Bodenarbeit und Reiten – FN Lehrdemos auch auf der Equitana

Eine fruchtbare Verbindung

Seit gut einem Jahr ist das Thema Bodenarbeit mit der Aufnahme in die neu strukturierten Reitabzeichen und die Installierung eines eigenen Abzeichens Bodenarbeit vermehrt ins Bewusstsein gerückt. Doch während die einen ganz begeistert auf diese Ergänzung reagieren, rümpfen andere amüsiert-pikiert die Nase. Sinn oder Unsinn, das ist hier die Frage, der Dr. Britta Schöffmann, eingefleischte (Dressur)Reiterin und trotzdem überzeugte Mitautorin des FN-Buches „Pferde verstehen – Umgang und Bodenarbeit“ nachgeht.

Pünktlich zur Equitana kommen sie wieder aus aller Herren Länder, die Experten für Horsemanship, Zirzensik & Co. Sie alle lehren (und verkaufen) etwas, das seit altersher eigentlich zu jeglicher Pferdeausbildung dazu gehört: den Umgang mit dem Pferd und seine Erziehung vom Boden aus. Bodenarbeit eben. Im Ergebnis der unterschiedlichen Anbieter und Methoden ist in den vergangenen Jahren allerdings ein Trend entstanden, der manch traditionellem Reiter ein ungläubiges Kopfschütteln entlockt. Da gehen Menschen mit ihren Pferden mehr spazieren als dass sie reiten, da zupfen sie mal hier, mal da am langen Leitseil, verwenden Knotenhalfter und üben sich mehr oder weniger erfolgreich in Körpersprache. Und irgendwie ist dabei eine sich gegenseitig skeptisch beäugende Zweiklassenpferdemenschengesellschaft entstanden, bestehend aus denen, die reiten und denen, die führen. Gegenseitige Vorurteile inbegriffen. Dabei hat beides durchaus seine Berechtigung und kann sich sogar gegenseitig befruchten und ergänzen. Ein gesundes, in Saft und Kraft stehendes Pferd ausschließlich vom Boden aus zu arbeiten und zu beschäftigen, ist sicher nicht ausreichend. Pferde sind Lauftiere, die in freier Wildbahn unzählige Kilometer zurücklegen und dabei auch den ein oder anderen Sprint im vollen Galopp einlegen, sei es aus Übermut oder auf der Flucht vor einer echten oder vermeintlichen Gefahr. Selbst bei Weide- oder Offenstallhaltung kann der Mensch dem Pferd in unseren Breiten diese Art von Bewegung nicht oder zumindest nicht ausreichend bieten. Systematisches Training unter dem Reiter oder vor der Kutsche zum Muskelaufbau und als Herz-Kreislaufstimulanz sowie Lungendurchlüftung ist deshalb neben einer optimierten Haltung der beste Tierschutz – zumindest wenn das, was der Reiter oder Fahrer mit seinem Pferd macht, fachlich Hand und Fuß hat.

Zunächst auf Augenhöhe

Allerdings, und hier kommen wir zur Bodenarbeit, beginnt jegliche Pferd-Mensch-Beziehung zunächst einmal auf Augenhöhe vom Boden aus. Schon das Fohlen wird nicht nur von der Mutterstute erzogen, sondern sollte sich auch dem Menschen gegenüber problemlos verhalten, das heißt: Es sollte sich anfassen, aufhalftern und führen lassen und später auch Hufpflege zulassen, ohne sich zu wehren oder den Menschen zu verletzen. „Das haben wir früher auch ohne so einen neumodischen Kram wie Bodenarbeit hinbekommen“, lautet der Einwand manch alter Pferdezüchter. Dabei wird oft vergessen, dass der Umgang vom Boden nichts Neues, nichts Modernes ist, sondern früher von erfahrenen Pferdeleuten aus ihrer täglichen Arbeit mit dem Nutztier Pferd heraus lediglich unbewusst angewendet und an die nächste Generation weitergegeben wurde. Manche Methoden mögen aus heutiger Sicht sehr hemdsärmelig und ‚pädagogisch‘ nicht ganz korrekt bis grob gewesen sein, andere gelten jedoch noch immer.

Was, wie und warum etwas beim Umgang mit dem Pferd vom Boden aus passiert, ist inzwischen auch Inhalt diverser Studien in der Verhaltensforschung gewesen. Forschung „erfindet“ ja nicht unbedingt, sondern sie „findet“. In diesem Fall sind es zum Beispiel Erkenntnisse über das Sozialverhalten von Pferden, ihre Lernfähigkeit, ihre Gedächtnisleistungen oder ihre Fähigkeit, Erlerntes auf andere Situationen zu übertragen.

Buchtipp

FNverlag - Pferde verstehen, Umgang und Bodenarbeit
„Pferde verstehen – Umgang und Bodenarbeit“, FNverlag Warendorf, ISBN: 978-3-88542-793-3. Das offizielle Prüfungsbuch für die Reitabzeichen 10 bis 5 sowie für das Abzeichen Bodenarbeit bietet neben gesondert aufgeführtem Prüfungswissen ganz viel Information über Verhalten und Lernfähigkeit von Pferden sowie jede Menge Praxisübungen fürs Training. Erhältlich im FNverlag.

Was früher vielleicht aus dem Bauch heraus gemacht wurde, ist heute erklär- und beschreibbar und damit auch optimier- und vermittelbar. Es mag nicht jeder das (gute) Reiten erlernen können, denn hierzu gehört neben einer enorm komplexen Technik auch Talent, Athletik, Körperbeherrschung und Gefühl. Aber es kann jeder einen möglichst effektiven Umgang mit dem Pferd vom Boden aus erlernen.

Selbstsicherheit

Doch auch die Vorteile für das Reiten liegen auf der Hand: Wer gelernt hat, wie ein Pferd tickt, wie es in unterschiedlichen Situationen reagiert oder reagieren könnte, welche natürlichen Bedürfnisse es hat, auf welche Weise man ihm als Mensch gegenüber tritt und wie man es möglichst sicher führt – sowohl körperlich am Strick als auch mental aus einer souveränen Führungsrolle heraus –, erhält mehr (Selbst)Sicherheit und Ausstrahlung. Fokussierung auf das Thema Pferd ist hierzu genauso notwendig wie Optimierung des Timings von Einwirkungen und Konzentration auf sich selbst, alles Eigenschaften und Anforderungen, die auch für den Reiter und das Erlernen seiner Hilfengebung und Einwirkung immens wichtig sind. Unsicherheiten am Boden und im Umgang spiegeln sich nicht selten in Unsicherheiten im Sattel (oder auf dem Kutschbock) wider.

Rückwärtsrichten

Doch nicht nur der Mensch lernt bei der Bodenarbeit, auch das Pferd hat die Möglichkeit, neue Dinge zu erlernen und das ohne die – vielleicht störende, weil nicht perfekte – Einwirkung vom Sattel aus. Bestes Beispiel ist das Rückwärtsrichten, das viele erfahrene Ausbilder jungen Pferden entweder zunächst von unten ohne Reiter oder zumindest durch die Unterstützung eines Helfers am Boden mit Reiter beibringen. Ein sanftes Touchieren mit der Gerte an Bugspitze oder Unterarm des Pferdes, verbunden mit einer Stimmhilfe und dem umgehenden Lob beim ersten Ansatz eines Tritts nach rückwärts – das ist letztlich nichts anderes als Bodenarbeit.

Bodenarbeit ermöglicht also ein schonendes Erlernen neuer oder Verbessern problematischer Lektionen. Auch Seitwärtsbewegungen wie das Schenkelweichen lassen sich gut am Boden vorbereiten, indem eine leichte Touchierhilfe dort gegeben wird, wo später der Schenkel seitwärts treiben würde. Keine falsche Gewichts- oder Zügelhilfe eines Reiters stört das erste Verstehen des Pferdes. Der große Vorteil: Diese ersten Übungen lassen sich bereits mit dem noch ungerittenen Pferd erarbeiten.

Die Skeptiker mögen nun sagen: Das geht auch direkt vom Sattel aus! Stimmt, aber wenn das Pferd bereits vom Boden aus vorbereitet wurde, wird es auf die Reiterhilfe viel schneller wie gewünscht reagieren. Geschlossenes Stehen, Heranholen eines herausgestellten Hinterbeins, ruhiges Stillstehen, gerades Rückwärtsrichten, Vorhandwendungen, die Liste möglicher Übungen, die einen direkten Bezug zum Reiten haben, ist lang. Und wie beim Reiten gilt auch bei der Bodenarbeit: die Einwirkung durch den Führenden soll so leicht und unsichtbar wie möglich von statten gehen. Wer nach dem Motto „Ein Ruck am/im Maul, schon steht der Gaul“ hantiert, geht den falschen Weg – am Boden genauso wie im Sattel.

Um zu einer immer besseren Kommunikation zwischen Mensch und Pferd zu kommen, müssen sich beide konzentrieren und aufeinander einlassen. Gut gemachte Bodenarbeit fördert deshalb auf beiden Seiten die Konzentrationsfähigkeit. Und auch wenn manche Übung unspektakulär, ja fast langweilig aussieht, so strengt sie doch mehr an, als man glauben mag. Hundehalter unter den PM-Lesern werden sicher schon mal beobachtet haben, dass „Kopfarbeit“ ihren kleinen Liebling manchmal mindestens genauso müde macht wie ein langer Spaziergang mit Spieleinlagen.

Gelassenheitsübungen

Zur Bodenarbeit, wie sie auch die FN in ihren Prüfungen vorsieht, gehören neben der Führarbeit und den Geschicklichkeitsübungen (mit Bodenstangen) auch Gelassenheitsübungen. Der positive Effekt fürs Reiten liegt auch hier auf der Hand. Das soziale Wesen Pferd, das gelernt hat, dem Menschen am Boden (da, wo auch seine Pferdekumpels mit ihm als Herdentier kommunizieren) zu vertrauen, wird ihm auch in kritischen Situationen vertrauen, in dem es ihn (weil im Sattel) nicht sehen kann. Hinzu kommt, dass positive Verstärkung, also die direkte Gabe einer echten Belohnung wie Futter, am Boden schon während oder zumindest direkt nach einer erfolgreichen Aktion möglich ist, vom Sattel aus dagegen kaum. Positive Verstärkung bringt, das wissen wir heute durch die Wissenschaft, den größten und nachhaltigsten Lernerfolg mit sich, bei Tieren genauso wie bei Menschen.

Dass der Freizeitreiter im Gelände schon um seiner Sicherheit willen ein gelassenes Pferd braucht, ist klar. Und der Sportreiter? Der natürlich auch, soll zum Beispiel ein plötzlicher Regenguss und fünf oder 50 am Prüfungsplatz aufgespannte Regenschirme nicht jede Platzierungshoffnung gleich zunichtemachen. Auch die Gewöhnung an unterschiedliche Untergründe wie Plastikplane oder Holzplanken macht für jeden Reiter Sinn, denn ein bodenscheues Pferd kann schon mal unberechenbar reagieren, das Weitergehen verweigern oder seinen Reiter mit einem Riesensatz in Platznot bringen. Am Boden geübt, stellen derartige Hindernisse meist kein Problem mehr dar, und selbst das Betreten einer Anhängerampe verliert so für viele Pferde seine Bedrohlichkeit und erleichtert das Verladen.

Wichtiger Baustein

Die Bodenarbeit als Anhängsel des Reitens zu betrachten hieße, sie zu unterschätzen, sie als Selbstzweck zu sehen würde ihren Sinn und ihre Bedeutung überschätzen. Bodenarbeit sollte vielmehr als ein wichtiger Baustein im gesamten Ausbildungs- und Beschäftigungsplan eines Pferdes erkannt und eingesetzt werden. Durch Bodenarbeit lässt sich Abwechslung ins Trainingseinerlei bringen, die Motivation an der Zusammenarbeit von Mensch und Pferd fördern, die Kommunikation (bis hin zur Freiarbeit) verbessern, während Krankheitsphasen (von Mensch und Pferd) als schonende Trainingsalternative einsetzen und und und. Dabei ist es letztlich egal welches „Etikett“ drauf steht oder in welchem Outfit sie durchgeführt wird. So wie es beim Reiten letztlich nur gutes Reiten und schlechtes Reiten gibt, so gibt es auch am Boden einfach nur gute Bodenarbeit und schlechte Bodenarbeit.

Bodenarbeit auf der Equitana

Passend zum Thema gibt es während der Equitana am Freitag, 19. März, Ausbildungs-Demonstrationen durch die FN: 11.30-12.00 Uhr (Halle 11/12) sowie 15.00-15.30 Uhr (Halle 6/Großer Ring), Referenten Dr. Claudia Münch, Dr. Britta Schöffmann; außerdem 16.00-16.30 Uhr (Halle 11/12), Dr. Claudia Münch/Bodenarbeit; Samstag, 20. März, 11.30-12.00 Uhr, Dr. Britta Schöffmann/Hilfengebung und Lernverhalten.

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