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10. FN-Bildungskonferenz: Freude an Wissensvermittlung

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Wissensvermittlung für Ausbilder: FN-Trainerportal ein Jahr online

10. FN-Bildungskonferenz kehrte an Ausgangsort zurück

Freude an Wissensvermittlung

Knapp 500 Besucher drängten in die große Seminarhalle des DOKR in Warendorf, um bei bestem Seminarwetter – nicht zu heiß und nicht zu kalt – pünktlich ihre Plätze zur Bildungskonferenz der Deutschen Reiterlichen Vereinigung einzunehmen. Und auch die zehnte Auflage dieser ganz besonderen Konferenz war wieder ein voller Erfolg.

Nachwuchs-Bundes­trainer Peter Teeuwen gab der erst 13-jährigen, aber schon in Klasse M siegreichen Lucy Jüttner auf ihrem achtjährigen Pony eine Muster-Springstunde. Alle Fotos: Monika Kaup-Büscher
Zehn FN-Bildungskonferenzen sind ein kleines Jubiläum, das allerdings nicht gleichbedeutend für zehn Jahre steht. Nach der Erstauflage 2005 in Warendorf mit dem Titel „Das Pferd formt den Menschen“ dauerte es nämlich zunächst eine ziemliche Weile, bis feststand, dass die Konferenz-Idee von Eva Lempa-Röller, Fachreferentin in der Abteilung Ausbildung und Wissenschaft und nach wie vor der Motor der Veranstaltung, weitergeführt werden sollte. Erst 2009 gab es Konferenz Nummer Zwei, die dann aber der Einstieg in eine ungebrochene Erfolgsgeschichte sein sollte. Gut 3.500 Trainer haben seither an den FN-Bildungskonferenzen teilgenommen und Anregungen für ihre haupt- oder nebenberufliche Tätigkeit mit nach Hause genommen. Wertvolle Anregungen gab es auch dieses Mal wieder von den unterschiedlichen Referenten, traditionsgemäß hochkarätige Praktiker und angesehene Wissenschaftler. „Der Blick über die rein reitsportlichen Grenzen hinaus und die Übertragung auf unseren Sport ist das Besondere dieser Veranstaltung“, erklärte Eva Lempa-Röller.

Spaß am Unterrichten

Nach der Begrüßung durch FN-Vizepräsident Dieter Medow, der später zusammen mit Wolfgang Egbers auch die Verleihungen der Gebrüder-Westhues-Plakette übernahm, führte Moderator Christoph Hess mit einem Interview ins Konferenz-Thema „Schlüsselfunktion Trainer“ ein. Seine Gesprächspartner dabei waren Florine Kienbaum (Mitglied Perspektivgruppe Dressur), Jennifer Kukuk (Lehrerin und Trainerin A), Thies Kaspareit (Leiter FN-Abteilung Ausbildung und Wissenschaft) und Wolfgang Egbers (Pferdewirtschaftsmeister). Sie alle verbindet neben ihrer erfolgreichen Reiterei auch der Spaß am Unterrichten und am Ausbilden von Pferd und Reiter. „Wissen zu vermitteln macht einfach Freude“, brachte es Jennifer Kukuk auf den Punkt und meinte, dass man aus dem Lehren auch für sich selbst viel Positives ziehen kann. „Ohne Selbstreflektion geht es beim Unterrichten nämlich nicht, und davon profitiert auch meine eigene Reiterei.“

Dass trotzdem die Trainer und hier vor allem auch die Amateurausbilder oft nicht genügend wertgeschätzt würden, bedauert Wolfgang Egbers. „Gerade der Trainer an der Basis ist sehr wichtig, und genauso wichtig ist es, ihm durch Fortbildungsmöglichkeiten das notwendige Rüstzeug an die Hand zu geben. Nur daraus kann sich auch der Sport entwickeln.“
Sophia Hüchtker

Zu wenig Anerkennung

Das Thema Wertschätzung und Stellenwert des Trainers war auch Kern des anschließenden Vortrages von Gudrun Schwind-Gick, Leiterin des Ressorts Bildung beim DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund). Sie verwies auf eine Konferenz des DOSB, bei der es im vergangenen Jahr ganz besonders um diese Schwerpunkte gegangen war und um die Frage, welche Maßnahmen nötig seien, um das allgemein schwindende Interesse am Traineramt neu anfachen zu können. „Trainer erfahren zu wenig gesellschaftliche Anerkennung“, kritisierte sie. „Alle möglichen Beschäftigungen außerhalb der Schule werden wie selbstverständlich als Bildungsangebote wahrgenommen, nur der Sport wird im gesellschaftlichen Verständnis bis heute in den Bereich der ‚Freizeit‘ eingeordnet. Sogar von den Vereinen selbst. Aber was sind Trainer denn dann? Freizeitbespaßer?“ Dabei fördere die motorische Entwicklung eines Kindes erwiesenermaßen auch dessen intellektuelle und emotionale Entwicklung. Die Optimierung der Trainerausbildung und die Unterstützung von Trainern müsse deshalb eine Kernaufgabe in allen Sportverbänden sein. „Wir haben beim DOSB einen Visionen-Katalog erstellt, den es bis 2026 zu realisieren gilt.“ Die Anerkennung der pädagogischen Kompetenzen von Trainern, ein verbessertes Berufsbild und ein entsprechender Arbeitsmarkt seien nur einige der darin vorkommenden ‚Big Points‘.

Bundestrainerin Monica Theodores­cu erläuterte mit zwei Schülerinnen die dressurmäßige Grundlagenarbeit. Das Foto zeigt Ann-Kristin Arnold, Mitglied der Sportfördergruppe der Bundeswehr, und ihren siebenjährigen Hengst.
Gudrun Schwind-Gick, Leiterin des Ressorts Bildung beim DOSB, plädier­te für mehr gesellschaftliche Wertschätzung der Trainertätigkeit und stellte entsprechende DOSB-Strategien vor.

Mentale Stärke

Weniger mit mangelnder Anerkennung ihrer Trainertätigkeit, sondern vielmehr mit der Frage, wie sich mentale Stärke vermitteln lässt, beschäftigte sich in ihrem Vortrag Ulla Koch, Cheftrainerin der deutschen Turnerinnen. Nur von einer knappen Powerpoint-Präsentation unterstützt, sprach sie größtenteils frei, mit den Zuhörern immer im direkten Augenkontakt eng verbunden und von spürbarer mentaler Präsenz. Dabei bemühte sie sich immer wieder, mit kleinen Anekdoten auch die Brücke zum Reitsport zu schlagen. So zum Beispiel mit der Geschichte ihres Fahrrades aus der Kinderzeit, das sie nicht nur Fury genannt, sondern ihm auch mittels zweier Kordeln Zügel verpasst und es damit angebunden hatte. „Ich habe damals sogar ein bisschen geritten“, erinnerte sie sich, „bin dann aber irgendwie zum Turnen abgedriftet.“ Einer Sportart, der die 62-Jährige bis heute treu geblieben ist, für die sie sogar nach 29 Dienstjahren ihren Lehrerberuf aufgegeben hat, um sich ganz ihrem Traineramt widmen zu können.

„Die mentale Stärke des Athleten beginnt beim Trainer“, machte sie eindringlich klar und zitierte Apple-Gründer Steve Jobs, der mal gesagt hat: „The only way to do great work is to love what you do.“ (Der einzige Weg, großartige Arbeit zu machen, ist zu lieben, was man macht.) Dabei betonte sie, dass dies im Reitsport sogar eine „noch gigantischere Aufgabe“ sei als in anderen Sportarten. „Bei Ihnen kommt auch noch die Liebe und die Verantwortung fürs Pferd hinzu. So bin ich der Meinung: Was Steve Jobs geschafft hat, können wir alle schaffen. Denn Trainer zu sein ist kein Beruf, es ist eine Berufung.“ Die mentale Stärke dieser Ausnahme-Trainerin ließ sich während des Vortrages von Ulla Koch förmlich greifen.

„Im Umgang mit dem Athleten ist es auch wichtig, ihn durch negative Bedingungen zu führen“, erklärte Ulla Koch. „Man muss lernen, das Beste aus den Bedingungen zu machen und nicht immer sagen, was schief läuft. Besser ist zu sagen, was gut läuft.“ An diesem Punkt angekommen lachte sie und meinte: „Nicht dass Sie jetzt denken, ich sei ein Weicheitrainer. Das bin ich nämlich nicht. Ich fordere meine Sportlerinnen schon. Wir müssen dem Athleten helfen zu wachsen – auch über sich hinaus.“
Ein wenig über sich hinaus wachsen musste auch der nächste Referent, denn er hatte sich mit seiner Powerpoint-Präsentation mit der Größe der Seminarhalle verschätzt. Aber kein Problem für Professor Dr. Nils Neuber von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, der seinen Vortrag weitgehend frei halten konnte. Sein Referat drehte sich vor allem um die Frage, wie viel Vorgaben durch den Trainer bei einem sportlichen Lernprozess eigentlich nötig sind. Bevor er hier jedoch tiefer einstieg, beschäftigte er sich zunächst ausführlich mit dem Begriff Lernen und definierte ihn als dauerhafte und relativ stabile Änderung von Verhaltensmöglichkeiten und Wissen. „Man muss sich immer wieder fragen, was Lernen eigentlich heißt“, erklärte er. „Dazu gehören auch die Fragen: Was lernen wir? Wie lernen wir? Und wie viele Vorgaben brauchen wir dafür?“ Ganz wichtig sei in diesem Zusammenhang auch die Erkenntnis, dass Lernen durch Tun und Handeln gegenüber Lernen durch bloßes Lesen oder Zuhören die beste Option sei und am nachhaltigsten wirke. „Das Tun ist die größte Stärke des Sports! Stichwort Handlungsorientierung.“

Bei aller Handlungsorientierung müsse man als Trainer aber auch andere Faktoren berücksichtigen, abhängig vom angestrebten Ziel, dem Niveau der Lernenden und der Zusammensetzung der Gruppe. „Wie viele Vorgaben notwendig sind, kann man nicht generalisieren“, erläuterte Prof. Neuber. Der Sportwissenschaftler betonte, es gebe letztlich mehr als nur eine Methode der Vermittlung, wobei durchgreifendes Unterrichten mit klaren Ansagen ebenso möglich sei wie vermittelndes, eher handlungsorientiertes Lernen. „Das eine schließt das andere nicht unbedingt aus“, so der Professor. „Und wenn Sie mich nun fragen, wieviel Vorgaben denn nun wirklich notwendig sind, dann würde ich sagen: So wenig wie möglich und so viel wie nötig.“

FN-Vize-Präsident und PM-Vorsitzender Dieter Medow begrüßte die 500 Gäste in der Semi­narhalle des Bundesleistungszentrums Reiten/Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei.
Ulla Koch, Cheftrainerin der deutschen Turnerinnen, stellte in ihrem Vortrag das Thema „Mentale Stärke“ in den Vordergrund. Durchs Programm führte wiederum der FN-Ausbildungsbotschafter Christoph Hess.

Praxis mit Bundestrainern

Wie so etwas im Reitunterricht aussehen kann, demonstrierte der Bundestrainer der deutschen Nachwuchsspringreiter, Peter Teeuwen. Anmoderiert von Markus Scharmann, Wissenschaftskoordinator bei der FN und selbst Springreiter, gab Teeuwen der erst 13-jährigen Lucy Jüttner auf ihrem achtjährigen Pony eine Muster-Springstunde. Zuvor hatte Scharmann den Zuschauern erklärt, was es mit den drei bunten Karten in den Konferenzmappen auf sich hatte. Darauf sollte jeder für sich Notizen machen, einmal gerichtet an die Reiterin, einmal an den Trainer und einmal allgemein über die Stunde. „Was würden Sie vielleicht ändern oder ergänzen, was der Reiterin, was dem Trainer mit auf den Weg geben wollen und was positiv oder weniger positiv bewerten“, so Scharmann. Für die Zuschauer eigentlich eine leichte Aufgabe, denn wirklich zu kritisieren gab es wenig. Der Trainer sprach seine Schülerin immer wieder direkt an, gab grob den Rahmen der einzelnen Aufgaben vor, ließ sie dann zunächst selbstständig machen und sich anschließend von ihr Rückmeldung geben, was sie gefühlt habe, was und wie sie beim nächsten Mal vielleicht etwas ändern wolle und warum. Beeindruckend die gefühlvolle und intuitive Art Teeuwens, das von Neuber geforderte „so wenig wie möglich, so viel wie nötig“ nahezu perfekt in die Praxis umzusetzen. Und ebenso beeindruckend die Fähigkeit der zarten, bereits in Klasse M siegreichen Reiterin, nicht nur ihr eigenes Tun im Sattel zu reflektieren und zu variieren, sondern auch klar, offen und fachlich fundiert vor 500 Zuschauern Antworten zu geben. Von Lampenfieber keine Spur.

Ein wenig mehr Lampenfieber hatte anfangs Sophia Hüchtker, die als eine von zwei Reiterinnen für die letzte Praxis-Vorführung des Konferenztages zur Lehrdemo von Dressur-Bundestrainerin Monica Theodorescu in den Sattel ihres zwölf Jahre alten holländischen Wallachs gestiegen war. Geschickt ließ Monica Theodores­cu die Reiterin erst einmal machen, während sie stattdessen ans Publikum gewandt von der schwierigen Vergangenheit des Pferdes berichtete. „Als Sophie ihn vor vier Jahren bekam, konnte er außer einer schlechten Piaffe eigentlich nichts“, erzählte sie.

„Dieses Pferd war wahrhaft dressurgeschädigt und es galt, ihm erst einmal wieder zu einem normalen Bewegungsablauf zu verhelfen.“ Geduldige Basisarbeit sei dazu das einzig wahre Mittel der Wahl gewesen, denn wenn die Grundlagen nicht stimmten, dann brauche man auch nicht an weiterführende Lektionen zu denken. Nach und nach richtete die Bundestrainerin sich nun immer wieder an ihre Reitschülerin, gab kleine Tipps zur Verbesserung und traf dabei immer den richtigen, ruhigen Ton. „Ich muss mir die Zeit für die Reitstunden oft stehlen“, sagte die junge Frau, die als Agraringenieurin in Sassenberg einen landwirtschaftlichen Betrieb führt, anschließend hochzufrieden. „Aber für mich sind diese Reitstunden wie Urlaub und danach bin ich immer total gut gelaunt.“ Mentale Stärke, auch Monica Theodorescu weiß diese zu vermitteln.
Sportwissenschaftler Professor Dr. Nils Neuber von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster analysierte Lernprozesse und ging der Frage nach, wie viele Vorgaben seitens des Trainers nötig sind.

7.17_20_LernkofferTrainerportal und Lehrmittelkoffer

So viele Trainer auf einem Haufen, das nutzte die FN flugs für ein bisschen Werbung in eigener Sache. So konnte sich jeder noch einmal das seit einem Jahr existierende Trainerportal anschauen und erklären lassen und auch den beliebten Lehrmittelkoffer der FN ‚Fairness und Ethik rund ums Pferd‘ kostenlos mitnehmen. Angebote, die von den Besuchern fleißig genutzt wurden.

Immer ruhig bleiben

Mit Ann-Kristin Arnold, Mitglied der Sportfördergruppe der Bundeswehr, und deren siebenjährigen Hengst, gelang ihr das in ihrer zweiten Lehr-Demo auf ebenso unaufgeregte Art. „Monica ist in der Lage, mir von unten immer ein entspanntes Gefühl zu vermitteln“, so die Sportsoldatin und C-Kaderreiterin. „Und sie lehrt mich: Wenn‘s mal nicht passt – ruhig bleiben.“ In diesem Sinne bremste die Bundestrainerin die junge Reiterin auch hin und wieder ein wenig in ihrem Ehrgeiz, rief ihr zu: „Hier geht‘s nicht ums Aufgabenreiten, hier geht es ums richtige Arbeiten!“ Ans Publikum gewandt betonte sie, dass Ann-Kristin sich um ihre Pferde selber kümmere und sich auch sehr gut selbst organisiere. „Das ist wichtig. Es gibt leider heute viele Nachwuchsreiter, die zwar toll gefördert und unterstützt werden, denen aber alles aus der Hand genommen wird. Hier liegt immer die Gefahr, dass diese Reiter immer unmündiger werden und ohne Anleitung und Anweisung irgendwann keinen Schritt mehr machen und keine Eigenverantwortung übernehmen können. Aber gerade das ist für den Erfolg sehr wichtig.“

Bevor zum Abschluss der Konferenz noch traditionsgemäß die Gebrüder-Lütke-Westhues-Plaketten an die besonders guten Absolventen der Amateurausbilder-Prüfungen des vergangenen Jahres vergeben wurden – von 180 Preisträgern waren 144 aus ganz Deutschland angereist –, resümierten Thies Kaspareit und Ausbildungsexperte Hermann Grams noch einmal die Erkenntnisse des Tages und betonten, wie wichtig es sei, sich auch im Unterricht nicht in Fehler­guckerei zu verlieren, sondern sich auf das Positive zu konzentrieren und dabei ruhig auch mal einen Perspektivwechsel als Ausbilder vorzunehmen. Beim Unterrichten, da waren sich die Beiden einig, ginge es nicht immer nur um die technische Ausführung, sondern auch um die pädagogische Qualität. Diese zu verbessern, zu optimieren und weiter zu entwickeln ist eine der Aufgaben der FN-Bildungskonferenz. Die nächste, so war zu hören, wird übrigens wieder in einer Landesreitschule stattfinden.

Dr. Britta Schöffmann

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