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Olympische Disziplinen: Dressur

Fotos: Jacques Toffi

Persönlichkeiten der Pferdeszene: Hans Günter Winkler

HGW – ein Markenzeichen

Der Springsport war das, wofür Hans Günter Winkler brannte, mit jeder Faser seines Körpers. Er besaß nichts, aber er war entschlossen – und kämpfte sich bis ganz nach oben. Sein Leben bietet Stoff für einen Film. Erinnerungen eines Mannes, der am 24. Juli 90 Jahre alt wird.

Die wichtigsten Erfolge

• Fünf olympische Goldmedaillen, jeweils einmal Team-Silber und -Bronze (1956, 1960, 1964, 1968, 1972, 1976) mit Halla, Fidelitas, Enigk, Torphy

• zwei Weltmeistertitel 1954 (Halla), 1955 (Halla/Orient)

• Europameister (1957), EM-Silber (Einzel 1962, Team 1963), Bronze (1958,1961, 1969) mit Halla, Sonnenglanz, Romanus, Enigk

• Fünfmal Deutscher Meister (1952 bis 1955 und 1959)

• 105 Einsätze in Nationenpreisen, 42 Mal Erster, 28 Mal Zweiter und 22 Mal Dritter

• Sieg im Großen Preis von Aachen (Orient, 1954) und im Deutschen Springderby (Halla, 1955)

Zwei Ziele hatte er im Leben: Er wollte für Deutschland reiten. Und er wollte der Beste sein. Beides hat er geschafft. Mehr als das. Er ist zu einer Legende des Springsports geworden. Vom „kleinen Hänschen“ bis in den Sportolymp. Hans Günter Winkler ist bis heute der erfolgreichste Springreiter der Geschichte. Obwohl er seine aktive Laufbahn vor genau 30 Jahren beendete. In den 1950er- und 1960er-Jahren sammelte er Champio-natserfolge, Medaillen und Titel wie kein anderer. Fünfmal olympisches Gold, einmal Silber und Bronze, zwei Weltmeister-, ein Europameister- und fünf Deutsche Meistertitel sowie fünf weitere Medaillen bei Europameisterschaften – auf sieben verschiedenen Pferden. Er ist Träger des Bundesverdienstkreuzes und des Reiterkreuzes in Gold, er wurde mit der Goldenen Sportpyramide und dem Bambi geehrt und zweimal zum Sportler des Jahrzehnts gekürt. Seine Initialen: HGW, ein Begriff. Er sagt, man muss eine Linie haben im Leben. Er hatte eine Linie. Und er hatte eine klare Priorität: „Der Sport war meine Nummer eins. Das hatte absolut Vorrang.“ Für den Sport brauche man Kopf, betont er, und man müsse ein Mensch sein, der sich durchsetzen kann.

Trotzig und ehrgeizig

Durchsetzungskraft ist das, was HGWs Leben zeichnet, bis heute kurz vor seinem 90. Geburtstag. Er bewegt sich mit kleinen, aber forschen Schritten durch die Räume seines Wohnhauses auf dem Birkenhof, der direkt an das Gelände der Bundeswehrsportschule in Warendorf anschließt.

Das Alter hat seine Haltung gebeugt. Aber spürbar ist die Kraft vergangener Tage und das Bewusstsein für das, was er geleistet hat. Ein Mann mit Rückgrat. Er spricht vom „trotzigen allen Etwas beweisen wollen“, das er für den stärksten Motor eines Sportlers hält und das ihn stets angespornt habe. Man müsse bereit sein, Schweiß zu vergießen, und genauso müsse man lächelnd verlieren können. Ebenso zu spüren ist der Ehrgeiz, der Hans Günter Winkler angetrieben hat, als er seinen Vater im Krieg verlor, sich als Pferdepfleger verdingte, 1950 als 24-Jähriger mit leeren Taschen nach Warendorf zog und Halla begegnete, die von der Rennbahn kam und als unreitbar galt. „Eine braune Stute, sie hätte auch Lisa heißen können.“ Die Tochter des Traberhengstes Oberst und der französischen Stute Helene stammte aus der Zucht von Gustav Vierling aus Darmstadt. Viele Reiter waren an ihr verzweifelt. Nicht zu gebrauchen, hieß es. Aber Hans Günter Winkler erarbeitete sich ihr Vertrauen. „Pferde haben Instinkt, und es gibt einige, die sind intelligent. Halla war intelligent. Wenn man solch ein Pferd für sich gewinnt, hat man das große Los gezogen.“

 

Mit Schreien ins Ziel

Halla holte dreimal olympisches Gold, zwei WM-Titel und sie verließ Jahre später die internationale Turnierbühne mit 125 internationalen Siegen und als das gewinnreichste Pferd der Welt. „Die wenigsten machen sich die Mühe, einen Vollblüter wirklich kennenzulernen. Ich habe mit Halla ein Verhältnis angefangen, war stundenlang bei ihr auf der Wiese und habe versucht, mich mit ihr zu einigen. Ich war der Einzige, der mit ihr zurechtkam“, erzählt HGW mit leiser Stimme. „Ich habe sie immer mit Ruhe geritten bei leichter Verbindung und im leichten Sitz mit Kontakt zum Sattel. Wenn man sie übers Tempo ritt, wurde sie flach. Das hatte sie noch von der Rennbahn inne. Aber sie hatte ein unglaubliches Springvermögen. Sie konnte eine zwei Meter hohe Mauer, einen 2,20 Meter breiten und 1,90 Meter hohen Oxer fehlerfrei überwinden. Halla hat sich zu einer wahren Kämpferin entwickelt.“ Unvergessen sind die Olympischen Spiele in Stockholm 1956. Ein Erlebnis wie aus einem Drehbuch: Hans Günter Winkler zieht sich im ersten Umlauf eine Leistenzerrung zu, kann den Parcours nur mit Mühe beenden. Doppelgold in greifbarer Nähe – aufgeben ist keine Option. Im Schritt, ohne weitere Vorbereitung und unter starken Schmerzmitteln reitet HGW mit Halla in den zweiten Umlauf ein. Er galoppiert an, steuert sie am langen Zügel und unter gequälten Schreien über den Kurs. „Halla wusste: Kamerad ist nicht intakt. Sie ging die Runde ihres Lebens.“ Ohne einen einzigen Fehler trug sie ihren Reiter zum Sieg – und in die Geschichtsbücher. Vier Jahre später nach dem Triumph im Großen Preis von Brüssel verabschiedete Hans Günter Winkler seine Halla aus dem Sport. Die Entscheidung fiel spontan, die Stute sollte auf dem Zenit ihres Erfolgs gehen. Ein Abschied, der ihrer würdig war. HGW stieg ab und das war das letzte Mal, dass jemand in Hallas Sattel saß. „Die Stute bekam eine Abschieds-sendung im deutschen Fernsehen, ging in die Zucht und bekam acht Fohlen, bevor sie mit 34 Jahren starb.“

Das Dreamteam der 1950er Jahre: HGW und Halla. Fotos (3): Menzendorf-Archiv/Deutsches Pferdemuseum Verden

Der Gedenkstein für Halla steht in HGWs Warendorfer Garten.

Winterdecke für Halla

Bei der Erinnerung an Halla huscht ein kurzes Lächeln über Hans Günter Winklers Lippen. Er schweigt, während sein Blick in den weitläufigen Garten schweift. Hinter der Terrasse ist ein Teich mit Koi-Karpfen. Daneben steht auf einem Gedenkstein, der Winklers erfolgreichen Pferden gewidmet ist, eine Statue von Halla, die es nur wenige hundert Meter entfernt ein zweites Mal gibt. In lebensgroßer Ausführung ziert sie den Rasen vor dem DOKR Gebäude bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. Debbie Winkler hatte dem Denkmal jeden Winter eine Decke übergezogen. Mit der Amerikanerin war HGW in vierter Ehe verheiratet, bis er sie durch einen tragischen Reitunfall 2011 verlor. Der schwerste Schlag in seinem Leben. Aus einer früheren Ehe mit der Dänin Musti hat er zwei Kinder, Sohn Jörne und Tochter Jytte. Wenn Winkler schweigend dasitzt, scheint er durch sein Leben zu reisen. Vergangene, aber doch so präsente Erlebnisse vor seinem inneren Auge abzuspielen. Wie die aus seiner Kindheit.

Sein Weg zu den Pferden war von Beginn an vorgezeichnet, sagt Hans Günter Winkler, der am 24. Juli 1926 in Wuppertal-Barmen geboren wurde und Einzelkind bleiben sollte. Seine Mutter hatte französische Vorfahren, sein Vater war bei der Schutzpolizei als Reitlehrer und Stallmeister tätig. HGW war sofort Feuer und Flamme für die Pferde. Mit acht Jahren sah er die Reiter der Kavallerieschule Hannover. Einer begeisterte ihn besonders: Oberleutnant Brinckmann, Spitzname Micky. Nach ihm benannte Winkler das erste Pony, das er von seinem Vater bekam. „So wie Brinckmann wollte ich sein – erfolgreich, respektiert, gutaussehend.“ Dafür bedurfte es Disziplin und Willen. Und HGW lernte, dass eine stilvolle Erscheinung Tür und Tor öffnen kann. Kleider machen Leute. Auch wenn das Geld knapp war, ein ordentlicher Reitanzug war ihm wichtig. Darauf legt er bis heute Wert. 20 Sakkos habe er im Schrank hängen, erzählt er, und er habe viel Freude daran. Hemd, Krawatte, Weste, Einstecktuch – das habe auch etwas mit Respekt seinem Gegenüber zu tun. Er weiß, wie er auf andere wirkt. Und er hat klare Vorstellungen. Übertriebenes Lächeln fürs Foto? „Das passt nicht zu mir! Das ist nicht HGW.“

Langjährige Weggefährten: Hans-Heinrich Isenbart, einstiger Sportkoordinator der ARD, Moderator und Turniersprecher, im Gespräch mit Hans Günter Winkler.

Treffen der Springsportgiganten und ewigen Konkurrenten beim CHIO in Aachen: Pierro d’Inzeo, der große italienische Springreiter, und Hans Günter Winkler haben sich in den Parcours nichts geschenkt.

Der ehemalige Bundestrainer Herbert Meyer und Hans Günter Winkler

„Ich war ein Niemand“

Am Ende des Zweiten Weltkriegs starb sein Vater. Winkler, der mit 16 Jahren als Fähnrich in den Kriegsdienst gezogen und Reserveoffiziersanwärter geworden war, kümmerte sich um seine Mutter. „Der Krieg hat alles kaputt gemacht“, konstatiert er. „Ich war gezwungen, meinen Weg  zu suchen. Aber diesen Weg musste ich alleine gehen.“ Nach einer Ausbildung in einer Textilgroßhandlung in Frankfurt am Main landete er am DOKR. „Ich war ein Niemand. Ich hatte kein Geld, aber ich konnte mit Pferden umgehen. So bin ich ein Teil der Gesellschaft geworden. Reiten war damals ein Gentleman-Sport, bei dem man um die Ehre ritt“, erzählt der Senior. Er habe in dieser Zeit viele Freundschaften geschlossen. Allerdings: „Ich habe nie gefeiert und getrunken. Für mich war immer nur der Sport wichtig. Und letzten Endes helfen Beziehungen nicht, man muss Leistung bringen.“ Bei allem Streben nach Erfolg standen für Winkler immer der artgerechte Umgang mit dem Pferd, eine Ausbildung ohne Zwang und die Pferdegesundheit an erster Stelle. Dabei bewies er nicht nur bei Halla ein Händchen für schwierige Pferde. Der Holsteiner Romanus v. Ramzes aus dem Besitz von Clemens Baron von Nagel war bodenscheu, besonders bei Wassergräben.

HGW gewann mit ihm zweimal EM-Silber und einmal Bronze. An dem Münchner Olympiasieger Torphy, ein Holsteiner v. Reinald, hatten sich vor HGW einige vergeblich abgemüht. Der Holsteiner übersprang sich derart, dass er seine Reiter schlicht aus dem Sattel katapultierte. Winkler blieb sitzen.
Er gewann innerhalb von drei Jahrzehnten im Parcours alles, was man gewinnen konnte. Neben seinen Championatsmedaillen konnte er am Ende seiner Karriere auf 105 Einsätze bei Nationenpreisen verweisen, von denen er 92 unter den Top drei beendete. „Mein Leben?“, so HGW rückblickend, „Filmreif würde ich sagen!“ Den Druck seiner sportlichen Karriere beschreibt der ehrgeizige Perfektionist allerdings auch als Zentnerlast auf seinen Schultern. Befreiend war es für ihn, als er sich 1986 im Alter von 60 in Aachen aus dem Sport verabschiedet. 31 Jahre nachdem er am selben Ort seinen zweiten Weltmeistertitel gesichert hatte. Dort wo jährlich der Halla-Wanderpreis für das erfolgreichste Pferd des CHIO vergeben wird und wo er in diesem Jahr zu seinem 90. Ehrentag mit einer Gala geehrt werden soll. Der Kreis schließt sich.

Zur großen Abschiedsfeier für Winkler als sportlichem Turnierdirektor in Braunschweig reiste auch FEI-Spring­sport-Chef John Roche an.

Vielseitigkeitsreiter Andreas Ostholt hat HGWs Reitanlage in Warendorf  gekauft. Die beiden Männer verbindet heute eine schöne Freundschaft.

Nachwuchsförderung

Sein Interesse und Engagement für den Sport im Allgemeinen und das Reiten im Besonderen blieb auch nach dem Ende seiner Karriere ungebrochen. HGW spielte bis vor vier Jahren Tennis, fuhr Ski und stieg regelmäßig in den Sattel. Bis 2014 führte der Senior die Firma HGW Marketing, mit der er Unterstützer für den Springsport gewann, wie den Logistikdienstleister UPS, der zum größten Sponsor wurde, der je in diesem Metier tätig war. Außerdem organisierte er Turniere, darunter die Löwen Classics in Braunschweig, den Pforzheimer Goldstadt Cup und das Scharlachrennen in Nördlingen. Der Nachwuchsförderung gilt seine besondere Aufmerksamkeit. Er ist Initiator des HGW-Nachwuchschampionats. Ein Sprungbrett, das auch schon Spitzenreiter wie Daniel Deußer, Mario Stevens und Eva-Maria Bitter genutzt haben. Um sein Lebenswerk zu erhalten, hat er eine Stiftung ins Leben gerufen, Debby Winklers besonderer Herzenswunsch. Dazu soll auch sein Gut Birkenhof gehören, dessen Leitung Vielseitigkeitsreiter Andreas Ostholt inne hat. „Mein Ziehsohn“, sagt HGW. „Er ist meine Familie, die ich auf keinen Fall verlieren möchte.“ Mit der Stiftung sollen auch in Zukunft junge Talente unterstützt und Nachwuchsprüfungen gesichert werden. Der Sport und der sportliche Wille sind es, um was es Winkler geht. „Es gibt nur einen Weg zur großen Spitze. Der ist schwierig, mit vielen Hindernissen gespickt, aber es lohnt sich, dafür auf vieles zu verzichten. Denn nichts kann eine Medaille ersetzen.“ Als Hans Günter Winkler sich langsam, aber entschieden von seinem Stuhl erhebt, sagt er leise zu sich selbst: „Aufstehen. Aufrichten. Weitergehen.“

Laura Becker

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