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Disziplinen der WM: Dressur

Elfte FN-Bildungskonferenz 2018 in Neustadt/Dosse

Vom Spielkind zum (Spitzen-)Sportler

Rund 400 Teilnehmer hatten den Weg ins Brandenburgische Haupt- und Landgestüt Neustadt/Dosse gefunden, wo die FN-Bildungskonferenz diesmal auf ihrer Reise durch Deutschland Station machte. Das Schwerpunktthema der nunmehr elften Konferenz: Die Bedeutung des Trainers auf dem Weg eines Reiters vom Ponykind bis zum Erwachsenenalter.

Vielseitigkeits-Weltmeisterin Sandra Auffarth demonstrierte gemeinsam mit Markus Scharmann, wie Training im Spitzensport aussehen kann. Fotos: Björn Schröder

Welch hohen Stellenwert die vor vielen Jahren von FN-Fachreferentin Eva Lempa-Röller initiierte und seither organisierte Konferenz inzwischen auch übergreifend genießt, zeigten bereits die Grußworte, die nicht nur vom FN-Vize-Präsidenten Dieter Medow und der Gestüts-Geschäftsführerin und Gastgeberin Regine Ebert gehalten wurden, sondern auch von Eckart Drewicke als Vertreter der Landesregierung sowie von DOSB-Vizepräsidentin Prof. Dr. Gudrun Doll-Tepper. Letztere verwies in ihrer Ansprache auch auf die zunehmende Digitalisierung, die auch das Lehren und Lernen im Sport erreicht habe und eine wichtige Zukunftsaufgabe aller Sportverbände sei.

Gastgeberin Regine Ebert

PM-Vorsitzender Dieter Medow (re.) und Moderator Christoph Hess begrüßten 400 Gäste.

Prof. Dr. Gudrun Doll-Tepper

Weniger digital, dafür umso praktischer ging es im Eröffnungsinterview zu, geführt von Moderator Christoph Hess. Rede und Antwort standen ihm Henning Müller, der ehemalige Cheftrainer des Brandenburgischen Haupt- und Landgestütes, Jessica Lichtenberg, Voltigiermeisterin, sowie die kurzfristig eingesprungene Anne Oppen-Greiffendorf, Sportpsychologin und Trainerin A. Von ihr wollte Hess wissen, wie in ihrem Reitverein Kinder an den Pferdesport herangeführt werden. „Bei den Kleinsten, etwa ab vierjährig, geht es uns nicht darum, sie möglichst schnell aufs Pony zu setzen“, so erklärte sie. „In Zweiergruppen lernen sie zunächst das Drumherum, kümmern sich spielerisch um je ein Pony und helfen sich gegenseitig. Deshalb kombinieren wir auch gern ein eher forsches Kind mit einem vielleicht unsicheren oder gar ängstlichen. Wir stellen in dieser Altersklasse nicht das Reitenlernen in den Vordergrund, sondern die gesamte Persönlichkeitsentwicklung der Kinder.“

Vom Leichten zum Schweren

Die Heranführung ans Pferd und die richtige Zusammenstellung von Gruppen als Teil sinnvoller Planung für die Weiterentwicklung seiner Reitschüler hob auch Müller hervor und gab zu: „Als junger Ausbilder habe ich hier sicher einiges falsch gemacht, denn meine Erwartungshaltung stimmte nicht immer mit der meiner Schüler überein. Später habe ich erkannt, dass Menschen schon den Umgang mit dem Pferd erst lernen müssen, dass man in allem immer vom Leichten zum Schweren vorgehen muss und dass Gruppen und Abteilungen auch hinsichtlich ihrer Fähigkeiten und Charaktere zusammenpassen sollten.“

Nach ihren Visionen als Ausbilderin gefragt antwortete Jessica Lichtenberg: „Ich denke, dass ich als Trainer eigentlich keine eigenen Visionen brauche. Ich werde nämlich kein besserer Trainer sein, nur weil ich an eine Goldmedaille denke. Ich muss vielmehr die Visionen meiner Schüler kennen und versuchen, gemeinsam mit ihnen den zur Verwirklichung notwendigen Weg aufzuzeichnen und zu beschreiten. Dann kann ich sie auch in Situationen, in denen es mal schwer wird, motivieren.“

Dass der Weg zu Gold nicht für jeden Trainer machbar ist, betonte Müller. „Als Trainer, egal ob Profi oder Amateur, muss ich auch bereit sein, einen Schüler zum richtigen Zeitpunkt vorübergehend, beispielsweise zu Lehrgängen, oder dauerhaft abzugeben. Allerdings sollte man darauf achten, sie nur zu guten Leuten zu schicken, zu solchen, deren roter Faden der Ausbildung mit dem bisherigen übereinstimmt. Wer dazu in der Lage ist, wird langfristig mehr Erfolg haben – und auch mehr erfolgreiche Schüler hervorbringen.“

Eckart Drewicke kam als Vertreter der Landesregierung

Kai Vorberg referierte bei den FN-Bildungskonferenz

Auch Rolf Petruschke trat als Referent in Aktion.

Karriereleiter im Sport

Um diese Planungs-Weitsicht von der Heranführung des Kindergartenkindes ans Pferd über eine vielseitige Grundausbildung bis hin zu möglichen Spitzenleistungen drehte sich der Vortrag von Kai Vorberg, der diesen Weg als ehemaliger Weltklasse- Voltigierer letztlich selbst durchschritten hatte. Vorberg, der neben seiner Voltigier-Karriere auch die Pferdewirtschaftsmeisterprüfung Reiten abgelegt und den Diplomtrainer Reiten gemacht hat, ist seit einigen Jahren bei der FN tätig und inzwischen auch zum Bundestrainer Bildung berufen worden. „Was in vielen anderen Sportverbänden bereits gang und gäbe ist, das Vorliegen von Rahmentrainingskonzeptionen, könnte im Reitsport noch weiter ausgebaut werden,“ erklärte er. „Die Karriereleiter in unserem Reitabzeichensystem geht in diese Richtung und natürlich auch unsere Fachliteratur und hier vor allem die Richtlinien. Für das Voltigieren ist ein solches Konzept in der Entstehung.“

Bei den Handballern, Schwimmern oder Judoka seien in diesen Rahmentrainingskonzeptionen aber nicht nur Inhalte, sondern auch das Fernziel klar definiert: Olympia. „Das mag ein hoher Anspruch sein. Aber er ist letztlich nur fair den Sportlern gegenüber. Ich habe den Eindruck, dass bei uns viele Ausbilder gar nicht in Richtung Spitzensport und Olympia denken, sondern den Spaß in den Vordergrund stellen. Spaß an der Sache ist wichtig und soll auch sein – aber es sollte auch jeder durch eine gute Grund- und systematische Weiterbildung bei entsprechendem Talent die Chance erhalten, bis ganz nach oben kommen zu können.“

Bewegungsdefizite

Die Grundlage für diese Chancen wird, das machte der nächste Vortrag deutlich, bereits im Kindesalter gelegt. Sportwissenschaftlerin Dr. Meike Riedel, unterstützt und ergänzt von Pferdewirtschaftsmeisterin Lina Sophie Otto sowie Fahrsportexperte Ronny Weigang, beschäftigten sich mit der Heranführung von Kindern an den Pferdesport und dem ersten Training. Dr. Riedel stellte dabei klar heraus, dass sich durch eine veränderte Bewegungswelt bei den Kindern in den letzten Jahren deutliche Defizite bezüglich Körperhaltung, Koordinations- und auch Konzentrationsfähigkeit eingestellt haben.

„Auch wenn viele Kinder heute unter Bewegungsmangel leiden, so ist das Bewegungsbedürfnis gerade bei den Vier- bis Siebenjährigen eigentlich sehr groß“, betonte sie. Diese Bewegung müsse man zulassen, denn: „Bewegung fördert nachgewiesenermaßen neue Verschaltungen im Gehirn und ist ein wichtiger Teil der Hirnentwicklung.“ Sie wies darauf hin, dass diese Erkenntnis auch von Pferdesportausbildern im Kinder- und Jugendbereich beachtet werden müsse. In kurzen Filmen zeigte sie, wie eine Förderung durch Bewegungsspiele und -aufgaben auch jenseits des Pferderückens im Rahmen des Unterrichts aussehen könnte.

Hermann Grams

Lina Sophie Otto, Ronny Weigang und Dr. Meike Riedel

Entwicklung und Horsemanship

Auf unterschiedliche Altersklassen und darauf abgestimmte Lern- und Übungsinhalte ging Lina Sophie Otto, Mitarbeiterin in der FN-Abteilung Ausbildung und Wissenschaft und gemeinsam mit Dr. Riedel Autorin des FN-Buches „Kinderreitunterricht – kreativ und vielseitig gestalten“, via Vortrag und Filmeinspielern ein. Auch sie betonte, dass vor allem bei kleinen Kindern der Unterrichtsschwerpunkt nicht auf Sitzschulung liegen solle, sondern auf der Schulung von Gleichgewicht, der Förderung von Bewegungserfahrungen sowie der Schaffung von Naturerlebnissen. Erst ab dem Grundschulalter mache es Sinn, alle Sitzformen ins Training einzubeziehen, bevor dann, etwa mit zehn bis zwölf Jahren, den Kindern auch komplexere Anweisungen und Aufgaben gestellt werden könnten. „Dies ist die Zeit der Entwicklung der Schülerpersönlichkeit und sollte geprägt sein durch eine vielseitige Ausbildung, durch Förderung von Selbstständigkeit, Handlungskompetenz und Verantwortung sowie Erziehung zu Horsemanship.“

Kinder auf dem Bock

Dass und wie man als Ausbilder sogar schon die Kleinsten für den Fahrsport gewinnen kann, zeigte Ronny Weigang, selbst begeisterter Fahrer und Trainer A Fahren mit Zusatzqualifikation „Kinderunterricht“ ebenfalls mit Hilfe kurzer Videofilme. „Das Schöne am Fahren ist“, so wusste er aus Erfahrung zu berichten, „dass auch Kinder mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen schon recht früh an diese Disziplin herangeführt werden können, da ja zu Anfang der Ausbilder immer mit auf dem Bock sitzt und über die Sicherheitsleinen bei Bedarf auch eingreifen und helfen kann.“ Sicherheit, so betonte Weigang, sei gerade für den Fahrsport oberstes Gebot. Eine entsprechende kindgerechte Ausrüstung, der Einsatz von Sicherheitsleinen und ein nervenstarkes und gut ausgebildetes Gespann seien absolute Grundvoraussetzungen. „Nur mal eben einem fünf- oder sechsjährigen Kind die Leinen in die Hand zu drücken und es machen zu lassen, geht gar nicht.“

Spezialklasse Reitsport

Sicherheit, der Spaß am Sport sowie eine reitfachlich und pädagogisch sinnvolle Begleitung junger Reitschüler bereits in der Grundausbildung waren Schwerpunkt der Praxis-Demonstration von Pferdewirtschaftsmeister Rolf Petruschke. Der ehemalige Leiter der Hessischen Landesreit- und Fahrschule Dillenburg hatte das Thema ‚Entwicklung von Hilfengebung und Einwirkung‘ gewählt und arbeitete in kurzen Sequenzen mit vier jugendlichen Reitern der „Spezialklasse Reitsport“ der Prinz-von-Homburg-Schule Neustadt (Dosse). Den Anfang macht eine junge Reiterin an der Longe, einem Zeitpunkt, in dem es zunächst vermehrt um die Entwicklung des Reitersitzes vor dem Hintergrund von Balance und Losgelassenheit geht. „Einwirkung ist in diesem reiterlichen Stadium noch nicht entwickelt und sollte auch nicht im Fokus des Ausbilders stehen“, so Petruschke. „Wichtiger ist hier die Erhaltung beziehungsweise das Erreichen von Angstfreiheit, denn sie ist die Grundvoraussetzung für eine funktionierende Hilfengebung.“

Die Vermittlung unterschiedlicher Sitzvarianten sowie Tempound Gangartenwechsel seien dabei wichtige Stellschrauben, einem Reitschüler zu mehr Sicherheit und Gefühl im Sattel zu verhelfen. Um Einwirkung und damit um Einflussnahme auf das Pferd ging es in der nächsten Lehrsequenz, bei der Petruschke zunächst mit einer jugendlichen Dressurreiterin und einem Springreiter etwa auf A-Niveau und anschließend mit einer M-Reiterin arbeitete. „Aufgabe des Ausbilders ist es, neben der Vermittlung von Technik auch die Talente und Neigungen der Reitschüler zu fördern. Es wäre zum Beispiel nicht zielführend, aus dem jungen Mann hier einen Dressurreiter machen zu wollen. Bei aller Bedeutung vielseitiger Grundausbildung muss man auch erkennen, wohin der Weg eines Reiters führen kann und wo er hin möchte. Drängt man ihn in eine andere Richtung, nimmt man ihm die Motivation und vergrault ihn aus dem Sport.“

Bevor anschließend das Konzept der „Spezialklasse Reitsport“ näher vorgestellt wurde, stand noch eine feierliche Ehrung auf dem Programm. Für ihren Einsatz und ihre Verdienste um die Einrichtung und jahrelange Unterstützung des Schulprojektes wurde Hannelore Schink, Oberschulrätin a.D., durch die Vize-Präsidentin des Landesverbandes, Martina Schünemann, mit der Goldenen Ehrennadel des Landesverbandes Pferdesport Berlin-Brandenburg ausgezeichnet. Im Hintergrund lief dazu ein Film, der Friederike Eggersmann, eine Absolventin des Neustädter Internats, bei ihrem diesjährigen Ritt im U25 Springpokal beim Wiesbadener Pfingstturnier zeigte. „Mit ihrer Unterstützung haben Sie, Frau Schink, die Tür für einen solchen Erfolg aufgemacht“, betonte Christoph Hess.

Thies Kaspareit, Leiter der FN-Abteilung Ausbildung und Wissenschaft

Markus Scharmann und Sandra Auffarth

Demonstration „Reittest“

Die „Spezialklasse Reitsport“ wurde 2009 aus der Idee „Reiten in der Schule“ geboren und ins Leben gerufen. Pro Jahr haben in Neustadt rund 100 Internatsschüler von der 7. bis zur 10. Klasse (und auch darüber hinaus) die Möglichkeit, ihren Reitsport im Rahmen des schulischen Unterrichts zu betreiben. Gefördert wird das Konzept durch staatliches Schulamt, Kommune, Stadt, Landesverband sowie die Stiftung Brandenburgisches Haupt- und Landgestüt. Zur Konferenz präsentierte Lehrertrainerin Dörthe Ewald zwei ihrer Schüler in einer Demonstration der halbjährlich stattfindenden Reittest. Dabei müssen die Schüler selbstständig in Dressur oder Springen eine zehnminütige Reitaufgabe vorbereiten, reiten und anschließend in einem Gespräch ihre Leistung reflektieren – eine Anforderung, die der 16-jährige Magnus im Parcours und die 15-jährige Jeannette im Dressurviereck in dieser Beispiels-Demonstration souverän meisterten. Geleitet wurden sie von Markus Scharmann, Wissenschaftskoordinator bei der FN und selbst Pferdewirtschaftsmeister, der die Rolle des externen Prüfers übernahm.

Auffarth und das Derby

Scharmann sprang anschließend auch für den verhinderten Markus Döring ein und begleitete die abschließende Lehrsequenz mit Sandra Auffarth. Die Vielseitigkeits-Weltmeisterin und Olympionikin berichtete, auf dem Rücken des siebenjährigen Caramel sitzend, von ihrem Erfolgsritt beim diesjährigen Hamburger Derby. „Ich hatte schon Jahre mit dem Derby geliebäugelt, aber für diesen besonderen Parcours nicht das passende Pferd gehabt“ erzählte sie. „Bei La Vista dachte ich irgendwann: Ja, die kann‘s. Ein Jahr lang habe ich mich mit ihr vorbereitet, im Sommer S-Springen, im Herbst Geländesprünge, im Winter Konditionstraining. Bei Carsten-Otto Nagel habe ich geritten, sie dort vor allem mit Wällen vertraut gemacht. Dabei haben wir immer darauf geachtet, nicht zu schwer zu trainieren, um ihr keine Angst zu machen. Tja, und dann hat‘s geklappt.“

Bevor es zum Abschluss der Bildungskonferenz dann traditionell an die Verleihung der Lütke-Westhues-Auszeichnungen für Ausbilder mit besonders guten Prüfungsleistungen ging und diesmal auch noch die Gewinnerin des Trainerassistenten-Wettbewerbs „start-you-up“ (Franziska Kopp/Projekt Bambini-Reiten) geehrt wurde, hatten FN Ausbildungsleiter Thies Kaspareit und Sportwissenschaftler Hermann Grams den Konferenztag noch einmal analysiert. Ihre Erkenntnisse aus den Vorträgen des Tages:

  • Ein guter Trainer weiß, wann er seinen Schüler abgeben sollte, um ihm die bestmögliche Förderung zu ermöglichen.
  • Rahmentrainingspläne könnten für alle Reitsportdisziplinen noch konkreter aufgestellt werden.
  • Für die Trainingsplanung ist es wichtig, die individuellen Fähigkeiten eines Reiters zu erkennen und herauszuarbeiten.
  • Und noch eine ganz wichtige Erkenntnis, die Eva Lempa-Röller abschließend besonders hervorhob: „Die Ausbildung der Ausbilder ist für unseren Sport und für den Umgang mit dem Pferd lebenswichtig. Vor diesem Hintergrund ist die Arbeit der Fachschulen und der dezentralen Ausbildungsstätten, die diesen Auftrag leisten, nicht hoch genug einzuschätzen. Danke dafür!“

Dr. Britta Schöffmann

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