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Pferdepflege: Putzen? Herrlich! Waschen? Spärlich!

Von Putzen bis Scheren

Während es in Sachen Wellness kaum Grenzen nach oben gibt, heißt das Motto beim Beauty-Programm fürs Pferd: So viel wie nötig, aber so wenig wie möglich. Eine Übersicht über die Dos und Don’ts der Pferdepflege.

Pferde erleben quasi von Geburt an, dass geputzt, gekratzt und massiert zu werden etwas Gutes ist. Die soziale Fellpflege dient wie das Putzen durch den Menschen auch der Freundschaftsbekundung. Viele Pferde kratzen „ihren“ Menschen übrigens auch. Foto: Frank Sorge

Tägliches Putzen dient nicht nur der Schönheit, sondern vor allem auch der Gesundheit – der physischen und psychischen. Tierärztin Dr. Henrike Lagershausen von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung erklärt: „Die meisten Pferde genießen es wie eine sanfte Massage, wenn sie ausgiebig gestriegelt werden.“ Schließlich ist das dem Fellkraulen mit den vierbeinigen Freunden sehr ähnlich. Putzen erfüllt gleich mehrere Zwecke: Es fördert die Durchblutung, löst abgestorbene Haut- und Haarpartikel, massiert Muskulatur und Faszien und dient nicht zuletzt der Vertiefung der Beziehung zwischen Mensch und Pferd. Das bedeutet, selbst wenn das Fell wie eine Speckschwarte glänzt, muss auch ein eingedecktes und eventuell geschorenes Pferd täglich geputzt werden. Eigentlich diese sogar noch viel mehr, weil sie ihre Bedürfnisse durch die Decke nicht selbst mittels Wälzen, Fellkraulen usw. befriedigen können.

Muss es vor dem Reiten dann doch einmal schnell gehen, ist auf jeden Fall drauf zu achten, dass alle Körperteile, die von Lederzeug bzw. Textilien, Gamaschen oder Bandagen bedeckt werden, frei von grobem Schmutz sind, so dass keine Scheuerstellen entstehen. Wichtig ist auch die Auswahl des richtigen Putzzeugs. Ein harter Plastik- oder gar Eisenstriegel hat nichts auf den knochigen Körperpartien wie Kopf und Beinen zu suchen! Umgekehrt ist der Massageeffekt einer Kardätsche auf den großen Muskelpartien eher gering. Da ist man mit einem Noppen- oder einem geriffelten Striegel besser bedient. Aus welchem Material der besteht, hängt vom Pferd ab. Manche genießen es, mit einem harten Eisenstriegel gekratzt und durchgeknetet zu werden.

Für andere ist sanfter Druck mit einem flexiblen Gummistriegel schon fast zu viel. Dr. Lagershausen: „Achten Sie auf die Reaktion ihres Pferdes. Unruhiges hin und her Bewegen deutet auf Unwohlsein hin. Stehen die Pferde jedoch entspannt still, schließen gar die Augen oder lecken sich die Lippen, ist das ein sicheres Zeichen für großes Wohlbehagen.“

Übrigens: Sorgfältiges Hufe Auskratzen vor und nach dem Reiten, Auswischen von Nüstern, Augen und After mit (unterschiedlichen!) feuchten Schwämmen oder weichen Lappen gehören natürlich auch zu den obligatorischen täglichen Pflegehandlungen.

Die meisten Pferde lieben es, aus­giebig geputzt zu werden. Foto: Frank Sorge

Die Natur als Vorbild

Grundsätzlich liege man immer richtig, wenn man sich in der Pflege an der Natur orientiert, sagt Dr. Lagershausen. Wenn die Pferde sich gegenseitig das Fell kraulen oder sie sich an einem Gegenstand scheuern, dann sei das wie die Fellpflege durch den Menschen, nur ohne das glatt Bürsten des Fells mit der Kardätsche.

Soll es jedoch zum Turnier gehen, kann man auch mal tiefer ins Beauty­case greifen, den Schweif waschen und mit Babyöl über (nicht in!) Augen, Nüstern und Schweifrübe wischen, um den Glanz des Fells zu unterstreichen. Den Schweif kann man ruhig häufiger waschen, wenn er stark verschmutzt ist. Benutzt man dafür jedoch Shampoo, sollte sich das Waschen auf den unteren Teil bis zur Schweifrübe beschränken. Daher gilt auch für den übrigen Körper: Shampoo nur in Ausnahmesituationen. In der Regel ist das auch gar nicht notwendig. Es sei denn, man hat einen Schimmel (siehe Kasten). Die Verwendung von Shampoo mit Hautkontakt sollte allerdings eher die Ausnahme als die Regel sein. Es gibt Pferde, die sehr empfindlich auf die Zusatzstoffe reagieren. Daher sollte man für alle Bereiche, wo das Shampoo auch auf der Haut landet, auf jeden Fall eine pH-neutrale Sorte wählen.

Glanzspray im Schweif erleichtert das Verlesen und verhindert so, dass zu viele Haare ausgerissen werden. Außerdem wirkt er schmutzabweisend. Auf dem Fell muss Glanzspray jedoch sehr sparsam oder am besten gar nicht angewendet werden, da es die Hautporen verklebt. Darum sollte man sich beim Einsatz am Schweif auch auf die unteren Langhaarpartien beschränken.

„Eines geht jedoch gar nicht“, betont Tierärztin Dr. Henrike Lagershausen, „das Abschneiden der Tasthaare um Augen und Nüstern und das Ausscheren der Ohren!“ In Deutschland ist das sogenannte Clipping aus Tierschutzgründen ohnehin verboten. In Amerika ist es jedoch beispielsweise gang und gäbe. Dabei nimmt man dem Pferd jedoch einen Teil seines natürlichen Schutzes und des Tastsinns. Dr. Lagershausen erklärt: „Die Tasthaare rund um Maul und Nüstern dienen der selektiven Futterauswahl. Die Aufnahme von Fremdkörpern wird so verhindert. Die um die Augen herum sind eine Art Abstandhalter, um die empfindlichen Augen zu schützen. Und die Haare in den Ohren verhindern, dass Insekten sich hier hinein verirren. Die über den Rand der Ohrmuschel hinausragenden Haare können vorsichtig abgeschnitten werden.“

Ein tägliches Muss: Hufe auskratzen. Foto: Frank Sorge

Mähnen- und Schweifspray sollte am besten nur aufs Langhaar gesprüht werden. Foto: Christiane Slawik

Tipps für Schimmelbesitzer

Wo, wenn nicht an der Spanischen Hofreitschule wüsste man, wie man Schimmel weiß hält bzw. sie wieder weiß bekommt, wenn ersteres dann doch nicht funktioniert hat.

Hier die besten Tipps von Oberstallmeister Johannes Hamminger:
– „Bei uns wird so oft es geht abgeäppelt.“
– „Wir verwenden sehr viel Einstreu.“
– „Gelbe Flecken entfernen wir möglichst sofort.“
– „Hilfreich ist geriebene Holzkohle. Die wird mit einem feuchten Schwamm gründlich einmassiert. Das lässt man trocknen (Ganz wichtig!) und wäscht die Stelle danach ab.“
– „Wenn wir Shampoo verwenden, haben wir mit Baby­shampoo gute Erfahrungen gemacht.“

Hautsache gesund

Für den Pferdebesitzer selbst ist das Putzen nicht nur eine Gelegenheit, die Beziehung zum Freund Pferd zu vertiefen. Beim Putzen bietet sich die Gelegenheit, einen aufmerksamen Blick auf den Gesundheitszustand des Pferdes zu werfen. Denn Fell und Haut sowie das Allgemeinbefinden und das Verhalten beim Putzen verraten darüber eine ganze Menge. Schuppige Haut, stumpfes oder brüchiges Fell können beispielsweise auf Mangelerscheinungen oder Stoffwechselprobleme hindeuten.

Hier kann ein Blutbild durch den Tierarzt der Ursache auf den Grund gehen. Pusteln, Pickel und extremer Juckreiz können auch auf eine Erkrankung hindeuten, beispielsweise Pilzbefall. In dem Fall sollte man den Tierarzt zu Rate ziehen.

Bei Pferden mit Maukeneigung muss man abwägen, ob es sich um trockene Borken handelt oder um nässende Krusten. Trockene Mauke behandelt man beispielsweise mit einem jodhaltigen Shampoo, das die Borken aufweicht und zugleich desinfizierend wirkt. Auch mit einer desinfizierenden Lösung getränkte Angussverbände helfen, die Krusten zu lösen. Dies ist notwendig, um in der weiteren Behandlung, die Haut überhaupt erreichen zu können. Sind die Krusten erst einmal weich, kann man sie in der Regel vorsichtig ablösen und dann die blanke Haut mit der passenden Salbe behandeln. Welche Salbe die richtige ist, hängt vom Zustand der Haut ab. Sind die Stellen eher feucht und nässend, sind austrocknende Salben sinnvoll. Ist die Haut hingegen eher trocken und rissig, sollte die Salbe pflegend und rückfettend sein. Wichtig zu wissen ist, dass die Hautpflege und Behandlung im Falle einer Mauke sehr individuell ist und noch dazu langwierig sein kann. Aus dem Grund ist die Zusammenarbeit mit dem Tierarzt unbedingt angeraten.

Gerade bei Schimmeln geht es manchmal nicht anders – da hilft nur noch eine Ganzkörperwäsche. Mit Shampoo sollte dies allerdings so selten wie möglich geschehen und wenn, nur mit pH-hautneutralen Reinigungssubstanzen. Foto: Christiane Slawik

Ideal für Pferde, die das ganze Jahr über draußen stehen: sogenannte Rallyestreifen. Foto: Christiane Slawik

Der sogenannte Deckenschnitt, der die Rückenpartie schützt, ist für die meisten Freizeitpferde mit normalem Arbeitspensum im Winter ideal. Foto: Christiane Slawik

Bei Pferden mit Behang bedarf die Pflege des langen Fells an den Beinen und vor allem die der Haut darunter besonderer Sorgfalt. Foto: Christiane Slawik

Pferde mit Behang

Einige Rassen wie Friesen oder Tinker mit viel Kötenbehang neigen zu Hauterkrankungen wie Mauke, da das Klima unter dem Langhaar ideale Bedingungen für die Vermehrung von Bakterien bietet. Darum sollten die Haare jeden Tag gebürstet und auseinander gezogen werden, um die Haut darunter zu kontrollieren. Aufstampfen, Kratzen der Beine an Gegenständen oder mit den Zähnen sind Alarmsignale und deuten auf einen Befall mit Räudemilben (Fußräude) hin. Wenn es gar nicht anders geht, muss der Behang ab.

Scheren, ja oder nein?

Es ist eine Gretchenfrage: Ob es sinnvoll ist, das Pferd zu scheren, hängt von mehreren Faktoren ab, unter anderem dem individuellen Fellwachstum und der Nutzung des Pferdes. Dr. Lagershausen ist dagegen, die Pferde frühzeitig einzudecken, um zu verhindern, dass ihnen ein dicker Pelz wächst. Mit dem vorzeitigen Eindecken greift man in die natürliche Klimaregelung des Organismus ein. Pferde haben nämlich ein hervorragendes Temperaturregelungssystem, das dafür sorgt, dass die Körpertemperatur konstant bleibt.

Ebenso greift man aber auch durch zu frühes und zu häufiges Scheren in den Stoffwechsel ein. Carmen Thiemann, Stallmanagerin von Ingrid Klimke, berichtet: „Ich stelle immer wieder fest, je häufiger die Pferde in den vergangenen Jahren geschoren wurden, desto früher fangen sie an, im Herbst Fell zu schieben.“ Daher ihr Fazit: „Ich bin kein Freund des Scherens. Der Stoffwechsel der Pferde sollte so natürlich wie möglich bleiben.“

Darum werden die jungen Pferde im Stall Klimke nach Möglichkeit gar nicht geschoren. Und wenn, dann mit einem Deckenschnitt, der das Fell auf dem Rücken stehen lässt. Den bekommt beispielsweise auch Spitzenpferd Horseware Hale Bob OLD alias „Bobby“, der im Winter Pause hat. Wann die Wolle abkommt und wie viel, macht Carmen Thiemann vor allem davon abhängig, wie viel die Pferde tun, wie stark sie dabei schwitzen und wie lange sie brauchen, um wieder zu trocknen.

Mit der richtigen Decke können auch ganz ge­schorene Pferde im Winter auf die Koppel. Fotos (2): Arnd Bronkhorst

Nun sind unsere Winter ja mitunter inzwischen so warm, dass die Pferde unter einem dicken Pelz leiden. Je nach Nutzung des Pferdes hat Dr. Henrike Lagershausen daher noch einen weiteren Tipp, der sich besonders für Pferde eignet, die im Offenstall gehalten werden: sogenannte „Rallyestreifen“, also wirklich nur einzelne Bahnen an Hals und Flanken. Die verschaffen dem Pferd gewissermaßen durch Lüftungsschlitze Erleichterung. Als Faustegel gibt Dr. Lagershausen folgendes auf den Weg: „Wer nur einmal pro Woche ins Gelände bummelt, der sollte dem Pferd seinen natürlichen Schutz lassen. Wer hingegen täglich mehr oder weniger intensiv reitet und danach täglich eine Stunde lang bemüht ist, das Winterfell wieder trocken zu bekommen, sollte seinem Pferd eine Schur verpassen. Auch sie hält den Deckenschnitt für ideal. Denn dann können die Pferde bei nicht allzu eisigen Temperaturen noch problemlos ohne Decke auf die Koppel, da das Fell ihnen bei der Thermoregulation hilft.

Beim Thema Auslauf im Winter wird Dr. Lagershausen energisch: „Pferdebesitzer sollten ihre Pferde niemals im Stall lassen, nur weil sie geschoren sind.“ Das kann Carmen Thiemann nur bestätigen: „Unabhängig davon, ob die Pferde geschoren sind oder nicht, alle Pferde aus unserem Stall kommen 365 Tage im Jahr auf die Weide“, betont sie und ergänzt: „Die, die ganz geschoren sind, tragen dann eben eine Decke mehr.“ Für den Schutz des Halses gibt es inzwischen Halsteile. Und an den Beinen sollte das Fell ohnehin stehen bleiben, damit die Pferde keine lokalen Erfrierungen bekommen. Eines ist Henrike Lagershausen noch ganz wichtig: „Es ist gefährlich, menschliches Temperaturempfinden auf das Pferd zu übertragen. Im Winter werden dann häufig Türen und Fenster geschlossen, weil uns Menschen kalt ist. Für die Pferde ist ein Stallklima, welches dem Außenklima möglichst nahe kommt, jedoch viel gesünder als in einem warmen, aber stickigen Stall zu stehen.“

Dominique Wehrmann

Textilreinigung

Carmen Thiemann rät in Sachen Deckenmanagement: „Je nach Pferd reinigen wir die Winterdecken alle vier bis sechs Wochen. Das hängt davon ab, wie reinlich die Pferde sind. Keinesfalls tragen unsere Pferde jedoch einen ganzen Winter lang ein und dieselbe Decke, die im Herbst drauf kam und im Frühjahr wieder ausgezogen wird. Die steht dann vor Dreck!“ Recht häufig werden die Trainingstextilien gewaschen, also beispielsweise Schabracken: „Die wechseln wir nach spätestens drei bis fünf Tagen. Auf jeden Fall aber, sobald sie im trockenen Zustand Schweiß- und Schmutzränder haben.“

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Bei massiver Mauke kann ein Anguss­verband helfen, die Krusten aufzu­weichen, um sie hinterher vorsichtig abzunehmen. Danach kann die Haut dann medikamentös versorgt werden.

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