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Erstes Lehrpferd: Ingrid Klimke

Ausbildungstipps von Christoph Hess

Das leichte Genick

Junge Pferde mit einem „leichten Genick“ neigen dazu, sich hinter dem Zügel zu verkriechen. Wie sie es lernen, sich ausbalanciert an die Reiterhand heranzudehnen, erläuterte FN-Ausbildungsbotschafter Christoph Hess im Rahmen eines PM-Webinars. In diesem PM Webinar wurden zahlreiche weitere Fragen gestellt, auf die in dieser Serie nacheinander eingegangen werden soll.

Durch Treiben und gutes Mitschwingen sorgt Reitmeisterin Ingrid Klimke auf diesem Foto dafür, dass das Pferd mit aktiv abfußender Hinterhand an das Gebiss herantritt. Fotos: Jacques Toffi/Arnd Bronkhorst

Frage: Ich besitze ein vierjähriges Pferd, das mit guten Grundgangarten und einer sehr positiven Arbeitseinstellung gesegnet ist. Beim Reiten habe ich aber folgendes Problem: Der Wallach ist sehr leicht im Genick und ich muss immer sehr aufpassen, dass er sich nicht hinter den Zügel „verkriecht“. Wenn ich die Zügel aus der Hand kauen lassen, ist Dehnungsbereitschaft grundsätzlich vorhanden, er lässt den Hals fallen und bleibt im Gleichgewicht. Aber ich habe immer sehr wenig „in der Hand“, weil er einfach nicht an das Gebiss heranzieht. Wie kann ich das Herantreten an das Gebiss verbessern? Welche Übungen können Sie empfehlen?

Christoph Hess: Ein vierjähriges Pferd ist eine „junge Remonte“, also ein Pferd, das sich in jeder Hinsicht in der Entwicklung befindet – in der mentalen und in der physischen. Zudem sollten wir uns verdeutlichen, was auf ein junges Pferd zukommt, wenn es geritten wird und sich an das „zivile Leben“ eines Reitpferdes gewöhnen muss und versuchen, uns in die Rolle unseres Pferdes hineinzuversetzen. Dies gilt in besonderer Weise für junge Pferde, die uns für die Ausbildung anvertraut werden. Junge Reitpferde müssen wir uns wie Kinder in der Grundschule vorstellen. Unseren jungen Pferden und kleinen Kindern müssen wir Zeit geben, damit sie mit der neuen und ungewohnten Situation zurechtkommen. Das erfordert von den Lehrern in der Schule viel Zuwendung und Verständnis gegenüber den ihnen anvertrauten Kindern. Zuwendung und Verständnis müssen wir Reiter auch unseren Pferden entgegenbringen, wird doch auf dieser Basis das so wichtige Vertrauen aufgebaut, das für eine erfolgreiche Ausbildung unerlässlich ist.

Kleine Schritte

In der Ausbildung, die in kleinen Schritten zu erfolgen hat, muss systematisch und konsequent vorgegangen werden. Aus Sicht des Reiters muss ein junges Pferd als erstes lernen, die vortreibenden Hilfen anzunehmen. Ein Pferd muss diese (widerstandslos) akzeptieren und ihnen sensibel Folge leisten. Das ist die Voraussetzung, damit die Pferde lernen, sich aus aktiver Hinterhand mit dem Hals an das Gebiss heranzudehnen und dabei den Ganaschenwinkel zu öffnen. Das Herandehnen ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass sich Pferde mit Hilfe ihres Halses ausbalancieren können. Nur ein balanciertes Pferd wird sich unter dem Sattel wohlfühlen. Damit ist eine wichtige Voraussetzung geschaffen, um zum Treiben zu kommen. In Ihrem Falle werden Sie in der Lage sein, auf dieser Basis eine gleichmäßige Verbindung zwischen Ihren Händen und dem Maul Ihres Pferdes aufzubauen und das Gefühl entwickeln, Ihr Pferd vermehrt zwischen Ihren Hilfen einzurahmen. Die Zügelverbindung soll dabei eine gleichmäßige – aber stete – sein. Sie sollten die Vorstellung haben, zwei Stäbe in Ihren Händen zu halten, um mit diesen das Maul vorzuschieben. Bedingt durch „das leichte Genick“ Ihres Pferdes wird sich dieses Gefühl nicht ohne weiteres einstellen.

Schenkelweichen

Deshalb ist nach dem Erlernen der vortreibenden Hilfen eine zweite Voraussetzung von zentraler Bedeutung, um auf das Gehen Ihres Pferd vermehrt Einfluss zu nehmen. Ich empfehle Ihnen, das Annehmen der vorwärts-seitwärts-treibenden Schenkelhilfen zu schulen. Die klassische Übung ist das Schenkelweichen an der langen Seite. Zunächst sollte Ihr Vierjähriger mit dem äußeren vorwärts- seitwärts treibenden Schenkel vertraut gemacht werden und später mit dem inneren.

Ich empfehle Ihnen, sich dabei von Ihrem Ausbilder vom Boden aus helfen zu lassen, bis Ihr Pferd diese Übung verstanden hat. Klappt das Schenkelweichen an der langen Seite, sollte diese Übung als Viereck vergrößern (von der Mittellinie aus zum Hufschlag) und verkleinern (vom Hufschlag zur Mittellinie) geritten werden. Gute Erfahrungen habe ich mit dem Schenkelweichen gesammelt, wenn dieses vom inneren Schenkel ausgelöst, auf der offenen Zirkelseite verlangt wird. Sind Sie in der Lage mit dem inneren Schenkel „durchzufühlen“, wird sich Ihr Pferd im Hals öffnen und vermehrt an die Hand herantreten, das Gebiss „suchen“.

Häufiges Zügel-aus-der-Handkauen-Lassen und wieder aufnehmen fördert das Vertrauen des Pferdes zur Reiterhand und die Dehnungsbereitschaft, die auf diesem Bild noch zu verbessern ist.

Wichtig ist, dass Sie bei all diesen Übungen das Gefühl haben, dass Ihr Pferd den Schenkel akzeptiert und diesem „vorbehaltlos weicht“. Häufig erlebe ich es, dass Pferde dem Schenkel des Reiters nicht ehrlich weichen, die Reiter stattdessen vermehrt den inneren Zügel annehmen, wodurch die Pferde im Hals zu stark gestellt und dadurch eng werden und ihr Gleichgewicht verlieren. Von Ihrem vierjährigen Pferd würde ich diese Übungen nur im Schritt verlangen, ab fünfjährig auch im Trab.

Zum Treiben kommen

Warum empfehle ich diese Übungen? Pferde, die im Genick leicht sind, müssen vermehrt mit „ansaugenden“ (unverkrampft anliegenden) Schenkeln geritten werden. Die Reiter müssen das Gefühl haben, zum Treiben zu kommen. Pferde dürfen auf keinem Fall vor der Schenkelhilfe fliehen, sondern müssen auf diese warten, ja, sich diese vom Reiter abholen. Das Schenkelweichen hilft Ihrem jungen Pferd, Ihre vortreibende Schenkelhilfe sensibler zu verstehen. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass Sie mit Ihren Zügeln eine konstante Verbindung zum Gebiss aufbauen. Haben Sie diese Verbindung hergestellt, dann müssen Sie vorsichtig zunächst die innere Hand und später beide Hände Richtung Pferdemaul vorschieben. Da sich Ihr Pferd beim Zügel-aus-der-Hand-kauen-Lassen dehnt und im Gleichgewicht bleibt, sind gute Voraussetzungen gegeben, dass das richtig praktizierte Schenkelweichen den gewünschten Erfolg bringt.

Das Pferd befindet sich im Gleichgewicht. Die Anlehnung ist stabil, die Stirn-Nasenlinie ist leicht vor der Senkrechten, das Genick ist der höchste Punkt.

Das Pferd geht hinter dem Zügel, es tritt nicht genügend von hinten nach vorne an den Zügel heran.

Illustrationen: Cornelia Koller, Dierkshausen; mit frdl. Genehmigung des FNverlages entnommen aus: „Grundausbildung für Reiter und Pferd. Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1“. Deutsche Reiterliche Vereinigung (Hrsg.), FNverlag, Warendorf 2018.

Einhändig reiten

Um diesen Prozess allerdings weiter zu optimieren, hier ein hilfreicher Tipp: Reiten Sie mit einer Hand! Nehmen Sie beide Zügel in die äußere Hand und legen die innere auf Ihren inneren Oberschenkel. Beim einhändigen Reiten liegt das Gebiss ruhiger im Maul, wodurch sich Ihr Pferd besser an dieses herandehnen und „anlehnen“ kann. Gleichzeitig haben Sie die Möglichkeit, zu überprüfen, ob Sie sich unabhängig von Ihren Zügeln im Gleichgewicht befinden oder ob Sie ggf. unbewusst einen Zügel – zumeist den inneren – vermehrt gebrauchen. Jedes unbewusste Annehmen der Zügel bzw. eines Zügels begünstigt das „Verkriechen“ hinter dem Zügel. Abschließend etwas Grundsätzliches: Dass wir heute Pferde reiten dürfen, die „leicht im Genick“ sind und eine gute Arbeitseinstellung mitbringen, ist ein Verdienst der Pferdezucht. Dafür müssen wir den Züchtern dankbar sein. Sie haben das Glück, einen solches Pferd unter dem Sattel zu haben. Auf der anderen Seite sind Sie dadurch in besonderer Weise herausgefordert, sich im Sattel loszulassen und zum balancierten Sitzen zu kommen.

Traben statt galoppieren

In früheren Jahren wurden junge Pferde die ersten zwei Jahre ihrer Ausbildung nur getrabt und nicht galoppiert. Die Pferde sollten lernen, sich zu dehnen und sich treiben zu lassen. Sie sollten allmählich Kraft aufbauen, um ihre Reiter problemlos zu tragen, ohne langfristig gesundheitlichen Schaden zu nehmen. Dem Zügel-aus-der-Hand-kauen-Lassen kam stets eine besondere Bedeutung zu. Auf diese Weise sollte das Pferd lernen, sich auf unterschiedlichen Böden (hart, weich) im Bergauf und Bergab selbst zu balancieren. Das feine mit den Händen ins Maul „hineinhorchen“ war damals eine Grundvoraussetzung, auf die die Ausbilder besonderen Wert gelegt haben.

FN-Ausbildungsbotschafter Christoph Hess Foto: FN-Archiv

Ihre Frage an Christoph Hess

PM-Leserinnen und -Leser können sich bei Ausbildungsproble­men gerne an FN-Ausbildungsbotschafter Christoph Hess wenden. Schildern Sie Ihre Schwie­rig­keiten kurz und bündig, die Redaktion wählt dann einen Beitrag für die Veröffentlichung aus. Wenn Sie ein gutes, druckfähiges Foto ­haben, können Sie dies selbstverständlich mitschicken. Kontakt: pm@fn-dokr.de

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