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Pferde richtig füttern

Serie: Wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt bleibt dumm, Teil 6

Die Sache mit der Senkrechten

Kaum ein Thema wird derzeit so intensiv diskutiert wie die Halseinstellung von Dressurpferden. Training vor, an oder hinter der Senkrechten, das ist hier die Frage, der Dr. Britta Schöffmann im sechsten Teil ihrer Lehr-Serie auf den Grund gehen möchte.

Kristina Bröring- Sprehe versteht es meisterhaft, ihren Hengst Desperados in stets sicherer Anlehnung mit einer Nasen-Stirnlinie leicht vor der Senkrechten zu reiten. Foto: J. Toffi

Wir alle haben es immer wieder in ungezählten Reitstunden und Theo­rieunterweisungen gehört oder in ebenso ungezählten Dressurprotokollen oder Lehrbüchern gelesen: Die Stirnlinie des beigezäumten Pferdes soll sich unterm Reiter der Senkrechten nähern. Im Optimalfall heißt das: etwa eine Handbreit vor der Senkrechten oder, in der höchsten Versammlung, bis an die Senkrechte. Dabei soll das Genick des Pferdes immer der höchste Punkt sein. So weit, so gut. Aber gilt das für jeden Moment des Reitens? Und für jedes Pferd? ,Natürlich‘ werden die einen ausrufen, ,natürlich nicht‘ die anderen. Und wer hat Recht? Vermutlich beide irgendwie.

Unbestritten ist, dass die Forderung „Stirnlinie leicht vor oder an der Senkrechten mit Genick als höchstem Punkt“ das Idealbild eines gut ausgebildeten Pferdes darstellt. Nimmt ein Pferd nämlich diese Haltung unterm Reiter bei schwingendem Rücken selbst ein (Stichwort Selbsthaltung!), dann kann es die Bewegungsenergie, die aus der Aktivität seiner Hinterhand entsteht, optimal und stufenlos von mehr nach vorwärts (Stirnlinie leicht vor der Senkrechten) bis hin zu mehr nach aufwärts (Stirnlinie an der Senkrechten) fließen lassen.

Biegsamer Draht

Stellen wir uns die Oberlinie eines Pferdes einfach mal von Schweifansatz bis Genick als einen recht dünnen, gleichmäßig biegsamen und doch stabilen Draht vor, der sich – hinten und vorn etwas eingespannt – leicht nach oben wölbt. Da beim Pferd der Kraftimpuls aus der Hinterhand kommt, setzt sich eine von dort aus entstehende Schwingung nach vorn bis ins Genick durch. Ist das Genick nachgiebig, wird die aus diesem Kraftimpuls entstehende schwingende Vorwärtsbewegung nicht behindert. Ein Zeichen dieser Nachgiebigkeit ist zum einen die Dehnungsbereitschaft, also die Bereitschaft des Pferdes, sich jederzeit ans Gebiss heran zu dehnen. Zum anderen ist es aber auch eine Art ‚Ja-Sagen‘ im Genick und zwar zwischen Schädelknochen und erstem Halswirbel. Genick und Hals bewegen sich dabei fast unsichtbar zwischen Dehnung und Ja-Sagen im Takt der Bewegung vor und zurück. Ist der Draht, um in diesem Bild zu bleiben, allerdings an irgendeiner Stelle starr oder aber lose, funktioniert die Schwingungsübertragung nicht mehr. Aus diesem Grund ist ja auch eine weiche, stete und gleichmäßig federnde Anlehnung so wichtig.

Schwingender Rücken

Diese Optimalhaltung sollte ein korrekt gearbeitetes Pferd in jeder Kopf-Hals-Einstellung anstreben, sei es in einem weiteren Rahmen im Vorwärts-Abwärts (dabei kann das Genick übrigens zwangsläufig nicht mehr höchster Punkt sein!) oder in den Verstärkungen, sei es in einem mehr und mehr geschlossenen Rahmen im Verlauf des ansteigenden Versammlungsgrades. Wichtig ist, neben der (fast) Senkrechten, dabei allerdings immer der schwingende Rücken. Und hier verbirgt sich der Casus knacksus, denn manche Reiter schauen nur noch danach, ob ein (oder ihr) Pferd mit der Nase vor der Senkrechten ist. Dabei verlieren sie den Blick aufs Gesamte aus den Augen. So entstehen dann Bilder und falsche Idealvorstellungen von Pferden, deren Stirnlinien zwar vor der Senkrechten sind, die aber einen Rücken wie ein Brett haben. Oder die mit durchhängendem Rücken völlig auseinander fallen. „Aber mein Pferd ist so schön im Rahmen“, strahlt dann so mancher Reiter. Nein, ist es nicht! Ein Rahmen besteht ja nicht nur aus einer vorderen Seite, sondern aus vier Seiten. Beim Pferd wäre das Stirnlinie (Schädel/Hals) – Rücken – Hinterhand – Bauch. Ist auch nur ein Teil dieses Ganzen nicht in Ordnung – ist das Genick fest, hängen Rücken und Bauch durch, ist die Hinterhand schlapp und nicht herangeschlossen –, dann stimmt das ganze Konstrukt nicht. Nur auf dem Begriff „Nase vor“ herumzureiten ist folglich genauso falsch wie ein zu enges Einstellen des Pferdehalses oder ein einfach nur so Daherlaufenlassen. Das auseinandergefallene Pferd kann weder Schwung noch Versammlung entwickeln. Das vorn zusammengezogene Pferd entwickelt keine schwingende Vorwärtsbewegung mehr und bewegt sich stattdessen exaltiert nach oben. Der Verlust am Vorwärts ließe sich auf einer 60-Meter-Diagonale vermutlich auch zeitlich messen…

Nun ist allerdings die oben beschriebene Optimalhaltung, wie schon gesagt, angestrebt, nicht angeboren und auch mit den besten Vorsätzen nicht immer problemlos erreichbar. Abgesehen vom reiterlichen Können und Geschick sind es vor allem auch die individuellen Unterschiede der Pferde, die das Erreichen des Optimums erschweren können. Um wieder im Bild des Drahts zu bleiben: Ein kurzer Draht ist schwieriger zu wölben als ein längerer. Ein sehr langer Draht hängt schneller durch als ein etwas kürzerer. Ein besonders dicker, starrer Draht muss aufwändiger geformt werden als ein geschmeidiger. Und ein total verknoteter Draht muss erst einmal entwirrt und korrigiert werden.

So soll es aussehen: Die Stirn-Nasenlinie  ist leicht vor der Senkrechten,  das Genick ist der höchste Punkt.

Die Stirn-Nasenlinie ist hinter der Senkrechten, das Pferd ist eng im Hals. Der Reiter sitzt  gegen die Bewegung des Pferdes.

Das Pferd geht hinter dem Zügel.  Es tritt nicht genügend von hinten  nach vorne an den Zügel heran.

Illustrationen:

Cornelia Koller, Dierkshausen; mit frdl. Genehmigung entnommen aus „Grundausbildung für Reiter und Pferd, Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1, Deutsche Reiterliche Vereinigung (Hrsg.), FNverlag, Warendorf 2014

Individuelle Gegebenheiten

Ein extrem kurzes Pferd oder eines mit kurzem, dickem Hals gerät beim Versuch, seine gesamte Oberlinie zur sanften, gleichmäßigen Wölbung zu bringen, im Verlauf der Gymnastizierung deshalb vermutlich auch schon mal etwas hinter die Senkrechte, genauso wie ein Korrekturpferd. Einem Pferd mit langem Hals und langem Rücken passiert das häufig ebenfalls, zum einen, weil ihm in der Halsmuskulatur noch die nötige Kraft fehlt, seinen Schädel zu tragen. Zum anderen, weil es aufwändiger ist, seine Hinterhand unter den Körperschwerpunkt heranzuschließen und damit den Rücken aufzuwölben und stabiler zu machen. Während im ersten Fall die vorübergehende etwas rundere Einstellung dem kurzen Pferd/Pferdehals oder dem Korrekturpferd unter anderem hilft, die Unterhalsmuskulatur zu entspannen und im Genick überhaupt erst mal (wieder) die so wichtige Ja-Bewegung durchzuführen, ist im zweiten Fall das „zu eng Werden“ nicht hilfreich, aber meist auch nicht so einfach abzustellen. Statt also gleich zu schimpfen: Das Pferd ist nicht vor der Senkrechten! sollte man sich erst einmal fragen: Warum ist es nicht vor der Senkrechten? Absicht? Ungewollt aber momentan (noch) nicht anders möglich? Was muss man tun, um in Richtung Optimum zu gelangen?

Wege und Umwege

Nase vor und dabei auf dem Unterhals aufstützen bringt dem kurzen Pferd/Pferdehals in diesem Moment wenig. Zügel wegschmeißen und nur noch vorwärts reiten, Hauptsache Nase vor, hilft dem Langschiff auch nicht zur stabilen Selbsthaltung. Es erfordert stattdessen viel gymnastizierende und Kraft aufbauende Arbeit, die sich – je nach Problem, Pferdetyp und Exterieur – auch mal über Wochen und Monate hinziehen kann. In allen Fällen gilt: Nase vor ist Weg und Ziel zugleich, wobei man, wie auf allen Wegen, auch schon mal ein paar Umwege und Verzögerungen in Kauf nehmen muss. Nur in Sackgassen, sprich in Kraftreiterei, Rückwärtsziehen oder Show-Gestrampel, darf der Weg nie führen. Denn dann würde man das Ziel, harmonische Selbsthaltung und tänzerische Ausstrahlung, niemals erreichen.

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