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Projekt Stoppelhopser der Reit- und Fahrgemeinschaft Auetal

All(e) inklusive: Ein ausgezeichnetes Projekt

Bei der Reit- und Fahrgemeinschaft Auetal nördlich von Bremen können Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam Reiten lernen. Sie nennen sich Stoppelhopser. Für diese tolle Initiative bekam das Projekt 2015 den zweiten Platz beim Zukunftspreis der Deutschen Sportjugend (DSJ).

Die Stoppelhopser sind stolz auf ihre Schleifen beim Trainingstag. Alle Fotos: Stroscher

Die jüngsten Stoppelhopser drängen sich in Begleitung von Papa, Mama, Großeltern und Geschwistern ungeduldig vor der Eingangstür zur Reithalle. Die meisten sind noch nicht groß genug, um einen Blick über die Bande zu werfen. Einige erklimmen den Voltigierbock im Vorraum, um besser sehen zu können, wie lange der Reiterwettbewerb noch dauert. Es duftet nach Kaffee, Bratwurst und frischem Obstkuchen. Beim Trainingstag auf dem Vereinsgelände der Reit- und Fahrgemeinschaft Auetal fällt besonders auf, dass hier jeder jedem hilft, egal ob die Gerte heruntergefallen ist, die Jacke im Auto vergessen wurde oder jemand Trost braucht, weil es im Sattel nicht ganz so gut lief wie sonst. Hier ziehen alle Reiter an einem Strang, ganz gleich, ob man eine Behinderung hat oder nicht.

In aller Ruhe sitzt Hanno (18) mit seiner Mutter draußen am Tisch und stärkt sich vor seinem Ritt mit einer Portion Pommes. Der blonde Junge mit dem Down-Syndrom hat vor drei Jahren bei den Stoppelhopsern angefangen zu reiten und ist nun einmal in der Woche in der Erwachsenen-Gruppe der behinderten Reiter beim Reitunterricht. Sein Lieblingspferd ist Rappe Donnie, den er auch heute beim Trainingstag unter Turnierbedingungen reiten wird. „Hanno ist auch noch im Judo aktiv, aber Pferde mag er ganz besonders. Ihm macht es auch nichts aus, wenn ein Pferd mal bockt oder sich erschreckt“, berichtet seine Mutter.

Spielerisch reiten lernen

Einer hat immer den Überblick in diesem Gewusel: Jörg Buchholz (53) ist nicht nur seit 1998 Vereinsvorsitzender in dem idyllisch gelegenen Verein an der Grenze von Bremens Norden zu Niedersachsen, sondern hat auch das im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichnete Projekt der Stoppelhopser ins Leben gerufen. Der Kunst- und Mathematiklehrer ist Trainer C, Vater von vier Kindern im Alter von zehn bis 23 Jahren, von denen drei auch reiten und sich im Verein engagieren. Dadurch, dass Jörg Buchholz selbst eine Behinderung hat, fällt es gerade den Kindern, die geistig und/oder körperlich eingeschränkt sind, leichter, Mut und Selbstbewusstsein im Sattel zu entwickeln, wenn er unterrichtet. Kinder ab etwa acht Jahren können hier in einer Gruppe mit Gleichaltrigen spielerisch erste Reit­erfahrungen sammeln. Darunter sind zum Beispiel auch Kinder mit Lernbehinderungen und Verhaltensauffälligkeiten.

Jörg Buchholz betreut nicht nur das Stoppelhopser-Projekt, sondern kümmert sich als Vereinsvorsitzender auch um Veranstaltungen wie den Trainingstag.

Spaß am Reiten wird bei der RFG Auetal besonders groß geschrieben.

„Wichtig ist, dass Spiel und Spaß nicht zu kurz kommen“, findet der Ausbilder, der fast seine gesamte Freizeit mit viel Leidenschaft dem Verein widmet. Stolz ist er auch auf die große Unterstützung von Eltern und Sponsoren. „Weil Reiten ein Familiensport ist, helfen uns immer wieder Eltern bei der praktischen Umsetzung des Projektes, beispielsweise beim Aufbau eines Geschicklichkeitsparcours, beim Nähen von Kostümen für die Vorführungen beim Weihnachtsreiten oder einfach durch ihre Anwesenheit als interessierte Zuschauer.“

Beim geführten Reiterwettbewerb sind auch die Stoppelhoper am Start.

Hanno und Donnie sind ein eingespieltes Team und nehmen gemeinsam am Reiterwettbewerb teil.

Die Stoppelhopser

Für die Stoppelhopser-Gruppe stellt der Verein jeweils zwei Übungsleiter, die entweder ausgebildete Erzieher oder reitsportlich geschulte Fachkräfte sind. Insgesamt haben die Auetaler 300 Vereinsmitglieder und zwölf Schulpferde in verschiedenen Größen, die sich heute beim Trainingstag unter den verschiedensten Reitern ausgeglichen und gut ausgebildet präsentieren. In den Sommerferien haben übrigens auch die Pferde frei und dürfen sechs Wochen auf die Weide und die Paddocks. Jedes gerittene Pferd im Stoppelhopser-Unterricht wird von jeweils einem Helfer betreut, der es während der Reitstunde auch führt. Diesen Job übernehmen gerne ältere Kinder und Jugendliche aus dem Verein, um sich hier nach einem Punktesystem eigene Reitstunden zu verdienen. Während die eine Hälfte der Stoppelhopser reitet, bekommt die andere Hälfte theoretischen und praktischen Unterricht zum Pferdeverhalten, im Umgang mit den Vierbeinern und in der Reitlehre.

Und dann wird getauscht. „Gemeinsam mit den Kindern entscheiden wir, ob ein Ausritt ansteht, eine Rallye, Leckerlies backen oder vielleicht Voltigier-Übungen. Am Anfang werden die Kinder geführt. Später dürfen sie auch alleine reiten. Wir üben Hufschlagfiguren oder machen Reiterspiele mit Bällen, bei denen alle so ganz nebenbei ihre Geschicklichkeit und ihr Gleichgewicht verbessern.“ Oft ist auch ein Hund dabei, der die Reitstunden und Spiele begleitet. „Weil bei den Stoppelhopsern alle Kinder willkommen sind, ist unser Konzept mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem 2010 von der Niedersächsischen Landesregierung, 2011 vom Landessportbund Niedersachsen und jetzt aktuell von der Deutschen Sportjugend mit dem Zukunftspreis“, freut sich Jörg Buchholz über den Erfolg des inklusiven Projektes, dass es seit 2003 gibt.

Aus über 60 Bewerbungen, die für den dsj-Zukunftspreis mit dem Motto „All(e) inklusive! Inklusion von Kindern mit und ohne Behinderung“ eingegangen waren, belegten die Auetaler Platz zwei und hatte die Jury deswegen überzeugt, weil über den Motivator Pferd Kinder mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen und Fähigkeiten gemeinsam in einer Gruppe agieren und dabei sozial, emotional, geistig und körperlich individuelle Fortschritte machen. Bei der Preisverleihung in Köln war auch die Laudatorin, Dr. Susanne Plück, begeistert: „Reiten bedeutet, die wunderbare Erfahrung, getragen zu werden, aber auch, sich im Umgang mit dem Pferd bewähren zu müssen. Die Kinder erlernen etwas, worauf sie stolz sein können. Aus Sicht der Jury ist es dem Verein in besonderer Weise gelungen, das Medium Pferd für die inklusive Arbeit mit Kindern zu nutzen.“

Lange Wartelisten

Übrigens sind die Stoppelhopser-Gruppen mit etwas 30 bis 40 Kindern so gut gefüllt, dass es lange Wartelisten gibt. Über die bestehenden Schulsport-Kooperationen hinaus (Inklusionsklassen aus Bremen), möchten gerne noch weitere Schulen und Kitas die Auetaler Vereinsanlage nutzen. Außerdem hat vor den Sommerferien der Elternverein für Psychomotorische Entwicklungsförderung eine Kooperation mit dem Verein begonnen und würde gerne weiter Reittherapien mit den Schulpferden anbieten. Dabei wären genug Übungsleiter für zusätzliche Stunden vorhanden. „Da unsere Reithalle über die Woche aber komplett ausgelastet ist, wollen wir, zusätzliche

Auch die älteren Reiter mit Behinderung finden im Verein mit seinem sozialen Ansatz und dem großen Gemeinschaftssinn ein optimales Umfeld.

Viele der jungen Reiter haben ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zu ihrem Lieblingspferd.

Kapazitäten schaffen, wie den Reitplatz überdachen, da dieser wegen der wechselnden Witterungsverhältnisse – entweder steht er unter Wasser oder man wird von Bremsen im Staub aufgefressen – nur zu selten nutzbar ist. Wir benötigen für ein regelmäßiges Angebot aber eine ganzjährig nutzbare Fläche“, berichtet Jörg Buchholz.

Das Banner zur Auszeichnung mit dem  dsj-Zukunftspreis hängt an der Reithalle der RFG Auetal.

Für die Investition in Überdachung und Bande bräuchte die RFG Auetal aber eine höhere sechsstellige Summe und sucht dafür Sponsoren zur Unterstützung. In den letzten Jahren haben so viele Kinder in der vom Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten anerkannten Einrichtung, beachtliche Entwicklungsfortschritte gemacht, dass diese gar nicht alle aufzuzählen sind. Ein Moment bleibt aber auch dem erfahrenen Ausbilder stark im Gedächtnis. „Wir hatten ein autistisches Mädchen in der Gruppe, dass im normalen Alltag nie ein Wort gesagt hat. Als sie aber im Sattel saß, begann sie mit ihrem Pony zu sprechen.“

Tina Pantel

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