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Krankheiten und Verletzungen des Pferdehufs

Von lästig bis lebensbedrohlich

Viele, aber nicht alle Hufkrankheiten des Pferdes sind auf falsches Management zurückzuführen. Der folgende Beitrag liefert eine Übersicht über die wichtigsten Gesundheitsprobleme des Hufes, wie man sie behandelt und wie man vorbeugt.

Die meisten Hufkrankheiten und -verletzungen würden gar nicht erst auftreten, wenn die Pferde artgerechter gehalten würden. Foto: Frank Sorge

Viele Hufkrankheiten, mit denen sich unsere Hauspferde herumplagen, würden nicht existieren, wenn die Tiere in freier Wildbahn leben würden. Welche Vorteile die naturnahe Haltung für die „Füße“ des Pferdes hat, haben wir in der April-Ausgabe dieses Jahres beschrieben. Nun geht es darum, die wichtigsten Hufkrankheiten unter die Lupe zu nehmen.

Strahlfäule

Lästig und weit verbreitet ist die Strahlfäule. Sie ist das Resultat mangelnder Boxen- und Hufhygiene. Aber auch zu wenig Bewegung kann Strahlfäule provozieren, weil der Huf nicht genügend durchblutet ist und zu wenig neue Zellen produziert werden. Damit öffnet man Bakterien Tür und Tor. Am häufigsten sind die Strahlfurchen betroffen, aber die Fäulnis kann auch den Ballen und weitere Bereiche befallen. Im schlimmsten Fall löst das Horn sich ab, bis die Huflederhaut freiliegt und das Pferd lahmt. Ergo: Vorbeugen kann man, indem man es mit dem Ausmisten peinlich genau nimmt. Das Pferd muss auf trockenem Untergrund stehen. Ausreichend Einstreu ist hierfür essentiell. Sie sorgt dafür, dass Urin aufgesogen wird. Idealerweise verbringt das Pferd möglichst wenig Zeit in seiner Box und erhält stattdessen ausreichend Bewegung auf natürlichen Untergründen frei von Exkrementen.

Am häufigsten ist die mittlere Strahlfurche von Strahlfäule betroffen. Foto: Arnd Bronkhorst

Bei der Behandlung sind gründlichste Hygiene und geeignete Medikamente gefordert. Der Huf wird erst gründlich gewaschen und dann z. B. mit einem Stück Mull trockengerieben, so dass auch in den versteckten Winkeln des Strahls Schmutz entfernt wird. Der Hufschmied sollte eventuelle lose Hornteile weg und den Huf so weit freischneiden, dass die Bakterien möglichst wenig Rückzugsmöglichkeiten haben. Um Schmutz fernzuhalten, kann man z. B. auch einen mit einem Medikament getränkten Tupfer in die Bereiche klemmen, die nicht freigeschnitten werden können. Der gereinigte Huf kann auch mit Wasserstoffperoxyd ausgewaschen werden. Das macht auch der hartnäckigsten Bakterie den Garaus.

Bei beginnender Fäulnis sollen auch starker schwarzer Tee und Zahnpasta gute Dienste leisten. Hufschmiede und Tierärzte empfehlen zur Behandlung von Strahlfäule auch Jodoformäther (4 %, wird in der Apotheke angemischt) und andere Mittel.

Hufgeschwür

Hufgeschwüre, auch Hufabszesse genannt, entstehen meistens, wenn sich kleine Fremdkörper in den Huf gedrückt haben und eine Entzündung im Hufinneren auslösen. Daher sollte insbesondere bei unbeschlagenen Pferden sorgfältigst darauf geachtet werden, dass die weiße Linie (s. PM Forum 4/18) frei von Steinchen, Holzstückchen etc. gehalten wird. Auch bei beschlagenen Pferden darf die Hufhygiene nicht vernachlässigt werden. Abszesse im Huf können aber auch die Folge ungleichmäßiger Druckverteilung im Huf sein, z. B. wenn das Hufeisen an einer Stelle drückt.

Wenn das Pferd von einem Tag auf den anderen mit einem Bein gar nicht mehr auftreten will, der betreffende Huf warm ist und man im hinteren Bereich des Fesselkopfes eine stärkere Pulsation fühlt als an den anderen Beinen, ist die Chance groß, dass das Pferd ein Hufgeschwür hat. Solch ein eitriger Abszess im Huf ist extrem schmerzhaft, ungefähr so, wie bei uns ein eingewachsener Zehennagel, auf den dann auch noch der Schuh drückt. Je nachdem, wie schlimm es ist, reicht es aus, dass der Hufschmied oder der Tierarzt den Abszess öffnen, so dass der Eiter abfließen kann. Der Schmerz lässt nach. Es wird ein desinfizierender Verband angelegt, das Geschwür kann abheilen.

Hufgeschwüre sind zu behandeln wie eine infizierte Wunde – ein steriler Verband verhindert, dass Schmutz eintritt. Foto: Frank Sorge

Manchmal ist der Abszess aber auch noch nicht „reif“ und lässt sich nicht öffnen. Dann wird für einige Tage ein Angussverband gemacht, der das Horn aufweichen und den Abszess reifen lässt, bis er sich öffnet. Hat man es mit einem sehr tiefen Hufgeschwür zu tun, kann ein Röntgenbild Klarheit über die Situation im Inneren des Hufes verschaffen. Dr. Anna Rötting, Leiterin der Pferdeklinik Nindorf, erklärt: „Ein Röntgenbild kann zeigen, wie tief das Hufgeschwür bereits eingedrungen ist. Die Luft in der Höhlung ist auf der Aufnahme als Schatten sichtbar. So kann auch ausgeschlossen werden, dass womöglich der Knochen angegriffen wurde.“ Unter Umständen kann der Eiter nämlich schon angefangen haben, den Knochen des Hufbeins zu zersetzen.

Komplikationen sind auch zu erwarten, wenn der Abszess nicht rechtzeitig geöffnet wird und der Eiter sich statt nach unten abzufließen, einen Austritt über den Kronenrand sucht. Das kann leicht passieren, weil das Horn hier am verletzlichsten ist. Das erschwert den Heilungsprozess und kann weitere Probleme nach sich ziehen, z. B. eine lose Wand (siehe unten). Das Hinzuziehen eines Tierarztes ist immer ratsam, da dieser die Situation individuell einschätzen kann. Ein Hufgeschwür muss behandelt werden, wie eine infizierte Wunde (also auch Tetanusschutz überprüfen!). Das bedeutet: Es muss so lange mit einer desinfizierenden Lösung gespült werden, bis auch der letzte Eiter entfernt ist. Dann wird noch einmal desinfiziert, eine Mullbinde als Tamponade eingebracht und entweder ein trockener Verband angelegt oder aber ein Hufeisen mit abschraubbarem Deckel aufgenagelt. Täglich muss die Wunde kontrolliert, desinfiziert und neu verschlossen werden, so lange, bis sich neues Horn gebildet hat.

Hufglocken sollen vor Ballentritten schützen. Foto: Frank Sorge

Ballentritt

Tritt meist auf, wenn das Pferd sich mit den Hinterhufen in die Vorderhufe greift. Je nach Ausmaß des Ballentritts, sollte ein Tierarzt die Behandlung übernehmen. Die Wunde wird gereinigt, desinfiziert und verbunden. Meistens hat sich nach zwei bis drei Tagen bereits wieder neues Horn gebildet und der Verband kann weggelassen werden. Hufglocken oder Ballenschoner minimieren die Gefahr des Greifens.

Kronentritt

Ein Tritt auf den Kronrand mit dem gegenüberliegenden Huf oder auch durch ein anderes Pferd führt zu einer Verletzung des Wachstumszentrums des Hufes. Eine penible Reinigung und Wundversorgung sind elementar wichtig, weil Infektionen an dieser Stelle dramatische Folgen haben können bis hin zum Verlust der Hornkapsel. Auch hier weiß der Tierarzt, was zu tun ist. Hufglocken können das Risiko für diese Verletzung verringern.

Die Verletzung des empfindlichen Kronrands trifft das Wachstumszentrum des Hufes. Infektionen können dramatische Folgen bis hin zum Verlust der Hornkapsel haben. Foto: Frank Sorge

Nageltritt

Ein spitzer Gegenstand dringt in Strahl oder Sohle ein und führt zu einer Infektion. „Das kommt immer mal wieder vor“, berichtet Dr. Anna Rötting aus ihrer Erfahrung. Das kann auf der Weide passieren, im Gelände, eigentlich überall. Auch ein loses Hufeisen kann zu einem Nageltritt führen. Die Anzeichen sind die eines Hufgeschwürs: starke Schmerzen, vermehrte Pulsation, warmer Huf. Das Bein kann anschwellen, wenn die Infektion schon auf andere Gewebeteile übergegriffen hat. Auch ein Ausbruch des Eiters am Kronenrand ist möglich. Wie beim Hufgeschwür gilt es, den Entzündungsherd zu lokalisieren (sofern der Verursacher nicht mehr im Huf steckt) und dann entsprechend zu behandeln. Auch hier sollte unbedingt ein Tierarzt zu Rate gezogen werden, da der Fremdkörper neben der Huflederhaut schlimmstenfalls auch die tiefe Beugesehne, das Strahlpolster, das Strahl- oder das Hufbein, den Hufrollenschleimbeutel oder das Gelenk verletzt haben kann. „Dann handelt es sich um einen absoluten Notfall!“, warnt Dr. Rötting eindringlich.

Auch in einem solchen Fall ist zunächst der Haustierarzt zu kontaktieren, der die Erstversorgung übernimmt und dann entscheidet, wie es weitergehen soll. Ein Tipp der Tierärztin: „Merken Sie sich wenn irgend möglich, wo der Gegenstand steckte!“ Wenn der Gegenstand (z. B. ein Nagel) noch im Huf steckt, sollte dieser nach Möglichkeit dort belassen werden. So kann eine röntgenologische Untersuchung Auskunft darüber geben, welche Strukturen durch den Nagel in Mitleidenschaft gezogen wurden. Der Grund leuchtet ein: Je nachdem, an welcher Stelle des Hufes und in welche Richtung der Gegenstand eingedrungen ist, kann man schon absehen, ob es sich um einen Notfall handelt oder nicht. „Bei einer Verletzung in der vorderen Hälfte des Hufes ist es unwahrscheinlich, dass Sehne oder Gelenk betroffen sind“, erläutert Dr. Rötting. Sie sagt aber auch: „Bei Verletzungen dieser Art würde ich lieber einmal zu viel aufladen und in die Klinik fahren als einmal zu wenig!“

Hufkrebs muss unbedingt vom Tierarzt behandelt werden! Die Therapie kann sich über Monate hinziehen. Foto: Jacques Toffi

Hufkrebs

Hufkrebs ist eigentlich kein Krebs, denn er bildet weder Tumore noch Metastasen aus. Man vermutet, dass Hufkrebs durch ähnliche Erreger hervorgerufen wird wie auch Warzen. Außerdem zeigt die Erfahrung, dass ausgeprägte Strahlfäule die Entwicklung von Hufkrebs begünstigen kann. Hufkrebs erkennt man an Wucherungen im Huf und an der veränderten Konsistenz des Horns. Es ist nicht mehr fest und trocken, sondern die Oberfläche ist feucht und schmierig, mitunter auch von Eiter überzogen. Außerdem riecht es stechend.

Hufkrebs kann nicht mit Hausmitteln behandelt werden, hier muss ein erfahrener Tierarzt ran, der das erkrankte Gewebe operativ entfernt. In der Regel geschieht das mit einer lokalen Betäubung. Danach wird der Huf mit desinfizierenden und austrocknenden Medikamenten behandelt. Damit sich das krankhafte Gewebe nicht wieder entwickelt, muss ein Druckverband angelegt werden, der den Huf zudem sauber und trocken hält.

Man kann auch Windeln nehmen, den Druck übt das Pferd ja schon allein durch sein Körpergewicht aus. Achtung! Hufkrebs kann immer wieder kommen! Daher ist auch bei einem offiziell geheilten Huf absolute Aufmerksamkeit geboten.

Hufrehe

Das Thema Hufrehe ist so komplex, dass man dafür einen eigenen Beitrag schreiben müsste. Ein Reheschub beginnt mit der Entzündung der Huflederhaut, die dann Entzündungssekrete absondert, die nirgends austreten können. Stattdessen dringen diese Sekrete in die Lamellenschicht ein, die Huflederhaut und Hufwand miteinander verbinden. Die Verzahnung lockert sich, im schlimmsten Fall schuht das Pferd aus.

Gleichzeitig lockert sich im Huf die Aufhängung des Hufbeins. Das Hufbein sinkt ab, schlimmstenfalls durchstößt die Spitze die Hufsohle. Für das Pferd ist das alles ungeheuer schmerzhaft. Betroffene Pferde wollen sich nur noch ungern bewegen, nehmen die typische Sägebockstellung ein, bei der sie die Hinterbeine so weit wie möglich unter den Körper schieben und das Gewicht auf die Trachten verlagern, um die Zehe weitestgehend zu entlasten. Manche Pferde legen sich auch hin, weil sie es vor Schmerzen nicht aushalten. In jedem Fall ist sofort der Tierarzt zu kontaktieren. Dies gilt auch für den Fall, dass die Symptome zu Beginn nur leicht ausgeprägt sind und z. B. nur in einer Wendung sichtbar werden. Ein schnelles Eingreifen ist essenziell. Eine Erste Hilfe-Maßnahmen ist das Kühlen der Hufe. Die weitere Behandlung übernimmt der Tierarzt. Wenn der die Erlaubnis dafür erteilt, kann der Hufschmied einen speziellen Hufrehebeschlag anpassen. Wie auch immer dieser aussieht, sein Ziel ist es, die Zehe zu entlasten, Druck von der Sohle zu nehmen und dem Pferd das Gehen zu erleichtern.

Besonders Ponys sind anfällig für Hufrehe, wenn sie zu üppig gefüttert und zu wenig bewegt werden. Foto: Christiane Slawik

Hornspalten

Hornspalten sind weit verbreitet und in aller Regel nur das Symptom eines ganz anderen Problems. Meistens entstehen sie nämlich, wenn eine Seite des Hufs mehr Druck abbekommt als die andere. Das kann durch Stellungsfehler verursacht werden, aber auch durch fehlerhaften Beschlag, zu lange Intervalle etc. Auch zu trockene Hufe können zu einem Hornspalt führen. Als erstes gilt es also, Ursachenforschung zu betreiben, um dann entsprechend gegensteuern zu können. Normalerweise sind Pferde mit Hornspalten belastbar, sobald der Schmied den Riss so versorgt hat, dass er nicht weiter aufbrechen kann. Problematisch wird es nur dann, wenn der Riss bis zur Huflederhaut reicht. Das kann bei Kronrandspalten passieren. Problem: Wenn der Huf arbeitet, wird der Spalt auseinandergezogen und die darunter liegende Huflederhaut gleichzeitig gequetscht. Es kommt zu Blutungen, Bakterien können eindringen und Entzündungen hervorrufen. Dann kann das Pferd unter Umständen auch lahm gehen. Hier sollten Schmied und Tierarzt zusammenarbeiten.

Kann man die Lücke zwischen Huf und Hornkapsel deutlich erkennen, spricht man von einer losen Wand. Die hohle Wand hingegen ist von außen nicht zu erkennen, aber z. B. durch Abklopfen der Wand. Foto: Frank Sorge

Lose Wand

Wenn man beim Hufe auskratzen feststellt, dass man im Bereich der weißen Linie mit dem Hufkratzer außergewöhnlich tief eindringen kann und dabei viel Schmutz zu Tage befördert, könnte es sein, dass das Pferd eine lose Wand hat. Dabei trennt sich das Horn im Bereich der Linie vom Huf. Bei beschlagenen Pferden fällt das häufig erst auf, wenn der Schmied kommt. Auch hier ist mangelnde Hygiene verantwortlich. Auch zu feine Einstreumaterialien können zu einer losen Wand führen, nämlich dann, wenn sie sich zwischen Huf und Eisen setzen, ins Horn eindringen und dort zu Fäulnis führen.

Hohle Wand

Die hohle Wand hat ihren Ursprung im Gegensatz zur losen Wand nicht am Tragrand des Hufes, sondern es handelt sich um einen Hohlraum zwischen weißer Linie und Hufwand. Bakterien können die Ursache sein. Häufiger ist jedoch ein stumpfes Trauma die Ursache, wie es beispielsweise durch heftiges Anschlagen an ein Hindernis verursacht wird. Auch hier müssen sowohl Schmied als auch Tierarzt zu Rate gezogen werden.

Dominique Wehrmann

Unser Dank gilt Hufschmied Uwe Lukas und Dr. Anna Rötting von der Pferdeklinik Nindorf (www.pferdeklinik-nindorf.de) für die fachliche Beratung.

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