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Jubiläum auf der Alb: 200 Jahre Weil-Marbacher Zucht

Kulturgut Vollblutaraber

Als Kronprinz Wilhelm, der spätere König Wilhelm I., vor 200 Jahren die Vollblutaraberzucht auf die Schwäbische Alb holte, konnte er nicht ahnen, wie sehr die edlen Pferde aus dem Orient bis heute die Zucht beflügeln würden. Ende Mai feierte das Haupt- und Landgestüt Marbach den runden Geburtstag seiner Weil-Marbacher Vollblutaraber.

Die Vollblutaraberhengste Dschehim und Musab; Foto: Gudrun Waiditschka

Kronprinz Wilhelm war fasziniert von ihrer Schönheit, ihrer Ausdauer, ihrer Härte und ihrem freundlichen Wesen. Vollblutaraber hatte der 1816 zum König gekrönte Wilhelm I. von Württemberg bei seinen diversen Feldzügen kennen- und lieben gelernt. Das Lieblingspferd des Monarchen war der Hengst Bairactar, ein imposanter Schimmel, dessen Hengstlinie eine der ältesten ist, die sich auf Original-Araber zurückführen lässt.

Seit 1932 in Marbach

Die Gründung der Araberzucht datiert aus dem Jahr 1810, als Kronprinz Wilhelm in seiner Sommerresidenz in Scharnhausen ein kleines Gestüt mit fünf arabischen Stuten einrichten ließ. Binnen sechs Jahren waren es schon 19 Muttertiere, die Verhältnisse forderten eine größere Zuchtstätte. Das Gestüt Weil wurde offiziell am 29. Mai 1817 eröffnet und ist auch heute noch Namensgeber der Weil-Marbacher Vollblutaraberzucht. Über ein Jahrhundert später (1932) wurde Weil aufgelöst und der Araberbestand ins Haupt- und Landgestüt Marbach integriert.

Die Weiler Vollblutaraberzucht basiert auf Originalimporten aus der arabischen Wüste. König Wilhelm hatte den polnischen Grafen Waclaw Rzewusky kennengelernt und ihn beauftragt, bei seinen Orientreisen geeignete Pferde zu beschaffen. Zwei Jahre später kehrte der Graf nach Polen zurück, „im Gepäck“ acht Hengste, zehn Stuten und zwei Fohlen für das Gestüt Weil. Ohne Frage Beutepferde, aber das kümmerte niemanden. Weitere rund 80 Hengste und 25 Stuten stallte Graf Rzewusky in seinem Gestüt in Polen auf. Es war der vermutlich bis heute weltweit größte Import arabischer Pferde ins Abendland.

Die berühmte „silberne“ Stutenherde. Foto: Archiv Boiselle 2014
Die Besucher konnten sich beim Jubiläum natürlich über den aktuellen Fohlenjahrgang informieren. Foto: O. Seitz

Arabisches Vollblut

Das arabische Vollblut gilt als älteste reingezogene Reitpferderasse der Welt. Als ständiger Begleiter und Kriegspferd der Beduinen wurde es geprägt von den harten Umweltbedingungen der arabischen Wüste und selektiert auf Ausdauer, Genügsamkeit und ein menschenfreundliches Wesen. Diese Merkmale, gepaart mit Adel und Schönheit, machten diese Pferde auch in Europa begehrenswert. Schon zu Beginn der Neuzeit veredelten arabische Hengste Pferdezuchten in ganz Europa. Aus arabischen Pferden, selektiert nach Rennleistung, entstand das Englische Vollblut; viele heutige Rassen wie der Trakehner, der Haflinger oder das Quarter Horse sind ohne ihre arabischen Vorfahren kaum denkbar.

Arabische Reinzuchten außerhalb der Wüste entstanden erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einigen europäischen Fürsten- und Adelshäusern. Zu den ersten Reinzuchten überhaupt gehörte das königliche Privatgestüt Weil, gegründet 1817 von König Wilhelm I von Württemberg. Im Jahr 1932 übergab Fürstin Pauline zu Wied, die Tochter des letzten Königs von Württemberg, die königliche Araberherde an das Haupt- und Landgestüt Marbach, das diese älteste ununterbrochen fortbestehende Vollblutaraberzucht der Welt seitdem bewahrt und weiterführt.

Araber im Kriegseinsatz

Den größten züchterischen Einfluss gewannen neben Bairactar OA die Hengste Goumousch-Bournou OA und der Bairactar-Sohn Amurath, der wiederum über seine Söhne die Hauptbeschäler der Vollblutaraberzucht hervorbrachte. Die Zucht der Vollblutaraber musste allerdings auch Tiefschläge verkraften. So kamen die edlen Pferde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beinahe aus der Mode, weil sich einerseits neue kalibrigere und trotzdem elegante Pferdetrassen entwickelt hatten und andererseits die zierlichen Araber nicht so recht für die Landwirtschaft taugten. Weil musste seinen Bestand sogar deutlich verkleinern. Fehlentscheidungen, wie der Einsatz des fremdblütigen Hengstes Darziling aus dem ostpreußischen Landgestüt Gudvallen, verschlechterten die Zucht. Im Ersten Weltkrieg konnten die Weiler Pferde ihr Image wieder aufpolieren, denn sie hatten sich als harte, ausdauernde und treue Kriegskameraden bewährt.

1921 wurde das Gestüt Weil an die Fürstin Pauline zu Wied, die Tochter des letzten württembergischen Königs, verpachtet. Die Liebhaberin des arabischen Pferdes ließ zahlreiche Original-Araber in Ägypten kaufen, unter ihnen Jasir, der großen Einfluss auf die weitere Zucht in Weil und später Marbach gewinnen sollte. Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 zwang die Fürstin finanziell in die Knie, sie musste Gestüt Weil aufgeben. Seit 1932 sind die Weiler Araber im Haupt- und Landgestüt Marbach zu Hause.

Orientalisches Flair und Dressurarbeit, die die bekannte Ausbilde­rin Anja Beran demon­strierte, gehörten zum Schauprogramm der Jubiläumsfeier. Fotos: O. Seitz

„Wir sind stolz“

Die Geschichte der Weil-Marbacher Vollblutaraber spielte naturgemäß auch eine Rolle bei der Jubiläumsfeier. Aber mehr noch standen die Pferde im Vordergrund. In den Morgenstunden konnten sich die Besucher, zu denen auch eine Gruppe PM zählte, vom aktuellen Fohlenjahrgang und den ersten Nachkommen der gestütseigenen Hengste Safi und Malakil überzeugen, bevor die eigentliche Jubiläumsfeier die Gäste in die Reithalle lockte. Nach einer kurzen Ansprache der Landoberstallmeisterin Dr. Astrid von Velsen-Zerweck ergriff die Staatsekretärin Friedlinde Gurr-Hisch das Wort und betonte die Bedeutung der Weil-Marbacher Vollblutaraberzucht: „Wir, das Land und das Hauptgestüt Marbach, sind stolz auf dieses königliche Erbe, das König Wilhelm I von Württemberg ins Leben rief. Es war und ist Aufgabe unseres Gestüts, diese Zucht konsequent weiterzuführen… Wir, das Land und das Gestüt, stehen zu dieser großen Verantwortung.

Das dreistündige Schauprogramm gab in beeindruckender Weise einen Einblick in die Welt des arabischen Pferdes. Zahlreiche Vorführungen an der Hand und unter dem Sattel, manches in orientalischen Kostümen dargeboten, klassische Bodenarbeit ebenso wie hohe Schule führten zum emotionalsten Programmpunkt: Die komplette „silberne Herde“ galoppierte zur Filmmusik von „Laurence von Arabien“ in die Arena.

hen

Leibreitpferd Bairactar von König Wilhelm I von Württemberg. Foto: Archiv des Haupt- und Landgestüts Marbach

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