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Pferd mit Job

Ein Pony, das bewegt

Nescafé de Luxe, Therapiepferd im Reit- und Bewegungszentrum Hof Mersmann in Laer/Westfalen

Jessica Mersmann leitet das Bewegungszentrum Hof Mersmann. Die Stute „Neska“ hat sie selbst gezogen.

Hof Mersmann, Reit- und Bewegungszentrum, Altenberger Straße 3, 48366 Laer

hof-mersmann.de

Begegnung und Bewegung für alle

Im Bewegungszentrum Hof Mersmann im Münsterland reicht das Angebot vom Therapeutischen Reiten und Reiten als Gesundheitssport für Kinder und Erwachsene, über Einstiegsreitgruppen bis hin zur Teilnahme an den Special Olympics – der weltweit größten Sportbewegung für Menschen mit geistiger oder mehrfacher Beeinträchtigung. Um die Klienten kümmert sich ein Team von Sozialpädagogen, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Heilpädagogen, Auszubildenden und Pferdewirten sowie 25 Pferden. Hier verdient sich Reitponystute Nescafé de Luxe Heu und Hafer. Heilpädagogische Förderung mit Hilfe der Pferde: „Das Wort ‚Therapie‘ wirkt manchmal stigmatisierend. Wir nennen es ‚Bewegungserfahrung mit und auf dem Pferd‘“, sagt Jessica Mersmann. Das umfasst alles: die Vorbereitung, Pferde führen, Spazieren gehen, Pferde putzen genau wie Reiten. Neska wird zudem eingesetzt in der pferdegestützten Ergotherapie, im „normalen“ Reitunterricht bei den jüngeren Kindern oder bei leichten Erwachsenen sowie bei den Special Olympics.

 

Dürfen wir vorstellen? Nescafé de Luxe (Rufname Neska), braune Stute, 14 Jahre alt, Deutsches Reitpony, westfälisch eingetragen. Vater: Nagano; Mutter: Mandea von Mondeo. Züchterin und Besitzerin: Jessica Mersmann.

Berufsbezeichnung: Therapiepferd – allerdings betont Jessica Mersmann: „Das Pferd ist niemals ,Co-Therapeut‘. Der Mensch ist der zweibeinige Therapeut, der das Pferd aus psychologischer, pädagogischer oder reitsportlicher Sicht passend einsetzt, um Bewegung und Begegnung zu vermitteln. Das Pferd geht völlig wertfrei in die Einheit rein und gerade das ist das Tolle an der Arbeit mit den Pferden.“ Neska ist mehr als ein Therapiepferd, sie ist eher eine Allrounderin – siehe aktuelle Tätigkeit.

Kurzcharakteristik: Eine liebenswerte Lehrmeisterin mit klassischem Ponycharakter. Fleißig, aktiv, läuft gut vorwärts. Neska polarisiert: Reitschüler lieben sie entweder innig – oder mögen sie weniger gerne.

Special Olympics: Kernkompetenz Gelassenheit – auch bei Wettbewerben der Special Olympics Bewegung. Foto: Jessica Mersmann/privat

Besondere Kenntnisse und Fähigkeiten

Therapiepferde müssen brav sein und gleichzeitig eine gute Ausbildung haben, die am Boden und im Umgang beginnt – etwa mit ruhigem Stehen am Putzplatz. Pferde wie Neska müssen wechselnde Bezugspersonen und wechselnde Reiter aushalten können. „Therapiepferde sollen dem Reiter ein Spiegel sein und nicht alles über sich ergehen lassen“, erklärt die Therapeutin. Gute Pferde geben eine Rückmeldung: was der Klient macht und was das Umfeld macht, sogar wie das Wetter ist. Zudem haben sie eine gute Bewegungsübertragung im Schritt: Die Bewegung durch den Pferdekörper soll gut und deutlich beim Reiter ankommen. „Die Pferde geben auch damit ihren Reitern eine Rückmeldung“, erklärt Jessica Mersmann. Voraussetzung sind eine korrekte Anatomie, eine gute Ausbildung und ständige Korrekturarbeit.

Lebenslauf

Neska ist auf dem Hof in Laer geboren, verbrachte die Fohlen- und Aufzuchtzeit auf der Sommerweide und im Winter in den Laufställen mit Auslauf. Jessica Mersmann hat Neska im Alter von dreieinhalb Jahren eingeritten. Der Gedanke in der Zeit galt nicht der Therapie-Arbeit, sondern „einer soliden Ausbildung“, sagt die Hofchefin. Im Gegensatz zu ihrem Vollbruder eignete sich Neska aber gut und wuchs in ihren Job hinein. „Mit den Special Olympics World Games vor zwei Jahren hat ihre Karriere eine neue Dynamik bekommen – was man ihr auch deutlich anmerkt“, beobachtete Jessica Mersmann. „Abwechslung in der Arbeit ist eben wichtig.“ Seitdem zeigt sich Neska zuhause wie auch auf fremden Reitplätzen routiniert und macht ihren Job mit derselben Selbstverständlichkeit. „Ich bemerke an ihr eine stärkere Ausstrahlung: Als ob sie im Team befördert wurde und intern nochmal mehr Verantwortung übernimmt.“

Der normale Alltag

Neska lebt mit vier Haflingerstuten im Offenstall. Morgens gehen die fünf leichtfuttrigen Tiere auf die Portionsweiden. Vormittags ist entweder Therapieeinsatz, Unterricht oder zwei bis dreimal die Woche Ausgleichsarbeit mit den Auszubildenden angesagt: Freispringen, Ausreiten, ausgebunden Longieren, Stangenarbeit. Neskas Job-Schwerpunkt ist der Unterricht für die sechs- bis achtjährigen Kinder. In den Bewegungserfahrungsstunden teilen sich vier Kinder zwei Pferde: Sie führen sich gegenseitig in der Bahn oder im Gelände, machen Gleichgewichtsübungen auf dem Springplatz, reiten auf der Wellenbahn oder machen Koordinations- und Konzentrationsspiele. Einmal pro Woche kommt eine Reiterin der Special Olympics zur Einzelstunde, samstags sind Special-Olympics-Reiter für zwei Stunden da. Neska unterscheidet nicht, ob ihre Reiter gesund, körperlich oder geistig beeinträchtigt sind.

Freizeitausgleich

„An sich haben die Pferde eine Sieben-Tage-Woche – wenn wir das Gefühl haben, sie brauchen Pause oder ‚rückenfrei‘, dann schicken wir sie auch mal zwei Wochen in den Urlaub. Das heißt: Offenstall und Koppel …“, sagt Jessica Mersmann. Alle Pferde im Einsatz werden präventiv ein- bis zweimal im Jahr mit Akupunktur behandelt, jährlich sind Zahnkontrolle und Osteopathie angesagt.

Sonntagsarbeit

Sonntags hat Neska eine feste Reitbeteiligung.

 

Als Therapiepferd unterstützt Neska Bewegungserfahrungen für verschiedene Reiter. Fotos (2): Sabine Heüveldop

Ausbildungsleiterin

Bewegungszentrums-Gründerin und Hof-Chefin Jessica Mersmann, Sozialpädagogin und Pferdewirtschaftsmeisterin, außerdem Referentin für das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR).

Wie würde das Zwischenzeugnis lauten?

„Neska arbeitet stets zu unserer vollsten Zufriedenheit“, lobt Jessica Mersmann. „Solche Allrounder sind nicht so häufig und eigentlich die klassischen Pferde, die man sich für einen Reitbetrieb wünscht. Neska macht seit Jahren gut mit, bringt Leistung, hohe Konzentration genauso wie Freude und eine große Motivation.“

Die Unterscheidung zum privaten Hobbypferd

„Ich glaube, unsere Pferde geben nochmal eine andere und intensivere Rückmeldung“, findet Jessica Mersmann. „Neska verdient ihr Geld und macht viele Menschen glücklich.“

Arbeit im Alter – Rentenversicherung

Die Einsätze werden dem Alter und der körperlichen Verfassung angepasst, damit die Pferde möglichst im Job bleiben und nicht aufs Abstellgleis kommen. Und sollte eins der Pferde therapiemüde werden oder doch eine feste Bezugsperson brauchen, kommen sie in private Hände.

Cornelia Höchstetter

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