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PM-Veranstaltung: Gemeinsame Wege für Nutztierhalter und Wolf finden

Der Wolf als Lebenspartner

Die Rückkehr des Wolfes polarisiert die Menschen. Die einen sind begeistert, die anderen sind besorgt. Zu den Besorgten zählen auch viele Pferdehalter. Rund 60 Pferdebesitzer, Reiter, Züchter und Pensionsstallbetreiber kamen zu einer Podiumsdiskussion „Der Wolf als Lebenspartner“, zu der die Persönlichen Mitglieder und der Landespferdesportverband Hannover nach Bergen auf das Gestüt Tymnenhof eingeladen hatten.

2010 wurde das Wolfcenter in Dörverden (Landkreis Verden) eröffnet. Es bietet den Besuchern auch ein Museum und regelmäßige Info­veranstaltungen rund um das Thema Wolf. Foto: Gerlinde Hoffmann

Fragen beantworten, Sorgen anhören, Gerüchte ausräumen und aufklären: Drei Stunden lang widmeten Allmut Kottwitz, Staatssekretärin im niedersächsischen Umweltministerium, Dr. Enno Hempel, Geschäftsführer Pferdeland Niedersachsen, Helmut Dammann-Tamke, Präsident der Niedersächsischen Landesjägerschaft, Jörg-Rüdiger Tilk, Wolfsberater auf dem Truppenübungsplatz Bergen-Munster, Ernst-Ingolf Angermann, Mitglied des Niedersächsischen Landtages, und Michael Edzards, R+V-Versicherungen, sich dieser Aufgabe.
Die Hauptsorge galt natürlich den Pferden. Einige Gäste berichteten davon, dass sie bereits Wolfsbesuche an ihren Weiden hatten. Auch wenn bisher in Deutschland kein Pferd von einem Wolf gerissen wurde, haben die Pferdehalter Angst um das Leben ihrer Pferde und „wenig Verständnis dafür, dass wir auf den Wolf Rücksicht nehmen müssen.“ So sei Pferdehaltern empfohlen worden, den Weidegang ihrer Pferde einzuschränken und diese zur Sicherheit in die Ställe zu bringen. „Dass die Tiere zurück in den Stall sollen, hat niemand gefordert. Lediglich tragende Stuten sollten kurz vor der Geburt ans Haus geholt oder nachts in den Stall gebracht werden“, sagte Allmut Kottwitz. Und auch Dr. Enno Hempel betonte, dass die Weidehaltung für Pferde weiter möglich ist. „Der Wolf ist ein fauler, opportunistischer Jäger, der sich leichte Beute – also verletzte, kranke, schwache Tiere – sucht“, sagte Helmut Dammann-Tamke zu dem Risiko, dass Pferde Opfer von Wölfen würden.

Auf der insgesamt 5,2 Hektar großen Fläche sind zwei Gehege, eines für sechs von Hand aufgezogene Wölfe, eines für vier wilde Wölfe. Foto: Gerlinde Hoffmann

Fachgerechte Einzäunung Eine weitere Sorge sind Weideausbrüche durch Wolfsbesuche. Dass Wölfe Pferde auf Weiden jagen und zum Ausbruch treiben, dafür gibt es laut Experten keine Nachweise. Ein Pferdehalter beschrieb, dass seine Ponyherde nach einem Wolfsbesuch sich auf der Weide zu einem Kreis formiert hatte. Was der Pferdehalter als Beleg für die Bedrohung sah, war für den Wolfsberater Tilk ein Beweis, dass die Ponys bereits eine Verteidigungsstrategie gegen den Wolf hatten. Dr. Hempel wies darauf hin, dass die Einzäunung für Pferde geeignet – also fachgerecht und hütesicher, sprich ausbruchsicher – sein müsse. Das betonte auch noch mal der Versicherungsmann Michael Edzards. „Bei Schäden greift die Tierhalterhaftpflicht, vorausgesetzt der Versicherungsnehmer hat seine Sorgfaltspflicht – und zu der gehört die fachgerechte Einzäunung – nicht verletzt.“ Ob man in Wolfsgebieten überhaupt noch ausreiten könne, war eine weitere Frage. Auch wenn es keine Erfahrungen mit solchen Fällen gebe, schätze er das Risiko sehr gering ein, sagte Wolfberater Tilk, der die Wolfrudel Soltau und Munster betreut. Ihm sei in drei Jahren nur dreimal ein Wolf begegnet. Im großen Regelfall werde der Wolf seines Weges ziehen. „Bei Begegnungen gehen Wölfe nur selten auf Menschen aktiv zu. Sie sind vorsichtige Tiere, die sich nicht blindlings in Abenteuer stürzen.“ Auf keinen Fall solle man sich bei einer Begegnung klein machen oder weglaufen und – wie bei Hunden auch möglich – eventuell den Jagdtrieb auslösen. In das Reich der Fabeln verwiesen sowohl Tilk als auch Dammann-Talkamp das „unausrottbare Gerücht“, dass Wölfe von Wolfsbefürwortern nach Deutschland eingeführt und hier ausgesetzt würden.

Staatssekretärin Almut Kottwitz strebt gemeinsame Wege für Wolf und Nutztierhalter an. Foto: FN-Archiv

Jagdvertreter Helmut Dammann-Tamke will die Gratwanderung von der Akzeptanz und des Erhalts des Wolfes hinbekommen. Foto: FN-Archiv

Runder Tisch „Wolf“

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit lud Mitte Juli Vertreter verschiedener Verbände, Organisationen und Behörden zu einem Runden Tisch „Wolf“ nach Berlin – darunter auch die Deutsche Reiterliche Vereinigung. „Es ist uns gelungen, die Sorgen der Pferdebesitzer und -halter um die Sicherheit und Unversehrtheit ihrer Pferde deutlich zu machen. Wir wünschen uns, dass die Pferde wie Schafe und Ziegen im Wolfsmanagement Berücksichtigung finden“, sagte FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach. „Bisher gibt es keinen bestätigten Fall, dass ein Pferd in Deutschland durch Wölfe gerissen oder zum Ausbruch getrieben wurde. Das ist gut so. Trotzdem setzen wir uns mit dem Thema intensiv auseinander, denn immerhin leben 1,1 Millionen Pferde in Deutschland.“

Konkrete Ergebnisse gab es bei dem Treffen nicht. Der Runde Tisch gab vor allem einen Überblick über offene Fragen und Handlungsfelder. Zu den bereits beschlossenen Sachen gehört der Aufbau eines Informations- und Dokumentationszentrum.

„Entnahme des Wolfes“ möglich

„Die Sicherheit der Menschen steht an erster Stelle, wenn er Menschen angreift und gefährdet, ist auch eine Entnahme des Wolfes möglich“, sagt Allmut Kottwitz. Die Frage ist nur: Wann ist er gefährlich?

Und das ist nicht die einzige Frage, die die Rückkehr des Wolfes aufwirft: Warum verhalten sich einzelne Wölfe nicht menschenscheu? Wie bekommt man sie menschenscheu? Wie bewegen sie sich? Welche Wege legen sie zurück? Wie kann man sie territorial eingrenzen? Wie viele Wölfe verträgt Deutschland oder vertragen einzelne Bundesländer? „Wir brauchen Antworten, die Vertrauen und Akzeptanz schaffen“, betonte der Landtagsabgeordnete Angermann. Diese Antworten soll das Monitoring geben – die wissenschaftliche Dokumentation der Ausbreitung des Wolfes. Dazu gehört auch, auffällige Wolfsbegegnungen sofort zu melden. „Ganz wichtig: Wir brauchen die Information, nicht die Interpretation. Deshalb ist es uns als Wolfsberater auch sehr wichtig, dass wir unmittelbar und selbst die Augenzeugen sprechen“, sagte Tilk. Zudem sei das Tempo notwendig, um über DNA-Nachweisverfahren festzustellen, ob Tiere durch einen Wolf zu Schaden gekommen seien. Das DNA-Material ist hinsichtlich Wasser und Licht sehr empfindlich.

Fazit: Der Wolf ist in Deutschland wieder heimisch. Er ist Teil der Natur und wird nicht wieder ausgerottet. Der Wolf muss aber so konditioniert werden, dass er um den Menschen einen Bogen macht, damit es zu einer breiten Akzeptanz des Wolfes in der Bevölkerung kommt. Und: Das Thema Pferd wird in die Schulungen der 150 niedersächsischen Wolfsberater aufgenommen.

Adelheid Borchardt

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