Serie: Wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt bleibt dumm, Teil 2

Wohin mit dem Nasenriemen?

Höher, tiefer, enger, weiter – was sich anhört wie die Aufzählung olympischer Ziele, ist oft genug Zündstoff zwischen Reitern, Ausbildern und in Internetforen, wenn es um das Thema „Nasenriemen“ geht. Im zweiten Teil der Lehrserie „Wieso, weshalb, warum“ beschäftigt sich Dr. Britta Schöffmann mit der Frage, wie der Nasenriemen eines Reithalfters korrekt angelegt werden soll und was das Ganze mit Tierschutz, feinem Reiten und gesundem Menschenverstand zu tun hat.

Über die Verschnallung von Nasenriemen gibt es erstaunlicherweise immer wieder die abenteuerlichsten Diskussionen. Dabei war schon vor fast 100 Jahren in der vielzitierten HdV 12, dem Vorläufer der heutigen Richtlinien, die Rede von „…nur so eng geschnallt, dass das Pferd noch kauen kann“. So weit, so gut. Trotzdem werden vielerorts manchen Pferden die Mäuler so fest zugeschnürt, dass kein Papier mehr zwischen Nasen- oder Sperrriemen und Pferdekopf passt. Eine Reiterin, von der Autorin dieses Artikels in der Stallgasse auf den viel zu stramm verschnallten Nasenriemen des kombinierten Reithalfters angesprochen, meinte, ihre Reitlehrerin habe ihr dies so empfohlen und überhaupt, über diese Frage gäbe es ja offenbar unterschiedliche Lehrmeinungen. Nein. Gibt es nicht. Auch heute noch kann man in den FN-Richtlinien für Reiten und Fahren nachlesen, wie, wo und wie fest der Riemen zu sitzen hat. Von „Maul zuschnüren“ ist dort, genauso wie in anderen Reitweisen, nichts zu lesen.

Wieso aber tun es viele Reiter trotzdem? Weil sich auf wunderbare Weise der Irrglaube ausgebreitet hat, ein Pferd mit fest zugeschnürtem Maul ließe sich besser kontrollieren. Dabei ist letztlich eher das Gegenteil der Fall, zumindest, wenn es sich gegen diese Tortur irgendwann doch einmal wehrt. Dass ein für die Dauer einer Reitstunde eng gezogener Nasenriemen, der dem Pferd die Zähne aufein­ander presst, mehr als nur unangenehm ist, lässt sich leicht am eigenen Leibe ausprobieren. Einfach mal mit aller Kraft die (eigenen) Zähne zusammenbeißen und (minutenlang oder gar eine Stunde) nicht nachlassen. Der gesunde Menschenverstand lässt den Leser erahnen, dass dies keine gute Idee sein kann. Was passiert nämlich? Erst tun Zähne und Kauflächen weh, dann die Kiefergelenke, dann die Kau- und Schlundmuskeln und schließlich auch der Nacken. Wer‘s lange genug macht, bekommt vermutlich auch noch Kopfschmerzen.

Ob ein Pferd Kopfschmerzen bekommt, bleibt dahingestellt. Sicher ist aber, dass bei ihm unter längerem Zusammenpressen der Zähne ein ähnlicher Mechanismus einsetzt. Festgehaltene Kiefergelenke führen auch hier zu Schmerzen und in der Folge zu einem festgehaltenen Genick, mangelnder Durchlässigkeit und Verkrampfung des gesamten Körpers. Mechanisch aussehende Bewegungsabläufe, Zungenfehler, unruhige Mäuler oder auch blau verfärbte Zungen sind die sichtbare Folge, Zähneknirschen die hörbare.

Inzwischen gibt es sogar jede Menge wissenschaftlicher Untersuchungen über das, was sich bei falsch (oder auch richtig) verschnallten Nasen- und Sperriemen im Pferdemaul abspielt und welche Kräfte im Kopfbereich wirken. Sind sich auch nicht alle Wissenschaftler darüber einig, welche Gebissform letztlich die pferde­freundlichste ist, so besteht kein Zweifel darüber, dass jedem Pferd auf jeden Fall die Möglichkeit zum ungehindertem Kauen gelassen werden muss, um körperliche und psychische Schäden zu vermeiden. Am besten also ganz auf Nasenriemen verzichten? Auch wenn diese Idee bereits ihre Anhänger gefunden hat – ganz so einfach ist das auch wieder nicht. Denn fehlt der Nasenriemen gänzlich, wird bei reiterlicher Zügeleinwirkung die Entfernung zwischen Ober- und Unterkiefer nur durch die Kaumuskulatur des Pferdes begrenzt, die damit einer nicht unerheblichen Belastung ausgesetzt ist. Wird die gleiche Zügelhilfe dagegen mit Nasenriemen gegeben, wird ein Teil der Zügelkraft auf den Nasenrücken übertragen und die Kaumuskulatur so entlastet.

 

Lieber gebisslos?

Aha, dann am besten doch ganz auf Gebisse verzichten und gebisslos reiten, wird hier nun der ein oder andere Pferdefreund jubeln. Aber selbst das ist keine Lösung. So hat die U.S.-Professorin Dr. Hilary Clayton in unabhängigen Untersuchungen festgestellt, dass der Nasenriemen einer gebisslosen Zäumung sogar doppelt so viel Druck auf den empfindlichen Nasenrücken des Pferdes ausübt, als ein eng gezogener Nasenriemen mit Gebiss. Gebisslos ist also nicht unbedingt gleichzusetzen mit pferdefreundlich.

Mit Nasenriemen, ohne Nasenriemen, mit Gebiss, ohne Gebiss, mit Sperrriemen, ohne Sperrriemen – alles hat Vorteile und alles hat Nachteile. Was also tun, um dem Pferd die bestmögliche und pferdefreundlichste Kommunikation mit seinem Reiter zu ermöglichen? Reiten lernen! Und dazu gehört mehr als nur nett sitzen. Dazu gehört auch, sich Wissen anzueignen über die Anatomie und Physiologie des Pferdes. Welcher Reiter weiß schon, dass sich im Auflagebereich von Trense, Kandare, Kappzaum und Co. empfindliche Nervenbahnen befinden, die durch eine zu enge Verschnallung oder mangelhafte Passform in ihrer Funktion beeinträchtigt werden. Und dass der Nasenrücken eines Pferdes nach unten Richtung Nüstern immer dünner und zerbrechlicher wird? Welcher Reiter macht sich schon Gedanken darüber, wieviel Kilogramm Zugkraft bei Zügeleinwirkungen aufs Pferdemaul wirken? Bis zu 16 Kilogramm pro Zügel können im ungünstigen Fall zusammenkommen, deutlich weniger sollten es, abhängig von Gangart und reiterlicher Aktion, natürlich sein. Auch darüber sollte jeder, der dauerhaft oder punktuell zu viel mit der Hand einwirkt, mal nachdenken. Jedoch reichen das Gedanken machen und der gute Wille allein auch nicht aus. Zum Reiten lernen gehört auch – und das ist vermutlich der mühsamste Part –, seine eigene Hilfengebung und Einwirkung zu perfektionieren. Was nutzt dem Pferd eine korrekt verschnallte Trense und die Möglichkeit des Kauens, wenn der Reiter ihm mangels ausbalanciertem Sitz mit unruhiger Hand im Maul herumruckelt, es durch fehlerhaftes Timing seiner Hilfengebung völlig verunsichert oder zum Abremsen einfach mal kräftig am Zügel reißt?

Ein wirklich guter Reiter vermittelt seinem Pferd reiterliche Hilfengebung (und dazu gehören auch die Zügelhilfen), er zwingt sie ihm nicht auf. Ein zu eng verschnallter Nasen- oder Sperrriemen ist deshalb letztlich immer ein Armutszeugnis und Beweis des eigenen reiterlichen Versagens. Und darüber gibt es auch keine unterschiedlichen Lehrmeinungen!

 

Illustration: Cornelia  Koller, Dierkshausen;  mit frdl. Genehmigung entnommen aus „Grundausbildung für Reiter und Pferd, Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1“, Hrsg.: Deutsche Reiterliche Vereinigung,  FNverlag, Warendorf, 2014

Der „Zwei-Finger-Test“ zeigt, ob das Pferd noch genügend Luft hat oder der Nasenriemen zu fest sitzt. Illustration: Cornelia Koller, Dierkshausen; mit frdl. Genehmigung entnommen aus „Grundausbildung für Reiter und Pferd, Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1“, Hrsg.: Deutsche Reiterliche Vereinigung, FNverlag, Warendorf, 2014

Zwei-Finger-Regel und Zucker-Test

Die Lage des Nasenriemens richtet sich nach der Art des Reithalfters. Beim Englischen und beim Kombinierten Reithalfter soll der Nasenriemen etwa zwei Finger unterhalb des Jochbeins auf den weniger druckempfindlichen Knochenpartien waagerecht liegen. Der zum kombinierten Reithalfter gehörende Sperrriemen darf den Nasenriemen nicht aus der Waagerechten abwärts ziehen. Ebenfalls zwei Finger müssen zwischen Nasenbein und Nasenriemen passen, nur dann ist der Nasenriemen nicht zu eng. Dies gilt auch für die Überprüfung der Verschnallung des Hannoverschen Reithalfters. Der Zwei-Finger-Test seitlich am Pferdekopf bringt nichts, weder beim Nasen-, noch beim Sperrriemen.

Wer ganz sicher gehen will, dass die Riemen nicht zu eng verschnallt sind, sollte seinem Pferd ein Stück Würfelzucker geben. Das misst in der Regel 15 mm und sollte vom Pferd problemlos aufgenommen werden. Klappt nur ein seitliches Einschieben der Belohnung in die Maulspalte, ist der Nasenriemen auf jeden Fall zu eng.

brit

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