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Ausbildungstipp von Christoph Hess: Zungenprobleme

Das Maul als Spiegel

Bei Pferden gibt es Marotten, die kein Reiter erwartet. In gewisser Weise sind Pferde so unberechenbar wie Menschen. Die Ursache bestimmter Verhaltensweisen der Pferde sind meist die Reiter selbst. Das gilt häufig auch bei Zungenproblemen.

Das Maul ist geschlossen, das Pferd kaut schön – so soll es aussehen. Fotos (2): A. Bronkhorst

Frage: Mein sechsjähriger Wallach ist jetzt im Bereich der Klasse L angekommen. Die Lektionen klappen ganz gut, die ersten Starts (auf Trense) führten allerdings noch nicht zur Platzierung. Er hat ein Problem: Er lässt von Zeit zu Zeit die Zunge sehen. Sie hängt nicht seitlich wie ein „Waschlappen“ raus, sondern er streckt sie durch die Schneidezähne, was die Richter gut erkennen können. Er macht es aber nur manchmal, und ich rätsele dann, warum gerade in dieser Situation. Ich ziehe nicht am Zügel, er regt sich nicht auf. Ich kann nicht erkennen, warum er es mal macht und mal eben nicht. Gibt es solche Marotten bei Pferden? Heike M.

Jede negative Verhaltensweise unserer Pferde sollte uns veranlassen, intensiv darüber nachzudenken, was die Ursache sein könnte. Es gibt nahezu kein Verhalten unserer Pferde, mit dem das Pferd nicht auf uns als Reiter reagiert. Insofern müssen wir uns zunächst fragen, was wir als Reiter besser machen können, damit sich unsere Pferde unter dem Sattel wohl fühlen. Dabei sollte der Beobachtung des Pferdemauls unser besonderes Augenmerk gelten.

Ist das Maul ruhig und geschlossen, kaut das Pferd zufrieden und ist die Zunge so platziert, dass das Gebiss auf dieser liegt? Denn die Zunge hat für das Gebiss eine wichtige Pufferfunktion. Die Lage der Zunge muss immer wieder kontrolliert werden, denn das Pferd darf sie weder rausstrecken noch hochziehen. Pferde können nicht sprechen, doch mit verschiedenen Verhaltensweisen zeigen sie uns, in welchem Gemütszustand sie sich befinden. Das Maul ist dafür ein wichtiger Indikator.

Wohlfühlfaktor

Eine herausgestreckte Zunge ist ein Indiz dafür, dass sich Ihr Pferd nicht ganz wohl fühlt. Deshalb müssen Sie eine Ursachenforschung vornehmen. Ein Akzeptieren des Problems, ohne dieses von der Ursache her zu beheben, wäre ein fataler Fehler, der sich rächen wird. Das derzeit auftretende Problem des Zungeherausstreckens kann sich steigern und zu weiteren Schwierigkeiten führen, wie z. B. dem seitlichen Heraushängenlassen der Zunge, zu deutlichen Verspannungen, zum Weglaufen oder zu einem Im-Hals-eng-werden. Dieses sind Sig­nale des Pferdes, die wir sorgfältig deuten müssen.

In Ihrem Falle streckt Ihr Pferd „nur“ die Zunge zwischen den Schneidezähnen hindurch. Das ist der geringste der möglichen Zungenfehler. Sie spüren noch keine weiteren negativen Auswirkungen. Sie müssen sich fragen, in welchen Situationen die Zunge Ihres Pferdes zu sehen ist. Streckt Ihr Pferd bisher die Zunge nur auf dem Turnier heraus oder auch zu Hause? Wenn das Problemen auch zu Hause auftritt, dann muss gefragt werden, wann ist die Zunge zu sehen, nur zu Beginn des Trainings oder wenn Sie Ihr Pferd intensiver arbeiten? Haben Sie mit bestimmten Übungen die Möglichkeit, das Pferd vermehrt auf sich zu konzentrieren, um dadurch ein Herausstrecken der Zunge zu beheben oder sind Sie dem Zungeherausstrecken ohne jede Einflussnahme ausgesetzt?

Sie müssen weiterhin versuchen herauszufinden, ob Ihr Pferd die Zunge dann zeigt, wenn es aufgeregt und verspannt ist oder eher, wenn es sich langweilt, weil es von Ihnen nicht gefordert wird. Die Beantwortung dieser Fragen ist wichtig, weil sich daraus ein unterschiedliches weiteres Vorgehen ergibt.

Doch ehe Sie sich mit dem Erforschen der Ursachen aus Sicht Ihres Pferdes beschäftigen, sollten Sie sich selbst von einem Ausbilder begutachten lassen. Der Ausbilder sollte sich Ihren Sitz ansehen, um Ihnen einen Hinweis zu geben, ob Sie losgelassen und entspannt sitzen oder ob Sie sich unbewusst an den Zügeln festhalten, weil Sie Schwierigkeiten haben, balanciert in die Bewegung Ihres Pferdes einzugehen. Sollte ein unbewusstes Festhalten am Zügel die Ursache sein, so empfehle ich Ihnen Sitzübungen und häufiges einhändiges Reiten. Sind Sie selbst nicht Teil des Problems, dann müssen wir uns Ihr Pferd genauer ansehen.

Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen kann ein probates Mittel bei Zungenproblemen sein.

Eine heraus­hängende Zunge ist meist in Indiz dafür, dass sich ein Pferd nicht wohl fühlt. Foto: J.Toffi

„Unbekannte Wesen“

Aus Ihrer Sicht regt sich Ihr Pferd nicht auf. Doch Pferde reagieren hochsensibel auf unsere eigene Gemütsverfassung. Oftmals sind Sie der Spiegel unseres eigenen Verhaltens. So ist es denkbar, dass Sie zu Hause Ihr Pferd unabhängig von Ihrer Hand mit guter Konzentration reiten und dabei selbst entspannt in die Bewegung Ihres Pferdes einschwingen. Dadurch fühlt sich Ihr Pferd wohl, zieht nach vorne an das Gebiss heran. Sie spüren in Ihren Händen eine weiche, federnde Verbindung zum Pferdemaul. Ganz anders kann sich die Situation auf dem Turnier darstellen. Hier sitzen Sie bedingt durch Ihre eigene nervliche Anspannung nicht so entspannt im Sattel wie zu Hause. Eine Veränderung zwischen dem Reiten zu Hause und  dem Reiten auf dem Turnier registrieren Pferde genau und quittieren dieses auf ihre Weise – in Ihrem Falle mit dem Herausstrecken der Zunge.

Ist dies die Ursache, so empfehle ich Ihnen, häufig turnierorientiert zu reiten. Sie sollten mit Ihrem Pferd in benachbarten Reitanlagen Dressuraufgaben reiten, um sich selbst in einen gewissen Turniermodus zu begeben. Sie werden Strategien entwickeln, wie Sie sich künftig bei Wettbewerben auf Turnieren besser entspannen.

Führt dies nicht zu dem gewünschten Erfolg und wird die Zunge Ihres Pferdes auch zu Hause immer wieder herausgestreckt, müssen Sie herausfinden, wann dies der Fall ist. Tritt das Problem zu Beginn des Trainings auf, solange sich das Pferd noch nicht genug loslässt, so müssen Sie der lösenden Arbeit Ihr besonderes Augenmerk schenken. Anders verhält es sich, wenn die Zunge erst im Verlauf des Trainings herausgestreckt wird. In diesem Falle rate ich Ihnen, in die eigentlich Arbeitsphase häufig Elemente aus der Lösungsphase einzubauen. Es empfiehlt sich, immer wieder die Zügel-aus-der-Hand-kauen zu lassen und häufig Übergänge vom Trab in den Galopp und umgekehrt zu reiten. Weiterhin ist gelegentliches Überstreichen ein probates Mittel, um sicher zu sein, dass sich Ihr Pferd nicht auf das Gebiss legt und Sie unabhängig vom Zügel zum Einschwingen in die Bewegung kommen.

Sie müssen weiterhin sicherstellen, dass Ihr Pferd nach vorne zieht und Ihre vortreibenden Hilfen sensibel annimmt. Sollten hierbei Schwierigkeiten auftreten, so sind Übergänge in allen Variationen zu reiten. Dabei ist darauf zu achten, in den einzelnen Übergängen genug Zug nach vorne zu haben. Das gilt besonders dann, wenn von einer höheren in eine niedrigere Gangart durchpariert bzw. in diese „hineingeritten“ wird.

Wer Christoph Hess live erleben möchte, kann zu folgenden PM-Seminaren kommen:

4./5.10. in Neritz (Schleswig-Holstein) „Besser Reiten – Basistipps für Jedermann“
24.10. in Norderstedt (Hamburg) „Winterzeit = Winterschlaf? Abwechslungs-reiches und effizientes Wintertraining für Dressurpferde“
25./26.10. in Bassum (Hannover) „Besser Reiten – Basistipps für Jedermann“
29.10. in Alsfeld (Hessen) 8er-Team Finale „Training im Fokus –Dressur, Springen, Fahren und
Voltigieren“
31.10. in Arnstadt (Thüringen) „Vom Reitpferd zum Fahrpferd“ mit Dirk Hofmann
15.11. in Aschendorf (Weser-Ems) „Von der Basisausbildung zum feinen Reiten“
17.11. in St. Wendel (Saarland) „Von der Basisausbildung zum feinen Reiten“
22.11. in Lauf (Bayern) „Feines Reiten in der Praxis – Der Weg zu mehr Mühe-losigkeit im Sattel“ mit Uta Gräf

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