Heinrich-Wilhelm Johannsmann über seine Seminare

Vom Nationenpreis an die Basis

Der vielfache Nationenpreisreiter und international gefragte Ausbilder hat seine Tournee durch das Land unter das Motto „Die Geheimnisse effektiven Springreitens“ gestellt. Drei Seminare in Böblingen, Berlin und München haben mit jeweils 100 bis 120 Teilnehmern bereits stattgefunden. „In den nächsten zwei Jahren möchte ich in allen Bundesländern Seminare gegeben haben.“ Um sich auf seine neue Aufgabe vorzubereiten und sich ein Bild von der Situation an der Basis zu verschaffen, hat sich Johannsmann im vergangenen Jahr auf ländlichen Turnieren unzählige Springprüfungen angeschaut. „Ich habe keine krassen Defizite gesehen, aber doch einiges, von dem ich glaube, dass ich es positiv beeinflussen kann“, so sein Fazit.

Der „Kaiser“

Seinen Spitznamen bekam Heinrich-Wilhelm Johannsmann von seinem Lehrmeister, bei dem er eine Ausbildung zum Sattler machte. Bis heute nennt die gesamte Springsportszene den 63-Jährigen nur „Kaiser“. Nach seiner Sattlerlehre absolvierte der in Gütersloh geborene Züchtersohn Johannsmann eine Bereiterlehre im Stall Gössing. Seinen Wehrdienst leistete er in der Bundeswehrsportschule in Warendorf ab, wo er unter anderem bei Hans Günter Winkler trainierte. 1978 startete Johannsmann seine internationale Turnierkarriere. Mit Sarto und Chico nahm er an Nationenpreisen teil und gehörte zum Team der Weltmeisterschaft. Ein Jahr später kehrte der „Kaiser“ mit der Mannschafts-Silbermedaille von der Europameisterschaft heim. Nach seiner Rückkehr zu Lutz Gössing begann die zweite Turnier-Ära des Kaisers. Er fand mit Garlic und Wendy erneut den Anschluss an die Weltspitze. Seine dritte internationale Karriere begann 1997, als er die Hengste des Nordrhein-Westfälischen Landgestüts, Gralshüter, Potsdam und Prosario, in Beritt nahm. Bis 2005 war er auf vielen internationalen Turnieren zu Hause und arbeitete parallel als Honorartrainer für das Deutsche Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR). Von 2011 bis 2013 war Johannsmann Trainer und Equipechef des Springteams der Ukrainer, das er zu den Olympischen Spielen nach London begleitete.

„Tolle Pferde“

Ein Seminar bei „Kaiser“ Johannsmann beginnt mit dem gemeinsamen Parcoursaufbau. „Die Reiter sind es oft gewohnt, dass der Parcours schon fertig in der Halle steht. Aber schon beim Hindernisse aufbauen und Distanzen abmessen, können sie eine ganze Menge lernen“, erklärt er. Die Hindernisse stehen in seinen Seminaren immer an der gleichen Stelle. „Mit diesem speziellen Parcours haben wir schon im Stall Beerbaum trainiert, denn die Linien bleiben dabei frei, so dass wir die Pferde zwischen den Sprüngen immer wieder dressurmäßig arbeiten können“, erklärt er.

Basiswissen aus den Richtlinien und einen Überblick über die Zusammenhänge, warum auch die dressurmäßige Arbeit für Springpferde wichtig ist, versucht er in seinem Seminar zu vermitteln. „Bei vielen Seminarteilnehmern ist der korrekte Ausbildungsweg eines Pferdes gar nicht bekannt“, erklärt Johannsmann. „Die Reiter heute haben unheimlich tolle Pferde – häufig sogar schon in den niedrigeren Klassen.“ So würden Reiter mit guten Pferden auf Turnieren oft sehr schnell schon erfolgreich in den höheren Klassen starten. Das sei natürlich ein großer Vorteil für die Reiter, für die Ausbilder aber manchmal auch ein Problem. „Wie vermittele ich jemandem, der schon M-Springen reitet, nachträglich noch das fehlende Basiswissen?“

Interieur des Pferdes

Zu Beginn seines Seminars fragt Heinrich-Wilhelm Johannsmann alle Teilnehmer nach ihrem Leistungsstand und nach dem Interieur ihres Pferdes. „Schreckhaft und ängstlich sind die Pferde heute kaum noch, viel mehr übermotiviert und zu ehrgeizig.“ Vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Pferd-Reiter-Paare ist es das Ziel seiner Seminare, mit verschiedenen Übungen und Aufgabenstellungen die dressurmäßige Basisausbildung zu verbessern und gleichzeitig rhythmisches Parcoursreiten zu fördern. „Den Anforderungen des Springsports sind auf Dauer nur die gut gerittenen und gehorsamen Pferde gewachsen“, sagt er. Das bedeute, dass das Pferd auf leichteste Hilfen reagieren, sich versammeln, beschleunigen, auf engstem Raum wenden und mühelos fliegende Galoppwechsel bei jeder Richtungsänderung ausführen können muss.

Höheres Grundtempo

Oft zeigt sich, dass viele Reiter ihre Pferde sehr verhalten galoppieren. „Wir müssen dann im Training ein höheres Grundtempo erarbeiten“, erklärt Johannsmann. Im Parcours sei es häufig so, dass die Pferde die ersten vier Sprünge untertourig absolvieren. Dann kämen sie zwar immer mehr in Fluss, aber am Ende ginge die Rittigkeit verloren.

„Um gleich den richtigen Rhythmus zu finden, sind Tempo und Raumgriff des Galoppsprungs entscheidend.“ Damit auch die Durchlässigkeit bei höherem Grundtempo stimmt, werden Wendungen, Kombinationen und Distanzen geritten und immer wieder dressurmäßige Arbeit zwischen den Hindernissen eingebaut. Bei Johannsmann heißt das, dass die Schüler auch mal auf dem zweiten oder dritten Hufschlag galoppieren. „Das bringt für ein Springpferd mehr, als immer Volten oder Zirkel zu reiten.“ Hilfreich für den Rhythmus ist es auch, wenn der Reiter in einer Distanz laut die Galoppsprünge seines Pferdes mitzählt. Auch zuhause sollen die Reiter nicht immer im gleichen Tempo „außenrum“ reiten, sondern auf den Linien reiten, auf denen sonst die Hindernisse stehen. Für die Ausbilder sei es wichtig, dass sie einen Leitfaden für das Training aufstellen. Die Schüler müssen auf die positiven Dinge hingewiesen werden, Tipps, Motivation und Anregungen bekommen. „Das Turnier ist dann das Spiegelbild des Trainings und daraus ergibt sich dann wiederum das weitere Training“, so die Philosophie des „Kaisers“.
Autor: Eva Borg

Die nächsten Seminare der FN-Abteilung Ausbildung und Wissenschaft mit Heinrich-Wilhelm Johannsmann sind am 12. Februar in Vechta, am 19. März in Warendorf, am 8. April in Güstrow und am 16. April in Langenfeld. Weitere Seminare sind in Planung.

Informationen erteilt Claudia Gehlich, Tel.: 02581-6362-179, Mail: cgehlich@fn-dokr.de

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