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In der Mannschaftsdressur Level A siegte die Gruppe vom VTR Bolheim. Alle Fotos: Stroscher

Special Olympics National Games in Hannover

Gemeinsam sind wir stark!

Vom 6. bis 10. Juni war Hannover Austragungsort der Special Olympics National Games, der nationalen Spiele für Menschen mit geistiger Behinderung. Rund 4.800 Athleten feierten in 18 Sportarten ein großes gemeinsames Sportfest. Im Reiterstadion Hannover gingen rund 90 Reiter und 40 Voltigierer an den Start.

Die Mähne von Fjordstute Lijandra (14) ist absolut perfekt gestylt. In akkuratem Zick-Zack-Muster heben helle und dunkle Mähnensträhnen ab und ihr Fell schimmert in der Sonne. Begleitet von Longenführerin Heike Wedler sowie den beiden Einzelvoltigiererinnen Janine (15) und Leonie (14) geht es nun in die Reithalle. Draußen herrschen fast 30 Grad, in der Reithalle mit den dicken Steinmauern ist es ein wenig angenehmer. In den hautengen Volti-Anzügen kommt man schnell ins Schwitzen. Ein cooleres Voltigierpferd als Lia, wie die Stute von den Mädchen gerufen wird, kann man sich kaum vorstellen – sie schließt kurz die Augen und döst, kurz bevor es auf den Longierzirkel geht. Beide Sportlerinnen haben sich gemeinsam mit ihrer Ausbilderin, die Lehrerin für heilpädagogisches Reiten und Voltigieren an der Hans-Helmich-Schule in Düsseldorf ist, monatelang auf diesen besonderen Auftritt in Hannover vorbereitet. Grundsitz, Fahne, Mühle – das klappt alles schon mal super bei Janine, die mit dem sogenannten Down-Syndrom zur Welt kam. Die Richter nicken ihr aufmunternd zu. Rückwärts sitzen im Schneidersitz – auch das gelingt.

Anna-Lena Clauß konnte sich mit Enton über zwei Goldmedaillen in der Dressur freuen.

Infos Special Olympics

Die Special Olympics sind die weltweit größte, vom Internatio-nalen Olympischen Komitee (IOC) offiziell anerkannte Sportbewegung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung. Special Olympics Deutschland ist die deutsche Organisation dieser Bewegung. Die National Games finden derzeit alle zwei Jahre statt. Geplant ist jedoch, nach 2018 in einen Vier-Jahres-Rhythmus zu wechseln.

Lia läuft wie ein Uhrwerk im Schritt. Und auch Leonie, der man die Aufgeregtheit anfangs noch ein bisschen anmerkt, gewinnt immer mehr an Sicherheit, so dass sie nach der Aufgabe ein strahlendes Lächeln zeigt – mit Zahnspange – wie so viele Teenies in ihrem Alter. Klar wird danach erstmal Lia mit jeder Menge Streicheleinheiten verwöhnt und beide Mädchen fallen auch Trainerin Heike in den Arm.

Gemeinsam mit sechs weiteren Reitern und Voltigierern, einigen Betreuern und TT’s sowie zwei Ponys sind Leonie und Janine aus dem Ruhrgebiet nach Hannover gefahren, um sich mit anderen geistig behinderten Pferdesportlern in verschiedenen Wettbewerben auf Bundesebene zu messen. Die Sportler kommen aus fast allen Bundesländern und hatten sich im Vorfeld qualifiziert. Am Ende bekommt jeder Teilnehmer eine Medaille oder Platzierungsschleife. Für Leonie ist das in ihrer Gruppe sogar die heiß ersehnte Goldmedaille im Einzelvoltigieren E4 (Wertnote 5,890) und für Janine springt in ihrer Gruppe E4 ein sechster Platz heraus (6,200). Die Mädchen freuen sich gemeinsam mit allen anderen Voltigierern über die schöne Siegerehrungszeremonie, bei der gesungen, getanzt und natürlich auch fleißig umarmt wird. Hier gönnt jeder dem anderen seinen Erfolg. „Ich bin begeistert von der Herzlichkeit, vom uneigennützigen Einsatz der Helfer, den vielen freundschaftlichen Begegnungen und spontanen Einladungen“, freut sich Frank Diesner, Vorsitzender des Länderrates Special Olympics, der die Medaillen mit überreicht.

„Es ist etwas ganz Besonderes für die Teilnehmer, hier an den Start zu gehen, denn schließlich sind die Special Olympics National Games auch eine Qualifikation für die Weltspiele“, erklärt Uta Deutschländer, Leiterin des Fachausschusses Sport und Koordinatorin Reiten bei der Organisation Special Olympics Deutschland.

Immer im Einsatz: Marc-René vom Helfterteam der Special Olympics.

Prominenter Besuch: Die bekannte Opern- und Musical­sängerin Anna-Maria Kaufmann besuchte die Special Olympics in Hannover.

Siegerehrung Dressur Level A Gruppe zwei v.l.: Anke Synowzik (Silber), Janine Schwirblat (Gold) aus Westfalen und Michel Beyersdorf (Bronze) vom Landesverband Hannover.

Eine Besonderheit ist, dass nicht alle Athleten eigene Pferde mitbringen, denn schon allein Start und Anreise bedeuten oft einen großen finanziellen Aufwand für die Teilnehmer. „Viele arbeiten in Behindertenwerkstätten und können sich das nicht leisten. Auch wenn wir anstreben, zukünftig mehr Wert auf eigene Pferde zu legen, gab es in Hannover acht Leihpferde. Die Herausforderung ist für die Reiter auf Leihpferden natürlich noch größer“, beschreibt die Ausbilderin. Ausgeschrieben waren in Hannover für die Reiter die Disziplinen Dressur, Springen, Reiterwettbewerb, Führzügelklasse und Geschicklichkeitswettbewerb in drei verschiedenen Leveln: Level C (nur Schritt), B (Schritt und Trab) und A (Schritt, Trab und Galopp). Bei einem Probereiten, der sogenannten Klassifizierung innerhalb der Levels, teilten die Richter Reiter mit ungefähr gleichem Leistungsstand in Gruppen ein, die dann um die Medaillen ritten. In der Dressur wurde z.B. eine Einzelaufgabe etwa auf dem Niveau der Klasse E/A verlangt. Die Reiter mussten hier unter anderem Mittelzirkel und halbe Volten zeigen. „Für einen geistig behinderten Reiter ist es schwer, sich in der Bahn zu orientieren, daher sind solche Lektionen eine große Herausforderung“, beschreibt Uta Deutschländer. „Im A-Level haben wir sehr gute sportliche Leistungen gesehen, die vom Niveau her schon zum Regelsport tendieren.“ Für die Voltigierer gab es, genau wie im Regelsport, Pflichtübungen und eine Kür. Eine Premiere feierten in Hannover die Unified-Wettbewerbe für behinderte und nicht-behinderte Sportler, die sehr gut angenommen wurden.

In den Levels Unified Kostümreiten starteten immer ein behinderter und ein nicht-behinderter Reiter gemeinsam.

Eine klasse Leistung im Einzelvoltigieren E1: Simon Hey vom RVC Wedemark holte Gold mit Dexy’s Midnight Runner.

Janine und Fjordstute Lijandra haben einen ganz besonderen Draht zueinander und zeigten eine tolle Leistung im Einzelvoltigieren.

Unterstützt werden die Teilnehmer von zahlreichen freiwilligen Helfern, die man an den roten T-Shirts schon von weitem gut erkennen kann. Einer von ihnen ist Marc-René aus Neustadt (19). Er absolviert gerade seinen Bundesfreiwilligendienst vor dem Studium und ist begeisterter Reiter. Deswegen hatte er sich auch für den Einsatz im Reiterstadion beworben. Gerade hält er Schulpferd Jordi vom Reiterverein Hannover am Zügel, der als Leihpferd noch auf seinen Reiter wartet. Der ist allerdings im Stau stecken geblieben und kommt später. „Kein Problem, dann wird die Startnummer eben ganz nach hinten gesetzt“, lacht René und lässt Jordi noch ein bisschen an der Hand grasen.

Ein Paar, dass am Ende gleich zwei Goldmedaillen gewinnt, ist die 26-jäh-rige Anna-Lena Clauß (Reiter-hof Rüter in Wetzen) mit ihrem Hannoveraner Fuchswallach Enton v. Escudo I (17). Die beiden heimsen hohe Wertnoten im Dressurreiterwettbewerb ein (Aufgabe RE1 aus dem FN-Aufgabenheft Reiten) und siegen auch in der schwersten Stufe, dem Level A Dressur in ihrer Gruppe. Anna-Lena arbeitet bei der Lebenshilfe Lüneburg und reitet den familieneigenen Wallach seit er vierjährig ist. Ihre Schwester hat Enton in der Dressur bis zur Klasse L geritten und ist auch in Vielseitigkeitsprüfungen gestartet. „Enton ist für mich etwas ganz Besonderes. Ich liebe ihn sehr“, strahlt sie nach der Siegerehrung.

Tina Pantel

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