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Serie: Wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt bleibt dumm, Teil 11

Reiten, bereiten, nachreiten

Viele Reiter möchten heutzutage gemeinsam mit ihrem Pferd lernen, träumen von der tiefen Verbindung zwischen sich und ihrem Vierbeiner. Ein fremder Reiter ihres Lieblings passt da nicht immer ins romantische Bild. Oder vielleicht doch? Dr. Britta Schöffmann beleuchtet im elften Teil ihrer Lehrserie, wann und wieviel Beritt Sinn macht und worauf man als Pferdebesitzer achten sollte.

Ein guter Bereiter arbeitet mit einem Pferd so solide und nachhaltig, dass der Besitzer oder ständige Reiter alles nachreiten kann. Sonst macht Beritt keinen Sinn. Fotos: Arnd Bronkhorst

Mal eben schnell den Reitlehrer aufs Pferd lassen – und schon sind alle Probleme behoben? Nun, jeder der mal Schwierigkeiten in der Ausbildung seines Sport- und Freizeitpartners hatte, weiß, dass das „mal eben” völlig naiv und unrealistisch ist. Auch hier gilt: Gut Ding will Weile haben. Ein Pferd zu bereiten heißt, es nach klassischen Grundsätzen der Reitlehre zu fördern und auszubilden und zwar so, dass es in die Lage versetzt wird, das mit der Zeit Gelernte sicher zu zeigen, auch unter anderen, vielleicht gar schwächeren Reitern. Ziel ist immer die größtmögliche Harmonie zwischen Mensch und Pferd und die Verbesserung der Durchlässigkeit des Pferdes. Nur ein durchlässiges Pferd nimmt willig und gehorsam auch die Hilfen eines schwächeren Reiters an. Mit Zwang und grober Einwirkung gegen die Natur des Pferdes zu arbeiten, um es für den schlecht reitenden Besitzer gefügig zu machen, hat mit Beritt nicht das Mindeste zu tun.

Nachreiten können

Die Arbeit des ‚Bereiters‘ (Pferdewirts) ist auf Langfristigkeit angelegt. Zum einen, weil das Pferd nur Schritt für Schritt die notwendige Kraft aufbauen und die gewünschten Lektionen lernen kann, zum anderen weil es alles so lernen soll, dass es möglichst gut für jeden halbwegs erfahrenen Reiter und in Maßen auch für Anfänger abrufbar ist – und eben nicht nur bei dem einen Bereiter klappt. „Den kann man nicht nachreiten“ ist demnach eine schlechte Note für die Arbeit eines Bereiters/Trainers, auch wenn er selbst mit besagtem Pferd vielleicht jede Menge goldene Turnierschleifen mit nach Hause bringt. Das „nachreitbar Sein“ ist letztlich der Gradmesser, ob derjenige, der das Pferd bereitet, einen guten Job macht oder nicht. Ziel ist es, die Durchlässigkeit des Pferdes zu verbessern, denn nur ein durchlässiges Pferd nimmt willig und gehorsam auch die Hilfen eines schwächeren Reiters an.

Und dieser Job ist in vielen Fällen durchaus notwendig:

1. Weil der Besitzer noch nicht besonders gut reitet und dem Pferd allein nichts wirklich beibringen kann.
2. Weil das Pferd von einem sicher einwirkenden Reiter regelmäßig gearbeitet werden sollte, um durchlässig zu bleiben und nichts zu verlernen.
3. Weil zwischen Reiter und Pferd Probleme aufgetreten sind, die besser durch einen erfahrenen Dritten korrigiert werden sollten.
4. Weil der Besitzer nicht die Zeit hat, sich täglich um sein Pferd zu kümmern.
5. Weil der Besitzer selbst nicht reitet und sein Pferd ausbilden und auf Turnieren vorstellen lassen möchte.

Ein Bereiter sollte stets erklären, was und wie er mit einem Pferd trainiert. Macht er einen guten Job, wird der ständige, vielleicht schwache Reiter den Unterschied spüren.

Das Pferd verlernt

Erstaunlicherweise sind es häufig gerade die, die als Reiter noch unerfahren sind, die glauben, ihrem Pferd etwas Gutes zu tun, wenn sie es alleine reiten oder zumindest nicht von erfahrenen Reitern bereiten lassen. Dabei vergessen sie, dass ein Pferd, selbst wenn es mal gut ausgebildet war, kein Auto ist, bei dem Pedale und Knöpfe unveränderlich funktionieren. Das Lebewesen Pferd lernt und verlernt genauso wie ein Mensch, und genauso verliert es auch irgendwann seine Sportlichkeit und Fitness, wenn es nicht systematisch trainiert und gymnastiziert wird. Unter fehlerhaften reiterlichen Einwirkungen verschwinden aber Sensibilität und Durchlässigkeit, und mit schwindender Athletik verkümmert Muskelmasse, die jedoch wiederum notwendig ist, um das Reitergewicht schadlos zu tragen. Beritten zu werden kann für ein Pferd also durchaus sinnvoll und nützlich sein.

Schwingender Rücken

Auch der Reiter profitiert natürlich vom Beritt seines Pferdes, da Reiten nicht nur das Erlernen von Reittechnik ist, sondern auch das Erfühlen von Bewegung, von Aktion und Reaktion, von richtiger und falscher Einwirkung. Wenn ein Reiter aber aus Mangel an Erfahrung und Können noch nicht in der Lage ist, ein Pferd selbstständig so zu fördern und zu trainieren, dass es sicher an den Hilfen stehend mit schwingendem Rücken durchlässig und auf feinste Einwirkungen reagiert, wie soll er dann das Gefühl für richtig und falsch sowie für Durchlässigkeit überhaupt bilden können? Häufig hört man Anweisungen wie „Du musst mehr mitschwingen“. Auf einem Pferd, das durch schlechtes Reiten nicht (mehr) im Rücken schwingt, ist dies aber leichter gesagt als getan. Und auch die Verbesserung der reiterlichen Fein­abstimmung bei anderen Aktio­nen, wie zum Beispiel dem Reiten eines einfachen Galoppwechsels, lässt sich nur erlernen und erfühlen, wenn das Pferd so gut geritten ist, dass es auf feine Hilfen auch reagiert und seinen Reiter nicht aufgrund mangelnder Durchlässigkeit aus dem Sattel zieht. Ein ‚guter Beritt‘ kann das verhindern und ist deshalb absolut im Sinne von Pferd und Reiter. Aber was ist ‚guter Beritt‘ und woran erkennt man ihn?

Zum einen eben daran, dass der Reitschüler, der sich anschließend oder am nächsten Tag in den Sattel setzt, spürt, dass einige Abläufe besser klappen. Zum anderen, dass das Pferd einen zufriedenen und ausgeglichenen Eindruck macht und weder Stress noch Angst zeigt, wenn der Bereiter mit ihm arbeitet. Der Vorschlag eines Ausbilders, gegebenenfalls einen Hilfszügel einzusetzen, ist auch o.k., solange der Hilfszügel das Pferd vor einem noch unausbalancierten und damit ineffektiven und störenden Sitz des Reitschülers schützen soll. Ein guter (Be)Reiter kommt dagegen ohne Hilfszügel aus und fördert Pferd und Reiter so, dass auch der Reitschüler baldmöglichst darauf verzichten kann.

Korrekturberitt ist beileibe kein Thema der Dressur­ausbildung, auch Springpferde profitieren in ihrem gesamten Bewegungsablauf vor und über dem Sprung von erfahrenen Lehrmeistern im Sattel.

Gut versichert?

Jeder Ausbilder, der Beritt anbietet, sollte eine Reitlehrerhaftpflichtversicherung abgeschlossen haben, die das Bereiten von fremden Pferden einschließt. Hier wird dann teilweise zwischen dem mobilen Bereiter, der die Pferde im Stall der Besitzer/Halter arbeitet, und dem stationären Bereiter, der die Pferde in seinem eigenen Stall hält, unterschieden. Im letzten Fall kommt dann ja noch die Tierhüterhaftpflicht hinzu.

Der Pferdebesitzer, der sein Pferd in Beritt gibt, sollte aber unbedingt darauf achten, dass die Haftung im Falle eines Schadens geregelt ist, damit nicht am Ende das böse Erwachen kommt. Denn diese mündlichen Absprachen, die allgemein üblich sind, gelten leider im Schadensfall nicht. Fragen Sie bei Ihrer Versicherung nach, ob Sie für den „Ernstfall“ gerüstet sind.

Aus Fehlern lernen

Und noch etwas macht einen guten Bereiter/Ausbilder aus: das Bemühen, nicht nur das Pferd, sondern auch den Reiter weiterzubringen. Manche Reiter sind Weltmeister im Nachreiten, doch sobald sie mit ihrem Pferd eine Weile auf sich allein gestellt sind, kommen sie nicht mehr klar. Sich mit allem und jedem auf den Beritt zu verlassen, trägt nicht unbedingt dazu bei, sich selbst im Sattel weiter zu entwickeln. Wirklich lernen lässt sich nur durch Selbermachen, selbst wenn es dabei zu Fehlern kommt. Denn auch Fehler bringen einen Reiter weiter, vorausgesetzt er hat im Laufe der Zeit gelernt, sie als solche zu erkennen, einzuordnen und selbstständig zu lösen. Jeder Reiter sollte so gefördert werden, dass er irgendwann vielleicht mal nicht mehr die regelmäßige Unterstützung durch Beritt benötigt. In solchen Fällen genügt es dann oft schon, wenn sich der Ausbilder nur noch ab und zu auf das Pferd setzt, um eventuell an Feinheiten zu arbeiten oder einmal zu erfühlen, ob die Arbeit seines Reitschülers tatsächlich ein durchlässiges Pferd erhalten oder sogar hervorgebracht hat.

Ein weiteres Merkmal eines kompetenten Bereiters: Transparenz, er lässt sich in die Karten gucken, erläutert sein Konzept und die einzelnen Schritte seiner Arbeit. Er bespricht offen und ehrlich, wie er die Lage einschätzt, wird eingebunden in die Saisonplanung und stimmt Turnier­einsätze, Pausen und Schmied-Termine ab.

Bereiter? Reitlehrer?

Seit dem 1975 wird der staatlich anerkannte Ausbildungsberuf „Pferdewirt“ durch das Berufsbildungsgesetz geregelt. Aus den ursprünglichen Bezeichnungen „Bereiter FN“ und „Berufsreitlehrer FN“ wurden die Bezeichnungen „Pferdewirt“ und „Pferdewirtschaftsmeister“, Fachrichtung klassische Reitausbildung. Trotzdem wird heute noch umgangssprachlich oft vom Bereiter und vom Reitlehrer gesprochen. Im Amateurbereich gibt es das durch den DOSB lizensierte System der Trainerausbildung (Trainer C, B und A), Einzelheiten hierzu regelt die Ausbildungsprüfungsordnung (APO) der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. Auch Amateurtrainer agieren nicht immer nur vom Boden aus, sondern auch als ‚Bereiter‘ im Sattel.

Informationen für Reitlehrer, Trainer und Ausbilder im Pferdesport gibt es übrigens im Trainerportal der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (www.pferd-aktuell.de/trainerportal).

Gut gemacht: Bereiten nach den Grundsätzen der klassischen Reitlehre, ob auf A- oder S-Niveau, bedeutet Harmonie zwischen Mensch und Pferd. Das Foto zeigt das Ausnahmepferd Valegro. Der inzwischen aus dem Sport verabschiedete Wallach, mit Charlotte Dujardin Seriensieger der letzten Jahre, vermittelte stets einen zufriedenen Eindruck.

Das könnte Sie auch interessieren: Einen Überblick über alle Teile der Serie „Wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt, bleibt dumm“ gibt es hier.

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