Ausbildungstipp: Von der Trense auf die Kandare

Der feine Dialog mit dem Pferd

Die Umstellung des Pferdes von der Trense auf die Kandare ist ein einschneidender Schritt, der sowohl beim Reiter als auch vom Pferd die Kandarenreife voraussetzt. Doch woran erkennt man diese? FN-Ausbildungsbotschafter Christoph Hess geht dieser Frage nach und klärt über die Voraussetzungen auf.

Frage

Meine sechsjährige Stute beherrscht jetzt leidlich alle Lektionen der Klasse L. Nun möchte ich sie von Trense auf Kandare umstellen. Wie oft sollte sie anfangs auf Kandare gehen und wie häufig noch auf Trense? Oder soll die Trense mal in der Zeit der Umstellung ganz im Spind bleiben? Wann kann man den ersten Turnierstart mit Kandare in Angriff nehmen? Woran merke ich überhaupt, dass sich die Stute mit der Kandare wohl fühlt?

Sonja Millberg, per Mail

Für viele Dressurreiter beginnt das „eigentliche“ Reiten erst dann, wenn ihr Pferd auf Kandare gezäumt wurde. Deshalb werden häufig Fragen gestellt wie: Wann ist mein Pferd reif, damit ich es mit Kandare reiten kann und lassen sich damit nicht sogar etwaige reiterliche Mängel beheben bzw. kaschieren? Meine Antwort lautet: „Ihr Pferd wird Ihnen mitteilen, wann es kandarenreif ist. Als Faustregel gilt: Kein Pferd kann zu lange auf Trense geritten werden; stattdessen kann es zu früh und zu häufig auf Kandare gezäumt sein.

Fragen an den Reiter

Zunächst muss sich jeder Reiter selbst fragen, ob er reiterlich in der Lage ist, sein Pferd auf Kandare zu reiten. Weiterhin muss er sich fragen, welche Voraussetzungen hat eigentlich mein Pferd zu erfüllen, damit es kandarenreif ist.

Der Reiter muss balanciert und losgelassen unabhängig vom Zügel zum Sitzen kommen. Das klingt einfach, stellt sich in der Praxis aber als große Herausforderung dar. Vor der Entscheidung sollte ich mich als Reiter deshalb prüfen, ob ich auf unterschiedlichen Pferden problemlos auf Trense reiten kann und dabei auf unterschiedlichen Hufschlägen und bei einer Vielzahl an Lektionen die Zügel in eine Hand nehmen. Dadurch kann ich selbst überprüfen, ob ich unabhängig vom Zügel balanciert und losgelassen sitzen und in die Bewegung des Pferdes eingehen kann. Sind hierbei noch Mängel vorhanden, so sind diese durch flankierende Sitzübungen – z.B. an der Longe – zu verbessern. Nur ein balanciert und losgelassen in die Bewegung eingehender Reiter ist in der Lage, gefühlvoll auf sein Pferd einzuwirken – und dies ist eine zentrale Voraussetzung für eine sensible Zügelführung, die beim Reiten auf Kandare noch wichtiger ist als die beim Reiten auf Trense.

Stärkere Wirkung

Wird mit der Kandare geritten, hat jedes noch so leichte Annehmen der Zügel bedingt durch den Hebeleffekt der Kandare eine deutlich stärkere Wirkung, als dies beim Reiten auf Trense der Fall ist. Daraus ergibt sich die Folgerung, dass das Reiten auf Kandare zunächst einen sehr sensibel und überlegt einwirkenden Reiter benötigt; denn es ist die primäre Zielsetzung beim Reiten auf Kandare, die Feinabstimmung in der Hilfengebung, und dort die Harmonie von Reiter und Pferd, weiter zu verbessern bzw. zu verfeinern.

Nun zu den Voraussetzungen, die das Pferd mitbringen muss: Die ersten fünf Punkte der Ausbildungsskala – Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung und Geraderichtung – müssen systematisch erarbeitet worden sein. Das Pferd muss sich aktiv aus der Hinterhand über den Rücken, den Hals und durch das Genick in das Maul hinein bewegen, so dass der Reiter in seinen Händen das energische Abfußen der Hinterbeine spürt. Der Rücken des Pferdes muss sich elastisch auf und ab bewegen. Das Pferd muss dem Reiter das Gefühl geben, in seine Bewegung hinein- gezogen zu werden und es muss das Pferd vor dem Reiter sein und damit sensibel auf dessen vortreibende Hilfen reagieren. Nur wenn sich das Pferd aktiv – nicht eilig! – bewegt, wird deshalb ein erfolgreiches Reiten auf Kandare möglich sein!

Wie fühlt es sich an?

Der Reiter sollte in beiden Händen einen deutlichen Zug an das Gebiss heran spüren. Dadurch wird eine gleichmäßige Verbindung zum Pferdemaul erreicht. Diese ist nur dann gegeben, wenn sich das Pferd ehrlich an die Hand des Reiters – und damit an das im Maul liegende Trensengebiss – herandehnt. Diese Dehnungsbereitschaft ist eine zentrale Voraussetzung, die aus einem engagierten Abfußen aus der Hinterhand und einem guten Schwingen über den Rücken begleitet sein muss. Werden hier vom Reiter Kompromisse eingegangen, so werden sich diese beim Reiten auf Kandare deutlich negativer auswirken, als beim Reiten auf Trense. Deshalb muss festgehalten werden: Das Pferd muss sich gemäß der „Skala der Ausbildung“ sicher reiten lassen, bevor an das Reiten auf Kandare gedacht wird – und das unabhängig vom Alter des Pferdes. Manche Pferde sind mit sechs Jahren kandarenreif, bei anderen Pferden ist dies gelegentlich früher – bei vielen sicher erst später der Fall.

Probleme kaschieren?

Viele Reiter nutzen die Kandare, um bestimmte reiterliche Probleme zu kaschieren. Pferde, die nicht sicher in der Anlehnung sind, das Gebiss nicht suchen, sich also nicht an das Gebiss herandehnen, werden oftmals von Reitern mit Kandare geritten, um mit Hilfe der Kandare ihr Pferd „leichter“ in Anlehnung reiten zu können. Doch das ist ein gefährlicher Trugschluss; denn in diesem Falle ist die Gefahr gegeben, dass durch den Hebeleffekt der Kandare, der umso größer ist, je länger die Kandarenanzüge sind, ein auf diese Weise gerittenes Pferd in seiner Muskulatur versteift, im Hinterbein blockiert und im Rücken nicht mehr zum elastischen Schwingen kommen kann. So gerittene Pferde werden oftmals eng im Hals. Sie drücken ihre Unterhalsmuskulatur heraus und sperren ihr Maul auf. Es können Zungenprobleme auftreten und sich viele weitere negative Begleiterscheinungen einstellen. Diese falsch verstandene Art des Kandare- Reitens ist häufig anzutreffen, vor allem bei Reitern, denen nicht bewusst ist, welche Bedeutung die Komponente „Schwung“ innerhalb der Skala der Ausbildung beim Reiten auf Kandare hat und dass der Schwung eine entscheidende Voraussetzung für die versammelnde Arbeit ist. Deshalb wird die Kandare fälschlicherweise oftmals so eingesetzt, um ein Pferd „von vorne nach hinten zu versammeln“. Dabei vergessen die Reiter den Motor des Pferdes, also die Hinterhand, zu aktivieren und lassen stattdessen – durch das vermehrte Einwirken mit der Kandare – ihr Pferd sich nicht engagiert und fleißig, sondern langsam und schwunglos bewegen. Diese Art der Reiterei ist ein häufig anzutreffender Fehler und sollte von Ihnen unbedingt vermieden werden. Deshalb kann ich nur empfehlen, dass Sie, bevor Sie Ihr junges Pferd die ersten Male auf Kandare reiten, zunächst häufig auf Kandare gut ausgebildete Pferde geritten haben müssen. Nur auf diesem Wege werden sie das richtige reiterliche Gefühl entwickeln können.

Das Gefühl entscheidet

Beim Übergang vom Reiten auf Trense auf das Reiten auf Kandare sollte behutsam vorgegangen werden. Zunächst sollten Sie sich von Ihrem Ausbilder beraten lassen, welche Kandare Sie auswählen – mit mehr oder mit weniger Zungenfreiheit, mit längeren bzw. kürzeren Anzügen. Auch sollte Sie Ihr Ausbilder beraten, wie lang Sie die Kinnkette verschnallen sollten, damit die Kandare weder strotzt noch durchfällt. Empfehlenswert ist, verschiedene Kandaren und Unterlegtrensen auszuprobieren und sich auch beim Verschnallen der Kandare beraten zu lassen.

Sie sollten sich weiterhin beim Reiten auf Kandare von Ihrem Ausbilder unterweisen lassen, damit Sie ein sensibles Gefühl für die Verbindung zwischen Ihrer Hand und dem Pferdemaul entwickeln können, damit Sie spüren, wie konstant Ihre Verbindung zum Unterlegtrensengebiss bzw. zur Kandare zu sein hat. Ihr Ausbilder wird darauf achten, wie Sie Ihre Übergänge reiten – stets mit dem Gefühl, zu Ihren Händen hin zu schwingen, die wiederum in Richtung Pferdemaul hin orientiert sein sollten. Ihr Ausbilder wird ferner darauf achten, wie Sie Wendungen reiten, bei denen Sie zwar Ihr Pferd am äußeren Zügel „führen“, ohne dabei zu „klemmen“, das heißt: Sie müssen mit den äußeren Zügeln so viel nachgeben, wie es Stellung und Biegung Ihres Pferdes erfordern. Das ist besonders beim Reiten auf Kandare zu bedenken, weil sich die Kandare, die ein Stangengebiss ist, leicht im Maul verschiebt, was für das Pferd sehr unangenehm ist. So kann es z.B. beim falschen Einsatz einer Kandare sogar zu Verletzungen des Gaumens bzw. der Laden führen. Insofern ist der sensiblen Zügelführung höchste Priorität beizumessen. Diese basiert darauf, dass das Pferd vor dem Reiter ist, sich feinfühlig treiben lässt und (das ist entscheidend!) von sich aus „in die Hand des Reiters hineinzieht“. Um das richtige Gefühl für das Reiten auf Kandare zu entwickeln, empfehle ich die Zügelführung „Drei zu Eins“ zu wählen. Beide Kandarenzügel und der linke Trensenzügel nimmt der Reiter in seine linke Hand. Der rechte Trensenzügel wird in der rechten Hand geführt. Durch diese Zügelführung liegt das Kandarengebiss ruhig im Maul. Das ist für das Pferd (nicht nur) zu Beginn der Ausbildung auf Kandare wichtig ist, denn es ermöglicht eine ruhige Maultätigkeit und verbessert die konstante Anlehnung und balancierte Selbsthaltung.

Keine Patentrezepte

Wie oft die Kandare verwendet werden sollte, hängt von dem jeweiligen Pferd ab. In der Anfangsphase genügt es, wenn das Pferd etwa zwei- bis dreimal in der Woche auf Kandare geritten wird. Auch empfehle ich von Zeit zu Zeit auf Kandare entspannt ins Gelände zu reiten – z.B. im Schritt nach einem Dressurtraining auf dem offenen Reitplatz. Für das Pferd muss es auf Dauer ganz „normal“ sein, auf Kandare gezäumt zu werden – auch dann, wenn es nicht dressurmäßig gymnastiziert wird. Die Trense würde ich auf keinen Fall über einen längeren Zeitraum im Spind belassen. Stets sollte die Trense das Mittel der Wahl sein und die Kandare nur temporär verwendet werden. In der Basisarbeit – und das ist das Wichtigste im Gymnastizierungs- und Ausbildungsprozess des Pferdes – hat die Trense stets den Vorrang. Wann ein Pferd zu seinem ersten Turnierstart auf einem Turnier vorbereitet ist, hängt davon ab, wie gut es sich zuhause auf Kandare reiten lässt. Zuhause müssen Sie die Sicherheit haben, dass Ihr Pferd an die Hand herantritt, ohne gegen die Unterlegtrense und das Kandarengebiss zu drücken bzw. sich hinter den Gebissen zu „verkriechen“, Als Reiter müssen Sie das Gefühl haben, dass Ihr Pferd „durch die Hand hindurchtreten“ möchte, also weiterzieht, wenn Sie z. B. von einer höheren in eine niedrigere Gangart bzw. von einem höheren in ein niedriges Tempo hinein parieren wollen. Dieses „durch Ihre Hand Hindurchtreten“ ist das Gefühl, das Sie beim Reiten auf Kandare anstreben und möglichst zu jeder Zeit sicherstellen müssen. Es ist deshalb entscheidend, sich diesem Gefühl zu nähern. Man muss allerdings wissen, dass das Entwickeln dieses Gefühls einen langfristigen Prozess voraussetzt, an dem jeden Tag aufs Neue gearbeitet werden muss. Dieser Prozess hat für mich einen eindeutig höheren Stellenwert als der des Erlernens spezieller Dressurlektionen im Bereich der Klasse L bzw. M. Leider wird dies von vielen Reitern in der Priorisierung der verschiedenen Ausbildungsschritte oftmals anders gesehen. Vielfach ist das auch die Ursache für schlechtes Reiten auf Kandare.

Die Wirkung der Kandare

Die Wirkung der Kandarenzäumung wird bestimmt durch

 

  • die Stärke und Form des Kandarengebisses, die sogenannte „Zungenfreiheit“. Als Zungenfreiheit wird eine mehr oder weniger (bis zu 4 cm) starke Aufwölbung in der Mitte des Kandarengebisses bezeichnet. Je höher und schmaler die Aufwölbung ist, umso mehr weicht die Zunge in diesen Raum. Dadurch wirken die Seiten des Kandarengebisses (die Ballen) vermehrt auf die Laden des Pferdes ein. Der Begriff „Zungenfreiheit“ kann jedoch falsch interpretiert werden. Die Aufwölbung der Gebissstange nimmt fast nie vollständig die Zunge auf, sodass dadurch punktuell ein empfindlicher Druck auf die seitlichen Ränder der Zunge entsteht.
Illustrationen: Cornelia Koller, Dierkshausen; mit frdl. Genehmigung entnommen aus „Grundausbildung für Reiter und Pferd, Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1“, Hrsg.: Deutsche Reiterliche Vereinigung e.V. (FN), FNverlag, Warendorf 2014

Illustrationen: Cornelia Koller, Dierkshausen; mit frdl. Genehmigung entnommen aus „Grundausbildung für Reiter und Pferd, Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1“, Hrsg.: Deutsche Reiterliche Vereinigung e.V. (FN), FNverlag, Warendorf 2014

  • die Länge und das Längenverhältnis der Seitenteile, die in den sogenannten Oberbaum (auch Obergestell) und Unterbaum (auch Anzug) unterteilt sind. Sie sollen ein Längenverhältnis von 1:1,5 bis 1:2 haben. Dieses Verhältnis bestimmt in Verbindung mit der Kinnkette den Grad der Wirkung, die mit der Kandare erreicht wird. Je länger der Unterbaum im Verhältnis zum Oberbaum ist, desto größer ist die Kraft, die über einen längeren Weg zur Wirkung kommt. Auch Kandaren mit kurzen Anzügen können je nach Anwendung und Verhältnis von Ober- zu Unterbaum eine erhebliche Wirkung erzeigen.
  • die Fixierung der Kinnkette, die in der Kinngrube liegt. Sie hat Einfluss darauf, ob die Kandare stärker auf den Unterkiefer oder über die Backenstücke auf das Genick des Pferdes wirkt. (Aus: Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1, Grundausbildung für Reiter und Pferd, FNverlag 2014)

Fazit

Wichtig ist, dass Sie die Körpersprache Ihres Pferdes bewusst beobachten, um zu sehen, ob sich Ihr Pferd beim Reiten auf Kandare wohlfühlt. Sie müssen dabei u.a. auf die Maultätigkeit, den Gesichtsausdruck – das Auge, die Ohren – und die Schweifhaltung achten. Sie müssen sich fragen, ob sich Ihr Pferd durch seinen Körper bewegt, es ruhig atmet, ob es nicht übermäßig schwitzt und ob Sie zum geschmeidigen Mitgehen in die Bewegung Ihres Pferdes kommen. Werden all diese Fragen positiv beantwortet, dann können Sie davon ausgehen, dass Sie die Kriterien Schwung und Geraderichtung korrekt erarbeitet haben, sich Ihr Pferd unter Ihnen wohlfühlt und es damit kandarenreif und für erste Turnierstarts gut vorbereitet ist.

Christoph Hess

PM-Leserinnen und -Leser können sich bei Ausbildungsproblemen gerne an Christoph Hess wenden. Schildern Sie Ihre Schwierigkeiten kurz und bündig, die Redaktion wählt dann einen Beitrag für die Veröffentlichung aus. Wenn Sie ein gutes, druckfähiges Foto haben, können Sie dies selbstverständlich mitschicken.

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