FN präsentiert neue Sicherheitshindernisse

Mehr Flexibilität im Busch

Der Vielseitigkeitssport übt eine ganz besondere Faszination aus – nicht nur auf eingeschworene Fans. Gleichzeitig sorgt er immer wieder für Diskussionen. Der Tod von Benjamin Winter im vergangenen Jahr rief Experten aus ganz Deutschland auf den Plan. „Wir wollen nichts unversucht lassen, um den Sport sicherer zu machen“, betonte DOKR-Geschäftsführer Dr. Dennis Peiler. Bei einer Pressekonferenz in Warendorf wurden jetzt die Ergebnisse der Task Force Vielseitigkeit vorgestellt. Zentrales Thema war naturgemäß der Geländeaufbau. „Wir haben uns vorgenommen, in Deutschland eine Vorreiterrolle bei der Erprobung neuer Sicherheitskonzepte zu übernehmen.“

Premiere in Warendorf: Bei der Jahrespressekonferenz wurden erstmals neu­artige, de­formierbare Geländehindernisse präsentiert.

Schon seit Langem spielt das Thema Sicherheit eine große Rolle in der Vielseitigkeit. In den vergangenen elf Jahren hat der Sport gewaltige Veränderungen erfahren: Die Geländestrecken wurden verkürzt, Rennbahn und Wegestrecken abgeschafft, der Qualifikationsmodus verschärft und die Ausbildung durch eine Aufwertung der Teilprüfungen Dressur und Springen verbessert. Leistungsdiagnostik und sportmedizinische Untersuchungen gehören heute ebenso zum Alltag von Vielseitigkeitsreiter und -pferd wie das regelmäßige Heimtraining mit Spezialtrainern. „Noch vor 20 Jahren wurden die ‚Buschreiter‘ von den anderen Disziplinen belächelt. Heute brauchen sich unsere Topreiter vor den Spezialisten nicht mehr zu verstecken. Die reiterlichen Qualitäten haben sich deutlich verbessert“, so Dr. Peiler. Die Bemühungen zahlten sich aus – auch was die Erfolge der deutschen Reiter betrifft. Spätestens seit ihrem Doppel-Gold von Hongkong 2008 sind sie an der Spitze angelangt, triumphierten erneut bei den Olympischen Spielen in London und zuletzt bei den Weltreiterspielen in Caen.

Unabhängig von diesen großen Erfolgen stand die Disziplin jedoch in jüngster Zeit unter keinem guten Stern. Einen besonderen Tiefschlag erlitt sie im vergangenen Jahr. Benjamin Winter, eine der großen Nachwuchshoffnungen der deutschen Vielseitigkeit, starb in Luhmühlen an den Folgen eines schweren Sturzes und löste eine Debatte über die Zukunft der Disziplin aus. „Ich habe noch nie eine solche Ehrlichkeit in der Diskussion gespürt und die Bereitschaft erlebt, jeden Stein umzudrehen, um etwas zu verbessern“, sagte Dr. Peiler.

Optisch ein Kompaktsprung, aber flexibel bei massivem Druck: der MIM-Tisch

Parcoursbauer Rüdiger Schwarz ist intensiv in die Entwicklung und Erprobung neuer Hindernisse eingebunden. Hier demonstriert er die Klapp-Mechanik des neu konstruierten MIM-Tischs.

Veränderungen unausweichlich

Der Sport wird sich verändern, dessen ist sich auch Parcoursbauer Rüdiger Schwarz sicher. „Er muss sich sogar verändern, wenn wir wollen, dass die Vielseitigkeit auch in Zukunft von der Öffentlichkeit akzeptiert wird und für Zuschauer, Medien, Sponsoren und Pferdebesitzer attraktiv bleibt. Die Kunst wird es jedoch sein, einerseits neue Wege zu beschreiten und andererseits den Charakter des Sports zu erhalten: Action, Abwechslung und Dynamik, aber auch Mut, Geschicklichkeit und Vertrauen sind die Faktoren, die das Geländereiten so anziehend machen. Das gilt es zu erhalten.“ Rüdiger Schwarz kennt den Sport von allen Seiten.

Bis Anfang der 80er Jahre selbst hoch erfolgreich im Vielseitigkeitssattel unterwegs, ist er seit rund 25 Jahren als Bundestrainer für die Ausbildung der Junioren und Jungen Reiter zuständig und genießt spätestens seit den Weltreiterspielen in Aachen 2006 international den Ruf eines hervorragenden Kursdesigners. Wie kaum ein Zweiter kennt er Mittel und Wege, um einen Kurs sicherer zu machen: vom Standort über das Profil der Sprünge bis hin zur Dekoration. „Das richtige Hindernis zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort macht den Schwierigkeitsgrad aus“, lautet seine Devise. In der Arbeitsgruppe Geländeaufbau der Task Force spielte Schwarz zusammen mit seinem Bundestrainerkollegen Chris Bartle auch eine Hauptrolle, als es darum ging, Ideen für eine neue Generation von Sicherheitshindernissen zu entwickeln.

 

Sicherheitshindernisse auf dem Vormarsch

Achtungsgebietend, fair und vor allem fest: So sollen laut Reglement die Hindernisse einer Geländestrecke aufgebaut sein. Doch der Ruf nach „abwerfbaren“ oder korrekter deformierbaren Hindernissen wird immer lauter. Ganz so einfach, wie sich das der ein oder andere vielleicht vorstellen mag, ist es allerdings nicht. „Mal eben Parcourshindernisse ins Gelände stellen, geht leider nicht“, erklärt Schwarz. Um kein neues Risiko zu produzieren, müssen die Sicherheitshindernisse einige Anforderungen erfüllen. Zum Beispiel dürfen sich herunterfallende Hindernisteile nur wenig nach vorne bewegen und müssen eng am Sprung bleiben. Vor allem muss verhindert werden, dass sie in die Flug- bzw. Landekurve des Pferdes geraten. Zudem sollte das Auslösen des Sicherheitsmechanismus insbesondere in Hinderniskombinationen keine lauten Geräusche verursachen, um die Pferde nicht zu irritieren.

 

Neue Sicherheitshindernisse: MIMSafe NewEra System

Das von dem Schweden Mats Björnetun entwickelte System funktioniert nach dem Prinzip eines aufklappbaren Scharniers, das durch einen Spezialclip zusammengehalten wird. Kommt der Druck aus dem unfallträchtigen Winkel bricht das Metallteil und das Hindernis klappt zusammen. Für bestimmte Hindernistypen („Posts and Rails“) ist das MIM-System bereits bei der FEI-zertifiziert. Vorteil: Der Rückbau eines Hindernisses dauert nur Sekunden, außerdem enthält der Clip einen Indikator, der das Auslösen des Systems anzeigt. In jüngster Zeit hat sich Mats Björnetun auch mit dem Thema Kompaktsprünge befasst und das MIM-System auf Tische und Ecken ausgedehnt. Beide Varianten stehen kurz vor der Zertifizierung durch die FEI, dürfen bis dahin aber noch nicht bei internationalen Prüfungen eingesetzt werden.

Nicht zuletzt müssen die Hindernisse für alle Teilnehmer gleich aussehen und sich gleich verhalten, insbesondere nachdem die FEI nun entschieden hat, das Auslösen eines Sicherheitsmechanismus international künftig mit elf Strafpunkten zu ahnden. National soll dagegen während der Erprobungsphase noch von einer Bestrafung abgesehen werden.

Ergebnis der Überlegungen der FN-Arbeitsgruppe war ein kompakter Hochweitsprung, der über ein Rollensystem auf weniger als die halbe Höhe zusammensackt, wenn Pferd und Reiter einmal den passenden Absprung verpassen. Gleichzeitig ist die Konstruktion stabil genug, um ein leichtes Anschlagen oder ein Aufsetzen des Pferdes auszuhalten. Die Feuertaufe steht allerdings noch aus: Ein erster Prototyp wurde gerade erst fertiggestellt und vor wenigen Tagen im Warendorfer Trainingsgelände installiert. „Bevor der Sprung endgültige Serienreife hat, müssen wenigstens tausend Sprünge darüber gemacht worden sein“, sagt Rüdiger Schwarz.

 

In der Entwicklung: WARENDORFER SICHERHEITSMODELL

Brandneu ist das Warendorfer Sicherheitsmodell, ein kompakter Tischsprung. Er basiert auf Ideen, die von den Bundestrainern Rüdiger Schwarz und Chris Bartle gemeinsam mit Ingenieuren der TH Aachen entwickelt wurden. Ein Prototyp befindet seit einigen Tagen auf dem DOKR-Geländeplatz in Warendorf. Das Hindernis reagiert auf Druck im „Sturzwinkel“. Dank eines ausgeklügelten Rollensystems bewegt sich die Tischplatte minimal (4 bis 5 cm) vorwärts und senkt sich dabei unmittelbar ab. Der Vorteil ist das schnelle Auslösen des Hindernisses. Der Rückbau ist prinzipiell einfach, im Moment aber noch nicht manuell möglich. Das Hindernis befindet sich allerdings noch in der Entwicklungs- und Erprobungsphase. Auf Dauer soll eine Hebelkonstruktion Abhilfe schaffen.

In direkter Nachbarschaft des „Warendorfer Sicherheitsmodells“ befinden sich zwei weitere Neukonstruktionen aus der Ideenwerkstatt des Schweden Mats Björnetun. Dessen MIM-System ist für bestimmte Hindernistypen bereits von der FEI offiziell zugelassen und damit ebenso wie die klassischen, abbrechbaren Metallstifte („Pin“ und „Reverse Pin“, siehe S. 7) für den Einsatz bei internationalen Prüfungen zugelassen. Ein MIM-Tisch bzw. eine MIM-Ecke haben diese Zulassung noch nicht, stehen aber kurz davor. Ihr besonderer Vorteil: „Sie lassen sich sehr schnell und unkompliziert von ein oder zwei Helfern wieder aufbauen“, erklärt Schwarz.

Bleibt nur noch eine Frage offen, die der Weiterentwicklung und dem Einsatz bei Turnieren im Wege steht: Wie können gerade kleinere Veranstalter das bezahlen? Für sie hat Dr. Dennis Peiler gute Nachrichten: „In den kommenden drei Jahren stehen rund 250.000 Euro für Sicherheitsmaßnahmen im Pferdesport, vorrangig für die Vielseitigkeit, zur Verfügung“. Ein großer Anteil kommt von der Stiftung Deutscher Spitzenpferdesport, die unter dem Motto „Mit Sicherheit besser reiten“ die Schirmherrschaft für das Thema übernommen hat. Aber auch die Persönlichen Mitglieder leisten einen Beitrag. Finanzielle Unterstützung kommt auch aus dem Benjamin-Winter-Spendenkonto. Mit diesen Mitteln soll auf den besonderen Wunsch von Benjamins Mutter Sybille Winter die Notfallvorsorge und medizinische Betreuung auf Turnieren weiter verbessert werden.

Uta Helkenberg

Sicherheitsmaßnahmen ab 2014/2015:

• Einsatz und Test neuer Sicherheitshindernisse auf größeren Trainingsplätzen, z.B. in Warendorf und Luhmühlen, aber auch bei Bundesveranstaltungen (Bundesnachwuchschampionat, Bundeschampionate, Bundeswettkampf, DM Pony, DJM und DM), bei 3*- und 4*-Veranstaltungen in Marbach, Wiesbaden, Luhmühlen und Aachen sowie rund zwanzig weiteren A- bis 2*-Veranstaltern

• Regelmäßige Nachbesprechungen (Debriefing), eine direkte Feedback-Runde mit dem Parcourschef, den verantwortlichen Richtern und ein bis zwei erfahrenen Reitervertretern nach jeder Geländeprüfung (seit 2014)

• Einführung einer „Watchlist“ für Reiter, die unter weiterer Beobachtung stehen (seit 2014)

• Geländebesichtigung mit erfahrenem Reiter/Trainer, Einbeziehung Reiter in Ausfüllen Sturzformulare (ab 2015, Verabschiedung bei den FN-Tagungen).

• Erweiterung der Sanktionsmaßnahmen bei gefährlichem Reiten: Bisher wurde dieses Verhalten je nach Schwere mit Ausschluss oder Vergabe von 25 Strafpunkten geahndet, jetzt kommt die Vergabe von 10 Strafpunkten in minder schweren Fällen hinzu (ab 2015, Verabschiedung bei den FN-Tagungen).

• Verbesserung Fall- und Balancetraining durch „Bartle’s Rock on Ruby“, ein neu entwickeltes Trainingsgerät zur Schulung des Fallverhaltens und des ausbalancierten Sicherheitssitzes. Ein Prototyp soll 2015 zunächst in Warendorf zum Einsatz kommen.

• Testreihe mit den Produkten führender Hersteller von Airbag-Westen unter Federführung der AG Medizinische Angelegenheiten. Untersucht wurden vor allem das Auslöseverhalten und der Komfort beim Abrollen und daraus Empfehlungen für die Hersteller zur Weiterentwicklung abgeleitet.

• Einführung einer obligatorischen Obduktion verunglückter Pferde in allen Disziplinen zu Forschungszwecken (das Einverständnis der Besitzer vorausgesetzt). Kostenübernahme durch die FN (ab 2015, Verabschiedung bei den FN-Tagungen).

• Verbesserung der medizinischen Notfallversorgung mit Unterstützung des Clubs Deutscher Vielseitigkeitsreiter (CDV). Regelmäßige Fort- und Ausbildung von Turnierärzten, 2015 Erstellen einer Liste mit speziell geschulten Ärzten. Ferner geplant sind spezielle Erste-Hilfe-Kurse für Ausbilder und Reiter sowie ein Lehrvideo für Turnierärzte und Vielseitigkeitsveranstalter (voraussichtlich Herbst 2015)

• Weiterhin geplant: Controller-Schulungen, E-Learning für Hindernisrichter, DVD zum sicheren Geländereiten von den Bundestrainern

Getestete Sicherheitshindernisse: TRADITIONAL und REVERSE PIN

Der klassische „Pins“, ein Metallstift mit einer vorgegebenen Sollbruchstelle, dient als Hindernisauflage und bricht bei Druck von oben. Dabei fällt das Hinderniselement, eine Stange oder ein kleiner Baumstamm, nach unten. Inzwischen wurde bereits die nächste Generation Pins von vom Weltreiterverband zertifiziert und ist weltweit gebräuchlich. Der sogenannte „Reverse Pin“ wird anders als sein Vorgänger auf der rückwärtigen Seite des Hindernisses eingebaut und ist durch ein Spannseil mit dem Hindernis verbunden. Vorteil ist der größere Wirkungswinkel, denn der Reverse Pin reagiert sowohl auf waagerechten Druck, als auch auf Druck von schräg oben und unten. Nachteil: Der Einsatz von Pins ist auf einen bestimmten Hindernistyp („Post and Rail“) beschränkt, zudem dauert der Rückbau eines Hindernisses bis zu zehn Minuten.

DOKR-Disziplinkoordinatorin Philine Ganders-Meyer betreut die Arbeitsgruppen der Task Force Vielseitigkeit.

 

 

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