Neue Serie: Wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt, bleibt dumm, Teil 1

Steigbügel kurz oder lang?

Woran erkennt man im Parcours den Dressurreiter? An den zu langen Steigbügeln. Aber nicht nur beim Springen neigen viele „Dressuries“ zu einer falschen Bügellänge. Auch in der eigenen Disziplin wird oft mit überstreckten Beinen geritten. Warum das falsch ist, welche Auswirkungen es hat und wie lang Bügel überhaupt verschnallt werden sollen, erklärt Dr. Britta Schöffmann im ersten Teil der neuen PM-Serie „Wieso, weshalb, warum?“

Lehrgangsleiter kennen das Problem: Meist müssen sie in der ersten Stunde ihres Dressurkurses bei mindestens 30 Prozent der Teilnehmer die Bügel umschnallen – im Allgemeinen kürzer. Der skeptische Einwand der Reiter, „aber der Dressursitz soll doch gestreckt sein“, weicht nach ein paar Minuten immer einem erstaunten: „Ich kann tatsächlich besser sitzen und besser mitfedern.“ Was ist passiert?

Zur Ehrenrettung der Reiter sei hier zunächst erklärt, dass viele von ihnen beim gestreckten Sitz vermutlich ehr- würdige Kupferstiche vor Augen haben, die alte Meister wie Antoine de Pluvinel mit fast gerade gestreckten Beinen in edelsten Lektionen der hohen Schule zeigen. Dressur pur. Das muss doch richtig sein. Dabei wird vergessen, dass diese Sitzform der Renaissance aus dem Mittelalter her- vorgegangen war, als Ritter in eisernen und ziemlich starren Rüstungen auf dem Pferd saßen, relativ sicher – und in diesem Zusammenhang auch sinnvoll – eingequetscht in vorn und hinten hochgezogene Sättel. Ein Anwinkeln der Beine war in dieser Montur überhaupt nicht möglich, hier kam es mehr darauf an, vom Gegner nicht aus dem Sattel gestoßen wer- den zu können. Der Balancesitz mit gewinkelten Beinen entwickelte sich erst mit dem Barock, unter anderem durch den Franzosen François Robichon de la Guérinière (1688 bis 1751).

Bewegung abpuffern

Worin liegt aber nun der Vorteil eines Sitzes mit leicht angewinkelten gegenüber dem mit gestreckten Beinen? Ganz klar in der Möglichkeit, die Bewegungen (des Pferdes) zuzulassen und abzupuffern. Nach demselben Prinzip funktionieren übrigens auch in der Technik sämtliche mechanische Federn, die Stöße auffangen und in Schwingungen umwandeln sollen. Ein gerader Stab könnte dies ebenso wenig leisten wie ein (zu) gerades Bein. Die Bewegung eines Pferdes ist darüber hinaus durch ihre Dreidimensionalität – vorwärts, auf- und ab sowie (im Rumpf) leicht seitwärts pendelnd – besonders anspruchsvoll, wenn es um das Mit- federn und Ausgleichen der Bewegungsausschläge geht. Hinzu kommt noch, dass die direkte Kommunikation zwischen Pferd und Reiter über das Reiterbecken geschieht, das je nach Position – nach vorn gekippt, neutral, nach hinten gekippt, nach links bzw. rechts verlagert – wie eine Sprache fungiert und dem Reiter er¬laubt, sich dem Pferd mitzuteilen. Bei überstreckten Beinen gelingt dies nicht mehr in dem geforderten Maß, der Reiter sitzt hier nämlich mehr auf den Oberschenkeln statt auf seinem Hinterteil und schränkt damit die Beweglichkeit seines Beckens ein.

Wer‘s nicht glaubt, kann es einmal am Boden stehend ausprobieren. Einfach mal mit gestreckten, mal mit leicht gebeugten Beinen das Becken (und nur das Becken!) kreisen lassen und fühlen, was passiert. Bei gestreckten Beinen ist die Beweglichkeit stark eingeschränkt – zumindest die des Beckens. Stattdessen geraten auch Rumpf und Schultern ungewollt mit in Bewegung. Bei angewinkelten Beinen gelingt das Beckenkreisen viel besser und ohne Aufwand des Rumpfes oder Neigen der Schultern. Für das Reiten ist dies ein großer Vorteil, denn Unruhe im Oberkörper stört den ausbalancierten und von der Hand unabhängigen Sitz und geneigte Schultern ziehen meist auch ein Einknicken in der Hüfte und damit eine fehlerhafte Gewichtsverlagerung nach sich.

Also einfach die Bügel radikal kurz schnallen? Das kann auch nicht die Lösung sein, denn ein zu kurzer Bügel führt – zumindest im Dressursattel – schnell zum Stuhlsitz mit nach vorn verschobenen Ober- und Unte¬schenkeln und damit ebenfalls zum Blockieren des Beckens, klemmen¬den Beinen sowie zum Verlust der Balance. Zwischen „zu lang“ und „zu kurz“ muss also irgendwo die „richtige Bügellänge“ liegen, die optimales Mitschwingen zulässt. Allerdings ist auch das nicht so einfach, wie es sich anhört. Pferde und Reiter sind sehr verschieden und die wenigsten haben die Optimalstatur. Auf einem eher schmalen Pferd sitzt es sich oft recht einfach mit locker hängenden, leicht angewinkelten Beinen. Auf einem sehr dicken und breiten Pferd wird das schon schwieriger, hier wäre ein eher kürzerer Bügel die sinnvollere Wahl. Richtig kompliziert wird es, wenn die Figur des Reiters nicht zur Figur des Pferdes passt. Ein Reiter beispielsweise mit kurzen, dicken Beinen wird niemals ohne Schwierigkeiten auf einem dicken, bauchigen Pferd zum harmonischen Grund- oder Dressursitz kommen. Am günstigsten ist es nämlich, wenn bei dieser Sitzform das Reiterknie etwa in Höhe der breitesten Stelle des Pferderumpfes liegt, der Reiter sein Pferd quasi mit den Beinen locker umfassen kann.

Richtig verschnallen

Bügellänge verändern vom Sattel aus? Kein Problem, solange der Fuß im Steigbügel bleibt (siehe Foto). Erstens spürt man auf diese Weise sofort, wie sich die Bügellänge anfühlt. Und zweitens ist diese Art des Verschnallens viel sicherer, als wenn der Fuß aus dem Bügel herausgenommen würde. Pferde können sich nun mal erschrecken, zur Seite springen oder davonstürmen. Ein sicherer Bügelkontakt kann hier Unfälle vermeiden. Das Argument „das geht nicht, so gelenkig bin ich nicht“ zieht nicht. Wer Beweglichkeit und Geschmeidigkeit von seinem Pferd verlangt und sie ihm sogar noch beibringen möchte, darf selbst nicht eigene Ungelenkigkeit ins Feld führen.

„Achselhöhlenmaß“

Auf der Suche nach der richtigen Länge gibt es auch immer wieder den Tipp, vom Boden aus den Bügelriemen am eigenen Arm entlang bis zur Achselhöhle zu führen. Die dadurch ermittelte Länge kann aber nur eine ungefähre Länge sein, eine erste Orientierung. Die Feinanpassung muss vom Sattel aus erfolgen. Es gibt nämlich auch Sitzriesen mit langen Armen und kurzen Beinen, oder Reiter mit sehr langen Beinen und eher kurzen Armen. In solchen Fällen passt das „Achselhöhlen-Maß“ dann nicht mehr.

Und um die Frage nach der richtigen Bügellänge noch ein wenig komplizierter zu machen, muss man natürlich auch noch wissen, dass je nach Disziplin und Sattelform wieder andere Gesetze herrschen. Wer im Dressursattel ins Gelände reitet, sollte seinen Bügel per se etwa zwei bis drei Loch kürzer schnallen, um ohne Überstreckung der Beine auch im Entlastungssitz reiten zu können. Zum Springen werden die Bügel noch ein wenig verkürzt, dann kommt aber, unter anderem der veränderten Beinwinkelung Rechnung tragend, ein Springsattel mit weiter nach vorn gezogenem Sattelblatt zum Einsatz. Da in dieser Haltung ein Mitfedern im Aussitzen schwieriger ist, ziehen viele Springreiter das Leichtraben und natürlich das Galoppieren während des Springtrainings vor. Ihr Anliegen ist es ja, eine Beinposition bzw. -winkelung zu erreichen, die ein vorgeneigtes Aufstehen über dem Hindernis und somit eine Entlastung des Pferderückens und Optimierung der Flugkurve ermöglicht.

Die individuell richtige Bügellänge muss letztlich jeder Reiter für sich und sein Pferd ausprobieren. Grundsätzlich gilt aber: Lieber ein wenig kürzer als zu lang! Wichtigstes Kriterium ist letztlich der Erhalt der Pufferfunktion der Reiterbeine, die damit dem Reiterbecken die größtmögliche Beweglichkeit und damit die beste Kommunikation mit dem Pferd ermöglichen. Wer beim Leichttraben schon nur noch auf seiner Fußspitze seine Bügel erreicht, sollte auf jeden Fall zwei Loch kürzer schnallen!

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