Vorheriger Artikel

Ausgabe 10/2017
Namen und Nachrichten

Nächster Artikel

Ausgabe 10/2017
Das richtige Gebiss, Teil II: Wirkung und Nebenwirkungen

Sieger des Haltungswettbewerbs „Unser Stall soll besser werden“

Wohnkomfort hoch Zehn

Der ideale Stall ist hell, luftig, bietet gutes Futter, viel Sozialkontakt und noch mehr Bewegungs­möglichkeiten. Das macht Pferde glücklich. Im Wettbewerb „Unser Stall soll besser werden“ werden genau diese Betriebe gesucht und gefunden. Die Sieger stellen wir Ihnen vor.

Der neue Stall der Familie Brüning setzt durch seine Aufteilung viele Bewegungs­anreize. Fotos: Sabine Gregg/Reiter Revue International

Klar, Pferdeställe dürfen schön sein. In erster Linie müssen sie aber Wohnkomfort bieten. Und der sieht für Pferde anders aus als für ihre zweibeinigen Besitzer. Beim Pferd kommt es auf Licht, Luft, Bewegung und Sozialkontakt an. Schmucker Chichi ist zweitrangig. Für die nötige Lebensqualität sind Faktoren wie Futter und Gesundheitsmanagement entscheidend – da unterscheiden sich Mensch und Pferd nicht. Wenn all diese Grundlagen zusammenpassen, reden wir von den besten Ställen Deutschlands.

Jahr für Jahr prämieren die Persönlichen Mitglieder in Zusammenarbeit mit Reiter Revue International die besten Neu- und Umbauten. Unter den zahlreichen Bewerbern die Sieger auszumachen, ist keine leichte Aufgabe für die Jury. Und doch war das Ergebnis in diesem Jahr klar: Der Hof Brüning inmitten der Wildeshauser Geest überzeugte durch großzügige und durchdacht angelegte Bewegungsställe und das gute Management der Tiere. Mit diesem Betriebszweig sicherten sich Julie und Heinz-Gerd Brüning den Sieg im Wettbewerb „Unser Stall soll besser werden“. Bemerkenswert ist, dass sie die Haltung der Pferde stets verbessern. So errichteten sie 2014 einen Bewegungsstall für möglichst tiergerechte Pferdehaltung. Eine gute Idee mit einer noch besseren Umsetzung, wie der Sieg beweist. Auf den zweiten Platz setzte die Jury gleich zwei Betriebe.

Zum 24. Mal in Folge ist nun der artgerechteste Stall Deutschlands prämiert worden. Wie in den Vorjahren durften sich auch in diesem Frühjahr Pferdebetriebe, Reitvereine oder Stallgemeinschaften bewerben, die ihren Stall oder Teile davon um- oder neugebaut haben. Wenn Sie Ihren Betrieb als nächsten Siegerstall sehen und seit mindestens einem Jahr mehr als zehn Pferde beherbergen, bewerben Sie sich doch! Ab Januar 2018 startet die nächste Runde des Wettbewerbs.

Sabine Gregg

1. PLATZ: Teilkonzept Hof Brüning

Jury-Urteil: Die Familie Brüning erweitert ihren Betrieb stetig nach dem Motto „Unser Stall soll besser werden“. Die neuen Bewegungsställe sind durchdacht angelegt worden. Das zeigt sich unter anderem an der Vielzahl und Anordnung der Fressplätze, der Tränken und Integrationsboxen in dem ausgezeichneten Teilkonzept. Das gute Management der Tiere spiegelt sich in der Ruhe der Herde wider.

Die Stimmung in der Herde war beim Jury-Besuch sehr ausgeglichen, die Pferde entspannt.

Die Wege von den Futterstationen zu den Liegehallen sind breit genug für mehrere Pferde.

Überzeugt hat die Jury auch die fachliche Qualifikation der Betriebsleiter. Julie Brüning übernimmt als gelernte Tierarzthelferin das Gesundheitsmanagement der Tiere, außerdem verfügt sie über die Trainer-B-Lizenz. Ihr Mann führt den landwirtschaftlichen Betrieb. In der zum Betrieb gehörenden Reitschule ist seit August dieses Jahres eine Reitlehrerin in Vollzeit angestellt.

Das Optimum im Blick

„Auf die Weide kommen alle Pferde jeden Tag“, erklärt Julie Brüning ganz selbstverständlich. So soll es sein. Ihr Mann Heinz-Gerd Brüning schränkt ein: „Im Winter wollen die Pferde aus dem Bewegungsstall aber gar nicht so recht raus. Sie fühlen sich so wohl hier.“ Ein Fakt, den das Betriebsleiterehepaar nicht belegen muss, denn als ein Teil der Jury zur Besichtigung des Hofes vor Ort ist, liegen überall tiefenentspannte Pferde. Ein Zeichen für ein gutes Management.

Im Bewegungsstall leben insgesamt rund 35 Pferde, sie sind in zwei Gruppen aufgeteilt: eine Stutenherde und eine Wallachgruppe. Wer neu dazu kommen will, braucht Geduld. Auf dem Hof gibt es eine Warteliste und für die Integration der Pferde nimmt sich Julie Brüning viel Zeit. Mindestens zwei Wochen, wenn es sein muss gerne aber auch sechs.

Die Kraftfutterrationen für die Pferde werden computergesteuert von einem Automaten pro Gruppe ausgeschüttet. Acht Portionen bekommen die Pferde pro Tag. „Nachts gibt es für die Pferde nur Heu. Das bringt mehr Ruhe in die Herde“, weiß Heinz-Gerd Brüning aus Erfahrung. Wo die Heu- und Kraftfutterautomaten in den Bewegungsställen angeordnet sind, ist keinesfalls Zufall. Zum einen sollen Bewegungsreize gesetzt werden, zum anderen sollen die ranghohen und rangniedrigeren Tiere sich möglichst gut aus dem Weg gehen können. Bei Brünings ist dies durch mehrere Raumteiler in Form von eingezäunten Beeten gut geglückt.

Täglich wird der Bewegungsstall abgeäppelt. Die befestigten Flächen rund um die Heuraufen werden zudem abgeschoben. Eine Besonderheit im Stall der Familie Brüning: Die Liegehalle ist mit Sand eingestreut, der alle sechs bis acht Wochen ausgetauscht wird. Stroh füttern Brünings regelmäßig zu.

Mehrere Stunden täglich verbringen die Pferde draußen. Einzel- und Gruppenausläufe sowie Weiden stehen dafür zur Verfügung.

2. PLATZ: Gesamtkonzept Classic Dressage

Jury-Urteil: Die Reitanlage lässt für Pferd und Reiter keine Wünsche offen. Toll ist, dass den Pferden viel freie Bewegung und reichlich Sozialkontakt ermöglicht wird. Die von der Jury angeregte Verbesserung im Bereich der Paddocktüren wurde umgehend umgesetzt.

Alleine, in der Kleingruppe oder mit einer Gruppe von Freunden – auf die Weide oder den Auslauf kommen die Pferde auf der Reitanlage Classic Dressage jeden Tag. Das ist Betriebsleiterin Corinna Denndörfer besonders wichtig. Zwölf Stunden sind die Pferde nach Möglichkeit draußen. Zehn Weiden und genauso viele Ausläufe stehen dafür zur Verfügung. Allesamt sind sie mit frostsicheren Tränken und Futterraufen ausgestattet und mit Kunststoffzäunen eingezäunt. Egal ob drinnen oder draußen – jedem Pferd stehen pro Tag fünf Heurationen zu. Kraftfutter gibt es aber nur in der Paddockbox.

Die Paddocks haben jeweils eine Größe von 15 Quadratmetern – genauso groß sind auch die Boxen.

Die freundliche Stallgasse ist hell und luftig, ohne zugig zu sein.

Waschplatz

18 Boxen reihen sich auf einer Stallgasse aneinander. Ohne das Gebäude verlassen zu müssen, geht es von der Stallgasse aus in Sattelkammer, Waschbox, Reithalle und Stübchen. Das ist im Winter besonders angenehm für Reiter und Mitarbeiter. Ein weiteres Plus des Betriebes ist die Videoüberwachung aller Boxen. 14 Pferde sind auf dem 2014 errichteten Betrieb an der tschechischen Grenze beheimatet. Darunter Stuten und Hengste. „Da wir mehrere Ein- und Ausgänge haben, ist das kein Problem. Die Hengste müssen nicht an den Stuten vorbei“, so Denndörfer. Untereinander haben die Pferde aber Sozialkontakt – draußen und in der Box. Auch Fellkraulen ist über die Paddockeinzäunung hinweg möglich. Ganz so wie Pferde es mögen. „Eine möglichst pferdegerechte Haltung ist mir wichtig. Wir sind kein Schicki-Micki-Stall“, stellt Denndörfer ihre Prioritäten vor. Dafür spricht auch, dass aktuell ein Offenstall für drei bis vier Pferde errichtet wird.

Die Auslaufflächen der Anlage sind drainiert und winterfest. Das Tierwohl steht für Corinna Denndörfer fraglos an erster Stelle. Aber auch der Mensch soll sich wohl fühlen und so liegt der Misthaufen unter Dach, die Futter- und Lagerhalle ist geräumig und klamme Pferdedecken lassen sich bequem in einem eigenen Raum trocknen.

In der offenen Liegehalle finden viele Pferde Platz. Von dort ist es nicht weit zu den Rau­futterplätzen.

2. PLATZ: Teilkonzept Reitstall Pavel

Jury-Urteil: Das beurteilte Teilkonzept ist sehr gut konzeptioniert und geführt. Die Pferde haben viele Bewegungsanreize. Das Management der Pferde unterstreicht die Fachkompetenz der Familie Pavel. In einem nächsten Schritt sollen die Weidezäune des riesigen Areals weiter verbessert werden.

Von den schier unendlichen Weideflächen des Reitstalls Pavel können viele Pferde nur träumen. Allein der Weidebereich des neuen Bewegungsstalles umfasst eine Fläche von fünf Hektar für 50 Pferde. Zwei Herden teilen sich das Areal, das rund um ein Gebäude mit großem Putz- und Waschplatz für beide Gruppen entstanden ist. „Das ist die sogenannte Kathedrale“, lacht Philipp Pavel, Junior-Chef des gleichnamigen Reitstalls. In der „Kathedrale“ befinden sich außerdem Sattelkammer, Futterkammer, der Zugang zu den Integrationsboxen und eine Halle, an die die Heufütterungsautomaten für den Bewegungsstall grenzen.

Die Kraftfutterstation liegt direkt an der Integrationsbox – das fördert die Eingewöhnung.

Philipp Pavels Eltern Esther und Peter haben den Betrieb 1979 gegründet und stets erweitert. „Vor einigen Jahren haben wir uns gefragt, wie wir den Hof zukunftsfähig aufstellen und da kam für uns nur ein weiterer Bewegungsstall in Frage“, erklärt Peter Pavel, der wie seine Frau Pferdewirtschaftsmeister ist. Schon 2010 investierten sie in einen Bewegungsstall, in dem heute die zahlreichen Schulpferde des Hofes stehen.

Ausgezeichnet wird der Betrieb aber für sein Teilkonzept, also den neuen Bewegungsstall. Geräumige Liegehallen und zusätzliche Schutzhütten für rangniedrige Tiere machen diesen zu einem echten Wohlfühlort für die Pferde. Hinzu kommen lange Laufwege, Futterstationen an den Integrationsboxen und ein erstklassiges Management der Pferde. Sechs bis acht Stunden Weidegang sind so zum Beispiel an der Tagesordnung, außer das Wetter macht die Koppeln unbegehbar. Jedem der 120 Pferde auf dem Hof stehen pro Tag neun Kraftfutterrationen zu. Das ist möglich, weil nicht nur in den Bewegungsställen die Fütterung automatisch läuft, sondern auch im Altbestand. Hier bekommen alle Pferde gleichzeitig ihr Futter. Unruhe wird so verhindert.

Die Trainingsmöglichkeiten auf dem Hof der Familie Pavel sind vielfältig. Zu Außenplätzen und Reithallen kommt das direkt angrenzende Ausreitgelände hinzu. Eine Besonderheit des Betriebes ist sicherlich, dass es täglich mehrere Stunden Reitunterricht gibt. Vier angestellte Pferdewirte und die beiden Pferdewirtschaftsmeister als Chefs bieten neben Reitunterricht für Kinder auch Förderung bis zur Klasse S an. Bemerkenswert ist außerdem, dass bis zur Klasse M erfolgreiche Sportpferde ebenfalls im Bewegungsstall stehen.

Die große und helle Reithalle

Der Eingang zum neuen Stall. Hier befinden sich Sattelkammer, Integrationsboxen und Putzplätze.

Der Springplatz mit den Maßen 45 mal 60 Meter ist im Rahmen der Betriebserweiterung entstanden.

Vorheriger Artikel

Ausgabe 10/2017
Namen und Nachrichten

Nächster Artikel

Ausgabe 10/2017
Das richtige Gebiss, Teil II: Wirkung und Nebenwirkungen

Teilen

Teilen Sie diesen Beitrag mit Freunden