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PM-Serie Persönlichkeiten der Pferdeszene: Herbert Meyer

Ein Trainer-Leben lang

Dienst nach Vorschrift genügte Herbert Meyer nicht. Der frühere Bundestrainer der deutschen Springreiter füllte sein Amt 24 Stunden, sieben Tage die Woche aus – und sein Erfolg gibt ihm Recht. Bis heute. Er erzählt von 14 prägenden Jahren.

Herbert Meyer, Foto: J. Toffi

„Trainer zu sein, war mein Leben.“ Wenn Herbert Meyer das mit festem Blick sagt, merkt man sofort: Es war genau das. Der Satz ist für ihn keine Floskel, die man in einem Gespräch fallenlässt, weil es gut klingt. Er ist Ausdruck dafür, woran er immer am meisten glaubte: an sein Team. Der 76-jährige Reitmeister aus Lilienthal bei Bremen war 14 Jahre lang bis zum Jahr 2000 Bundestrainer der deutschen Springreiter. So lange hat bisher keiner dieses Amt inne gehabt. Und ob es seiner Überzeugung oder seiner Zielstrebigkeit, seinem Perfektionismus und seiner völligen Selbstaufgabe für seinen Posten zu verdanken war, oder auch einer Mischung aus allem – er gehört noch heute zu den erfolgreichsten Bundestrainern aller (!) Sportarten in Deutschland. Unter seiner Ägide gewannen die Springreiter insgesamt 15 Medaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften, acht mit der Mannschaft, sieben in der Einzelwertung, darunter fünf Olympiasiege sowie jeweils drei WM- und EM-Titel. Hinzu kamen unzählige Siege in Nationenpreisen. In den letzten sechs Jahren seiner Amtszeit war Meyers Team bei allen internatio­nalen Championaten außer einem ungeschlagen.

 

„Paul war der Chef“

Dabei war Herbert Meyers Start im Amt nicht der einfachste. Er trat 1986 unvorbereitet und unerwartet die Nachfolge des beliebten Hermann Schridde an, der beim Absturz eines Propellerflugzeugs ums Leben gekommen war. Mit Ludger Beerbaum, Paul Schockemöhle, Otto Becker, Karsten Huck und Franke Sloothaak hatte Meyer auf seinem neuen Posten hocherfolgreiche Championatsreiter um sich, allesamt starke Charaktere, mit denen er sich arrangieren musste. Schockemöhle gab zu dieser Zeit im und rund um den Parcours den Ton an, aber Herbert Meyer schaffte es, ihn für sich zu gewinnen. „Der Chef war eigentlich Paul“, gibt Meyer zu. „Aber er hat mich unglaublich unterstützt.“ Von Anfang an war ihm klar, dass es nicht darum ging, den Reitern fachlich unter die Arme zu greifen. Er sah seine Aufgabe darin, Jahr für Jahr aus den starken Einzelreitern eine noch stärkere Mannschaft zu formen. Er wollte sich nicht mit Befindlichkeiten, Kleinkriegen zwischen den Reitern und Eifersüchteleien aufhalten. Er war der Team-Manager, der sich akribisch auf die Turniere vorbereitete, nächtelang über Nominierungen und die beste Teamzusammenstellung grübelte, mit eher barschem Ton diskutierte und auch einer Auseinandersetzung nicht aus dem Weg ging. „Ich habe mich schon gerne gestritten“, sagt er heute. „Diplomatie war nicht so mein Ding.“ Er wollte keine unnötigen Fehler begehen, die einen Teamerfolg gefährdet oder verhindert hätten. „Wenn die Mannschaft gut ist, ist alles gut“, war seine Devise. Waren die Teamentscheidungen auf den Turnieren schließlich gefällt, konnte auch er sich etwas entspannen. „Sonntags zum Großen Preis habe ich immer gesagt: ‚Ich setze mich auf die Tribüne, ihr macht das schon!‘“

 

Unter Dauerstrom

Auf Presseanfragen antwortete er damals gerne: „Der Star ist die Mannschaft.“ Er wollte nicht im Rampenlicht stehen, agierte lieber im Hintergrund. Mittlerweile ist er etwas redseliger geworden, die großen Worte aber sind noch immer nicht seins. Kurze, knappe Sätze bringen das auf den Punkt, was er zu sagen hat. Blickt er zurück auf seine Trainerzeit, ist noch heute der Druck zu spüren, den er jahrelang mit sich trug. Auf ihm lasteten Entscheidungen und die Erwartungen der Offiziellen und der Öffentlichkeit – all das schien ihn unter Dauerstrom zu setzen. Nicht zuletzt musste er auch mit dem Druck zurechtkommen, den er sich selbst machte. Die Tage eines Championats verbrachte er wie in einem Tunnel, an dessen Ende der bestmögliche Erfolg stand. Dafür mussten seine persönlichen Belange hinten anstehen, auch sein privates Umfeld, seine Frau Margarethe, Gretl, mit der er eine gemeinsame Tochter hat. Sein Einstand bei seinen ersten Olympischen Spielen in Seoul 1988 war nervenaufreibend. Ludger Beerbaums Pferd Landlord verletzte sich und Herbert Meyer ging volles Risiko: Statt Ersatzreiter Karsten Huck zu benennen, setzten Paul Schockemöhle und er Beerbaum auf Dirk Hafemeisters Reservepferd The Freak. Beerbaum hatte das Pferd nie zuvor geritten. „Wenn das in die Hose gegangen wäre, wäre ich nach Nordkorea gereist und dort geblieben“, stellt der Ex-Bundestrainer trocken fest und lacht. Dann wird er schnell wieder ernst. Noch heute scheint er in seinen Erzählungen sehr konzentriert, in sich gekehrt. Die Reise in den Norden Koreas entfiel, die Mannschaft gewann Gold, Beerbaum und The Freak hatten lediglich einen Abwurf, Karsten Huck gewann mit Nepomuk Bronze in der Einzelwertung.

Revolutionäre Abreise

Über Erfolge freute er sich im Stillen, Niederlagen belasteten ihn lange Zeit. „Als wir bei den Olympischen Spielen in Barcelona 1992 mit dem Team auf dem elften Platz landeten, wollte ich nicht mehr aus dem Hotel gehen“, erinnert sich der Senior. „Aber Gretl hat mich nach draußen gescheucht. Dann wurden Classic Touch und Ludger Beerbaum Einzelwegen der katastrophalen Bodenverhältnisse einen irreparablen Sehnenschaden zugezogen hatte und später aus dem Sport verabschiedet werden musste, verweigerte Herbert Meyer wegen des unverändert schlechten Bodens die Teilnahme seiner Reiter. Die Deutschen fuhren wieder nach Hause. „Die Abreise war revolutionär“, erinnert er sich. „Da war was los in der Schweizer Presse.“ Für diese Geste gegenüber dem Partner Pferd wurden er und die Equipe mit dem Fairness-Preis des Verbandes der Deutschen Sportjournalisten ausgezeichnet.

 

Bürojob pro forma

Aufgewachsen ist Herbert Meyer in Lilienthal und später im Grambker Moor auf dem landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern. Sein Vater Hinrich war Züchter und selbst ländlicher Reiter. Von ihm ausgebildet bestritt der junge Herbert erfolgreich Turniere in den klassischen Disziplinen bis er mit 18 Jahren schließlich nach München-Riem an die Reitakademie ging. Zu dieser Zeit durften Berufsreiter keine Championate reiten, die waren den Amateuren vorbehalten. Deshalb war Herbert Meyer nicht als Profi angestellt, sondern offiziell als Büromitarbeiter. Die meiste Zeit jedoch verbrachte er im Stall und im Sattel an der Seite seines Trainers Hans-Heinrich Brinckmann. Er erinnert sich, dass die amerikanischen Reiter Bill Steinkraus, George Morris und Frank Chapot auf dem Weg zu den Olympischen Spielen in Rom in der Reitakademie einen Zwischenstopp eingelegt hatten. „Ich musste mit ihnen Sitzübungen machen. George Morris hat immer gestöhnt, wenn er mich gesehen hat, weil ich versucht habe, ihn zum Sitzen zu bringen. ‚Terrible man‘, schrecklicher Typ, hat er mich genannt.“ 1961 lernte Herbert Meyer in München seine spätere Frau kennen. Sie nahm an einem Springlehrgang teil und brach sich bei einem Sturz das Schlüsselbein. Er kümmert sich. Später zogen sie gemeinsam in den Norden, denn mit 23 Jahren wurde Herbert Meyer an das Deutsche Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR) in Warendorf berufen. Dort ritt er fortan neben Fritz Ligges, Hermann Schridde und Lutz Merkel und unter den Fittichen von Hans Günter Winkler.

Herbert Meyer, Foto: J. Toffi

Der junge Herbert Meyer mit seinem erfolgreichen  Pferd Deichgraf.  Foto: FN-Archiv

Simona und Steenken

Er ging bei insgesamt zehn Nationenpreisen für Deutschland an den Start. Beritten war er mit zwei Pferden, Simona und Deichgraf. Mit dem Hannoveraner stand er 1968 in der engeren Auswahl für die Olympischen Spiele in Mexiko. Dieser Auftritt blieb ihm allerdings verwehrt, weil Deichgraf wegen eines Krebstumors eingeschläfert werden musste. Die Stute Simona verkaufte Meyer an Hartwig Steenken, der mit ihr sechs Jahre später Weltmeister wurde. Herbert Meyer beendete seine aktive Karriere und wurde 1969 Bundestrainer der Junioren und anschließend auch der Jungen Reiter.

Dank seines guten Drahts zu jungen Menschen und seines Talents, sie zu motivieren und zu stärken, gewannen die deutschen Nachwuchsspringreiter unter seiner Leitung beachtliche 21 Medaillen bei Europameisterschaften. Im selben Jahr übernahm er in Lilienthal den Betrieb, auf dem er geboren wurde, eröffnete einen Ausbildungs- und Zuchtstall und legte seine Reitlehrerprüfung ab. Kurt Gravemeier, Tjark Nagel und Lars Nieberg lernten bei ihm, Otto Becker ritt in seiner Juniorenmannschaft. Gretl Meyer kümmerte sich um Haus und Hof, beschäftige sich mit der Zucht und begleitete ihren Mann zu den großen Turnieren. Tochter Nadja wurde 1968 geboren.

 

Schlechte Reiterei

Herbert Meyers Augenmerk lag zu dieser Zeit nicht nur auf seinen Schülern. Er wollte auch etwas in der Pferdeausbildung bewegen. Anfang der 70-er Jahre war das allgemeine Bild in Springprüfungen nicht besonders ansehnlich. „Die Springreiterei war schlecht, außer bei den Spitzenreitern gab es fast nur unschöne Bilder“, bringt er es auf den Punkt. Das sollte sich ändern. „Deshalb haben wir zwischen 1974 und 1975 die Springpferdeprüfungen ins Leben gerufen. Der Motor für das Ganze war Hermann Schridde. Bis dato gab es ja nur Stilspringprüfungen und wir wollten Rittigkeit und Technik in die Bewertung aufnehmen. Dadurch sollten die Reiter gezwungen sein, besser und mit Auge zu reiten, reeller auszubilden.“ Die Idee stieß auf offene Ohren. „Innerhalb von zwei, drei Jahren konnte man eine positive Entwicklung sehen. Und übers Bundeschampionat haben andere Veranstaltungen das Konzept übernommen und so im ganzen Land verbreitet.“

31 Jahre Trainer

Aus dem Posten des Nachwuchstrainers wurde dann 1986 schließlich der Bundestrainer. Herbert Meyer begleitete drei Olympische Spiele (Seoul, Atlanta, Barcelona), vier Weltreiterspiele und sieben Europameisterschaften. Ursprünglich wollte er schon nach Olympia in Atlanta 1996 aufhören. Die Reiter überredeten ihn aber, noch vier Jahre weiterzumachen, so dass er am Ende insgesamt 31 Jahre lang als Trainer tätig war. Aus dieser Zeit ist ihm einer seiner Championatsreiter besonders im Gedächtnis geblieben: „Franke Sloothaak hat in Verbindung mit Hermann Schridde die tollste Springreiterei nach vorn gebracht. Er hatte ein Konzept, Planung und Disziplin. Franke ist ein Naturtalent und ein genialer Reiter. Er hat sich aufs Pferd gesetzt und innerhalb von ein paar Minuten sah es komplett anders aus, es war ein anderen Pferd. Heute gilt das meiner Meinung nach für Ludger Beerbaum.“ 2002 gab Herbert Meyer, dem für seine Verdienste um den Pferdesport das Deutsche Reiterkreuz in Gold, das Bundesverdienstkreuz und der Meteor-Preis verliehen wurde, seinen Betrieb in Lilienthal an seinen ehemaligen Auszubildenden Christoph Kühl ab.

Ponyrenterin Bella ist 26 Jahre alt und Herbert Meyers kleiner Liebling.  Foto: J. Toffi

Er lebt aber nach wie vor mit Gretl auf dem Areal, mit Blick auf die Pferdeweiden und einen Steinwurf von den Stallungen entfernt. Tochter Nadja ist Grafikdesignerin und wohnt nebenan. Seit zehn Jahren sitzt der Senior nicht mehr im Sattel, aber er hat noch zwei Pferde. Eines davon ist Pony Bella (26), die mit ihm die Rente genießen darf.

 

Am schönsten: Sydney

Als Ehrenmitglied des DOKR-Springausschusses engagiert er sich weiterhin für den Sport und formuliert seine Meinung zum aktuellen Stand der Springreiterei klar und deutlich: „Das Traineramt wird immer schwieriger, viele Pferde werden verkauft, die Nationenpreise treten in den Hintergrund und die Lobby der deutschen Reiternation ist zu klein. Heutzutage wird die Freizeitreiterei positiv hervorgehoben und der Leistungssport wird zu wenig respektiert. Die Leistungssportler müssen in die Offensive gehen. Sie brauchen mehr Öffentlichkeitsarbeit. Die Pferde sollen nicht drangsaliert werden, aber ein Leistungssportler wird nun einmal anders gefordert als ein Freizeitpferd. Aber es darf nicht so dargestellt werden, als ob wir Pferde quälen!“ Noch immer spricht Herbert Meyer in wir-Form, wenn es um den Sport geht. „Den Trainer werde ich nicht mehr los.“ Auf die abschließende Frage nach seinen schönsten Olympischen Spiele, antwortet er sofort: „Sydney 2000, da hat alles drum und dran gepasst. Tolles Land, tolle Atmosphäre, tolle Organisation und unglaublich freundliche Menschen.“ Es waren seine letzten Spiele, danach gab er das Amt des Bundestrainers an Kurt Gravemeier ab. Das Abschiedsgeschenk seiner Mannschaft: die Goldmedaille. Bei der Siegerehrung hatte Herbert Meyer Tränen in den Augen.

Laura Becker

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