Maria Günther feierte ihren 90. Geburtstag

„Die Richter haben es in der Hand“

Maria Günther ritt Steilhänge hinunter, die es mit dem Derby-Wall aufnehmen könnten, und sie etablierte sich nicht nur im Springen, sondern auch in der Dressur bis zur schweren Klasse. Die 90-Jährige begleitet den Reitsport im Allgemeinen und das Dressurreiten im Besonderen seit über 70 Jahren – als Reiterin, Ausbilderin und Richterin. Im PM-Forum-Interview spricht die Grand Dame über die Entwicklung des Dressursports.

Klare Worte findet Maria Günther zur heutigen Situation des Turniersports. Gerade erst beim Weltcup in Neumünster ließ sie sich von Jacques Toffi fotografieren.

PM-Forum: Frau Günther, die Pferdezucht hat sich in den letzten Jahrzehnten positiv weiterentwickelt, die Pferde sind rittiger geworden und bringen meist ein optimales Ex- und Interieur mit. Inwiefern hat sich dadurch die Reiterei verändert?

Maria Günther: Dank der Zucht sind die Pferde, die heute im Sport gehen, viel edler geworden. Vieles, was wir uns früher erreiten mussten, bringt das Pferd heute schon von Haus aus mit. Eine kräftige Hinterhand und eine optimale Halsung zum Beispiel. Das ist toll. Wir haben wirklich viele gute Pferde. Und viele gute Reiter, die dieses Potenzial auch sinnvoll nutzen und vernünftig ausbilden. Problematisch ist nur, dass ein gut angesetzter Hals und ein leichtes Genick den einen oder anderen Reiter dazu verleiten, das Pferd zusammenzuziehen und zu schnell – vermeintlich – aufzurichten. Uns blieb früher gar nichts anderes übrig, als die Pferde von hinten nach vorne durchzureiten. Heute wird diese reelle Basisarbeit gerne mal übersprungen, aus Zeitnot oder übertriebenem Ehrgeiz.

PM-Forum: Und wie sieht das mit der Ausbildung der Reiter aus?

Maria Günther: Zu meiner aktiven Zeit gehörte es dazu, dass man im Dressur- und Springsattel gleichermaßen saß. Das war normal, für jede Altersklasse. Heute fängt eine Spezia­lisierung ja schon bei den Ponykindern an. Wenn man den Nachwuchs fragt, sagen die Kleinsten schon ganz bestimmt ‚Ich bin Dressurreiterin!‘ Denen fehlt aber dadurch etwas ganz Elementares in ihrer Grundausbildung. Viele Jugendliche können heutzutage keinen E-Parcours mehr absolvieren. Das wäre zu meiner Zeit undenkbar gewesen. Mit den Pferden ist das ja ähnlich. In unserem Ausbildungsstall damals haben wir jeden Montag die Pferde freispringen lassen. Und mit allen Pferden meine ich auch die Grand Prix-Pferde. Und was waren die locker, wenn wir sie dann dienstags wieder geritten haben. Das hat denen so gut getan. Heutzutage kennen die meisten Dressurpferde ja gar keine Stangen mehr. Ihnen wird nicht mehr die Zeit gegeben, in der Ausbildung zu wachsen und Schritt für Schritt zu lernen. Viele Ausbilder, besonders die die damit auch ihr Geld verdienen müssen, wollen so schnell wie möglich losreiten, am besten bis Grand Prix. Und wenn sich dann der gewünschte Erfolg nicht einstellt, wird dem Pferd die Schuld gegeben. Die Reiter sind sehr erfolgsorientiert geworden. Viele bilden ihre Pferde so aus, wie es einige Richter sehen wollen. Dann schmeißt das Tier die Vorderbeine in die Luft, keiner schaut mehr auf den Rücken oder die Hinterhand, und es hagelt hohe Noten.

PM-Forum: Liegt das generelle Problem also bei den Richtern?

Maria Günther: Nicht generell, aber zum großen Teil. Ja! Die Richter haben es in der Hand, wohin die Reise im Dressursport geht. Sie bewerten das Pferd in einer Prüfung und somit ja auch die Ausbildung, die dahinter steht. Das Problem ist, dass viele Richter kein Auge mehr für das Grundsätzliche haben. Viele sehen nicht, wann ein Pferd über den Rücken geht, wann es durch den Körper arbeitet oder wann der Takt im Galopp verloren geht – wer sieht denn heute noch einen Vierschlag? Dasselbe im Schritt: Für einen passartigen Schritt darf ich doch keine Sechs mehr geben, das ist maximal eine Vier. Ich weiß noch, wie unser Ausbilder vor uns stand und wir zum Stichwort Schritt dreimal laut hintereinander im Chor antworten mussten: Takt, Fleiß, Raumgriff – und zwar in dieser Reihenfolge! Bei meiner Richterprüfung sollten wir eine Aufgabe bewerten. Bei jeder Lektion mussten wir sofort die Tafeln mit unserer Note hochhalten. Wenn es deutliche Differenzen in der Notengebung gab, wurde diskutiert und jeder musste erklären, warum er die Lektion wie bewertet hat. Heutzutage finden Richterseminare ohne diese sofortige Notengebung statt, warum auch immer.

PM-Forum: Mangelt es den Richtern an reiterlichen Fertigkeiten?

Maria Günther: Wesentlich ist, dass ich als Richter weiß, wie sich diese oder jene Lektion im Sattel anfühlt und wie sich der Ausbildungsweg gestaltet. Dann kann ich das, was ich in der Prüfung sehe, auch wirklich optimal einordnen. Allerdings sind meines Erachtens nur wenige Richter, die heute am Viereck sitzen, selbst bis Klasse S geritten. Natürlich ist der Dressursport wie jede andere Sportart mit Wertnoten subjektiv. Wir lagen früher auch mal bei einer Bewertung daneben, davon will ich mich in keinster Weise ausnehmen. Aber so gravierende Dinge, wie dass ein Pferd die komplette Prüfung hindurch hinter der Senkrechten geht und dann auf Platz eins gesetzt wird – das darf nicht sein! Und wenn die Richter in einem Grand Prix für ein und dieselbe Vorstellung die Platzziffern eins und zwölf vergeben, dann läuft etwas verkehrt. Die Richterschulung muss sich verändern. Denn im Endeffekt bestimmen die Richter den Weg, den die Reiter beschreiten. Wenn sie die Vorderbeinaktion mit festem Rücken hoch bewerten, bleibt dem Reiter – will er Erfolg haben – ja nichts anderes übrig, als das Pferd auch so auszubilden.

In den 50er Jahren startete Maria Günther auf Adelheid in schweren Springprüfungen – damals mit Zylinder!

Maria Günthers erfolgreichstes Pferd war Sambesi, mit dem sie 1963 Deutsche Meisterin wurde.

PM-Forum: Wie schätzen Sie den aktuellen Stand des Dressursports ein?

Maria Günther: Wir sind in der Dressur eigentlich wieder auf einem besseren Weg als noch vor ein paar Jahren zu den schlimmsten Roll-Kur-Zeiten. Unsere gut reitenden Mädchen – Helen Langehanenberg, Kristina Sprehe, Charlotte Dujardin, Fabienne Lütkemeier – haben die klassische Ausbildung wieder nach vorn gebracht. Mit Weihegold haben wir ein spitzen Nachwuchspferd, das genug Talent hat, vielleicht einmal Damon Hill zu beerben. Isabell Werth ist für mich die Reiterin schlechthin. Wer sonst bringt so viele Grand Prix-Pferde heraus wie sie? Sie sitzt auf so vielen ganz unterschiedlichen Pferden und holt aus jedem einzelnen das Beste heraus. Wir haben momentan wirklich tolle Reiter und tolle Pferde – jetzt müssen die Richter auch mitspielen.

PM-Forum: Haben Sie einen persönlichen Favoriten im Dressurviereck?

Maria Günther: Also ich muss sagen, Valegro ist ein tolles Pferd, absolut korrekt geritten. Charlotte Dujardin reitet mit so viel Gefühl. Da fiebert man in der Prüfung richtig mit und bekommt Gänsehaut. Zu den aufsteigenden Reitern gehört für mich Kathleen Keller, die mit Desperados wirklich ein talentiertes Pferd reitet. Den hat sie die ganze Zeit locker, der steht an den Hilfen – toll.

PM-Forum: Im Gespräch ist, den Grand Prix zu verkürzen, um ihn für die (Laien-) Zuschauer und die Fernsehsender attraktiver zu machen – was halten Sie davon?

Maria Günther: Ich glaube nicht, dass es etwas bringt, den Grand Prix zu verkürzen. Wer sich fürs Dressurreiten interessiert, der schaut sich die Prüfung an – egal ob sie nun drei, fünf oder zehn Minuten dauert. Was soll denn gestrichen werden? Der Schritt etwa?

PM-Forum: Zur Diskussion steht unter anderem das Rückwärtsrichten.

Maria Günther: Also das wäre wirklich ein Trauerspiel! Das muss ich jetzt mal so sagen. Wenn das gestrichen wird, dann sind dafür Leute verantwortlich, die von der Reiterei nichts verstehen. Die paar Sekunden, die das Rückwärtsrichten sparen würde, retten den Grand Prix auch nicht. Gerade beim Rückwärtsrichten kann man doch sehen, ob das Pferd wirklich durchlässig ist. Das ist der Prüfstein schlechthin für die Ausbildung. Früher gab es sogar noch die Schaukel in den Aufgaben, die dann durch das Rückwärtsrichten ersetzt wurde. Das darf jetzt auf keinen Fall auch noch herausgenommen werden. Genauso wenig wie der Schritt. Das wäre fatal. Das sind doch grundlegende Dinge, die in der Ausbildung auf keinen Fall vernachlässigt werden dürfen! Um einem Laien vor dem Fernseher die Dressur näher zu bringen, wäre es doch zum Beispiel eine Idee, vor Beginn der Prüfung die Aufgabe reiten zu lassen und dabei zu erklären, worauf es ankommt, wie die Lektion aussehen sollte und wie sie bewertet wird.

Langjährige Weggefährten und beste Freunde: die O-Dressurrichter Maria Günther und Heinz Schütte.

PM-Forum: Schneller Erfolg prägt nicht nur den Dressursport – wie erleben Sie die Entwicklung im Reitsport allgemein, inwiefern hat er sich verändert?

Maria Günther: Der Reitsport ist sehr kommerziell und elitär geworden. Bei Pferdeverkäufen und Auktionen geht es mittlerweile oft um immens hohe Summen. Für die guten Pferde wird extrem viel bezahlt – das schreckt den Otto-Normal-Reiter ab. Und an Wettkämpfen teilzunehmen, kostet auch viel Geld. Kaum einer kann es sich leisten, wirklich regelmäßig am Wochenende auf ein Turnier zu fahren. Oft ist es dann auch noch frustrierend. Denn in der Platzierung stehen meistens die teuren Pferde vorn. Wirklich gute und talentierte Reiter ohne ein richtig gutes Pferd bleiben schnell auf der Strecke. Da fehlt die Unterstützung auch von offizieller Seite. Aber es ist ja auch schwierig im Reitsport. Ein talentierter Fußballer wird in einem Verein aufgefangen und bekommt die Fußballschuhe, die er braucht. Beim Reiten sprechen wir von viel höheren Ausgaben – Pferd, Unterbringung, Pflege, Training – und das über Jahre. So sieht der Basis-Sport aus, das geht im Spitzensport aber weiter.

PM-Forum: Wie betrachten Sie die Auswirkungen der Kommerzialisierung des Sports?

Maria Günther: Die Preisgelder in den großen Prüfungen haben horrende Summen erreicht, besonders im Springsport. Die Reiter fliegen mit ihren Pferden in der ganzen Welt hin und her. Sie pendeln an einem Wochenende zwischen zwei Turnieren. Früher war es eine große Ehre, bei Championaten reiten zu dürfen. Es wäre undenkbar gewesen, erst gar nicht zu einer Deutschen Meisterschaft anzutreten, weil zeitgleich ein anderes, hoch dotiertes Turnier stattfand. Natürlich ging es zu meiner Zeit nicht um die Gewinnsummen, von denen wir heute sprechen. Ich weiß, dass die Reiter auch sehen müssen, dass sie Geld verdienen. Aber im Leben hätten wir nicht daran gedacht, eine Weltmeisterschaft früher zu verlassen, weil die Chancen auf einen Sieg nicht die besten waren.

Das Interview führte
Laura Becker

Maria Günther – ein Leben für den Pferdesport

Maria Günther wurde am 30. Januar 1925 in Zwickau geboren. Ihre Leidenschaft für Pferde entdeckte sie mit sieben Jahren, als sie eine Zehnerkarte für Reitstunden zum Geburtstag bekam. Nach Abschluss ihres Abiturs 1943 wurde sie zum Kriegshilfsdienst eingeteilt und entschied sich, als Bereiterin nach Pommern zu gehen. Dort war sie mit anderen jungen Frauen dafür zuständig, dreijährige Pferde innerhalb von drei Monaten (!) einzufahren und geländesicher zu machen. Sie sei die steilsten Abhänge mit den Remonten herunter geritten, erzählt sie, und oft habe sie und ihre Kolleginnen die Pferde nachts in einem Waldstück trainiert, weil tagsüber die Gefahr von Tieffliegern entdeckt und beschossen zu werden, zu groß gewesen sei. Nach den drei Monaten habe sie immer am Bahnhof gestanden und bittere Tränen geweint, als die Pferde dann abgeholt wurden. Nach Kriegsende zog es Maria Bühling nach Westen in das westfälische Menden. Dort heuerte sie bei den englischen Royal Horse Guards als Pflegerin und Bereiterin an und kam unter englischer Flagge schon 1947 in den Genuss, in Aachen reiten zu dürfen.

1963 wurden sie am selben Tag Deutsche Meister: Maria Günther auf Sambesi im Springen und ihr Ehemann Walter („Bubi“) Günther in der Dressur mit Adjutant.

1963 wurden sie am selben Tag Deutsche Meister: Maria Günther auf Sambesi im Springen und ihr Ehemann Walter („Bubi“) Günther in der Dressur mit Adjutant.

Bei den Royal Horse Guards lernte sie schließlich auch ihren späteren Mann kennen, Walter Günther, der dort als Reitlehrer arbeitete. Besser bekannt ist dieser unter seinem Spitznamen „Bubi“, den er innehatte, seitdem er als Vierjähriger in einer Kinderquadrille ritt. Der Otto Lörke-Schüler gehörte zu derselben Garde erfolgreicher Reiter und Trainer wie Willi Schultheis, Fritz Thiedemann und Herbert Rehbein.

Gemeinsam mit ihrem Mann eröffnete Maria Günther den Ausbildungsstall Greif in Hamburg, in dem sie überwiegend Pferde im Springen bis zur schweren Klasse förderten, aber auch mindestens ein Grand Prix-Pferd im Jahr heraus brachten. 1963 schrieb das Ehepaar Geschichte als beide an demselben Tag die Deutschen Meisterschaften gewannen – das ist bis heute einmalig geblieben. Er sicherte sich die Dressur-Goldmedaille im Sattel von Adjutant, sie lieferte mit Sambesi den Siegesritt im Parcours ab. 50 Minuten nachdem sie die Medaille verliehen bekommen hatte, stand fest, dass ihr Mann ebenfalls Meister geworden war – daran erinnert sich Maria Günther noch genau. Nach dem Tod ihres Mannes 1974 ritt sie mit seinem zuletzt ausgebildeten Dressurpferd MacBeth noch zu vielen Erfolgen in Grand Prix-Prüfungen. 1975 beendete sie ihre aktive Turnierkarriere, schlug die Richterlaufbahn ein und richtete als O-Richterin Dressur viele Championate und große Prüfungen. Auch als Ausbilderin vieler Reiter, darunter z.B. Dressurreiter und Derbysieger Falk Rosenbauer, hat sich Maria Günther bis heute einen Namen gemacht.

LB

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