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Olympia im Herzen

Die Bedeutung der Longenführer im Voltigiersport

Starke Partner im Hintergrund

Ohne ihre Arbeit könnten die Voltigiersportler kaum derart akrobatische Übungen auf dem Rücken eines Pferdes ausführen. Dennoch stehen die Longenführer meist ein wenig im Abseits und werden von den Medien und der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Kleiner Fortschritt: Seit sechs Jahren erhalten auch sie eine Medaille auf den großen Championaten.

Nur wenn das Pferd gleichmäßig, gelassen und ausbalanciert galoppiert, können die Voltigiersportler ihre Übungen exakt ausführen. Das Foto zeigt die Weltmeister aus Neuss-Grimlinghausen. Foto: Stefan Lafrentz

Von Kai Vorbergs „Mozart-Kür“ auf seinem Schimmel Picasso schwärmen heute noch viele Menschen. Der zweimalige Weltmeister, der seit seinem Karriereende bei der FN arbeitet und den Voltigiersport als Disziplintrainer an der Seite von Bundestrainerin Ulla Ramge betreut, hatte Maßstäbe gesetzt – Maßstäbe für die perfekte Symbiose aus präzisem Turnen, ausgefeilter Choreographie und nicht zuletzt Schau. An seine Partnerin an der Longe, Kirsten Graf, erinnern sich hingegen nur noch die Insider des Voltigiersports. Ulla Ramge sagt: „Kai, Kirsten und Picasso, das war ein echtes Dreamteam.“

Entscheidender Anteil

Ob die Medaillen Vorbergs bei Welt- und Europameisterschaften auch mit einem anderen Longenführer möglich gewesen wären sei mal dahingestellt, sicher ist jedoch, dass ohne ein perfekt vorbereitetes und trainiertes Pferd, das hundertprozentiges Vertrauen zu seinem Menschen an der Longe hat, kein Einzel-Voltigiersportler oder keine Gruppe Spitzenleistungen erbringen kann. Für Laien sieht das lediglich so aus, als ob jemand in der Mitte des Zirkels das Pferd festhält – eine grobe Fehleinschätzung des tatsächlichen Zusammenspiels aller Beteiligten. Ulla Ramge erläutert: „Der Longenführer hat ganz entscheidenden Anteil am Erfolg.“ Das hat auch der Weltverband FEI erkannt und überreicht seit sechs Jahren auch den Longenführern eine Medaille. Aber er nimmt ihn auch stärker in die Pflicht. Bei Medikations- oder Dopingfällen etwa ist der Longenführer genauso „responsible person“, also verantwortlich, wie der Sportler. Das gibt es nur in dieser Disziplin, bei den Reitern oder Fahrern wird allein der Sportler zur Rechenschaft gezogen, aber beim Voltigieren sind es zwei Personen.

Manager des Pferdes

Der Longenführer ist der Manager des Pferdes. In den allermeisten Fällen übernimmt er die Ausbildung und das Training, in der Regel über viele Jahre, bis das Pferd ausgereift ist. Lediglich zwei-, höchstens dreimal pro Woche wird im gehobenen Turniersport und im Spitzensport voltigiert, die restliche Zeit ist Ausgleichssport fürs Pferd ausgesagt. Die meisten Longenführer sind passable bis sehr gute Reiter, die das Pferd gymnastizieren und auf die körperlichen Herausforderungen im Wettkampf vorbereiten. Bundestrainerin Ulla Ramge erläutert: „Voltigieren ist kein Ausdauersport. Die Pferde brauchen aber eine Grundausdauer. Einen guten Trainingszustand erreichen wir mit Gymnastizieren, Intervalltraining, Dressurarbeit, Cavalettiarbeit oder auch mit Springen kleiner Parcours. Gerade das Springen lockert die Rückenmuskulatur. Dazu kommen Auslauf auf Paddocks oder Weiden und Ausritte zur psychischen Entspannung des Pferdes.“ Im Leistungssport läuft das Pferd immer auf der linken Hand. Um keine zu einseitige Belastung zu riskieren, muss also der gesamte Bewegungsapparat mit seiner Muskulatur gestärkt werden. Die Bewegungsqualität eines Voltigierpferdes, ihr Gleichmaß, ihr Schwung usw. sind heute wichtiger denn je. Sah man früher schon mal Pferde, die mit unsauberem Galopp, einem „Tralopp“, ihre Runden drehten, braucht man diese heute nicht mehr vorzustellen. Spätestens seit Einführung der Pferdenote vor knapp zehn Jahren, für die ein eigener Richter zuständig ist, muss auch das Pferd punkten.

Alexander Hartl, einst einer der besten deutschen Einzelvoltigier mit internationalen Erfolgen auf Europameisterschaften, zählt heute zu den erfolgreichsten Trainern und Longenführern. Mit der Gruppe Ingelsberg erreichte er unter anderem drei Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften. Foto: Daniel Kaiser

Kraft und Balance

Voltigieren ist aber auch Kraftsport. Das Pferd braucht eine kräftige Hinterhand, denn nur aus ihr kann es über den Rücken schwingen und eine schöne Selbsthaltung erreichen. Das Erfolgsrezept bringt die Bundestrainerin so auf den Punkt: „Das Pferd muss sich gemeinsam mit dem Sportler in jeder Sekunde ausbalanciert auf einer gebogenen Linie bewegen können.“ Klingt ganz einfach, ist es aber nicht. Davon können alle Longenführer ein Lied singen. Denn über die rein körperlichen Anforderungen an ein Voltigierpferd, das nicht selten ein Stockmaß von 1,80 Meter hat, ist der ebenso entscheidende Faktor das Vertrauen des Pferdes zu seinem Longenführer.

Starke Nerven

Die Pferde brauchen ein gutes Nervenkostüm. Bei immensem Krach und Gekreische der Fans betreten sie die Arena, müssen von einer auf die andere Sekunde im Wettkampf konzentriert ihren „Job“ machen und sind kurz darauf wieder von ohrenbetäubendem Lärm auf den Zuschauerrängen umgeben. Mancher Vierbeiner würde in Panik geraten, die Voltigiercracks unter ihnen haben im Laufe der Zeit gelernt, mit der Geräuschkulisse umzugehen – auch dank ihres Vertrauens zu den Longenführern.

Jessica Lichtenberg, vormals Schwarz, war in den vergangenen Jahren die erfolgreichste Longenführerin und Trainerin Deutschlands. Zahlreiche Goldmedaillen bei Welt- und Europameisterschaften sowie bei den natio­nalen Titelkämpfen mit der Gruppe Neuss-Grimling­hausen gehen auf ihr Konto. Foto: Daniel Kaiser

Pferdetausch

Oft stellen beispielsweise bei Weltcupprüfungen die Sportler ihre Pferde den Konkurrenten zur Verfügung, weil diese eine zu lange oder finanziell zu aufwändige Anreise mit ihren eigenen Pferden gehabt hätten. Der „Pferdetausch“ funktioniert im Voltigieren nahezu reibungslos. „Auch das ist ganz klar Verdienst der Longenführer, dass die Pferde auch mit fremden Menschen auf ihrem Rücken eine Topleistung abliefern“, erklärt Ula Ramge.

Das richtige Händchen für Pferde zu haben, ist natürlich Voraussetzung, um ein guter Longenführer zu werden. „Es gibt einige in der Szene, denen kann man jedes Pferd in die Hand drücken, und es funktioniert“, so Ramge. Agnes Werhahn, die die Gruppe Neuss-Grimlinghausen über Jahre oder gar Jahrzehnte von einem Erfolg zum nächsten geführt hatte, ist so eine begnadete Pferdefrau. Auch Hanne Strübel oder Alexander Hartl, der einst selbst Spitzen-Voltigierer war, haben den siebten Sinn für ein Voltigierpferd. Und natürlich Kirsten Graf oder Alexandra Kauf, die mit Kai Vorberg bzw. Patrick Looser Weltmeisterschafts-Gold erreichten.

Aus der Vereinsbasis

Als Longenführer wird man natürlich nicht geboren. Einige wechseln aus dem aktiven Lager nach Beendigung ihrer sportlichen Laufbahn ins Amt des Longenführers, wie Alexander Hartl. Andere wachsen aus der Vereinsbasis hinein. Ulla Ramge: „Meine Mutter ist ein typisches Beispiel. Sie wurde damals in unserem Verein gefragt, ob sie den Voltigierunterricht unterstützen könne. Sie war Reiterin und hatte schon das Reit- und Fahrabzeichen. Dann hat sie festgestellt, dass ihr die Arbeit an der Longe unheimlich viel Spaß macht und sie auch das richtige Gefühl dafür hat. Sie meldete sich zu einem Voltigierwart-Lehrgang an, die Longierabzeichen gab es noch nicht. Und so haben es vielen Menschen erlebt, die später als Longenführer erfolgreich wurden.“

Früher kamen alle Longenführer aus dem Reitsport und brachten das Wissen im Umgang mit dem Pferd mit. Viele von ihnen starteten auch im Turniersport. Heute nimmt die Zahl der Spezialisten für Pferdeausbildung oder Akrobatik unter den Longenführern zu, aber den Sattel kennen sie alle. „Ich wüsste von keinem Longenführer, der nicht selbst mal geritten ist. Ich glaube auch nicht, dass man an der Longe gut sein kann, wenn man vorher überhaupt keinen Bezug zu Pferden hatte.“
Ohne Qualifikation geht es auch für Longenführer nicht. Im Turniersport ist die FN-Jahresturnierlizenz Longieren Pflicht, also der Longenführerausweis, analog zum Reitausweis. Voraussetzung ist dafür der Besitz eines Longierabzeichens oder eine Trainerlizenz im Pferdesport.

Susanne Hennig

Europameister Jannis Drewell aus Steinhagen:

Mutter Simone an der Longe

Ihm gelingt derzeit alles: Jannis Drewell, 24-jähriger Deutscher Meister, Europameister und Weltcup-Führender, trainiert mit seiner Mutter Simone, die ihn seit zehn Jahren auch als Longenführerin begleitet.

Simone Drewell begleitet ihren Sohn Jannis (siehe Titel­foto dieser Ausgabe) seit vielen Jahren an der Longe und als Trainerin. Foto: Daniel Kaiser

„Muttersöhnchen? Nein, das bin ich nicht und das hat mir auch noch niemand unterstellt.“ Jannis Drewell weiß seine Mutter Simone sehr zu schätzen, denn mit ihr ist sein steiler Aufstieg engstens verbunden. Simone Drewell ist alles in einer Person: Mutter, Managerin, Trainerin und Longenführerin. „Wir kennen uns in- und auswändig und wissen, wie wir den anderen zu nehmen haben. Wir sind froh, dass es so ist“, sagt der Sportsoldat der Bundeswehr, der im westfälischen Steinhagen lebt.

Simone Drewell hat selbst Erfahrungen im Voltigieren, allerdings nicht im Spitzensport. Ihren Sohn Jannis betreut sie, seit er anfangs in der Gruppe voltigierte. Seit gut zehn Jahren startet er als Einzelvoltigierer. Die Karriere nahm 2010 ihren Anfang: Platz fünf bei der Deutschen Meisterschaft. Drei Jahre später war es schon die Silbermedaille bei den nationalen Titelkämpfen mit Lago Maggiore. Es folgte der Meister-Titel im vergangenen Jahr. Diesmal hieß sein vierbeiniger Partner Diabolus, ein mächtiger Schimmelwallach, der seit elf Jahren bei Familie Drewell lebt. „Ich hänge sehr an ihm“, sagt Jannis.

Mit Diabolus erreichte der junge Mann auch seinen bislang größten Triumph: Die Goldmedaille bei der Euro­pameisterschaft im vergangenen Jahr in Aachen. Die Stadt Steinhagen ehrte ihren Helden mit einem rauschenden Empfang im Rathaus.

Die Erfolgsserie riss nicht ab, im Gegenteil. In seiner ersten Weltcup-Saison münzte Drewell seine drei Starts in drei Siege um, zweimal mit Lago Maggiore und zuletzt in Leipzig mit Diabolus. Nun können sich Mutter und Sohn voll auf das Weltcup-Finale konzentrieren. Dieses findet vom 4. bis 6. März im Rahmen des Dortmunder Hallenturniers statt, nachdem der ursprünglich vorgesehene Veranstalter in Wien einen Rückzug gemacht hatte.

Analyse per Film

Simone Drewell ritt bis vor ein paar Jahren die familieneigenen Voltigierpferde selbst im Training, heute sitzt Jannis Schwester Schirin im Sattel. Aber ansonsten hält Mutter Simone alle Fäden in der Hand und sorgt dafür, dass Diabolus konditionsstark, fit und gesund in den Wettkampf starten kann. Das Training wird immer mit dem Tablet gefilmt. „Es ist nicht so leicht, sich als Trainerin zugleich auf das Pferd und den Sportler zu konzentrieren. Deshalb analysieren wir die Trainingseinheiten per Film und schauen, wo wir Verbesserungsbedarf haben.“

Was Simone Drewell besonders am Voltigiersport reizt, der mit viel Zeitaufwand und nicht unerheblichem finanziellen Engagement verbunden ist, bringt sie auf eine kurze Formel: „Die Zusammenarbeit mit dem Pferd und dem Sportler bereitet unheimlich viel Freude.“ Und Jannis macht es seiner Mutter auch nicht schwer. „Er ist unheimlich willensstark und diszipliniert, ich muss ihn nie zum Training anhalten“, sagt sie begeistert.

hen

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