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FN-Dialogveranstaltungen: Pferdegerechtes Reiten

Ausbildungstipps von Christoph Hess

Stellung und Biegung

Das eine – Schenkelweichen – ist eine Gehorsamkeitsübung in der Basisausbildung, das andere – Schulterherein/-vor – fördert die Durchlässigkeit, Geraderichtung und Versammlungsbereitschaft. Warum diese Lektionen so wichtig sind, erläutert FN-Ausbildungsbotschafter Christoph Hess.

Uta Gräf zeigt, wie die Lektion Schultervor geritten wird. Foto: F. Heidenhof

Frage: In unserem Stall (ambitionierte und dressurbegeisterte Reiter, aber keine Turnierreiter) wird diskutiert, ob beim Schenkelweichen auch schon eine gewisse kleine Stellung und Biegung erwünscht ist oder sie nur bei Schultervor bzw. Schulterherein zu sehen sein soll. Meine Reitlehrerin behauptet, das Schenkelweichen müsste immer eine Stellung, das Schultervor-, das Schulterherein immer eine Biegung haben, sonst würde sich das Pferd ja wie ein starres Brett bewegen. Aber worin liegt denn dann der grundsätzliche Unterschied und der Nutzen dieser unterschiedlichen Übungen?

Magdalena Breitenbach

Das Schenkelweichen ist eine zentrale Übung, die in jeder Ausbildungsstunde geübt  werden sollte. Sie wird mit Stellung aber ohne Biegung geritten – die Biegung ist den Seitengängen, dem Schultervor bzw. dem Schulterherein vorbehalten. Insofern hat Ihre Ausbilderin Recht, wenn sie Ihnen dieses so erklärt.

Was müssen Pferde lernen, was ist das kleine Einmaleins, das jeder Reiter und jedes Pferd unabhängig vom Niveau und von seiner Disziplin beherrschen muss? Um es auf den Punkt zu bringen: Jedes Pferd muss lernen, sensibel auf die vortreibenden Hilfen einzugehen. Sobald der Reiter aus seiner Mittelposition nach vorne schwingt, sobald er seine Wade am Pferdeleib anlegt, muss sich sein Pferd nach vorne bewegen. Viele Reiter sind beim Einsatz ihrer treibenden Hilfen nicht konsequent genug. Sie akzeptieren es, wenn ihr Pferd die treibenden Hilfen nicht unmittelbar annimmt, also sich nicht sofort nach vorne bewegt. Das ist ein häufig auftretendes Problem, das in der Ausbildung einen besonderen Stellenwert hat und zur elementaren Basisausbildung gehört. Haben Pferd und Reiter gelernt, dass die Musik „vorne“ spielt, ist es an der Zeit, sich die Akzeptanz  der seitwärts treibenden Hilfen zu erarbeiten. Die seitwärts treibenden Hilfen sind z. B. erforderlich bei folgenden Übungen: Dem Schenkelweichen an der langen Seite bzw. dem Viereck verkleinern und vergrößern. Diese Übung bzw. Übungsfolge möchte ich mit  den Fingerübungen vergleichen, die ein Pianist zu absolvieren hat, bevor er sich ans Klavier setzt. Das Reiten von Schenkelweichen ist insofern eine ganz wichtige Basisübung, bei der das Pferd in sich gerade gerichtet bleibt und der Reiter ihm gegen die Bewegungsrichtung eine Stellung im Genick gibt.

 

„Ständig seitwärts“

Hilfreich ist es, wenn Sie diese Übung noch durch das Reiten von Vorhandwendungen auf beiden Händen (siehe Richtlinien Band 1, Grundausbildung für Reiter und Pferd) ergänzen. Erst wenn Ihr Pferd ganz sicher den vorwärts-seitwärts treibenden Schenkel in der Vorhandwendung und im Schenkelweichen bzw. im Viereck verkleinern und vergrößern annimmt, können Sie über das Reiten der Seitengänge also das Reiten von Schultervor, dem Schulterherein, dem Travers und Renvers und später den Traversalen nachdenken. Viele Reiter machen den Fehler, ohne das korrekte Schenkelweichen zu beherrschen, Schulterherein zu reiten. Richtiges Schulterherein Reiten wird erst dann funktionieren, wenn Sie das Gefühl haben, ständig „seitwärts“ reiten zu können. Erst dann sind Sie in der Lage, mit dem Reiten von Schultervor und Schulterherein zu beginnen. Deshalb ist Schenkelweichen die perfekte Vorübung. Diese Vorübung muss auch vom ambitionierten Freizeitreiter beherrscht werden, ist doch bei jeder Wendung der Einsatz des inneren Schenkels – mit geringfügig seitwärtstreibender Wirkung – von zentraler Bedeutung.

links: Viereck verkleinern/Viereck vergrößern
Mitte: Schenkelweichen rechts und link
rechts: obere Skizze: Schulterherein; untere Skizze: Schultervor

Illustrationen: Cornelia Koller, Dierkshausen; mit frdl. Genehmigung entnommen aus „Grundausbildung für Reiter und Pferd, Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1“, Hrsg.: Deutsche Reiterliche Vereinigung e.V. (FN), FNverlag, Warendorf 2014

Mutterlektion 

In den neuesten Richtlinien Band 1 (Ausgabe 2012) wurde die Lektion „Schulterherein“ mit aufgenommen. Für mich ist diese Lektion die entscheidende, quasi eine „Mutterlektion“, die jeder Reiter beherrschen muss, will er sein Pferd in richtiger Weise vom inneren Schenkel an den äußeren Zügel heran arbeiten. Dieses ist eine wesentliche Voraussetzung, um ein Pferd in effektiver Weise zu gymnastizieren.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Pferd den inneren Schenkel sensibel annimmt, Sie zugleich am äußeren Zügel ein wenig mehr Druck spüren und dabei auf den gebogenen Linien Ihr  innerer Zügel „leichter“ wird, dann sind Sie für die Lektion Schultervor bzw. Schulterherein vorbereitet. In diesen Lektionen ist Ihr Pferd gebogen.

Die Stellung ist ein Teil der Biegung. In der Anfangsphase sollten Sie die Seitengänge immer in Verbindung mit gebogenen Linien – zunächst Zirkeln, später, Volten unterschiedlicher Größe – reiten. Auf den gebogenen Linien mit unterschiedlichen Radien erarbeiten Sie sich die Biegung, die Sie für das Schultervor bzw. das Schulterherein benötigen. Dabei ist es wichtig,  den Fluss der Bewegung, also den Takt, den Schwung und die Kadenz beizubehalten. Ihr Pferd muss dabei den inneren Schenkel problemlos annehmen. Haben Sie das Gefühl, dass der innere Schenkel von Ihrem  Pferd nicht sensibel akzeptiert wird, dann gehen Sie bitte zunächst zurück zum Schenkelweichen. In diesem Falle würde ich diese Übung  auf der offenen Seite des Zirkels reiten. Ihr Pferd sollte also erneut angehalten werden, Ihren inneren Schenkel „durchzulassen“; denn ist keine ausreichende Akzeptanz vorhanden oder ist Ihr Pferd nicht so sensibel, wie Sie es sich wünschen, dann ist die Gefahr gegeben, dass Sie anstelle des korrekten Schultervor bzw. Schulterhereins lediglich den Hals Ihres Pferdes zur Seite „ziehen“, ohne dabei Ihr Pferd zu biegen. Dadurch beeinträchtigen Sie die natürliche Selbsthaltung Ihres Pferdes und vor allem dessen Balance in nicht unerheblicher Weise, was zwangsläufig zu Widersetzlichkeiten führen kann.

 

Fazit:

Ihre Reitlehrerin hat also Recht, wenn sie lehrt, dass Ihr Pferd in den Seitengängen, also im Schulterherein und im Schultervor mit Stellung und Biegung geritten wird. Dieses ist in der Tat die Voraussetzung dafür, dass das Pferd seinen Körper gebraucht und sich nicht wie ein „ starres Brett“ bewegt. Der Nutzen des Schulterherein besteht darin, dass das Pferd in seiner Geraderichtung, Versammlung und damit Geschmeidigkeit und Durchlässigkeit verbessert wird. Das Schenkelweichen hingegen ist eine lösende Lektion, die eine wichtige Gehorsamsübung in der Basisausbildung darstellt. Von einer „kleinen Stellung und Biegung“ wird in dem Zusammenhang nicht gesprochen, weil im Schenkelweichen das Pferd nicht gebogen, sondern lediglich gestellt und ansonsten gerade ist.

Gelingen Schultervor und Schulterherein in gewünschter Weise, werden Sie noch mehr Freude beim Reiten haben. Insofern empfehle ich diese Übungen bzw. Lektionen allen unseren Reitern, weil sich auf Dauer Ihre Pferde wohler fühlen, weil sie sich balancierter bewegen können, ihre Selbsthaltung verbessert wird  und sie dadurch „leichter in Ihrer Hand“ werden.

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