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PM-Serie Persönlichkeiten der Pferdeszene: Peter Luther

Der Treckerfahrer und sein Ferrari

Im Reit- und besonders im Springsport ist der Name Luther ein Begriff. Den Grundstein legte Peter Luther, der sich einst vom Bauernjungen zum Weltklassereiter hocharbeitete, als Trecker­fahrer im Sattel heruntergeputzt wurde, aber seine Kritiker schnell eines Besseren belehrte. Und bei allen Erfolgen war für ihn immer eines das Wichtigste: die Familie.

Peter Luther und sein historischer Traktor. Die Schlagzeile „Da kommt der Treckerfahrer mit seinem Ferrari“ bezog sich allerdings nicht auf das Gefährt, sondern auf den springgewaltigen Livius. Foto: J. Toffi

Sobald ein Besucher das große Hoftor mit den geschwungenen Initialen P und L passiert hat, ist er mittendrin. Mittendrin im „Stall Luther“ in Wittmoldt, mitten unter Europameistern, Nationenpreissiegern, erfolgreichen Trainern und einem Olympiareiter – und auch mittendrin im Familiengeschehen. Thieß Luther wohnt mit seiner Frau Ani und den Kindern Jarka und Jesse rechter Hand direkt an den Stallungen. In Sichtweite gegenüber, neben dem großzügigen Springplatz lebt Großvater Peter Luther mit seiner Frau Ulla. Der 76-jährige schlanke Senior, Opa Luther, kommt energischen Schrittes über den akkurat gemähten Rasen gelaufen. Ein kräftiger Händedruck. Sofort stellt sich das Gefühl ein, willkommen zu sein. Der Gartentisch am Wohnhaus ist schon gedeckt.

Neben Peter Luther Platz zu nehmen, heißt an einem Tisch zu sitzen mit einem Mann, der internationale Springsportgeschichte geschrieben hat. Er gewann bei den Olympischen Spielen in Los Angeles 1984 Team-Bronze, er wurde Vize-Mannschaftsweltmeister (1982, Dublin) und erreichte bei Europameisterschaften Gold (1981, München), Silber (1979, Rotterdam) und Bronze (1985, Dinard) mit dem Team. Außerdem gewann er das Deutsche Spring-Derby in Hamburg (1980) und vertrat bei zahlreichen Nationenpreisen die deutschen Farben. Aber Peter Luther ist auch ein Mann, der für Familie steht. „Mein erstes S-Springen bin ich erst mit 32 Jahren geritten“, erzählt er. „Vorher habe ich mich um die Zucht gekümmert“, fügt er schmunzelnd hinzu und meint damit seine drei Kinder Bente, Thieß und Hauke, die 1962, 1964 und 1965 die Familie komplett machten. „Sobald die Kinder laufen konnten, habe ich sie auf meine Schultern genommen, während ich auf dem Pferd saß.“

Peter Luther beim Turnier in der Wilstermarsch mit der Stute Flitze. Foto: privat

Luthers Eltern fuhren gerne vierspännig, natürlich mit Holsteiner Karossiers. Foto: privat

Vererbte Leidenschaft

Peter Luther ist einer, der es geschafft hat, sein Gespür für Pferde und seine Passion fürs Reiten über zwei Generationen hinweg so weiterzugeben, dass seine Kinder und Enkel den Pferdesport mit der besonderen Leidenschaft betreiben, zu der man nicht gezwungen werden kann, die aus eigenem Antrieb entstehen muss. Und mit diesem Herzblut kommt der Erfolg. Allein auf das Konto von Thieß, Jarka und Jesse gehen bis dato rund 150 Siege und 2200 Platzierungen (!) in Springprüfungen der Klasse M und S. Thieß Luther ist ein gefragter Springausbilder im In- und Ausland, er ist Stützpunkttrainer, war bei Nationenpreisen im Einsatz und als junger Reiter bei Championaten am Start. 2006 übernahmen er und Ani den Betrieb seines Vaters. Die Wege seiner Geschwister führten ins Ausland. Bruder Hauke, der 1986 in einem Jahr Landesmeister, Deutscher Meister und Europameister der Jungen Reiter wurde, in Großen Preisen siegreich war und den Betrieb seiner Eltern mit aufgebaut hat, ist in Norwegen ein gefragter Springtrainer. Einzig Schwester Bente hat nichts mit Pferden am Hut. Sie wanderte vor 20 Jahren nach Afrika aus und betreibt in Tansania eine Kaffeeplantage.

Perfekte und glückliche Familienaufstellung: Peter Luther und seine Frau Ulla, links Thiess Luther und rechts Thies‘ Ehefrau Ani und die Kinder bzw. Enkelkinder Jesse und Jarke. Foto: J. Toffi

Opa, ich will reiten

Thieß‘ Kinder dagegen eifern ihren Eltern und ihrem Großvater nach. Jarka (22) reitet bis S, war im Bundeskader und bei Deutschen Meisterschaften sowie Nationenpreisen am Start. Der 18-jährige Jesse ritt mit 13 Jahren sein erstes S-Springen, ist Mitglied im Bundeskader und startete dieses Jahr auf Vier-Sterne-Niveau. Die Enkel haben immer gern von ihrem Opa Luther gelernt. „Aber die Kinder müssen selbst wollen“, betont Peter Luther. „Jesse kam mit acht Jahren zu mir und sagte: ‚Opa, ich will reiten. Aber nicht, dass ich an der Longe anfangen muss!’ Ich konnte ihn von fünf Longenstunden überzeugen. Dann fragte er: ‚Opa, wollen wir nicht über die Stangen reiten?‘“

Über allen hat Ulla Luther immer ihre fürsorgliche Hand gehabt. Ihre Gastfreundschaft ist unaufdringlich, herzlich. Erst wenn sie alle versorgt weiß, hält sie inne. Dabei geht ihr Blick immer wieder zu ihrem Mann. Wenn sie neben ihm sitzt, ruht seine Hand auf ihrer. „Ich hatte immer Glück in meinem Leben. So eine tolle Frau, gesunde Kinder und was haben wir Freude an unseren Enkeln“, sagt Peter Luther und strahlt.

Livius, das Kraftpaket

Seine sportliche Karriere ist unweigerlich mit dem Namen seines absoluten Spitzenpferdes verbunden: Livius. Noch heute kommt er ins Schwärmen, wenn er den großrahmigen Holsteiner Lord-Sohn mit den großen ausdrucksstarken Augen charakterisieren soll: „Livius hatte unglaublich Willen, war übervorsichtig. So einen wie ihn gibt es nur selten. Wie der über den Platz galoppierte, so energiegeladen, das gleichmäßige Schnauben. Die Zuschauer begleiteten uns im Parcours bei jedem Sprung mit einem lauten ‚Oh‘. Livius fußte unglaublich ab, ein Kraftpaket. Ich hatte immer ein klein bisschen Kleber am Stiefel, damit ich nicht aus dem Sattel katapultiert wurde. Ich bin sicher, wenn ein Reiter heute Livius unter den Sattel bekäme, wäre er sofort im Team.“

Denfünfjährigen Holsteiner Kadett stellte Peter Luther bei einer Materialprüfung vor. Foto: privat

„Selbstgemacht“

Peter Luther, der 1939 in Averfleth in der Wilstermarsch geboren wurde, war ein „selbstgemachter Reiter“, wie er selbst sagt, der, bis er 20 Jahre alt war, ohne Trainer geritten ist. Die Begeisterung für Pferde hat auch er von seinen Eltern und seinem Großvater, einem Holsteiner Züchter. Seine reiterliche Laufbahn war geprägt von Talent und Pferdeverstand, aber auch von Durchsetzungsvermögen, Lerneifer und vielen Fügungen, zu denen ein bisschen Glück gehört. Mit 18 Jahren arbeitete er in dem elterlichen Landwirtschaftsbetrieb in Goltoft an der Schlei. Abends trainierte er seine Pferde, am Wochenende ritt er Turnier. Immer unterstützend an seiner Seite: Ulla. Seinen ersten Unterricht bekam er an der Landesreitschule in Flensburg. Ihm wurde angeboten, die Leitung der Schule zu übernehmen. Dieses Angebot nahm er an und widmete sich dort nicht nur seinen Reitschülern, sondern auch der Pferdeausbildung und dem Verkauf. Damit hatte er nicht nur einen neuen Job, sondern auch eine neue Richtung in seinem Leben eingeschlagen. 1970 übernahm er die Stallleitung bei Karl Hintz in Lückeberg, wo er junge Pferde kaufte, trainierte und wieder verkaufte. Eines davon war das Fohlen Livius. „Ich hatte fast immer Recht mit meiner Beurteilung von Pferden.“ Innerhalb von zwei Jahren hatte er eine Auswahl an international erfolgreichen Pferden. Auf den Lorbeeren ausgeruht hat er sich trotzdem nicht. „Ich wollte immer lernen. Im Springen hatte ich Talent, aber Ausbildung und dressurmäßige Arbeit – das wollte ich beherrschen. Ich bin Dressurunterricht geritten, dass mir die Innenseiten der Oberschenkel bluteten“, erzählt er. „Ich habe immer Tipps angenommen, wenn sie ernst gemeint waren. Und ich habe mein Leben lang besseren Reitern beim Training zugeschaut und mich gefragt: Was macht er und was kann ich lernen?“ In der Ausbildung seiner Pferde ist Luther stets einer Devise gefolgt: „Man muss Zeit haben für gute Pferde!“ Und genau das sei heute das Problem. „Die jungen Reiter wollen am liebsten ein fertiges Pferd mit Automatik. Aber das Pferd zeigt dir, was du machen kannst und was du machen musst, damit man weiterkommt. Du musst das Pferd so lassen, wie es ist.“

Der Ferrari: Lord-Sohn Livius machte Luther in der Sportwelt berühmt. Der Start bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles krönte die gemeinsame Karriere.  Foto: privat

Neustart mit Herz

Vier Jahre später kam Michael Herz ins Spiel. Peter Luther wechselte – zunächst ohne Livius – in den Betrieb des millionenschweren Kaufmanns und Sohn des Tchibo-Gründers, auf den Moorhof in Wedel westlich von Hamburg. „Das Schwierige war, dass ich Ulla erklären musste, dass wir wieder weiter müssen.“ Ob Schicksal oder einfach Glück – kurze Zeit später stand Livius zum Verkauf und folgte Luther mit fünf Jahren in den Stall Herz. Peter Luther übernahm die Ausbildung des hellbraunen Wallachs, der achtjährig sein erstes S-Springen ging und zehn schwere Springen in Folge gewann.

Peter Luther bekam die Starterlaubnis für das Weltcupspringen in Berlin, wo er mit Livius als völlig Unbekannter an den Start ging, es ins Stechen schaffte und siegte. Eine Einladung zum Nationenpreis in Aachen folgte. In der Soers hatte das Paar zunächst etwas Pech: Im Preis von Europa mussten die beiden drei Abwürfe in Kauf nehmen. Daraufhin titelte Deutschlands größtes Boulevard-Blatt: „Treckerfahrer aus Wedel darf mit Ferrari Nationenpreis reiten.“ Peter Luther war gekränkt. Den verantwortlichen Journalisten forderte er auf, erst am Ende des Turniers zu schimpfen. Doch dazu kam es nicht. Zwei Tage später sicherte sich das deutsche Team den Sieg. „Mein Mann hat ein unerschütterliches Selbstvertrauen. Er weiß, was er kann und was nicht – und das weiß er geschickt zu verbergen“, sagt Ulla Luther lächelnd.

 

Jeder Ehrenpreis erzählt seine eigene Geschichte. Foto: J. Toffi

Olympia 1984

1980, das Jahr des Derby-Siegs, Emotion pur. Triumph im anspruchsvollsten Springen der Welt. „Das ging unter die Haut! Früher war es nicht üblich, nach der Ziellinie zu jubeln. Mir war das in dem Moment egal, ich schmiss meinen Helm vor Freude in die Luft.“ Den Höhepunkt seiner Karriere erlebte Peter Luther schließlich 1984: Olympische Spiele. „Damals saßen die Reiter im Flugzeug vorn und die Pferde standen im hinteren Teil der Maschine. Wir konnten jederzeit zu ihnen gehen. Die anderen Passagiere wussten aber nichts davon.“ Livius sei in Topform gewesen, weiß Luther noch, als ob es gestern gewesen wäre. „Es war der zweite Umlauf. Vor mir war ein Amerikaner im Parcours. Das Stadion tobte. Livius war innerhalb von Sekunden klatschnass, dann mussten wir rein. Da standen ganz schöne Klamotten, aber Livius sprang toll. Wir hatten zwei Abwürfe. Das war mein Fehler. Ich habe so oft darüber nachgedacht. Ich habe vor der Kombination zu viel Druck gemacht, dabei hätte ich ihn einfach nur machen lassen sollen.“

Fünf erfolgreiche Jahre später sollte Livius‘ Karriere enden. „In Neumünster merkte ich, dass er schief ging. Da wusste ich, jetzt ist es vorbei.“ Zu diesem Zeitpunkt war der Wallach 17 Jahre alt. Er durfte auf die Wiese, bis er mit 25 Jahren starb. Auf dem Moorhof wurde Livius zu Ehren eine Blutbuche gepflanzt. Noch heute wird Peter Luther oft mit „Und Livius, wie isses?“ angesprochen.

Ullas Einkauf: Cöster

Der letzte Umzug der Familie war der nach Wittmoldt 1986 auf die Anlage, auf der Luthers bis heute leben und arbeiten. Nach dem aktiven Turniersport widmete sich Peter Luther weiterhin mit ganzem Engagement den Pferden. Er machte sich als Ausbilder und Züchter einen Namen, war in der Holsteiner Körkommission und gab weltweit Lehrgänge. Für seine außergewöhnlichen Verdienste ums Pferd wurden ihm sowohl die Fritz Thiedemann-Medaille als auch der Meteor-Preis verliehen. „Hab mal eine Frau, die das alles mitmacht“, sagt er wertschätzend. „Ulla hatte immer alles im Griff zuhause, obwohl sie keine Reiterin ist.“ Dabei war sie es, die ihrem Mann zu seinem prominentesten Pferdeverkauf verhalf. Sie erwarb ohne sein Wissen den Capitol-Nachkommen Cöster als anderthalbjährigen Hengst. Peter Luther bildete den Schimmel aus und verkaufte ihn an Marion Jauss, Christian Ahlmanns Sponsorin. Der Rest ist Geschichte: Ahlmann feierte mit Cöster, Lebensgewinnsumme 1,5 Millionen Euro, seine größten Erfolge – u.a. EM-Doppelgold, WM-Bronze und Bronze bei Olympia.

Bis heute steht Peter Luther seinem Sohn im Betrieb zur Seite. Allerdings: „Ich habe mir immer vorgenommen, meinen Kindern nie reinzureden. Auch wenn sie einen Fehler machen, die haben wir auch gemacht. Wenn man erst anfängt, sich einzumischen, verträgt man sich irgendwann nicht mehr.“ Seine eigene Reiterei hat er letztes Jahr an den Nagel gehängt. Er sei nicht der Typ fürs Spazierenreiten. Aber seine Enkel aufs Turnier zu begleiten, daran habe er großen Spaß.

Wenn man mit Peter Luther am Tisch sitzt, sieht man einen Mann, der glücklich und zufrieden ist. „Wir sitzen morgens auf der Terrasse mit Blick auf den Stall. Wir können jederzeit um die Ecke an den Platz gehen und beim Training zuschauen. Was kann man noch mehr vom Leben erwarten?“

Laura Becker

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