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Ausbildungstipp: Wenn das junge Pferd unter dem Sattel „klemmt“

Youngster brauchen Motivation

Ein fünfjähriges Pferd, das seit einem Jahr unter dem Sattel ist, ist wahrlich ein Youngster – eine echte Remonte. Auf Pferde in diesem Alter muss der Reiter in besonderer Weise eingehen, will er nicht das gesamte „Pferdeleben“ ein Pferd mit besonderen Problemen besitzen. Wie der Reiter sein Pferd motivieren sollte, damit es sich mit Freude reiten lässt und sich unter dem Sattel willig von
alleine bewegt, erläutert FN-Ausbildungsbotschafter Christoph Hess.

In der Gruppe entwickeln fast alle Pferde Ehrgeiz. Triebige Pferde werden meist flotter, deshalb ist eine Runde durchs Gelände vor der Reitstunde ein probates Mittel. Fotos: J. Toffi

Frage: Wir haben vor einem Jahr für unsere Tochter ein talentiertes, vierjähriges Pferd gekauft, das gerade angeritten war. Inzwischen reitet sie das Pferd seit einem Jahr – aber wir sind sehr unzufrieden. Das Pferd mag nicht vorwärts gehen, ist „klemmig“ und scheint keine Freude unter dem Sattel zu haben. Das Pferd ist kerngesund, wie uns unser Tierarzt bestätigte. Was ist schief gelaufen?

Im Lehrbuch ist nachzulesen: „Auf das junge Pferd gehört der erfahrene Reiter“. Doch die Realität sieht häufig anders aus. Eltern erwerben für ihre Kinder begabte junge Pferde, die dann junge Menschen anreiten und über einen längeren Zeitraum „ausbilden“, ohne die dafür erforderliche Erfahrung zu besitzen. Ein Pferd, das seit einem Jahr unter dem Sattel ist, ist eine Remonte, die sorgfältig gymnastiziert werden muss, damit sie die für ein Reitpferd so wichtige Kondi­tion und Geschmeidigkeit erlangt. Vor dem Hintergrund der langfristigen Gesunderhaltung des Pferdes ist dies von zentraler Bedeutung. Das junge Pferd muss weiterhin aus diesem Gymnastizierungsprozess heraus die Lektionen lernen, die auf dem Niveau der Klassen A und L erforderlich sind. All das stellt für einen jungen Reiter eine große Herausforderung dar, die nur dann erfolgreich gemeistert wird, wenn ein Ausbilder regelmäßig Unterricht erteilt und das junge Pferd mitreitet. Vom Sattel aus wird er überprüfen, ob Ihr fünfjähriges Pferd sensibel an der treibenden Hilfe Ihrer Tochter steht oder nicht. Das Eingehen auf eine dezent treibende Hilfe des Reiters ist eine der wesentlichen Schlüsselqualifikationen, die ein junges Pferd bereits in den ersten Tagen seiner Ausbildung erlernen muss. Sonst wird es immer wieder zu Problemen kommen, die sich in zwei Richtungen entladen können. Das gehfreudige Pferd wird „heiß“, weil der wenig geschulte Reiter dieses Pferd oftmals zu handorien­tiert reitet. Er versucht, ein solches Pferd mit den Händen „zu bremsen“ – und dies mit „weggestreckten“ Unterschenkeln. Bei Ihrem fünfjährigen Wallach ist das Gegenteil der Fall: Ihr Pferd hat die Variante „Triebigkeit“ gewählt, so dass die treibende Einwirkung Ihrer Tochter verpufft. In diesem Fall, der in der Praxis relativ häufig auftritt, wird oftmals der folgende Fehler begangen: Reiter, die auf einem triebigen Pferd sitzen, versuchen ihr Pferd vor sich zu bringen, mit Hilfe immer stärkerer treibender Hilfen, einschließlich des Einsatzes von Gerte und Sporen. Dabei wird das Ziel verfolgt, das Pferd letztendlich sensibel auf ihre Hilfen reagieren zu lassen. Doch dieser Schuss geht immer nach hinten los. Je mehr der Reiter aufwendig treibt – und oftmals erfolgt dies in quetschender und drückender Weise mit dem Unterschenkel bzw. schiebender Weise mit dem Oberkörper bei festgestelltem Hüftgelenk – desto mehr klemmt das Pferd. Das Pferd wird sich nicht gehfreudiger bewegen. Stattdessen wird es sich weiter verspannen, und sich in seinem gesamten Körper festhalten und dadurch mehr und mehr die Freude an der natürlichen Vorwärtsbewegung verlieren. Deshalb gilt eine ganz wichtige Regel, die leider nicht immer berücksichtigt wird: Übermäßig ehrgeizige Pferde müssen mit einem gleichmäßig anliegenden – ja ansaugenden – Unterschenkel (Wade) geritten werden, während phlegmatische Pferde einen besonders geschmeidig in die Bewegung einschwingenden Reiter benötigen, der seine treibenden Hilfen aus guter Losgelassenheit heraus impulsartig einsetzt. Dabei muss er im Augenblick des Einsatzes seiner treibenden Hilfen mit beiden Händen in Richtung Pferdemaul vorfühlen und seinen Oberkörper gut in die Bewegung mit hineinnehmen. Es wäre fatal, würde er sich im Moment des Treibens gleichzeitig am Zügel unbewusst festhalten und dadurch ggf. sogar mit dem Oberkörper hinter die Bewegung kommen. In diesem Falle würde der treibende Effekt verpuffen und das Pferd wüsste nicht, was der Reiter von ihm verlangt, ja, es würde seinen Reiter missverstehen und seine Gehfreude würde weiter nachlassen.

Raus ins Gelände

Ich empfehle folgenden Weg: Ihre Tochter sollte zu Beginn der täglichen Trainingseinheit ihr Pferd in „leichter Weise“ arbeiten, das heißt, sie soll im Trab erst leicht traben und im Galopp den leichten Sitz mit seinen verschiedenen Entlastungsarten wählen. Nutzt sie diese Sitzform, so entgeht sie der Gefahr, dass sie im Sattel zu stark drückend und klemmend einwirkt.

Weiterhin bietet es sich an, vor Beginn der eigentlichen dressurmäßigen Trainingsarbeit ins Gelände zu gehen und dort hinter einem anderen Pferd hintereinanderher zu traben bzw. zu galoppieren. So entwickelt das Pferd aufgrund seines Herdentriebs Ehrgeiz. Auch ist es empfehlenswert, einen Teil der dressurmäßigen Arbeit im Gelände bzw. auf dem großen, offenen Reitplatz zu absolvieren. Je mehr auf einem Dressurviereck geritten wird, desto mehr wird ein zur Triebigkeit neigendes Pferd seine Gehfreude verlieren. Deshalb lautet die Devise „Raus in die Natur“.

Ein weiterer Weg, der sich häufig bewährt, ist das Longieren bzw. das Freilaufen lassen vor dem Reiten. Beim Longieren ist darauf zu achten, dass dies mit korrekter Ausrüstung auf einem dafür vorgesehenen Zirkel erfolgt (siehe Richtlinien Band 6). Beim Freilaufen lassen muss man berücksichtigen, dass dies in ruhiger Atmosphäre zu erfolgen hat. Die Pferde dürfen dabei nicht mit einer knallenden Peitsche verunsichert werden. Das gefühlvolle Nachtreiben mit einer Longierpeitsche – sowohl beim Longieren als auch beim Freilaufen lassen – ist in Ihrem Fall zu empfehlen. Doch darf all dies nicht unbedacht und kopflos erfolgen. Und noch ein Tipp: Lassen Sie Ihre Tochter zu Beginn jeder Ausbildungsstunde ausgiebig (mindestens 20 Minuten) Schritt reiten – und dies in einem fleißigen (nicht eiligen) Tempo. Gutes Schritt-Reiten vor der eigentlichen Reitstunde ist für Ihr Pferd sicher hilfreich und erleichtert Ihrer Tochter die sich anschließende Arbeit im Trab und im Galopp.

Ausgiebiges, mindestens 20-minütiges Schrittreiten in fleißigem Tempo vor der eigentlichen Reitstunde – gerne auch draußen rund um die Reitanlage – motiviert das junge Pferd und ist besonders bei „klemmigen“ Pferden sehr hilfreich.

Fazit

Fünfjährige Pferde, die seit einem Jahr unter dem Sattel sind, werden in ihrer Ausbildung „Ups and Downs“ durchlaufen. Auch eine Phase der Triebigkeit kann – wie in diesem Fall – mit dazugehören. Ein verstärkter Einsatz der Schenkelhilfen – oftmals unterstützt von unsachgemäßem Gebrauch von Gerte und Sporen – bewirkt häufig genau das Gegenteil, weil ein „klemmendes“ Pferd nur durch eine kurze, impulsartige treibende Hilfengebung zu korrigieren ist.

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