Mannheim richtet Länderspiel der Springreiter vom 16. bis 19. Juli aus

Der 100. Nationenpreis

Wenn beim CSIO Mannheim die besten Springteams der Welt zum Preis der Nationen antreten, dann feiert Deutschland ein großes Jubiläum: Es ist das 100. Länderspiel auf deutschem Boden. Ein Blick zurück auf die Anfänge der „O-Turniere“, der Concours de Saut International Officiel, kurz CSIO.

Das beste Pferd seiner Zeit: Der Schimmel Wotan des Baron von Nagel trägt entscheidend zum Gewinn der „Coppa d’Oro Mussolini“ bei.

Die Geschichte der Nationenpreise beginnt mit der Gründung der FEI, Fédération Equestre Internationale, im Jahr 1921. Neun Staaten heben den Weltverband aus der Taufe: Belgien, Frankreich, Italien, Japan, Holland, Polen, Norwegen, Schweden und USA. Deutschland tritt der FEI noch im selben Jahr bei, spielt aber nach dem verlorenen 1. Weltkrieg sportlich noch keine Rolle. Im Gründungsjahr werden gleich zwei Nationenpreise unter Federführung der FEI ausgerichtet, in Nizza und London. Tonangebend sind die italienischen Offiziere, die, in ihren Kavallerieschulen bestens betreut und mit hervorragenden Pferden versorgt, die Konkurrenz in Schach halten. Beim großen Militärturnier in Nizza 1923, der besten Adresse des noch jungen europäischen Springsports, gewinnen die Italiener jeden Wettbewerb – außer einer Trostprüfung, in der sie nicht startberechtigt sind. Die Statistik des Schweizer Sportjournalisten Max Ammann, der die Anfänge des internationalen Pferdesports historisch aufarbeitete, führen als Sieger der vier Nationenpreise von 1923 allesamt italienische Equipen an.

Erster Sieg 1927

1924, im Jahr der Olympischen Spiele von Paris, an denen die deutschen Sportler nicht teilnehmen dürfen, sind erstmals wieder ausländische Reiter zu den beiden Turnieren im Berliner Sportpalast eingeladen. Einmal wird sogar ein „Nationenpreis“ ausgeschrieben. Mit den FEI-Nationenpreisen hat dies freilich nicht viel zu tun. In dieser Prüfung muss ein Reiter pro Nation drei verschiedene Pferde durch drei Parcours steuern. Gab es im Olympiajahr nur zwei Nationenpreise (Nizza und London), füllt sich der FEI-Kalender in der Folgezeit immer mehr: 1925 treten die Aktiven bereits zu sechs Nationenpreisen an, darunter in Toronto und New York, 1926 sind es sogar schon neun. Wenngleich einige deutsche Springreiter wie Freiherr von Langen oder Prinz Friedrich Sigismund von Preußen seit Anfang der 20er Jahre immer erfolgreicher und bekannter werden, gelingt der erste deutsche Sieg in einem Nationenpreis erst 1927: In Den Haag reiten Eduard Pulvermann, Marten von Barnekow und Herbert Fick an die Spitze.

Zweimal in Deutschland

16 Nationenpreise unter der Flagge der FEI – das Jahr 1929 schreibt einen neuen Rekord. Erstmals berücksichtigt der Weltverband auch Deutschland, mit Köln und Aachen sogar gleich zweimal. Der Kölner Wettbewerb leidet allerdings unter Teilnehmermangel. Mit nur zwei Mannschaften am Start verdient er kaum die Bezeichnung „Nationenpreis“. Es soll ein einmaliges Erlebnis bleiben, Köln taucht nie wieder im Kalender auf. Der Nationenpreis in Aachen findet weit mehr Beachtung. Das 1924 erstmals veranstaltete Turnier in Aachen hatte binnen kurzer Zeit einen Platz in der Riege der besten Plätze Europas erobert. Im Natio­nenpreis der Soers wird allerdings nicht nach heutigem Reglement geritten, sondern damals bilden nur zwei Reiter eine Mannschaft. Die deutsche Abordnung mit den damals schon sehr prominenten Springreitern Willi Spillner und Harald Momm siegt knapp vor den Teams aus Holland, der Schweiz und Ungarn.

Olympischer Preis der Nationen in München 1972 – ein knappes Rennen zwischen Deutschland und den USA.

Die Höhle des Löwen

Geradezu berühmt-berüchtigt ist der Nationenpreis in Rom, der fraglos anspruchsvollste seiner Zeit. Im Park der Villa Borghese treten die Besten ihrer Zunft in der „Coppa d’Oro Mussolini” an. Die deutschen Reiter trauen sich 1930 einen Start nicht zu, noch nicht. Teilnehmer Graf Görtz schreibt in seinem Bericht über das neuntägige Turnier: „Die Hindernisse sind die schwersten, die ich in 20jähriger Praxis bislang erlebt habe. Dabei zu 90 Prozent fest und nur bei schweren Fehlern der Pferde fallend. (…) Wenn Hohenau, Körfer und ich uns des morgens die Bahn ansahen, so entfiel uns immer nur ein kurzes ,Donnerwetter‘. (…) Bei manchen Hindernissen hielten wir es nicht für möglich, daß ein Pferd überhaupt drüber kommen könnte. (…) Eine Unmenge an Stürzen, an einzelnen Tagen bis zu 24, sind bei so schweren Hindernissen kein Wunder, aber sie verliefen alle harmlos.“ In nahezu allen Prüfungen triumphieren die Italiener mit Weile, die deutschen Reiter sind weit von einer Platzierungschance entfernt. Ein Jahr später wendet sich das Blatt. In der „Höhle des Löwen“ verblüffen die Deutschen ihre Konkurrenten gleich zu Beginn des Turniers mit Siegen und vorderen Plätzen. Als das Undenkbare geschieht, nämlich der Sieg über die Italiener im Nationenpreis „Coppa d’Oro“, scheint ganz Rom Kopf zu stehen.

Die Coppa d’Doro ist weit mehr als ein Pokal. Den von Staatschef Mussolini gestifteten, mächtigen Wanderehrenpreis aus purem Gold darf diejenige Nation behalten, die ihn dreimal in Folge oder viermal insgesamt gewinnt. 1929 und 1930 siegen die Italiener. Ein dritter Sieg noch – und der „Pott“ ist in italienischem Dauer­eigentum. Daraus wird nichts, die Deutschen schnappen ihn den Gastgebern vor der Nase weg. Mehr noch, auch in den beiden folgenden Jahren reiten die Italiener der deutschen Equipe hinterher. 1933 gelingt der große Triumph: Deutschland gewinnt zum dritten Mal und darf die „Coppa d’Oro Mussolini“ mit nach Hause nehmen. Entscheidenden Anteil am Erfolg hat der unverwüstliche Schimmel Wotan des Baron von Nagel. Im Nationenpreis von Rom wird er von Richard Sahla geritten. Als einziges Pferd bleibt Wotan in beiden Umläufen fehlerfrei. Von der Strahlkraft der weltberühmten „Coppa d’Oro“ profitieren alle Nationenpreise – weltweit. Die Bedeutung des Nationenpreises der Springreiter wird durch die Presse auch jenen bewusst gemacht, die sich ansonsten wenig für den Pferdesport interessieren.

Bis zum Ausbruch des 2. Weltkriegs 1939 verläuft der internationale Turniersport in gewohnten Bahnen. Die deutschen Equipen, die seit den frühen 30er Jahren ausnahmslos aus Offizieren bestehen, gewinnen zahlreiche Nationenpreise. Die Regel, dass je Nation nur ein Nationenpreis pro Jahr ausgerichtet werden darf, gilt noch nicht. So gewinnen die deutschen Equipen 1934 in Berlin, müssen sich in Aachen aber den Italienern geschlagen geben, siegen jeweils in Aachen und Berlin 1935 und 1936 und reiten auch bei den Olympischen Spielen 1936 zu Gold in Einzel- und Mannschaftswertung. Das Ende der Siegesserie zeichnet sich schon bald nach den Spielen ab.

Die besten Reiter erhalten neue Aufgaben beim Militär und außerdem wird die Geburtsstätte des Erfolgs, die Kavallerieschule Hannover, nach Krampnitz bei Berlin verlegt.

In Trinwillershagen fand das Grillfest der Kanzlerin mit US-Präsident George Bush statt.

Merkel und Bush in Trinwillershagen

Einen jährlichen Nationenpreis wie im Westen gibt es in der ehemaligen DDR nicht. Immer wieder vergehen Jahre ohne den prestigeträchtigen Mannschaftswettbewerb. Die ersten Nationenpreise richtet Leipzig von 1966 bis 1969 aus, Sieger sind stets die dort stationierten russischen Militärs. Das Dorf Trinwillershagen setzt die Tradition von 1974 bis 1977 fort. Nach der Wiedervereinigung erlaubt die FEI vorübergehend zwei Nationenpreise in Deutschland. Neben Aachen lädt Gera zum CSIO. Von 1990 bis 1993 treten die Teams in Thüringen an, dann ist auch dort der Nationenpreis Vergangenheit.

Apropos Trinwillershagen: Auf dem volkseigenen landwirtschaftlichen Betrieb der kleinen Gemeinde nahe der Ostsee wurde der Reitsport zu DDR-Zeiten intensiv gepflegt. Nach der Wende erfolgte die Auflösung des VEB, heute spielt die Reitanlage keine nennenswerte Rolle mehr.

Gleich neben dem Betrieb wurde allerdings Geschichte geschrieben: Beim G8-Gipfel im Ostseebad Heiligendamm 2007 lud Bundeskanzlerin Angela Merkel die Staats- und Regierungschefs zum Barbecue ein. Seite an Seite mit US-Präsident George Bush rückte sie einer Wildschweinkeule zu Leibe. Die Fotos aus Trinwillershagen gingen seinerzeit durch die ganze Welt.

Neustart in Aachen

1939 werden letztmalig zwei Nationenpreise in Deutschland ausgetragen, die beide deutsche Mannschaften gewinnen. Rom lädt 1940 als einzige europäische Stadt noch einmal zum Nationenpreis ein, dann kommt der Turniersport in Europa zum Erliegen. Nach Kriegsende findet der internationale Sport zwar schnell zu alter Kraft zurück, auch entstehen 1946 wieder die ersten deutschen Reit- und Fahrturniere, aber es wird Jahre dauern, bis Deutschland wieder einen Nationenpreis ausrichten kann. Aachens Oberstadtdirektor Albert Servais verkündet im Sommer 1952 bei der Hauptversammlung des Aachen-Laurensberger Rennvereins glücklich: „Wir haben es geschafft!“ Der erste CHIO nach dem Krieg feiert Premiere und zieht auch die Aufmerksamkeit der Politik auf sich. Bundespräsident Theodor Heuss, der wegen des Todes seiner Frau nicht persönlich in Aachen erscheinen kann, stiftet den „Pokal der Bundesrepublik Deutschland“ als Wanderpreis für den Sieger im „Kampf der Natio­nen“. Die Bedeutung des Turniers spiegelt sich auch im Ehrenpräsidium mit Bundeskanzler Adenauer, diversen Botschaftern befreundeter Staaten, FEI-Präsident Baron de Trannoy, und dem Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees, Ritter von Halt, wider.

Im großen, von gut 30.000 Menschen besetzten Stadion kommt es erneut zum Zweikampf Deutschland-Italien. Beide Teams verlassen die beiden Umläufe mit je 40 Fehlerpunkten. Die Entscheidung fällt im Stechen, das die Italiener mit acht Fehlerpunkten gewinnen. Zur Equipe gehören die Ausnahmereiter Raimondo und Piero d’Inzeo, die den Turniersport der Nachkriegszeit entscheidend prägen. Für Deutschland steigen Helga Köhler, Georg Hölting, Hans Evers und Fritz Thiedemann in den Sattel. Der Landwirtssohn Thiedemann wird geradezu frenetisch gefeiert. Vier Wochen zuvor bei den Olympischen Spielen in Helsinki war ihm Außerordentliches gelungen: zwei Medaillen in zwei verschiedenen Disziplinen. Im Springen ritt er mit Meteor zu Einzel-Bronze, in der Dressur mit dem Vollblüter Chronist zu Mannschafts-Bronze. Vier Jahre später gehört Thiedemann zum Goldteam bei Olympia in Stockholm, jenen Spielen, die Hans Günter Winkler und Halla zu unsterblichem Ruhm verhelfen.

1. Plätze

2. Plätze

3. Plätze

224 deutsche Siege

In den folgenden Jahren und Jahrzehnten bleibt der Nationenpreis in Aachen, mit Ausnahme des Jahres 1986, als in der Soers der CHIO wegen der Weltmeisterschaft ausfällt. Den deutschen Nationenpreisteams gelingen großartige Erfolge. Ein Blick in die Statistik, die beim Deutschen Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR) seit 1952 geführt wird: Deutsche Mannschaften nahmen bis heute an 859 Nationenpreisen teil.

Die erfolgreichen Nationenpreisreiter der 1930er Jahre sind allesamt Offiziere der Kavallerieschule Hannover: (v.l.) Equipechef Wolfgang Freiherr von Waldenfels, Richard Sahla, Hermann von Nagel, Heinz Brandt und Harald Momm.

Bewährtes Format

Die Formel des Nationenpreises – vier Reiter pro Mannschaft, ein Streichergebnis – gerät immer mal wieder in die Diskussion. Bestrebungen insbesondere gegen Ende der 1990er Jahre und zu Beginn des neuen Jahrtausends, die Teams auf drei Mitglieder zu reduzieren und auf das Streichergebnis zu verzichten, scheitern. Letztlich setzt sich das bewährte Format durch, denn es ist am fairsten und bietet die meiste Spannung. In der heutigen Zeit, in der sich viele Nationen auf einem vergleichbaren Leistungsniveau befinden, kann ein einziger Springfehler, manchmal sogar ein Zeitfehler zwischen Platz eins und Platz zehn entscheiden. Ein so knappes Rennen erlebte gerade erst die deutsche Mannschaft bei den Weltreiterspielen in der Normandie. Nach dem ersten Reiter im zweiten Umlauf übernahm Otto Beckers Team die Führung, nach dem vierten war die Ernüchterung groß: Platz vier, die Medaille um ein Zehntel Fehlerpunkt verpasst. Dazwischen lag über eine Stunde Nervenkitzel und Höchstspannung. Gerade das ist das Erfolgsrezept des Nationenpreises.

Susanne Hennig

Die deutschen Nationenpreis-Könige

Am häufigsten vertraten folgende Reiterinnen und Reiter die deutschen Farben bei Nationenpreisen:

Ludger Beerbaum 124
Hans Günter Winkler 105
Franke Sloothaak 80
Marcus Ehning 67
Paul Schockemöhle 61
Otto Becker 57
Gerd Wiltfang † 54
Lutz Merkel 51
Alwin Schockemöhle 50
Fritz Ligges 48
Lars Nieberg 48
Hermann Schridde † 48
Holger Wulschner 48
Heinrich-Herm. Engemann 45
Hartwig Steenken † 45
Alois Pollmann Schweckhorst 44
Christian Ahlmann 43
Rene Tebbel 41
Hendrik Snoek 37
Thomas Mühlbauer 36
Achaz von Buchwaldt 35
Peter Weinberg 35
Meredith Michaels-Beerbaum 35
Marco Kutscher 33
Sören von Rönne 33
Holger Hetzel 32
Kurt Jarasinski † 32
Gilbert Böckmann 31
Kurt Gravemeier 31
Dirk Hafemeister 31
Thomas Schepers 30
Fritz Thiedemann † 30
Carsten Otto-Nagel 29
Peter Schmitz 29
Norbert Koof 28
Ulrich Meyer zu Bexten 28
Ralf Schneider 28
Lutz Gripshöver 27
Willibert Mehlkopf 27
Klaus Reinacher 27
Helena Stormanns (Weinberg) 27
Günter Till 27
Alfons Lütke Westhues † 26
Janne-Friederike Meyer 26
Thomas Voss 26
Karsten Huck 25
Hauke Schmidt 25
Sönke Sönksen 25

CSIO Mannheim mit Spitzensport und viel Programm

Der 100. Nationenpreis Springen wird vom 16. bis 19. Juli in Mannheim stattfinden. Die Stadt hatte sich beworben, weil der angestammte Veranstalter Aachen in diesem Jahr die Europameisterschaften organisiert und deshalb auf das Nationenpreisturnier CHIO verzichtet. Peter Hofmann, Chef des Mannheimer Maimarktturniers und schon zweimal Gastgeber von Europa­meisterschaften der Springreiter, will aus seinem CSIO eine große Jubiläumsparty machen. Neben den sportlichen Highlights im Parcours gibt es viel Rahmen- und Schauprogramm. Die Hochkaräter des Springsports sind der Nationenpreis und der Große Preis von Mannheim am Sonntag.

Der Ticketverkauf hat begonnen:
https://www.eventimsports.de/ols/csio/de/tageskarten/
Weitere Informationen: www.csio2015.de

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