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Persönlichkeiten der Pferdeszene: Horst Karsten

Olympia im Herzen

Er gehörte über 20 Jahre zur Weltspitze der Vielseitigkeitsreiter.
Eines hatte Horst Karsten dabei immer besonders im Fokus:
die Olympischen Spiele. Nichts konnte seine Faszination für das sportliche Großereignis schmälern, weder etliche Championats­medaillen noch die schlimmste Niederlage seiner Karriere.

Vielseitigkeitslegende Horst Karsten feierte am 1. Januar dieses Jahres seinen 80. Geburtstag.
Foto: Jacques Toffi

Olympische Spiele sind das Höchste, was ein Sportler erreichen kann. Das sagt einer, der es wissen muss. Der dafür lebte. Und für den die Vielseitigkeit Passion und größte Herausforderung in einem war. Der ehemalige Buschprofi Horst Karsten hat an insgesamt neun (!) Olympischen Spielen teilgenommen. Viermal war er als Reiter dabei, fünf Spiele begleitete er als Bundestrainer. Neunmal Olympia bedeuten über drei Jahrzehnte Spitzensport. Davon zeugen zahlreiche Fotos. In schwarz-weiß, eingerahmt schmücken sie jeden freien Platz im Wohnzimmer des Reitmeisters, der mit Silvesterfeuerwerk und über 100 Gästen am ersten Tag dieses Jahres seinen 80. Geburtstag feierte.

Auf einem Bild zu sehen ist der Sprung mit seiner Stute Condora über einen mächtigen Birkenoxer. Olympia in Tokio, 1964. Sein internationaler Durchbruch. Horst Karsten trägt eine einfache Schiebermütze, Condora lediglich Sattel und Trense. In Zeiten von splittersicheren Reithelmen, Airbagwesten und Hightech-Gamaschen undenkbar. Damals üblich. Karsten bestritt die meisten Wettkämpfe in den 60er- und 70er-Jahren als die Vielseitigkeit noch Military hieß und sich das Gelände aus vier Phasen zusammensetzte: der ersten Wegestrecke, der Rennbahn, der zweiten Wegestrecke und der Querfeldeinstrecke, insgesamt 25 bis 30 Kilometer lang. Stürzte ein Teilnehmer, konnte er wieder aufsteigen und weiterreiten. Das vorgegebene Gewicht für alle Reiter lag bei 75 Kilogramm mit Sattel, dass man notfalls mit Bleiplatten in Satteltaschen oder durch Einschränkungen im Speiseplan erreichte.

„Vielseitigkeit war alles für mich“, sagt Horst Karsten aus tiefstem Herzen über eine Disziplin, die von Reiter und Pferd so unendlich viel Mut, Leistungswillen und Können abverlangt. „Und das ist auch so geblieben. Davon kommt man nicht mehr los. Man ist aufgeregt vor dem Geländestart. Auf der Strecke ist man völlig mit sich und seinem Pferd beschäftigt. Man kämpft gemeinsam. Im Ziel fällt alle Anspannung ab und man freut sich einfach nur. Das ist einmalig.“ Horst Karstens Augen funkeln.

Heute undenkbar, damals gang und gäbe: Ohne Helm und Schutzkleidung reitet Horst Karsten Condora über die dicken Hindernisse. Foto: privat

Im „Nebenjob“ war Horst Karsten als Jockey aktiv. „Renn­reiten fördert den leichten Sitz.“ Foto: privat

Obwohl Horst Karsten mit Siuox 1972 bei den Olympischen Spielen in München „die Niederlage meines Lebens“ erlitt, bezeichnet er den Schimmel als sein bestes Pferd. Foto: Menzendorf. Leihgabe Niedersächsische Sparkassenstiftung und Kreissparkasse Verden im Deutschen Pferdemuseum, Verden/Aller

Premiere in Tokio

Er wohnt mit seiner Frau Ingeborg in Delmenhorst südwestlich von Bremen, am Stadtrand. Nur einen Steinwurf entfernt, auf der anderen Straßenseite, steht noch heute der Stall, in dem seine Pferde untergebracht waren. Mittlerweile sind die Boxen leer, Fenster und Türen sind verschlossen, aber als Mitglied des Bundeskaders bereiste Horst Karsten von dort die ganze Welt. Seine Familie wusste er als Unterstützung hinter sich. In Tokio, Japan, erlebte er seine ersten Olympischen Spiele. Erstmals trat eine gesamtdeutsche Mannschaft an. Zwei Reiter aus der ehemaligen DDR sowie Fritz Ligges und der frisch verlobte Horst Karsten aus der Bundesrepublik. „Das erste Mal dabei, das war schon was“, erinnert sich der Senior. „Ich hatte eine Glückskette von Ingeborg in der Tasche.“

Medaille einkassiert

Mit der selbstausgebildeten Anglo-Araberstute Condora v. Condor lieferte der damals 28-Jährige Bestleistungen ab, blieb in allen drei Teilprüfungen unter den Top Ten und wurde Sechster. Fritz Ligges, der später sein Trauzeuge werden sollte, holte Einzel-Bronze und auch die Mannschaft gewann Bronze. Was allerdings danach passierte, hinterließ einen faden Beigeschmack. Es gab nur eine einzige Medaille für das ganze Team, die Horst Karsten als zweitbester Mannschaftsreiter bekam. Nach der Siegerehrung sah sich ein DDR-Funktionär die Medaille an – und weigerte sich schließlich, sie wieder zurückzugeben. Selbst eine offizielle Beschwerde blieb erfolglos. Als Ersatz fertigte das DOKR später eine originalgetreue Kopie der Medaille an, die bis heute in Horst Karstens Sammlung hängt. Ein kleiner Trost.

Der Pferdestall ist längst geschlossen. Vor sechs Jahren stieg Horst Karsten zum letzten Mal in den Sattel. Foto: Jacques Toffi

Gelände unter Wasser

Vier Jahre später ging die Reise nach Südamerika. Mexiko war 1968 olympischer Gastgeber. Horst Karsten vertrat Deutschland mit dem erst sechsjährigen Wallach Adagio. Die beiden waren gut vorbereitet und optimistisch. Allerdings fand die Military unter katastrophalen Bedingungen statt. Am Geländetag brach nach der Hälfte der Starter ein Unwetter los. Die Strecke verwandelte sich in eine Schlammgrube, Flussläufe in reißende Bäche, die Hindernisse standen teilweise unter Wasser. Horst Karsten und Adagio meisterten den Kurs dennoch ohne Fehler bis zum vorletzten Hindernis, bei dem der Absprung überflutet war. Adagio blieb hängen und Horst Karsten flog aus dem Sattel. Am Ende reichte es nur für Rang elf, das Team wurde Fünfter. Die Stimmung war getrübt – und doch blieb Horst Karstens Begeisterung für Olympia ungebrochen. „Das Besondere an Olympischen Spielen ist schwer in Worte zu fassen. Es ist das größte Sportereignis der Welt. Europameister und Weltmeister vergisst man wieder. Ein Olympiasieger bleibt für immer. Es ist aber auch die Atmosphäre während der Wettkampftage, das olympische Dorf, die vielen Nationen – unbeschreiblich.“

Galopprennen

Horst Karsten, der 1936 in Elsfleth-Fünfhausen bei Oldenburg geboren wurde, bei seinem Onkel Reiten lernte und eine Landwirtschaftslehre absolvierte, hat hart gearbeitet, um zur Busch-Elite zu gehören. Er war fleißig und zielstrebig – und er hatte Glück. Mit Hinrich Weyhausen, Chef der gleichnamigen Delmenhorster Maschinenfabrik, und dessen Familie fand er mit 23 Jahren einen Arbeitgeber und Mäzen, der ihn seine gesamte Karriere lang unterstützte. Horst Karsten übernahm die Leitung von Weyhausens Stall mit zwölf Boxen und widmete sich den Pferden und dem Training. Zunächst in Dressur und Springen, dann stieg er in die Military ein. 1962 wurde er in Luhmühlen zum ersten Mal Deutscher Vize-Meister. Ein Jahr später sicherte er sich sowohl den Deutschen Meistertitel als auch den Vizetitel.

Sioux auf Glas ziert die gute Stube bei Familie Karsten. Foto: Jacques Toffi

Neben dem aufwändigen Training der Buschpferde und dem vollen Turnierkalender, fand der nicht zu groß gewachsene, drahtige Horst Karsten noch Zeit für eine weitere Disziplin: Galopprennen. „Das war gut, um das Reiten mit kurzen Bügeln zu trainieren und ein Gefühl für das Tempo und das Vorwärtsreiten zu bekommen. Denn eines habe ich im Gelände gelernt: Man muss sein Pferd drei bis vier Galoppsprünge vor dem Sprung aufmerksam machen und darf es dann nicht mehr stören, damit es sich konzentrieren kann.“

Sioux nicht zu halten

Bei den Olympischen Spielen in München 1972 setzte Horst Karsten auf Sioux, einen schicken Schimmelwallach v. Sinus mit etwas großem Kopf. „Ein Kraftpaket, ein Galoppierer“, so der Senior, „und ein eigenwilliges Pferd. Wenn man ihn über sein Tempo ritt, war er nicht zu regulieren. An seinen Zügeln waren Schlaufen angenäht, um ihn besser unter Kontrolle zu halten.“ Der Wettkampf fing vielversprechend an. Das Paar führte nach der Dressur. „Sioux war allerdings schon auf der Rennbahn kaum noch zu halten. Auf der Querfeldeinstrecke sprang er die ersten beiden Sprünge sehr verhalten. Nach einer kleinen Aufforderung fing er unkontrolliert an zu rennen. Am Wasser, Sprung 15, ist es dann passiert: Beim Einsprung hat er die Beine verloren. Wir sind gestürzt. Ich habe mich wieder aufs Pferd gequält und Sioux stürmte weiter. Am drittletzten Sprung, einem Coffin, stürzten wir ein zweites Mal – dann gab ich auf. Ich konnte nicht mehr.“ Er habe Sioux’ Training im Vorfeld übertrieben, der Wallach sei fast geplatzt vor Kraft. Das sei schlichtweg zu viel des Guten gewesen, fasst er sachlich zusammen.

Ehefrau Ingeborg rückt das Fan-Out­fit ihres Mannes zurecht, denn Horst Karsten ist glühender An­hänger des SV Werder Bremen. Foto: Jacques Toffi

Schlimmste Niederlage

Horst Karsten hat Abstand gewonnen zu den Ereignissen. Seine Stimme ist entspannt, wenn er erzählt, und doch lässt er erahnen, wie viele Male er seinen Ritt in Gedanken durchgegangen ist, immer und immer wieder, wie enttäuscht und frustriert er gewesen sein muss. Dass sein Team auch für ihn Bronze gewonnen hatte, half nicht besonders. München bezeichnet er bis heute als die Niederlage seines Lebens. „Wenn ich könnte, würde ich diesen Kurs gerne noch einmal reiten – anders und besser.“ Über Sioux sagt Horst Karsten trotzdem, dass er sein bestes Pferd gewesen sei. Was wirklich in ihm steckte, zeigte der Wallach in den Jahren nach München. Er gewann EM-Teamgold, -silber und -bronze sowie EM- und WM-Einzelbronze.

Rückzug 1986

Die vierten und letzten Olympischen Spiele als aktiver Reiter erlebte Horst Karsten 1984 in Los Angeles. Allerdings saß er nicht selbst im Sattel. Unglücklicherweise verletzte sich sein Wallach Takar in der Vorbereitungsphase, so dass er ihn vor dem Wettbewerb zurückziehen musste und der Ersatzreiter zum Zuge kam. Das Team holte Bronze. Zwei Jahre später beendete Horst Karsten seine aktive Karriere. 1988 übernahm er an der Seite von Martin Plewa den Posten des Bundestrainers. Plewa kümmerte sich um das Management, Karsten um das Training. „Dabei waren meine Erfahrungen im Sattel hilfreich. Wenn man etwas vormachen kann, glauben die Schüler das auch.“ 12 Jahre lang begleitet Horst Karsten den deutschen Championatskader. „Als Trainer ist man noch aufgeregter als der Reiter. Der galoppiert los und ist voll konzentriert. Aber als Trainer hat man es dann nicht mehr in der Hand. Vor allem fiebert man nicht nur bei einem, sondern gleich bei mehreren Ritten mit. Das ist ganz schön aufregend.“

Horst Karstens Medaillen

Olympische Spiele: Team-Bronze in Tokio, 1964 und München, 1972

Weltmeisterschaft: Team-Bronze in Burghley, 1974

Europameisterschaften: Team-Gold in Kiew, 1973 (Einzel-Bronze); Team-Silber in Burghley, 1977 (Einzel-Bronze); Team-Bronze in Haras du Pin, 1969, und Luhmühlen,1975; Einzel-Bronze in Moskau, 1965

Deutsche Meisterschaften: fünf Meister-Titel 1963, 1965, 1973, 1977, 1981, vier Vize-Titel 1962, 1963, 1966, 1970, zweimal Bronze 1967, 1975

Gold nach 52 Jahren

Bei seinem olympischen Trainer-Einstand 1988 in Seoul gewann sein Team Gold, das erste Mal nach 52 Jahren. „Das war eine ganz gelungene Premiere“, sagt er heute bescheiden. Nach den Spielen in Südkorea folgten Barcelona (1992, Team-Bronze), Atlanta (1996) und Sydney (2000). Dann gab Horst Karsten das Amt des deutschen Bundestrainers ab. Seine letzten Olympischen Spiele erlebte Horst Karsten in Athen 2004 – allerdings unter österreichischer Flagge, denn er trainierte vier Jahre lang den Nationalkader des deutschen Nachbarlandes. Unter seiner Ägide konnten die Österreicher erstmals seit 1972 wieder ein Olympia-Team stellen.

Als Trainer gefragt

In den letzten zehn Jahren ist Horst Karsten, der als erster Deutscher in der Hall of Fame der internationalen Vereinigung der Vielseitigkeitsreiter aufgenommen wurde, kürzer getreten. Seit einem Sturz vor sechs Jahren ist Schluss mit der eigenen Reiterei. Doch sein unerschöpfliches Fachwissen gibt er nach wie vor weiter. Seine beiden Töchter Dörthe und Imke waren international erfolgreich in der Vielseitigkeit am Start, er hat Weltmeisterin Sandra Auffarth trainiert, ist internationaler Vielseitigkeitsrichter und Autor des Klassikers „Das Militarypferd“. Die deutschen Nachwuchsreiterinnen Pauline Knorr und Jule Wewer profitieren von seinem Unterricht sowie u.a. Ina Tapken und sein langjähriger Schüler Cord Myse­gaes. „Ich bin noch viel unterwegs. Das hält mich jung und ich weiß, was los ist“, betont der Senior.

Grundlegend verändert

Vor allem hat er dadurch den Wandel der Vielseitigkeit hautnah miterlebt. 2004 wurde das Prüfungsformat verändert. Seitdem gibt es keine Rennbahn und Wegestrecke mehr. Die Sicherheitsstandards sind so hoch wie nie zuvor, das Design eines Kurses ist ein völliges anderes geworden. „Früher auf der Rennbahn – da kamen die Pferde angaloppiert ‚tatamtatam‘ – das war ein Traum. Das war Military. Etwas Besonderes. Bei einer Deutschen Meisterschaft sind wir 25 Kilometer geritten, heute sind es vier bis fünf. Die Sprünge einer Geländestrecke waren groß und wuchtig und der Natur angepasst, ein stimmiges Bild. Alternativen gab es nicht. Heutzutage sind die Sprünge künstlerisch von einem Tischler gestaltet, schmal und technisch.“ Durch die Möglichkeit, Alternativen mit einem längeren Weg zu reiten, sei das Tempo höher geworden, erklärt er weiter. „Von den Voraussetzungen, die die Reiter mittlerweile vorfinden, wie den perfekt präparierten Trassen, hätten wir damals nur träumen können. Der Sport hat sich grundlegend verändert, aber er zieht mich immer noch genauso in seinen Bann wie früher.“ Weltreiterspiele und Europameisterschaften besucht Horst Karsten, der bekennender Werder Bremen-Fan ist, nach wie vor gerne. Olympische Spiele allerdings sieht er sich lieber per Fernsehübertragung an. „Olympia ist streng geregelt, als Besucher kann man sich nur sehr eingeschränkt bewegen. Wenn man so oft wie ich dabei war, ganz dicht dran, und jetzt nur noch hinterm Zaun stehen darf, geht der Zauber etwas verloren. Dann fiebere ich lieber am Bildschirm mit, dafür umso euphorischer.“ Das wird Horst Karsten auch tun, wenn in rund sechs Monaten das Olympische Feuer in Rio entfacht wird. Und er wird das ein oder andere Mal an seine eigenen Ritte zurückdenken.

Laura Becker

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