Jahren ist sie Goldfever noch einmal geritten. Dann stieg sie ab. „Das war es dann für mich mit dem Reiten. Wenn du in meinem Alter morgens aufstehst und gesund bist, musst du verdammt dankbar sein. Und dieses Glücksgefühl musst du weitergeben.“ In der Stallgasse über der Tür zur Sattelkammer hängt ein Holzbrett mit den letzten Hufeisen des so erfolgreichen Fuchshengstes. Zuletzt wurde Madeleine Winter-Schulze eine besondere Ehre zuteil. Für ihre unendliche Passion für Pferde, ihre Loyalität und ihr großes Herz wurde sie mit der höchsten Auszeichnung der FN bedacht – dem Goldenen Reiterkreuz mit Brillanten. Bisher wurde das nur zweimal vergeben, an Liselott Rheinberger und Dieter Graf Landsberg-Velen.

Laura Becker

Alte Helden: Filmreihe über ehemalige Olympiapferde, unter anderem mit Besuch bei Madeleine Winter-Schulzes Satchmo in Text, Bild und Video.

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