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Tipps für alternative Dressurstunden im Winterhalbjahr

Spaßfaktor Quadrille

Spätestens nach Weihnachten macht sich Frust breit: Volle Reithallen, mieses Wetter, ewige Dunkelheit, kaum Ausritte – die Wintersaison ist für viele Reiter nur schwer zu ertragen. Quadrillenreiten bringt frischen Schwung ins tägliche Einerlei und fördert obendrein das Gemeinschaftsgefühl. Wie das Formationsreiten gelingt und allen Spaß macht, verrät Helmi Abeck im Interview. Die Quadrillen-Expertin des niederrheinischen Reitvereins St. Hubertus Wesel-Obrighoven hat schon zigmal mit ihren Gruppen das Deutsche Quadrillenchampionat gewonnen.

Das Team vom Reitverein St. Hubertus Wesel-Obrighoven: Sieger in der Kategorie „Klassische Quadrille“ bei den HKM-Deutschen Quadrillen­­cham­pio­naten 2016
Alle Fotos: Monika Kaup-Büscher

PM-Forum: In manchen Vereinen oder Betrieben wird eine Quadrille für die Weihnachtsfeier einstudiert, in anderen ist sie lediglich eine schöne Alternative zur üblichen Dressurstunde. Wie viele Paare müssen sich finden, um mit der Quadrillenarbeit überhaupt anfangen zu können?

Helmi Abeck: Viererquadrillen sind am leichtesten zusammenzustellen und in der Arbeit auch am besten zu betreuen, aber acht Paare sind eigentlich das ideale Maß. Man muss allerdings die Realität sehen, dass es selbst in größeren Stallgemeinschaften nicht immer leicht ist, acht Reiterinnen und Reiter zum regelmäßigen Training zu motivieren und die Quadrille inklusive der Reservepaare zusammenzuhalten. Von zwölf und mehr Reitern würde ich abraten, das ist in der Praxis kaum zu händeln.

PM-Forum: Als Reitlehrer kann man sich nicht die ideale Zusammensetzung aussuchen, man muss mit denen arbeiten, die an der Quadrille teilnehmen wollen, also weniger fortgeschrittene und bessere Reiter, große Warmblüter und kleine Ponys. Wie funktioniert das in der Praxis?

Abeck: Die unterschiedliche Pferdegröße ist ein eher kleines Manko und kann kompensiert werden. Wir haben schon mal für ein Schauprogramm eine Quadrille mit sechs Pferden und sechs Ponys einstudiert. Viel entscheidender als die Größe der Pferde sind die Anforderungen an die Reiter. Sie müssen schon über ein gewisses reiterliches Niveau verfügen, sonst kann es einerseits gefährlich werden, wenn sie beispielsweise aufeinander zu reiten und sich begegnen, andererseits müssen die Figuren ja auch klappen und schön aussehen.

PM-Forum: Was kennzeichnet einen guten Quadrillenreiter?

Abeck: Man braucht verantwortungsbewusste, starke Leute, die selber nicht schnell nervös werden und die andere beruhigen können, wenn mal etwas nicht klappt. Die Reiter müssen sich konzentrieren können und brauchen ein Vorstellungsvermögen davon, wie eine Figur aussehen soll. Beim Quadrillenreiten ist es ja so, dass man nicht mehr nur auf sich, sein Pferd und die korrekte Ausführung einer Lektion konzentriert ist, sondern man muss die Gruppe bzw. seinen jeweiligen Partner, wenn beispielsweise paarweise geritten wird, genauso im Auge behalten. Das setzt auch ein gewisses räumliches Denken voraus.

PM-Forum: Kann man sich im normalen Reitunterricht nicht schon aufs Quadrillenreiten vorbereiten?

Abeck: Doch natürlich, ich füge immer Elemente in die Dressurstunde ein, wie Volten gegeneinander zu reiten.

Mannschaftsführerin Helmi Abeck, Quadrillen-Kopf und -Motor im RV St. Hubertus Wesel-Obrighoven

PM-Forum: Wie wird die Quadrille vorbereitet?

Abeck: Man startet nicht von null auf hundert. Wenn der Reitlehrer die Reihenfolge der Figuren festgelegt hat, wird die Quadrille erst mal zu Fuß geübt. So lange, bis jeder Reiter den Ablauf kennt. Das ist deutlich einfacher, geht schneller, als wenn sich die Reiter zugleich auch noch aufs Pferd konzentrieren müssen. Aber es braucht seine Zeit. Wenn sich jetzt zu Beginn der Hallensaison ein paar Reiter finden, um eine Quadrille einzustudieren, dann können sie bis zur Weihnachtszeit bei ein- bis zweimal Training pro Woche eine gute Formation auf die Beine stellen. In einer Woche oder einem Monat ist das nicht zu machen.

Und noch ein Titel: der RV St. Hubertus Wesel-Obrig­hoven gewinnt 2016 auch in der Kategorie „Themenquadrille“.

Unter dem Motto „Karl May“ brachten die Rheinländer aus Wesel-Obrighoven eine Nachwuchs­quadrille mit, in Schach gehalten von Sherif Helmi Abeck (Foto unten).

Platz zwei bei den „Themenquadrillen“ belegten die acht Reiterinnen vom RV Kalthof.

Quadrillen­reiten ist Team­arbeit – auch beim Freuen

PM-Forum: Wie werden die Pferde vorbereitet?

Abeck: Viele Pferde, die es nicht gewöhnt sind, erschrecken sich, wenn ein anderes Pferd schnurgerade auf sie zukommt oder wenn zwei Pferde recht eng nebeneinander laufen müssen. Deshalb müssen die Lücken, wenn die Reiter beispielsweise auf der Diagonalen gegeneinander reiten, anfangs sehr groß sein. Das Verletzungsrisiko, wenn ein Pferd hektisch zur Seite springt oder die Reiter mit ihren Knien zusammenprallen, ist viel zu hoch. Also am Anfang immer viel Platz lassen, wenn sich zwei oder vier Reiter frontal begegnen und auf Lücke reiten müssen. Aber dieses Grundvertrauen der Pferde zu ihren Reitern aufzubauen und auch in vollen Hallen gelassen zu bleiben, ist ja in der Regel Bestandteil jedes guten Reitunterrichts.

PM-Forum: Welche Figuren empfehlen Sie für eine Einsteigerquadrille?

Abeck: Alle Basislektionen wie Zirkel und Volten unterschiedlicher Größe, ganze und halbe Achten, Kehrtwendungen, Schlangenlinien, auch paarweise geritten, eignen sich hervorragend. Bei etwas besseren Reitern können sich die Volten auch überschneiden oder entgegengesetzt geritten werden. Auch Fächer sind beliebte Elemente, die nicht schwierig zu erarbeiten sind, aber gut aussehen.

PM-Forum: Wie hoch darf der Schwie­rigkeitsgrad denn sein?

Abeck: Wenn eine Quadrille gelingen soll, muss sie sich am reiterlichen Niveau der schwächeren Mitglieder orientieren, sonst führt das unweigerlich ins Chaos. Die Reiter wollen natürlich gefordert werden und andere Dinge im Sattel erarbeiten als in der normalen Unterrichtsstunde. Da ist die Kreativität des Reitlehrers gefragt, aber man darf sie nicht überfordern. Ich warne vor falschem Ehrgeiz, besonders anspruchsvolle Figuren zu trainieren. Die Mühle auf dem Mittelzirkel beispielsweise ist schon höhere Kunst, sie setzt erfahrene Reiter und Pferde voraus. Bei ungeübten Paaren gelingt das meistens nicht oder zumindest nicht gut, so dass das Gesamtbild der Quadrille leidet und keiner mehr weiß, wo er eigentlich hin soll.

PM-Forum: Was ist das größte Problem oder die größte Herausforderung beim Formationsreiten?

Abeck: Der Schlüssel zum Erfolg einer jeden Quadrille ist das Abwenden. Es kommt darauf an, zum exakt richtigen Zeitpunkt abzuwenden, egal, welche Figur an der Reihe ist. Jede Verzögerung verzerrt die ganze Quadrille. Deshalb muss den Reitern immer wieder eingeschärft werden, die ganze Quadrille im Blick zu haben – und nicht nur sich selbst. Für den Reitlehrer ist das manchmal eine arge Geduldsprobe.

PM-Forum: Wie teilen Sie die Quadrillen nach ihren Grundgangarten ein?

Abeck: Die Faustregel ist eigentlich immer – auch beim turniermäßigen Quadrillenreiten – 60 Prozent Trab, 10 bis 15 Prozent Schritt und 25 bis maximal 30 Prozent Galopp. Der Galopp­anteil sollte nicht größer sein, denn diese Grundgangart können viele Reiter nicht so leicht regulieren wie den Trab. Galoppiert wird bei der Erarbeitung der Quadrille grundsätzlich auch erst dann, wenn die ganze Quadrille im Trab wie am Schnürchen klappt.

PM-Forum: Wie lange sollte eine Quadrille dauern?

Abeck: Ich empfehle vier bis höchstens fünf Minuten. Wenn die Gruppe diese Zeit hochkonzentriert reitet, merkt man, dass Konzentration und Kondition nachlassen. Wir reden ja schließlich von Amateuren und nicht von Profi-Quadrillen beispielsweise der Landgestüte.

Ist bei den klassischen Quadrillen die „Dekoration“ zurückhaltend, so können die Teams bei den Themenquadrillen ihrer Kostümfantasie völlig freien Lauf lassen.

PM-Forum: Sollte der Kommandogeber mitreiten oder besser an der Bande stehen?

Abeck: Reiten und gleichzeitig Kommandos zu geben, ist fast nicht zu machen. Der Kommandogeber steht idealerweise an der Mitte der langen Seite. Von dort aus hat er die Quadrille am besten im Blick, kann jederzeit einschreiten und korrigieren. Von der kurzen Seite aus sieht er schon deutlich weniger.

PM-Forum: Wie sollte man die Musik auswählen?

Abeck: Wenn ich mich erinnere, wie wir in den Anfängen mit Plattenspieler und Kassettenrekorder unsere Musik zusammengestellt haben, muss ich lachen. Da gibt es ja heute viel einfachere Möglichkeiten. Ich empfehle, eine CD mit Kürmusik zu kaufen oder sich auszuleihen und dann was Passendes zu mischen. Wir haben viele Jahre mit den Isabell-Werth-Kürmusik-CDs gearbeitet, das hat immer sehr gut geklappt, aber es gibt heutzutage ein breites Angebot. Und technisch ist mittlerweile ja fast jeder Jugendliche in der Lage, Musik selber zu mischen und zusammenzufügen. Auch wenn es im Wettkampf inzwischen erlaubt ist, Gesangsstücke in die Musikauswahl zu integrieren, empfehle ich Instrumentalmusik. Das lenkt die Reiter weniger ab.

PM-Forum: Neben der klassischen Quadrille, die in der Regel im schwarz-weißen Turnier-Outfit geritten wird, gibt es Kostüm- oder Themenquadrillen. Worauf ist dabei zu achten?

Abeck: Die Kostüme sind nur das I-Tüpfelchen, und dabei sind der Phantasie kaum Grenzen gesetzt. Das Deutsche Quadrillenchampionat hat gerade erst wieder die kreative Vielfalt gezeigt. Grundsätzlich müssen Kostüme so gewählt werden, dass sie den Reiter in seiner Bewegungsfreiheit nicht einschränken und sie dürfen auch nicht so wallend ausfallen, dass das halbe Pferd darunter verschwindet. Aber das originellste Kostüm oder Thema nützt nicht viel, wenn die Quadrille nicht funktioniert. Die korrekte Ausführung der Figuren, die Harmonie und das Gesamtbild müssen stimmen. Letztlich kommt es nur darauf an.

Das Gespräch führte Susanne Hennig

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