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Für die Praxis stand dem Referenten und Reitmeister Klaus Balkenhol Dressurreiter Hendrik Lochthove mit einem sechsjährigen Hengst der Familie Meggle zur Verfügung. Alle Fotos: Gabriele Knisel-Eberhard

Bildungskonferenz erstmals in Bayern

Das Training optimieren

Seit Jahren reist die jährliche FN-Bildungskonferenz durch die Republik, in diesem Jahr machte die schon zur Tradition gewordene Veranstaltung erstmals Station in Bayern. Und der Andrang war riesig. Rund 500 Besucher strömten in die große Reithalle der Olympia-Reitanlage München-Riem, um sich über Neues und Bewährtes aus Theorie und Praxis zu informieren.

Wie auch in den Jahren zuvor standen nicht nur die Reittechnik und ihre Vermittlung im Fokus, in diesem Jahr, präsentiert unter anderem von Reitmeister Klaus Balkenhol, es wurde auch wieder der Blick über den Zaun geworfen auf Erkenntnisse anderer Sportarten. Waren es bei vorherigen FN-Bildungskonferenzen wissenschaftliche Fachvorträge zum Beispiel zu aktuellen Erkenntnissen der Hirnforschung über menschliches Lernen oder zu Lernverhalten von Pferden und den daraus folgenden Konsequenzen für Ausbilder, stand in diesem Jahr die Frage nach der pädagogischen Qualität von Training im Fokus.

Bevor jedoch die ersten Referenten ans Rednerpult traten, begrüßten Hans-Peter Schmidt, Präsident des Bayerischen Reit- und Fahrverbandes, und Dieter Medow, FN-Vize-Präsident und PM-Vorsitzender, die in- und ausländischen Gäste, es waren nämlich auch Delegationen aus Österreich und der Schweiz angereist. Nicht ohne einen gewissen Stolz stellte Schmidt die großzügige Olympia-Reitanlage vor. „Auf 36 Hektar haben wir hier zwölf Reitplätze, vier Reithallen, eine Longierhalle, zwei Führanlagen, Stallungen für bis zu 250 Pferde, ein Gästehaus und jede Menge Platz“, strahlte er, bevor er auf die große Bedeutung des Pferdes für die Entwicklung der Menschheit verwies. „Das Pferd gehört für den Menschen zu den wichtigsten Lebewesen überhaupt. Wir sind es ihm deshalb schuldig, es möglichst artgerecht zu halten und uns immer wieder in allen Belangen rund ums Pferd weiterzubilden.“

Rekordverdächtig: An der Bildungskonferenz in München-Riem nahmen rund 500 Ausbilder und Gäste teil.

Und genau darum geht es bei den FN-Bildungskonferenzen. Um Bildung und Weiterbildung zum Wohle des Pferdes und zur Zukunftssicherung des Reitsports in all seinen Facetten, vermittelt und weitergegeben vor allem über die Arbeit von Trainern und Ausbildern. „Aus diesem Grund ist uns auch die Verknüpfung von Theorie und Praxis so wichtig. Jeder, der lehrend rund ums Pferd agiert, sollte sich immer wieder um gutes Training bemühen“, erklärte FN-Ausbildungsbotschafter Christoph Hess, der als Moderator durch den Tag führte.

Was ist gutes Training?

Wie aber sieht gutes Training eigentlich aus? Woran lässt sich die Qualität überhaupt festmachen? Und wie kann sie zielgerichtet verbessert werden? Mit diesen Fragen beschäftigte sich Professor Dr. Alfred Richartz von der Uni Hamburg, der in seinen Ausführungen klar machte, dass schon allein die Wahrnehmung guten Trainings sehr unterschiedlich und individuell sein kann. „Nicht jeder, der das Gleiche beobachtet, sieht und bemerkt auch das Gleiche“, erklärte er und führte dazu mit Hilfe eines Videos einen Test mit dem Auditorium durch. Und tatsächlich: Obgleich alle Anwesende denselben Film, in den jede Menge optische Fehler eingebaut worden waren, gesehen hatten, hatten die wenigsten diese überhaupt registriert.

Richartz verwies in diesem Zusammenhang auf ein Bewertungssystem, eine Art Handbuch, das er und seine Studenten erarbeitet hätten und mit dessen Hilfe sich Training anhand von genau festgeschriebenen Kriterien beurteilen und verbessern ließe. Stichworte wie positives Lernklima mit gemeinsamen Aktivitäten und gegenseitiger Unterstützung, Respekt, Feinfühligkeit, Flexibilität oder gelungenes Feedback tauchen in diesem Bewertungs-Manual auf der einen Seite auf, negative Beobachtungen wie Reizbarkeit, Wut, Sarkasmus oder Ungeduld des Trainers und auch Aggressionen der Sportler untereinander als Zeichen eines negativen Lernklimas auf der anderen Seite. Dabei betonte Richartz: „Negativ bedeutet hier nicht die Abwesenheit eines positiven Klimas, es ist mehr eine Frage von ,Was macht der Trainer aktiv falsch?‘“

Klaus Balkenhol: „Nicht das Spektakuläre ist das wahre Highlight, sondern das zufriedene Pferd.“

Selbstkritik 

Dem Wissenschaftler war es dabei wichtig zu betonen, dass es bei der Beurteilung und Bewertung von Trainerleistungen nicht darum gehe, einen Trainer schlecht zu machen, sondern darum, ein Instrument zu finden, ihn zu verbessern. „Das kann auch jeder für sich selbst machen, indem er sich mal beim Unterrichten filmen lässt und sich dann selbstkritisch anhand der beschriebenen Kriterien beobachtet“, so Richartz. Erst wer sich selber bewusster und genauer wahrnehme, habe auch die Möglichkeit, sein Training zu verändern und zu optimieren. Im Anschluss an seinen Vortrag diskutierte der Professor noch mit FN-Ausbildungsleiter Thies Kaspareit und Diplomsportlehrer Hermann Grams, selbst in der Vergangenheit bereits einmal Referent bei der Bildungskonferenz, und schlug den Bogen zur reitsportspezifischen Trainerausbildung. „Bisher lag der Fokus unserer Trainerausbildung größtenteils in der Vermittlung von Fachkompetenz, sprich von reiterlichen Fertigkeiten“, so Kaspareit. „Es ist durchaus überlegenswert, ob man nicht in Zukunft die Reitfertigkeiten verstärkt als Voraussetzung voranstellt und sich in Aus- und Weiterbildung konzentrierter der Verbesserung von Vermittlungskompetenzen widmet.“

Neues Trainerportal

Um Qualitätsverbesserung des Lehrens ging es auch im zweiten Vortrag: Dr. Dennis Peiler, Geschäftsführer der FN, stellte das am Tag der Bildungskonferenz online gegangene Trainerportal der FN vor, das in den vergangenen zwei Jahren von der Abteilung Ausbildung und Wissenschaft entwickelt wurde. „Wir müssen uns ständig Gedanken darüber machen, wie wir uns verbessern können“, erklärte Peiler. „Das Trainerportal richtet sich an Berufsausbilder, Amateurtrainer und jeden, der sich in Sachen Unterrichten/Ausbilden informieren und weiter entwickeln möchte.“

In dem neuen Portal (www.pferd-aktuell/trainerportal) finden Interessierte unter anderem ausführliche Infos zu Aus- und Weiterbildungswegen für Trainer und Berufsausbilder, detaillierte Ausführungen zur Unterrichtserteilung mit vielen Tipps oder auch Infos zu Versicherungen.“ „Kernstück unseres digitalen Trainerportals sind neben praktischen Beispielen und Übungsreihen vor allem die Videos zu Unterricht und Unterrichtsgestaltung“, so Peiler. Rund 90 Videosequenzen umfasst das Portal bereits, weitere sollen hinzukommen. „Dieses Trainerportal ist ein erster Schritt Richtung internetgestütztes Lernen. Es wird sich immer weiter entwickeln und nie fertig sein“, betonte Peiler. „Es ist quasi ein lebendiges Gebilde.“

Bruno Six de­monstrierte, wie Inklusion im Reitsport zum Erfolg führen kann.

Freuten sich über viel positive Resonanz: (v.l.) Prof. Alfred Richards, Dieter Medow, Christoph Hess, Herman Grams und Thies Kaspareit.

Bewegungsgefühl

Sehr lebendig ging es auch nach der Mittagspause weiter, als Klaus Balkenhol mit drei Reitern und Pferden demonstrierte, wie qualitätsvoller Unterricht aussehen kann. Entsprechend seines speziellen Konferenzthemas „Bewegungsgefühl erlernen anhand der Ausbildungsskala“ beschränkte sich der Reitmeister auf absolute Basispunkte der Ausbildung und verwies immer wieder auf die Bedeutung von Takt, Losgelassenheit und Anlehnung im Zusammenhang mit dem gut ausbalancierten und fühlenden Reitersitz. „Beim Reiten geht es immer darum, die Sprache des Pferdes zu erfühlen“, betonte er. „Der Reiter muss nicht nur die Bewegungen seines Pferdes erfühlen. Er muss auch fühlen, wann und wie weit er sein Pferd fordern kann, wann es Pausen braucht, wann irgendetwas nicht stimmt, und sei es das Equipement. Je besser der Reiter fühlt, was ihm sein Pferd ‚sagt‘, desto mehr Freude haben beide an der Arbeit.“

Zur Freude der Konferenzbesucher sparte Klaus Balkenhol auch nicht mit Kritik an Fehlverhalten im Pferdesport und mahnte am Schluss seiner Lehrdemonstration:

„Nicht das Spektakuläre ist das wahre Highlight, sondern das zufriedene Pferd, das lange gesund bleibt.“

Westerntrainer Thomas Christ erläuterte die Charakteristika des Westernreitens.

Dieter Medow und Wolfgang Egbers (zweiter von links) zeichneten die Leiter langjährig FN gekennzeichneter Betriebe aus.

Inklusion mit Pferden

Um Gesundheit oder vielmehr fehlende beziehungsweise eingeschränkte Gesundheit ging es in der nächsten Praxis-Demonstration des Tages, bei der der bayerische Berufsausbilder, Richter und ehemalige Vielseitigkeitsreiter Bruno Six sich des Themas Inklusion annahm. In einer kurzweiligen und beeindruckenden Abteilungssequenz mit sechs Reitern, davon vier Reiter mit mehr oder weniger schweren Behinderungen, zeigte er, dass gemeinsamer Gruppenunterricht durchaus möglich und vor allem auch erstrebenswert ist. „Leider bestehen bei manchen Reitschulen und Ausbildern immer noch gewisse Berührungsängste, wenn es um Reitschüler mit Behinderungen geht“, erklärte Six, auf dessen Straußenhof in Waakirchen bereits seit Jahrzehnten erfolgreich mit behinderten und nicht behinderten Reitschülern gearbeitet wird. Den Zuschauern zeigte Six, wie sich mit passenden Ausbildertipps zu Sitz und Einwirkung körperliche Defizite der Reiter kompensieren lassen, so dass sie durchaus mit den nichtbehinderten Reitschülern mithalten konnten. Ein Blick in die strahlenden Gesichter aller Reiter sagte mehr als tausend Worte.

Einen großen Sprung zu einem ganz anderen Thema machte der letzte Praxis-Beitrag des Konferenztages, präsentiert von Westerntrainer Thomas Christ aus Kraiburg am Inn. Auch wenn vermutlich die Mehrheit der Zuschauer aus der klassischen Reiterei kam und ihnen Jogg und Loop, beim Pleasure die sehr langsamen Varianten von Trab und Galopp, vielleicht ein wenig fremd vorkamen, so lauschten sie doch gebannt den klaren und gut nachvollziehbaren Erläuterungen von Christ.

Mit drei Pferd-/Reiter-Kombinationen erklärte er darüber hinaus auch die unterschiedlichen, in der Westernreiterei gebräuchlichen Zäumungen und wies darauf hin, dass – egal ob mit oder ohne Gebiss – jede bei falscher Handhabung scharf wirken kann. „Eine gute Ausbildung des Reiters ist deshalb auch in der Westernreiterei die Voraussetzung für gutes und pferdefreundliches Reiten“, betonte er.

 

Nächstes Jahr in Hoya

Bevor ein interessanter und diskussionsreicher Tag seinen Ausklang fand, stand noch die traditionelle Ehrung von Amateurausbildern mit der Lütke-Westhues-Auszeichnung auf dem Programm. 109 Trainer aus unterschiedlichen Bundesländern und Disziplinen waren angereist, um ihre Urkunden für besonders guten Prüfungen aus der Hand von Dieter Medow und Pferdewirtschaftsmeister Wolfgang Egbers, Vorstandsmitglied der FN-Abteilung Sport und DOKR, entgegen zu nehmen.

Die ursprüngliche Ideengeberin und jetzige Organisatorin, FN-Fachreferentin Eva Lempa-Röller, zeigte sich mit der Veranstaltung sehr zufrieden: „Es freut uns sehr, dass das Konzept, diese Konferenz bundesweit anzubieten, auf so großes Interesse bei den Fachschulen gestoßen ist.“ Im nächsten Jahr feiert die FN-Bildungskonferenz übrigens ihr Zehnjähriges. Und da führt die Reise in den hohen Norden, wo es dann heißt: Auf ein Wiedersehen in der Landesreitschule Hoya.

Dr. Britta Schöffmann

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