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Serie: Wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt bleibt dumm, Teil 8

Nachgeben mit Timing und Gefühl

Annehmen, Nachgeben –  Treiben, Nachlassen –  aber wann und wie? Im achten Teil ihrer Lehr­serie erklärt Dr. Britta Schöffmann, warum richtiges Timing und passende Dosierung bei Hilfengebung und Einwirkung so wichtig sind.

Das Ergebnis eines möglichst perfekten Zu­sammenspiels aller Reiterhilfen bezogen auf Timing, Intensität und Effektivität, wie es Ingrid Klimke hier demonstriert, ist ein zufriedenes und motiviertes Pferd. Foto: J. Toffi

Jeder hat im Reitunterricht sicher schon mal die Aufforderung gehört: „Du musst annehmen und nachgeben.“ An und für sich hat der Reitlehrer damit auch Recht, aber eben nur an und für sich. Es ist zwar korrekt, dass auf ein Annehmen auch ein Nachgeben und auf ein Nachgeben meist auch ein Annehmen folgen soll. Die Frage ist aber: Wann und wie häufig? Immer umgehend? Und warum überhaupt? Fragen über Fragen, kein Wunder also, dass viele Reiter die Aufforderung zu Annehmen-Nachgeben deshalb völlig falsch verstehen und mit ihren Händen pumpen und stricken, was das Zeug hält. Dabei passieren zwei Dinge: Zum einen stumpft das Pferd angesichts der Dauereinwirkung dieser Zügelaktionen ab, zum anderen wird es häufig genau im falschen Moment mit einem Nachgeben belohnt und lernt so unbeabsichtigt die falschen Dinge. Denn genau das ist ein Nachgeben zunächst einmal – eine Art umgehende Bestätigung für das, was es als Antwort auf die annehmende oder auch nur durchhaltende Zügelhilfe genau einen Augenblick zuvor getan hat. Im günstigsten Fall hat es auf den vermehrten Zügeldruck hin im Genick nachgegeben, quasi eine kaum sicht-, aber trotzdem leicht fühlbare Ja-Bewegung gemacht. Und genau in diesem Moment muss der Reiter die Anspannung seiner Faust lösen und somit ebenfalls nachgeben. Dadurch minimiert sich der Druck aufs Gebiss und aufs Pferdemaul und das Pferd begreift mit der Zeit, was es tun muss, um so wenig wie möglich Druck am Gebiss zu spüren. Es lernt, dass Nachgeben aus seiner Sicht günstig und hilfreich ist.

 

Muskulatur verkrampft

Dieses Lernen funktioniert aber nur, wenn der Reiter mit seinem eigenen Nachgeben das Nachgeben des Pferdes verstärkt und fördert – nicht aber dessen Festhalten. Ein Beispiel: Der Reiter möchte sein Pferd an den Zügel stellen, erhält vom Pferd aber statt eines Abkippens und Halsrundens nur ein Festhalten und Herausheben. Manche Reiter neigen nun dazu, den Zügeldruck zu erhöhen oder rechts-links zu riegeln. Mit dem Effekt, dass das Pferd seine Kau- und Halsmuskulatur verkrampft und noch mehr gegenhält. Kein schönes Gefühl, weder für das Pferd noch für den Reiter. Statt Nachgeben gibt es Kampf und Krampf, statt Verstehen bestenfalls erzwungenes Absenken des Halses. Andere Reiter versuchen, dem Festhalten des Pferdes mit freundlichen Nachgeben zu begegnen – ohne zu verstehen, dass sie damit ihrem Pferd unbewusst signalisiert haben, dass es zuvor mit dem Gegenhalten alles richtig gemacht hat. Wie gesagt: Ein Nachgeben, also das Aussetzen der Zügelhilfe, verstärkt das zuvor gezeigte Verhalten des Pferdes.

Was aber macht man als Reiter denn nun, wenn auf die durchhaltende oder annehmende Zügelhilfe nicht die gewünschte Reaktion des Pferdes kommt und Ziehen ebenso falsch ist wie Nachgeben? Er zeigt geschickte, aber konsequente Penetranz, zu der in jeder Vorwärtsbewegung auch das richtige Treiben gehört. Es ermöglicht dem Reiter zum einen, auf die Aktivität der Hinterhand des Pferdes und damit die angestrebte Stabilisierung des Rückens Einfluss zu nehmen. Es verhindert aber auch, dass sich das Pferd durch ein Hintertürchen vor dem Nachgeben im Genick drückt. Dies wäre allerdings kein böser Wille des Pferdes, sondern sein Versuch herauszufinden, was der Reiter mit seiner Zügelaktion eigentlich möchte. Spürt das Pferd nämlich ein wenig mehr Zügeldruck, wird es vermutlich zunächst sein Tempo verringern oder gar stoppen wollen, denn das hat man ihm irgendwann mal als absolute Basis der Reiterhilfen – Zügel = Bremse, Schenkel = Gas – beigebracht. Zügel- und Schenkelhilfen haben aber im Laufe der Zeit je nach Intensität, Wirkungsrichtung, Wirkungsdauer und Zusammenspiel noch jede Menge zusätzliche Bedeutungen, die sich nicht nur der Reiter, sondern auch das Pferd erst nach und nach erarbeiten muss. Der Reiter kann dabei seinen Intellekt einsetzen, das Pferd kann nur via Versuch und Irrtum vorgehen. Wenn es also auf den vermehrten Druck des Gebisses stoppt statt nachzugeben, und der Reiter – im Glauben, so das Stoppen abzustellen – nachgibt statt zunächst mit Treiben zu reagieren, dann hat er dem Pferd ein völlig falsches Signal vermittelt oder zumindest nicht das Signal, das er ihm in diesem Moment eigentlich geben wollte. Statt also im falschen Moment nachzugeben, sollte der Reiter lieber vermehrt treiben, also das Pferd von hinten nach vorn in das Mehr an Verbindung heranreiten und ihm damit quasi das „Hintertürchen Stockung“ versperren – ohne von vorn nach hinten die Intensität seiner Zügeleinwirkung zu verstärken. Gibt das Pferd nun nach, und sei es auch nur ansatzweise, muss umgehend das Aussetzen der Zügelhilfe, also das Nachgeben des Zügels folgen, um beim Pferd den Aha-Effekt zu erhalten.

Korrekte Zügelführung: Die Hände werden aufrecht getragen, sodass Unterarm-Zügel-Pferdemaul eine Gerade bilden.

Bei annehmender Zügelhilfe sollte die Hand lediglich geschlossen bzw. die Zügelfäuste sollten aus lockeren Handgelenken leicht eingedreht werden.

Illustrationen: Cornelia Koller, Dierkshausen; mit frdl. Genehmigung entnommen aus „Grundausbildung für Reiter und Pferd, Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1“, Hrsg.: Deutsche Reiterliche Vereinigung e.V. (FN), FNverlag, Warendorf 2014

Mit Vortreiben beginnnen

Nachgeben ist, man kann es gar nicht oft genug betonen, eine Aktion, die ein zuvor gezeigtes Verhalten verstärkt. Nachgeben ist jedoch KEINE treibende Hilfe, es signalisiert dem Pferd nicht „vorwärts“, es lässt dies je nach Übung lediglich zu. Häufig sieht man aber Reiter, die anreiten oder antraben wollen und als erstes die Zügel vorgeben. Da dies aber keine Aufforderung zum „Vorwärts“ ist, zögern die meisten Pferde oder machen sich lang, bevor sie den ersten Schritt oder Tritt tun, was wiederum ein Herantreten ans Gebiss erschwert. Die Reihenfolge der Hilfen, auch wenn sie in Perfektion so schnell aufeinander folgen, dass sie fast ineinander verschmelzen, ist deshalb immanent wichtig. Wer anreiten, antraben oder angaloppieren möchte, muss seine Aktion immer erst mit einem vermehrten Vortreiben beginnen und erst die gewünschte Reaktion, das Vorwärtsgehen, mit einem Nachgeben zulassen. Und auch beim Treiben muss die aktive Reiterhilfe im Moment der gewünschten Reaktion des Pferdes sofort wieder ausgesetzt oder zumindest aufs Minimum reduziert werden. Denn auch hier gilt: Das vorübergehende Wegnehmen des Drucks fördert die gewünschte Reaktion, nicht die Dauereinwirkung. Quetschende Schenkel oder festhaltende Hände sind für ein Pferd mehr als nur unangenehm, sie verhindern, dass es überhaupt versteht, was es tun soll. Auf Dauer bekommt man so ein klemmiges, festes und unwilliges Pferd.

 

Perfektes Zusammenspiel

Das Gegenteil von Quetschen und Ziehen, also Zügel durchhängen lassen, das Pferd gar nicht an die Hilfen stellen und so fälschlich „feines Reiten“ zu praktizieren, ist letztlich auch keine Option. Denn das führt nur zum ‚Auseinanderfallen‘ des Pferdes und nicht einer verbesserten Athletik, die aber wiederum Voraussetzung für eine allgemeine Entlastung der Gelenke sowie fürs Tragen des Reitergewichts ist. Feines Reiten ist vielmehr das Ergebnis eines möglichst perfekten Zusammenspiels aller Reiterhilfen bezogen auf Timing, Intensität und Effektivität, an deren Ende ein zufriedenes, motiviertes und langfristig gesundes Pferd steht.

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