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Springreiter-Legende wurde knapp 92 Jahre alt

Zum Tod von Hans Günter Winkler

Fünf olympische Goldmedaillen, sieben olympische Medaillen insgesamt, zwei Weltmeistertitel und 105 Nationenpreiseinsätze – Hans Günter Winkler war eine einzigartige Persönlichkeit im Springsport und weit darüber hinaus. Nun trat er im Alter von knapp 92 Jahren von der Bühne ab.

Hans Günter Winkler hatte stets großen Wert auf Stil und eine perfekte Garderobe gelegt. Foto: Jacques Toffi

Viele ältere und alte Menschen erinnern sich noch sehr gut an Hans Günter Winkler, nicht allein seiner herausragenden sportlichen Erfolge wegen. Winkler machte den Leuten Mut. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat ein junger Mann quasi aus dem Nichts ins Rampenlicht. Er war einer von ihnen, kam aus bescheidenen Verhältnissen. Sein spektakulärer Olympiasieg 1956 mit seiner Wunderstute Halla machte ihn gewissermaßen unsterblich. Deutschland hatte wieder einen Helden, einen Menschen, dem man zujubelte – und zwar aus der ganzen Welt. Hans Günter Winkler war ein patriotischer Mensch. Er hatte stets betont: „Es war immer eine Ehre für mich, für Deutschland an den Start zu gehen.“

Flakhelfer im Krieg

Am 24. Juli 1926 wurde Hans Günter Winkler in Wuppertal geboren. Sein Vater war Reitlehrer und brachte ihn früh mit Pferden in Kontakt. 1938 siedelte Familie Winkler nach Frankfurt am Main um, der Vater übernahm dort die Leitung eines Reitstalls. Der zweite Weltkrieg kam. Winkler wurde Flakhelfer, sein Vater fiel, die Mutter wurde ausgebombt. Nach dem Krieg erging es Hans Günter Winkler wie Millionen anderen: Er hatte nichts, über seiner Zukunft stand ein Fragezeichen. Aber er wusste, was er wollte und dafür kämpfte er hart.

Der Gedenkstein für Halla steht in HGWs Warendorfer Garten. Foto: Jacques Toffi

„Ich wollte der erfolgreichste Springreiter der Welt werden. Ich wollte nie wieder arm sein. Wer einmal in seinem Leben gehungert hat, weiß Wohlstand zu schätzen.“ In Kronberg fand er eine Anstellung bei der US-Armee: als Reitlehrer. Unter seinen Schülern war damals auch Dwight D. Eisenhower, der spätere US-Präsident. Winkler ritt, gab Unterricht und machte nebenher eine kaufmännische Ausbildung. 1950 holte ihn Dr. Gustav Rau, der damalige Chef des Deutschen Olympiade Komitees für Reiterei (DOKR) nach Warendorf. In Warendorf hatte Hans Günter Winkler eine Begegnung, die sein Leben veränderte: Er traf auf Halla. „Sie galt als wenig zuverlässig in der Dressur und als ungeeignet fürs Springen“, erinnerte sich Winkler später. „Sie war eine Mischung aus Genie und irrer Ziege.“

Mit Muskelzerrung zu Gold

Mit Halla erreichte Winkler sportliche Unsterblichkeit: Bei den Olympischen Spielen 1956 in Stockholm erlitt Winkler im ersten Umlauf des Nationenpreises eine Zerrung in der Leiste.

Die Schmerzen waren unerträglich, aber Winkler wusste: Wenn er nicht in der zweiten Runde an den Start geht, platzt das gesamte Mannschaftsergebnis. Trotz Schmerzspritze schrie Winkler über einigen Hindernissen vor Schmerz auf, dennoch war er in der Lage, Halla die nötigen Hilfen zu geben und Halla übertraf sich selbst. Fehlerfrei beendeten die beiden den Parcours, es war der einzige Nullfehlerritt des Tages: Gold für die Mannschaft und Einzelgold für Halla und Winkler gab es dazu. Es war die Geburtsstunde von „Hans Günter Winkler – dem Idol“. Halla und Winkler wurden Deutsche Meister, Derby-Sieger, Weltmeister und erneut Olympiasieger. „Aber auch nach der Zeit mit Halla wollte ich zeigen, dass ich nicht nur mit ihr, wie alle dachten, der ‚Hans im Glück’ war.“ Mit sieben weiteren Pferden sammelte er ebenfalls Erfolge bei Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen.

1986 Abschied vom Sport

Am 13. Juli 1986 ritt er im Rahmen der Weltmeisterschaften seine letzte Ehrenrunde in der Aachener Soers und verabschiedete sich nach rund 35 Jahren aus dem aktiven Sport. Für den Sportsmann aber war das alles andere als ein Ende, es war der Beginn für einen neuen Abschnitt. HGW übernahm gemeinsam mit Herbert Meyer das Amt des Bundestrainers, er war Equipechef bei den Olympischen Spielen in Seoul 1988, bei denen die Mannschaft Gold und Karsten Huck Bronze in der Einzelwertung holte. Ende 1988 übernahm Winkler die Leitung des DOKR-Springstalls in Warendorf. 1991 gründete er im Alter von 65 Jahren, wenn andere sich zur Ruhe setzen, eine Firma: HGW-Marketing. „Von meiner Rente allein hätte ich nicht leben können“, erklärte er. Er veranstaltete Turniere, warb Sponsoren für den Sport und war als Berater in der Wirtschaft tätig. Fast nebenher führte der Vater von zwei Kindern zudem mit seiner vierten Frau, der Amerikanerin Debby (geborene Malloy), einen Turnierstall in Warendorf.

Treffen der Springsportgiganten und ewigen Konkurrenten beim CHIO in Aachen: Pierro d’Inzeo, der große italienische Springreiter, und Hans Günter Winkler haben sich in den Parcours nichts geschenkt. Foto: Jacques Toffi

Das Dreamteam der 1950er Jahre: HGW und Halla. Foto: Menzendorf-Archiv/ Deutsches Pferdemuseum Verden

Treffen der Springsportgiganten und ewigen Konkurrenten beim CHIO in Aachen: Pierro d’Inzeo, der große italienische Springreiter, und Hans Günter Winkler haben sich in den Parcours nichts geschenkt. Foto: Jacques Toffi

Bei allem Ehrgeiz und aller Zielstrebigkeit hat Winkler immer über den eigenen Tellerrand geschaut. So rief er beispielsweise unzählige Fördermaßnahmen für junge Springreiter ins Leben wie das HGW Nachwuchschampionat, den Goldenen Sattel, den Preis der Zukunft und die Golden UPS Trophy. „Der Sport hat mir unheimlich viel gegeben“, hob er stets hervor. „Vielleicht kann ich auch etwas zurückgeben.“

Zahlreiche Auszeichnungen

Für seine „herausragenden Verdienste um den Pferdesport“ wurde HGW mit dem Deutschen Reiterkreuz in Gold ausgezeichnet, er erhielt das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen. Unzählige Auszeichnungen zieren seinen Lebensweg, einige besondere drücken seinen einzigartigen Stellenwert in der Gesellschaft aus: die Ehrenbürgerschaft in seinem Heimatort Nachruf 11 Warendorf, die zweimalige Wahl zum Sportler des Jahres und die Wahl zum Sportler des Jahrzehnts. Im Jahr 2000 wurde Winklers Lebenswerk zudem von der Deutschen Sporthilfe mit der neu geschaffenen „Goldenen Sportpyramide“ gewürdigt, 2001 wurde ihm die FN-Ehrenmitgliedschaft verliehen. Dies ist nur ein Auszug aus der unendlichen Liste von Ehrungen und Auszeichnungen, ein Auszug, der stellvertretend erklärt: Hans Günter Winkler war der wohl engagierteste, einflussreichste und sportlichste Pferdemann seiner Zeit.

FN

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