Vorheriger Artikel

Ausgabe 02/2017
LPO, WBO und Aufgabenhefte für 2018 verabschiedet

Nächster Artikel

Ausgabe 02/2017
FN auf der Equitana 2017

Kinder lieben das Reiten ohne Sattel.

Foto: Thoms Lehmann, Warendorf, mit freundlicher Genehmigung des FNverlags entnommen aus „Kinderreitunterricht – kreativ und vielseitig gestalten“; Hrsg. Deutsche Reiterliche Vereinigung e.V. (FN)/Texte: Lina S. Otto und Meike Rie­del, Warendorf, 2016.

Interview mit Lina Otto

Kinderreitunterricht – kreativ und vielseitig gestalten

Langsam nimmt das Thema Fahrt auf. Immer mehr Reitschulen und Ausbilder erkennen den Markt „Reitunterricht für kleine Kinder“. Die Nachfrage ist größer als das Angebot. Aber wie sieht guter Reitunterricht für Kinder aus? Diese Frage beantwortet das neue FN-Buch „Kinderreitunterricht – kreativ und vielseitig gestalten“. PM-Forum hat mit Pferdewirtschaftsmeisterin Lina Otto, einer der beiden Autorinnen, über die Entstehung des Buches sowie ihre Erfahrungen als Ausbilderin gesprochen.

16_2.17_KinderreitunterrichtBuchbeschreibung

Das FN-Buch „Kinderreitunterricht – kreativ und vielseitig gestalten“ zeigt Ausbildern einen neuen Weg zur kindgemäßen Heranführung an den Reitsport und erläutert, wie ein langfristiger Leistungsaufbau idealerweise angelegt sein sollte.

Die Inhalte im Überblick
• Veränderte Bewegungswelt, veränderter Kinderreitunterricht?
• Motorische Entwicklung und entwicklungsbedingte Besonderheiten im Kindesalter
• Sportliche Leistungsfähigkeit im Reitsport
• Reitspezifische Grundlagenschulung und motorische Vielseitigkeitsschulung
• Der besondere Wert des Pferdes für die Persönlichkeitsentwicklung
• Rolle des Ausbilders
• Organisation des Kinderreitunterrichts
• Kinder unterrichten
• Kinderreitunterricht in der Praxis

www.fnverlag.de, ISBN 978-3-88542-896-1, Preis: 28,90 Euro

PM-Forum: Warum gibt es dieses Buch? 

Lina Otto: In 2013 wurden Meike Riedel und ich mit der Organisation und Durchführung des Pilot-Lehrgangs zur Ergänzungsqualifikation Kinderreitunterricht in Vechta beauftragt. Neben vielen positiven Eindrücken nahmen wir daraus mit, dass es zwar viele gute Bücher FÜR Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter gibt, aber kein geeignetes Material für Ausbilder, die Kinder dieses Alters unterrichten wollen. Daraus entstand zunächst die Idee, ein Merkblatt für die Ergänzungsqualifikation zu schreiben. Aus diesem Merkblatt wurde dann im Verlauf der Erstellung ein ganzes Buch, das das Thema Kinderreitunterricht von allen Seiten beleuchtet. Wir – die Autorinnen und auch die FN – sind überzeugt, dass es aufgrund der veränderten Bedingungen im Kinderreitunterricht höchste Zeit war, den Ausbildern und denen, die es werden wollen, ein solches Grundlagenwerk an die Hand zu geben.

PM-Forum: Was ist denn der größte Unterschied zwischen Kindern heute und vor 20 Jahren? Wie erleben Sie das als Ausbilderin?

Lina Otto: Früher war es üblich, dass Kinder sich viel bewegten, sie spielten draußen, fuhren Fahrrad, kletterten, waren kreativ mit einigen wenigen Spielgeräten. Der Einstieg in den Reitsport gelang oftmals über das Voltigieren, das damals noch selbstverständlich in den Vereinen neben dem Reiten angeboten wurde. Diese Herangehensweise sicherte den Kindern wichtige koordinative und konditionelle Grundfähigkeiten, mit denen dann das Reiten lernen gelang. Auch ließ man den Kindern früher mehr Zeit, sich mit ihrem Hobby zu beschäftigen. Oft verbrachten sie mehrere Stunden am Stall, wobei das eigentliche Reiten gar nicht im Vordergrund stand, sondern die vielfältige Beschäftigung mit dem Pferd.

Heute sind die Kinder insgesamt weniger beweglich, ängstlicher und auch häufig schon sehr gestresst mit ihrem straffen Programm aus Schule, Nachhilfe, Sport und anderen Hobbys. Der Ausbilder hat meist nur ein kleines Zeitfenster, das er dann möglichst effektiv zu füllen hat. Diese „veränderte Kindheit“ hat weitreichende Konsequenzen für den Reitunterricht.

PM-Forum: Und wie sehen die Konsequenzen für den Kinderreitunterricht aus? 

Lina Otto: Guter Kinderreitunterricht berücksichtigt drei Altersgruppen, da die physischen, psychischen und kognitiven Voraussetzungen der Kinder hier sehr unterschiedlich sind.

Kindergartenkinder bzw. Vorschulkinder – also die Altersgruppe 4 bis 6/7 Jahre – haben einen hohen Bewegungsdrang, der Spieltrieb ist die Motivation zu vielfältiger Bewegung. In dem Alter haben die Kinder wenig Verständnis für Regeln, Gefahren und rein sprachliche Anweisungen. Sie sind neugierig, aufgeschlossen, kreativ, aber körperlich noch nicht „fit“ für intensive Reitstunden. Als Ausbilder muss ich also in der „Reitstunde“ die Möglichkeiten zum freien Spiel und Bewegungsräume anbieten. Das Reiten findet hier eher über Voltigieren, geführtes Reiten mit Gurt und Geschicklichkeitsparcours statt. Dabei muss ich die nur kurze Konzentrations-spanne der Kinder von fünf bis zehn Minuten beachten. Und meine Sprache muss bildhaft sein. Einer Fünfjährigen sage ich nicht, dass sie sich aufrecht, sondern wie eine Prinzessin hinsetzen soll.

Grundschulkinder – also frühes Schulkindalter von 6/7 bis 10 Jahre – verfügen schon über bessere körperliche Voraussetzungen. Der Reitunterricht muss aber immer noch spielerisch aufgebaut sein. In der Altersgruppe steht die vielseitige Grundlagenschulung im Vordergrund. Das sind alle Sitzformen, Reiten im Gelände, Pflegen und Versorgen des Ponys und Reiten kombiniert mit zusätzlichen Bewegungsangeboten. Wenn ich zum Beispiel vier Kinder und ein Pony einsetze, dann kann ein Spielbereich abgeteilt sein, in dem die Kinder einen kleinen Parcours aufbauen und zu Fuß überwinden – dann steht natürlich ein Betreuer zur Seite.

Die dritte Altersgruppe sind die Schulkinder – 10 bis 12 Jahre, auch spätes Schulkindalter genannt. Jetzt sind die Kinder auf dem Höhepunkt der motorischen Entwicklung, deshalb sprechen wir hier auch vom „goldenen Lernalter“. Die Schulkinder bieten beste physische und psychische Voraussetzungen. Als Trainer muss ich jetzt die vielseitige Grundausbildung ermöglichen: Dazu gehören besonders Reiten im leichten Sitz und Springen und auch erste Wettbewerbe. Hinzu kommen Dinge wie die Vermittlung eines Pflegeponys oder einer Reitbeteiligung. In diesem Alter muss ich auch stärker die Gruppenzusammensetzung beachten und besondere Angebote zum Beispiel für Jungs schaffen. Zudem kann ich nun die Bindung an den Betrieb/Verein festigen indem ich die Kinder in Aufgaben einbinde wie zum Beispiel den Kleineren das Putzen erklären.

A. Borchardt

Einige Grundsätze sind vorab für den Unterricht mit Kindern – egal welchen Alters – zu beachten:

• Die Sicherheit von Reiter und Pferd steht immer an oberster Stelle. Regeln sind notwendig und sollten auch schon kleinen Kindern in geeigneter Form vermittelt werden.

• Bei allem Spiel und Spaß darf die Vermittlung von Wissen um die Natur des Pferdes, seine Haltung, Pflege und Bedürfnisse nicht außer Acht gelassen werden. Die Kinder sollten frühzeitig erfahren, dass der Mensch die Verantwortung für das Wohlergehen des Pferdes trägt.

• Kinder sind aktiv in die Arbeiten rund ums Pferd mit einzubeziehen, das gemeinsame Pflegen und Versorgen vor und nach dem Reiten ist als Bestandteil des Unterrichts ernst zu nehmen (auch von Seiten des Ausbilders!).

• Der natürliche Bewegungsdrang und die kindliche Neugier sollten ausgenutzt werden und zu Bewegung und Anstrengung motivieren. Wenn Kinder merken, dass sie etwas „geschafft“ haben, macht das Lernen erst richtig Spaß und motiviert zum Weiter-machen.

• Sportliche Leistungen sollten nicht im Vordergrund stehen, sondern die Freude an Bewegung und Beschäftigung mit dem Pferd. Kinder signalisieren meist selbst, wenn sie „mehr“ wollen, gerade bei vermeintlichen Talenten sollte eine behutsame Steigerung der Anforderungen nach Absprache mit den Eltern erfolgen.

• Der korrekte Sitz des Reiters kann sich nur aus Gleichgewicht, Losgelassenheit und Be-wegungsgefühl entwickeln und nicht durch formale Sitzkorrekturen und Anweisungen, die das Kind in eine verkrampfte Haltung bringen.

• Jedes Kind lernt anders, auch unter gleichaltrigen Kindern gibt es eine „ungeheure Entwicklungsvielfalt“, diese muss im Unterrichten Berücksichtigung finden.

• Der Ausbilder sollte sich seiner Rolle stets bewusst sein. Ein positives, motivierendes Auftreten, ein wertschätzender und freundlicher Ton sowie das Eingehen auf Konflikte innerhalb der Gruppe, sind für eine gute Lernatmosphäre und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit unerlässlich.

Die Autorinnen

Dr. Meike Riedel (rechts) ist Dozen­tin am Institut für Sport und Sportwissenschaft an der TU Dortmund. Sie ist Schriftleiterin der Fachzeitschrift „mensch und pferd international – zur Förderung und Therapie mit dem Pferd“, 1. Vorsitzende des Ausschusses Breitensport des Pferdesportverbandes Westfalen e.V. und Trainerin C – Voltigieren. Sie bringt aus trainingswissenschaftlicher Sicht die Anforderungen an das Training und Arbeiten mit Kindern ein.

 

Lina Sophie Otto (links) ist Pferdewirtschaftsmeisterin und Trainerin A – Reiten/Leistungssport sowie Ausbilderin im Reiten als Gesundheitssport. Sie arbeitete von 2009 bis 2016 in der Reitschule Alt­rogge-Terbrack in Nottuln/Westf. und verhalf hier mit ihrem großen praktischen Erfahrungsschatz vor allem Kindern, aber auch Jugendlichen und Erwachsenen zu einem gelungenen Start ins Reiterleben. Seit 2017 gehört sie zur FN-Abteilung Ausbildung und Wissenschaft.

Die PM bieten viele interessante Seminare zur Gestaltung von Kinderreitunterricht an.

Vorheriger Artikel

Ausgabe 02/2017
LPO, WBO und Aufgabenhefte für 2018 verabschiedet

Nächster Artikel

Ausgabe 02/2017
FN auf der Equitana 2017

Teilen

Teilen Sie diesen Beitrag mit Freunden