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Alle Fotos: Lufthansa Cargo

Besuch in der Frankfurt Animal Lounge

Wenn Pferde fliegen

Einmal quer über den Atlantik verläuft die Reiseroute zu den Olympischen und Paralympischen Spielen in Rio de Janeiro. Wer daran teilnehmen will, kommt um einen Zwölf-Stunden-Flug nicht herum, das gilt für die zweibeinigen wie vierbeinigen Spitzensportler. Über die Frankfurt Animal Lounge am Frankfurter Flughafen reisen jedes Jahr rund 2000 Pferde. Mal sind sie auf dem Weg zu großen Turnieren, mal ziehen sie mit ihren Besitzern in ein anderes Land um.

Morgens, halb sechs, am Frankfurter Flughafen. Der Verkehr auf den Start- und Landebahnen ist schon erwacht. Ab fünf Uhr starten die ersten Maschinen auf ihre Reisen rund um den Globus. Mit knapp 470.000 Flugbewegungen pro Jahr zählt der Rhein-Main-Airport zu den verkehrsreichsten Flughäfen der Welt. Rund 60 Millionen Reisende werden dort jährlich abgefertigt. Doch nicht nur zweibeinige Passagiere kommen hier an oder fliegen weiter. Auch zahlreiche Pferde reisen jährlich über Frankfurt in alle Welt. Statt Check-In-Schalter und Boarding-Gate im Terminal haben sie ihren ganz eigenen Bereich am Flughafen – die Lufthansa Cargo Animal Lounge.

Vom Transporter werden die Pferde direkt in den Export-Bereich der Frankfurt Animal Lounge gebracht.

42 Großtierställe gibt es in der Animal Lounge. Darin haben die Pferde genügend Platz zum Ausruhen, bevor es in die Transportboxen geht.

In den Transportboxen geht es im Schritttempo zum Vorfeld.

42 Großtierställe

Bereits um fünf Uhr morgens sind die ersten Pferde, neun Araber-Stuten, vor den Toren der Lounge angekommen. Ganz am Ende des Cargo-Bereichs werden die tierischen Fluggäste auf rund 4.000 Quadratmetern untergebracht, verpflegt und betreut. Von außen ein recht unscheinbares, kantiges Gebäude, beherbergt die Frankfurt Animal Lounge im Innern viel Spannendes: 42 Großtierställe, zum Beispiel für Pferde, 39 Kleintierboxen, etwa für Haustiere wie Hund und Katze, 18 individuell temperierbare Klimakammern für Reptilien oder Insekten und diverse Vogelvolieren. „Die meisten Tiere bleiben nicht lange bei uns, sie kommen an und werden von den Besitzern abgeholt oder werden nach kurzer Zeit zum Weiterflug gebracht“, erklärt Sabine Grebe, die seit 2010 Leiterin der Frankfurt Animal Lounge ist. „Trotzdem wollen wir ihnen den Aufenthalt hier so angenehm und stressfrei wie möglich machen.“ Nashörner, Alpakas, Alligatoren, Millionen von Zierfischen – für jeden Gast, sei er noch so groß oder exotisch, ist Platz.

Das Gebäude ist in drei Bereiche eingeteilt. Im Exportbereich tummeln sich Tiere, die von Frankfurt aus in alle Welt geflogen werden. Hundewel-pen für die USA, eine Katze, die mit ihrer Familie umzieht und auf den Abflug wartet. Der Importbereich ist die Ankunftszone für diejenigen Tiere, die in Frankfurt oder im restlichen Deutschland und Europa bleiben. Und dann gibt es noch die Transit-zone, in der die Tiere untergebracht werden, die gerade angekommen sind und demnächst noch weiterfliegen.

Hygiene und Desinfektion

Hygiene wird groß geschrieben in der Frankfurt Animal Lounge, die sanitären Anlagen werden immer wieder verbessert und modernisiert, damit keine Tierseuchen eingeschleppt werden oder Tiere beim Warten auf den Weiterflug erkranken. Ihr Gesundheitszustand wird ständig im Auge behalten. Im Import-, Export- und Transitbereich sind die Tiere komplett voneinander getrennt. Wer die Bereiche betritt und wieder verlässt, muss die Kleidung wechseln und Schuhe sowie Hände desinfizieren. Zweckmäßig sind die Boxen und Käfige, damit sie eben auch schnell und einfach gereinigt werden können. Dennoch nehmen sich die Pfleger Zeit für die meist vierbeinigen Fluggäste, umsorgen sie und verteilen auch mal Streicheleinheiten. Alles wirkt recht kühl und steril, und sehr durchdacht. Die metallenen Boxen werden nach und nach gegen solche mit Polymer-Wänden ausgetauscht. „Das Material ist temperaturbeständig und wird nicht so kalt wie Metall“, erklärt Grebe, die selbst passionierte Reiterin und Pferdebesitzerin ist. Seit 2008 steht die Frankfurt Animal Lounge in ihrer jetzigen Form auf dem Flughafen-Gelände. Die Mitarbeiter sind im Schichtbetrieb rund um die Uhr im Einsatz. Eine ähnliche Einrichtung gibt es am Flughafen im belgischen Lüttich, von wo aus die deutschen Olympia-Pferde zusammen mit denjenigen der weiteren qualifizierten Nationen in Richtung Rio abheben. 10.000 Kilo-meter Luftlinie liegen zwischen Warendorf und Rio de Janeiro. Mehr als zwei Drittel der Strecke führen über den Atlantik. 19 Pferde gehören zum Team, das bei den Olympischen und Paralympischen Spielen in der brasilianischen Hafenstadt die deutschen Farben vertreten wird. Die Vielseitigkeitspferde sind die ersten, die Ende Juli nach Brasilien fliegen.

In der Triple 7 (B777F), die zu den neueren Maschinen in der Lufthansa-Flotte gehört, haben bis zu 54 Pferde Platz.

Die Transport­boxen werden mit Hub-Fahrzeugen und auf Förderbändern in den Bauch der Maschine gebracht.

Araber für Arabien

In Frankfurt haben zwei Pferdepfleger die Araber-Stuten inzwischen ausgeladen und bringen sie in den Exportbereich. Ihr Ziel ist die Arabische Halbinsel. Dort sollen sie in der Zucht eingesetzt werden. Mit viel Ruhe und sanfter Stimme, dennoch bestimmt, führt ein Pfleger die Stuten in die speziellen Transportboxen, die im Innern einem normalen Pferdetransporter gleichen. Drei Tiere haben darin nebeneinander Platz. Die Trennwände sind aber flexibel, somit kann für größere Pferde mehr Platz geschaffen werden. Auch die modernen Boxen bestehen aus Poly-mer, das robuster ist und vor allem hell, sodass die Pferde beim Verladen nicht „ins Dunkle“ gehen müssen. Der Boden ist dick mit Einstreu gepolstert. „Die Pferdebesitzer, aber auch diejenigen von anderen Tieren, können uns natürlich spezielle Vorlieben oder Gewohnheiten ihrer Tiere mitteilen, damit sie sich auf dem Transport möglichst wohlfühlen“, erklärt Grebe. Nicht nur die Vierbeiner können somit komfortabel auf Reisen gehen. Für die Besitzer bietet die Lufthansa ebenfalls die Möglichkeit, vom First Class Terminal in Frankfurt aus mit dem Lufthansa Private Jet oder per First-Class-Reise ans Ziel zu gelangen.

Der Zeitplan für die Reise der Araber ist eng getaktet. Um neun soll der Flieger in Richtung Dammam abheben. Die Stuten sind inzwischen alle sicher in ihren Boxen untergebracht. Und wenn doch mal ein Pferd Probleme beim Verladen macht? „Das Flugzeug kann nicht warten. Aber es ist auch noch nie eines ohne die vorgesehenen Pferde gestartet“, sagt Sabine Grebe. „Das beste Mittel, um Probleme zu verhindern, ist es, das Verladen mit den Pferden zu Hause am Hänger zu üben.“ Vorne sind die Abteile offen, sodass sich die Pferde sehen können, getränkt werden und am Heu knabbern können. Das tun die drei Araberinnen auch prompt und lassen sich von den ungewohnten Geräuschen in der Halle und dem Hundebellen nicht irritieren. Bevor es zum Rollfeld geht, werden die Boxen samt Pferden noch gewogen. In Schrittgeschwindigkeit geht es dann mit speziellen Fahrzeugen, sogenannten Dollys, raus auf das Vorfeld. Eine Tierärztin hat zuvor die Papiere der Tiere überprüft, eine Sicherheitsbeamtin gibt die Boxen frei für den Flug. Auch die Pässe der Pferdepfleger werden kontrolliert.

In der Zwischenzeit wird draußen bereits das Flugzeug beladen. MD-11F oder Triple Seven (B777F) heißen die Maschinen, die die Tiere rund um den Globus transportieren. 18 Pferde finden in der Macdonald Douglas (MD-11F) Platz. Das Flugzeug gehört zu den Klassikern in der Lufthansa-Flotte. Die neuere Triple Seven bietet sogar Platz für bis zu 54 Pferde. Von außen sieht die MD-11F aus wie ein normaler Flieger, nur ohne Fenster. Ein zusätzliches Triebwerk am Seitenleitwerk sorgt für den nötigen Antrieb. Innen ist die Maschine mit Paletten vollbeladen, es gibt keine Sitzreihen, keine Handgepäckablage. Stattdessen viel Platz für Fracht. Für die Pferdepfleger gibt es jedoch zwei bequeme Sessel. Sie und die beiden Piloten sind die einzigen Menschen an Bord. Flugbegleiter gibt es nicht, und auch kein Multimedia-Unterhaltungsprogramm oder Catering. Die Fracht und damit auch die Tiere stehen im Mittelpunkt. Die Pfleger werden während des Fluges immer wieder nach ihnen schauen und sie tränken.

Im Innern der Cargo-Maschine gibt es keine Sitzreihen und Fenster wie in Passagier-Flugzeugen. Die Transportboxen werden am Boden befestigt, damit sie unterwegs nicht in Bewegung geraten.

Die Wände der Transportboxen bestehen aus Polymer, das temperaturbeständig ist und vor allem hell. So haben die Pferde nicht das Gefühl, in die Dunkelheit gehen zu müssen.

Nashorn und Krokodil

21.000 Menschen arbeiten am Flughafen, der ein eigener Stadtteil Frankfurts ist. 30 Mitarbeiter der Lufthansa-Cargo-AG sind in der Frankfurt Animal Lounge für Planung, Koordination und Dokumentenabfertigung zuständig. Darüber hinaus kümmern sich etwa 30 Mitarbeiter um die Versorgung der Tiere sowie deren Vorbereitung für den Flug. Sie sind ausgebildete Tierpfleger. „Und alle haben den Basispass Pferdekunde erlangt“, sagt Sabine Grebe. Pferde sind aber nicht die einzigen Gäste in der Frankfurt Animal Lounge. 14.000 Hunde und Katzen, 8.000 Schweine und 150 Zootiere reisen jährlich über Frankfurt. „Wir haben uns aber selbst aus ethischen Gründen die Regel auferlegt, keine Wildtiere für private Zwecke hier abzufertigen“, betont Sabine Grebe. Werden sie jedoch zu Zwecken der Arterhaltung von Zoo zu Zoo transportiert, dann macht auch mal ein Nashorn Station in der Animal Lounge. „Das zählt sicher zu den Highlights in meiner Zeit hier“, sagt Grebe. Für das tonnenschwere Tier musste eine maßgeschneiderte Transportbox hergestellt werden. Damit sich das Nashorn daran gewöhnen konnte, wurde die Box schon einige Wochen vor dem Abflug in das Zoo-Gehege gestellt. Krokodile oder Alpakas gehören ebenfalls eher zu den Exoten. Und eine besondere Herausforderung sind die rund 80 Millionen Zierfische, die jährlich über die Frankfurt Animal Lounge in alle Welt verschickt werden. Denn sie haben nur ein geringes Zeitfenster für den Transport, solange wie eben der Sauerstoff in den Behältern ausreicht. Aber auch das läuft in Frankfurt so routiniert ab wie die Pferdetransporte.

Flacher Winkel

Sobald die Pferde das Vorfeld erreicht haben, werden die Boxen von speziellen Hub-Fahrzeugen übernommen und in den Bauch des Flugzeugs gehoben. Die Pferdepfleger sind die gesamte Zeit über dabei und beobachten die Tiere. Diese stehen ganz entspannt in ihren Boxen, knabbern weiter am Heu und schauen ab und an durch die Luken nach draußen, als würden sie täglich nichts anderes tun als fliegen. Zwar ist der Transport vergleichbar mit dem auf dem Lkw. Doch die Geräusche und Gerüche am Flughafen sind speziell. Auf einem Förderband aus kleinen Rollen werden die Boxen in das Flugzeug geladen und rangiert. Es rattert und vibriert unter den Pferdehufen. Auf dem Vorfeld riecht es nach Kerosin, immer wieder dröhnen die Triebwerke der startenden und landenden Flugzeuge. „Die Tiere sind die ersten, die das Flugzeug verlassen und die letzten, die reinkommen“, erklärt Sabine Grebe das sogenannte Fast-Lane-Prinzip, was den Tieren Stress erspart. Sobald die Pferde an Bord sind, werden die Luken geschlossen, die rote Lampe auf dem Dach des Fliegers beginnt zu blinken. Ein Zeichen für das Bodenpersonal, Abstand zu gewinnen. Dann rollt das Flugzeug langsam los in Richtung Startbahn. Die Transportmaschinen starten und landen in flacheren Winkeln als Passagiermaschinen, um den Pferden das Ausbalancieren in den Boxen zu vereinfachen. In knapp sechs Stunden soll die Maschine in Saudi-Arabien landen.

Julia Basic

Transporte gewöhnt

19 Pferde der deutschen Aktiven treten die Reise nach Brasilien an. Wie Pferde mit dem Transport zurechtkommen,  erläutert Dr. Marc Koene, Mannschaftstierarzt der deutschen Dressur-Equipe.

PM_8.16_7_Lufthansa_Marc_KoeneEinige Pferde, die für die Olympischen und Paralympischen Spiele in Rio infrage kommen, sind noch nie geflogen. Bedeutet ein Flug für die Pferde besondere Strapazen?
Dr. Marc Koene: Natürlich ist solch ein Transatlantik-Flug kein Spaziergang für die Pferde, genau wie für uns Menschen auch. Aber die Pferde sind es gewöhnt, transportiert zu werden, zu den Turnieren werden sie in der Regel auch mit großen LKW gebracht. Wichtig ist, es den Pferden so angenehm wie möglich zu gestalten, mit viel Ruhe zu arbeiten und zum Beispiel die Beine mit Transportgamaschen zu schützen.

Wie kann man die Pferde am besten auf den Flug vorbereiten?
Dr. Marc Koene: Pferden, die noch nie geflogen sind, hilft es natürlich, wenn sie generell das Gefühl kennen transportiert zu werden. Und das ist bei all unseren Spitzenpferden ja der Fall. Beim Fliegen werden die Pferde jedoch in spezielle Transportboxen verladen, in denen sie recht eng stehen, damit sie bei Turbulenzen nicht stürzen können. Diese Boxen kann man natürlich nicht mal eben zum Üben ausleihen. Aber ein Pferd, das ohne Probleme auf den Hänger oder LKW geht und auch mit langen Autobahnfahrten keine Probleme hat, wird auch mit einem Flug gut zurechtkommen.

Wie groß ist denn der Unterschied zwischen einer normalen Lkw-Reise und einer Flugreise?
Dr. Marc Koene: Ein Schlüsselmoment ist, wenn die Pferde auf dem Flughafen-Vorfeld vom Transportfahrzeug in das Flugzeug verladen werden. Die Boxen werden auf kleinen Rollen rangiert, das rattert und vibriert natürlich, was für die Pferde ungewohnt ist.

Auf langen Reisen verlieren die Pferde auch mehr Flüssigkeit, weil sie vermehrt schwitzen. Deshalb sollten sie oft getränkt werden. Pferde trinken während eines Transports weniger, etwa fünf bis acht statt zehn bis zwanzig Liter. Das Stehen auf dem zwölfstündigen Flug ist kein Problem, denn Pferde legen sich auch in der Box oder auf der Weide nur selten zum Ruhen hin. Die Cargo-Flugzeuge starten und landen außerdem in einem flacheren Winkel als Passagierflugzeuge, so können sich die Pferde besser ausbalancieren.

Und wenn doch ein Pferd unterwegs panisch wird? Werden die Tiere vor dem Start ruhiggestellt?
Dr. Marc Koene: Nein, die Pferde erhalten nicht vorsorglich Beruhigungsmittel. In der Regel ist das auch überhaupt nicht nötig, weil die Pferde sich gut mit den Gegebenheiten arrangieren. Es werden auf den Flügen nach Rio ein Tierarzt und mehrere Pfleger dabei sein. Im Notfall kann der Tierarzt während des Fluges ein Beruhigungsmittel verabreichen, damit ein unruhiges Pferd nicht sich oder andere verletzt.

Das Gespräch führte Julia Basic.

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