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Impressionen der FEI Europameisterschaften

Sinn und Zweck des Kinnriemens

Hilfreich oder hinderlich? 

Kaum ein Ausrüstungsdetail sorgt für so viele Diskussionen wie der Kinnriemen. Zwischen Nutzen, Kritik und Missverständnissen steht eine zentrale Frage im Raum: Wann ist der Kinnriemen eine sinnvolle Unterstützung für das Pferd – und wann schadet er?

Nur mit einem passenden Gebiss und gut sitzender Zäumung lässt sich das Ziel von feinem Reiten erreichen. Doch welche Rolle spielt dabei der Kinnriemen? Foto: Thoms Lehmann/FN-Archiv

Faktencheck: Kinnriemen – 5 Vorurteile und was wirklich stimmt

1. „Der Sperriemen soll das Maul zusperren“

Falsch. Der korrekt bezeichnete Kinnriemen dient nicht dem Verschließen des Mauls, sondern der Stabilisierung des Gebisses – ohne die natürliche Kautätigkeit zu unterdrücken.

2. „Ein Kinnriemen ist immer tierschutzrelevant“

Nicht per se. Wissenschaftliche Studien zeigen: Richtig verschnallt, kann der Kinnriemen dem Pferd helfen, das Trensengebiss entspannt zu tragen.

3. „Ohne Riemen geht´s besser fürs Pferd“

Nicht immer. Ohne Kinnriemen müssen Pferde das Trensengebiss stärker über die Kaumuskulatur stabilisieren – das kann Verspannungen begünstigen.

4. „Anatomische Trensen lösen das Problem.“

Teilweise. Anatomisch geschnittene Reithalfter können Druckpunkte vermeiden – wenn sie funktional durchdacht und richtig angepasst sind. Nicht alles, was die Bezeichnung „anatomisch“ trägt, ist auch anatomisch sinnvoll.

5. „Zwei Finger sind relativ.“

Nicht mehr. Die FEI hat seit Mai 2025 einen standardisierten Messkeil eingeführt, der die Zwei-Finger- Regel objektivierbar macht.

 

Man hört ihn noch immer: in Reiterstübchen, auf Vorbereitungsplätzen, in Fachgesprächen – den Begriff Sperrriemen. Ein Wort wie aus der Zeit gefallen. Hart im Klang, sperrig im Bild. Dabei ist längst klar: Der sogenannte „Sperrriemen“ ist in Wahrheit ein Kinnriemen. Die umgangssprachliche Bezeichnung ist nicht nur emotional aufgeladen, sondern auch fachlich falsch. Seine Geschichte ist kürzer, als viele glauben, seine Funktion differenzierter, als oft behauptet wird. Was nach bloßer Wortklauberei klingt, ist in Wahrheit weit mehr. Denn wo über den „Sperrriemen“ diskutiert wird, geht es nie nur um einen schmalen Lederriemen – es geht um Grundsätze: um Haltung, Ethik und das persönliche Verständnis von Reitkultur. „Wir sprechen in unseren heutigen Richtlinien und Regelwerken ganz bewusst vom Kinnriemen“, betont Andrea Winkler, Ausrüstungsexpertin der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN). „Das Pferdemaul soll ja nicht zugesperrt werden.“ Die Bezeichnung „Sperrriemen“ suggeriere Zwang, Kontrolle und Fixierung – Vorstellungen, die mit einer modernen, pferdefreundlichen Ausbildung unvereinbar seien. „Ähnlich haben wir auch andere Begriffe überarbeitet: Aus der Knebeltrense wurde die Schenkeltrense, aus dem Peitschenschlag die Peitschenschnur.“ Jenseits der Begrifflichkeiten rückt ein entscheidender Punkt oft in den Hintergrund: Richtig eingesetzt, kann der Kinnriemen als Teil des kombinierten Reithalfters sinnvoll sein. Falsch verwendet, fügt er dem Pferd erhebliches Leid zu. Zwischen funktionaler Unterstützung und tierschutzrelevanter Anwendung liegen oft nur wenige Zentimeter.

Mythos „Sperrriemen“

Der heute korrekt als Kinnriemen bezeichnete Bestandteil des kombinierten Reithalfters ist eine vergleichsweise junge Entwicklung. In alten Reitlehren oder historischen Dienstvorschriften sucht man ihn vergeblich. Erst ab den 1950er-Jahren taucht er im Turnier sport auf. Der Begriff „Sperrriemen“ stammt vermutlich aus der Alltagssprache und suggeriert eine Funktion, die nie beabsichtigt war. Wir sprechen also vom Kinnriemen. 

Das Reithalfter muss so verschnallt sein, dass das Pferd ungestört atmen, kauen und schlucken kann. Die Zwei-Finger-Regel ist ein Indikator dafür.

Seine offizielle Aufnahme in das deutsche Ausbildungssystem erfolgte erst 1979 mit der Überarbeitung der Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1: Seitdem ist das kombinierte Reithalfter mit Kinnriemen in den FN-Richtlinien aufgeführt. „Dementsprechend wird es ab 1980 in der LPO zugelassen gewesen sein“, sagt FN-Mitarbeiterin Andrea Winkler. Der Kinnriemen ist Bestandteil des kombinierten Reithalfters – und nur in diesem Zusammenhang sinnvoll zu beurteilen. Korrekt verschnallt, kann er dazu beitragen, übermäßige Maulbewegungen zu begrenzen und das losgelassene Abkauen erleichtern. Bereits Reitmeister Dr. Udo Bürger beschrieb in „Vollendete Reitkunst“ (1959) die mögliche entlastende Funktion eines korrekt verschnallten Reithalfters: Besonders das hannoversche Modell könne dem Unterkiefer Halt geben und so Kaumuskulatur und Nackenmuskeln vor Übermüdung schützen. Diese Sichtweise entspricht dem Verständnis der klassischen Reitlehre, die auf Losgelassenheit, feine Anlehnung und Schonung des Pferdes abzielt. Aus heutiger Perspektive wird diese Einschätzung durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse ergänzt. Studien zeigen: Das Trensengebiss liegt primär durch die Zunge und Kaumuskulatur stabil im Pferdemaul. Ein korrekt verschnallter Kinnriemen kann unterstützend wirken, indem er übermäßige Kieferbewegungen begrenzt – und so die Haltearbeit der Muskulatur reduziert (vgl. Kienapfel & Preuschoft 2010; Uhlig 2009; Witzmann 2008). „Das Reithalfter soll leicht anliegen und darf weder die Atmung beeinträchtigen, noch die Maultätigkeit, das Kauen und Schlucken des Pferdes unterbinden“, erklärt Andrea Winkler mit Blick auf die FN-Richtlinien. Richtig eingesetzt, kann der Kinnriemen die Arbeit der Kaumuskulatur entlasten – jene Muskulatur, die zusammen mit der Zunge das Trensengebiss in seiner Position hält.

Der Kinnriemen in der Praxis

„Manche Pferde profitieren vom Einsatz des Kinnriemens“, sagt Physiotherapeutin Helle Katrine Kleven. Für viele Reiter sei er eine hilfreiche Unterstützung.Wird der Riemen jedoch zu eng verschnallt, können Probleme entstehen: Die Kautätigkeit wird behindert, Speichel kann nicht abgeschluckt werden, Muskeln verspannen – mit möglichen Folgen bis in den Bewegungsapparat. „Viele glauben, sie schließen den Kinnriemen korrekt – doch die wenigsten tun es“, warnt Helle Kleven. Oft geschieht dies aus Unwissenheit, weil Trainer es fordern und manchmal sogar aus Überzeugung. Auch Tierärztin und Chiropraktikerin Dr. Nicole Beusker bestätigt diesen Eindruck: „In der Praxis wird der Kinnriemen oft zu s t rammgezogen. Meist sind Pferdebesitzer erstaunt, wenn man sie darauf anspricht.“ Eine internationale Studie an 737 Turnierpferden stützt die Erfahrungen der Praktikerinnen: Nur sieben Prozent der Nasenriemen waren korrekt verschnallt – bei 44 Prozent passte kein Messgerät mehr dazwischen (Doherty et al. 2016). „Doch auch das andere Extrem ist problematisch“, so Andrea Winkler. Sind Nasen- und Kinnriemen zu locker verschnallt, liegt das Gebiss nicht mehr ruhig im Pferdemaul, die Kommunikation zwischen Reiterhand und Pferd wird unklar – das beeinträchtigt das Pferdewohl ebenso. Entscheidend ist also nicht das Ob, sondern das Wie – und das ist keine Frage der persönlichen Ausbildungsphilosophie, sondern beruht auf einem fundierten Verständnis für die Anatomie des Pferdes und die empfindlichen Strukturen am Pferdekopf.

Im Fokus – was die Forschung zeigt 

In einer Studie an über 3.000 dänischen Turnierpferden wurden Zusammenhänge zwischen Zäumung und Maulverletzungen untersucht:

  • 9,2 Prozent der Pferde wiesen Läsionen oder Blut an den Maulwinkeln auf.
  • Ein enger oberer Nasenriemen (< 2 cm Spielraum am Nasenrücken) war mit einem deutlich erhöhten Risiko für diese Verletzungen verbunden.
  • Ausreichender Abstand (> 3 cm Spielraum) senkte das Risiko um 34 Prozent.
  • Interessant: Pferde ganz ohne oberen Nasenriemen hatten ein mehr als doppelt so hohes Risiko für Maulwinkelverletzungen im Vergleich zu Pferden mit korrekt verschnalltem Nasenriemen.

Quelle: Uldahl, M. & Clayton, H.M. (2019): Equine Veterinary Journal

Dr Kinnriemen ist Teil des kombinierten Reithalfters.

Früher üblicher: das hannoversche Reithalfter. Fotos (3): Thoms Lehmann/FN-Archiv

Neuralgische Punkte

Die Wirkung des Kinnriemens lässt sich nur im anatomischen Zusammenhang verstehen. Besonders empfindlich sind der Nasenrücken – mit seinem dünnen, im mittleren Drittel leicht verletzbaren Nasenbein –, die Maulwinkel sowie das Zungenbein. Letzteres spielt eine zentrale Rolle beim Kauen, Schlucken und bei der Zungenbewegung. Von besonderer Bedeutung ist der Nervus infraorbitalis, ein sensibler Ast des Trigeminusnervs. Er tritt unterhalb des Jochbeins aus dem Schädel aus und versorgt die Region rund um Maulspalte und Nüstern mit sensorischen Nervenfasern. Wird dieser Nerv durch zu stramm verschnallte oder ungünstig positionierte Riemen gereizt oder gequetscht, kann das zu neurogenen Schmerzen führen – mit möglichen Folgen wie Kopfschlagen, Zähneknirschen oder Widersetzlichkeiten. Auch der Drang mancher Pferde, sich nach dem Abtrensen das Maul kräftig zu schubbern, kann auf ein zu eng verschnalltes Reithalfter zurückzuführen sein.

 Druck als Risiko

Das Risiko von Druckulzera und sogar Knochenläsionen ist wissenschaftlich belegt. „Zu viel Druck beeinträchtigt nicht nur die Atmung, sondern kann langfristig auch den Knochen unter dem Nasenriemen porös und dünner machen“, erklärt Pferdephysiotherapeutin Helle Katrine Kleven. Bereits moderater, aber dauerhafter Druck kann zu bleibenden Gewebeschäden führen. Ein Risiko entsteht ebenso, wenn der Nasenriemen zu locker, der Kinnriemen jedoch zu fest verschnallt wird. In diesem Fall kann der Nasenriemen etwas nach vorn kippen – der Druck konzentriert sich dann auf eine schmale Kante. „In einer Studie wurde das gemessen – die Messplatte zeigte so hohe Werte, dass man dachte, sie sei defekt“, berichtet Helle Kleven. Sind Nasen- und Kinnriemen zu eng verschnallt, wird auch das Kauen und Abschlucken von Speichel behindert – das ist wissenschaftlich belegt. „Wenn wir Pferde in Prüfungen oder im Training sehen, die stark sabbern, wird das häufig als Zeichen von Losgelassenheit gewertet“, 

erklärt Physiotherapeutin Helle Katrine Kleven. „Dabei handelt es sich oft um Speichel, den die Pferde gar nicht abschlucken können.“ Vor diesem Hintergrund herrscht breiter Konsens – von der FN über Tierschutzorganisationen wie der RSPCA (Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals) und die ISES (International Society for Equitation Science) bis hin zur FEI: Zwischen Nasenrücken und Nasen- bzw. Kinnriemen muss ausreichend Platz bleiben. Als Mindestmaß gilt die sogenannte „Zwei- Finger-Regel“: Zwischen Nasenrücken und Nasenriemen müssen ein bis zwei nebeneinanderliegende Finger eines Erwachsenen Platz finden.

Finger oder Messkeil?

Zwei Finger sind zwei Finger – oder etwa nicht? In der Praxis zeigt sich: Die Zwei- Finger-Regel wird uneinheitlich angewendet. Es wird diskutiert, ob die Finger senkrecht stehen oder waagerecht liegen sollen, ob dicke und dünne Finger gemeint sind – und an welcher Stelle überhaupt gemessen wird. Kurz: Die Regel wird nicht einheitlich angewendet. Dazu Helle Kleven: „Oft wird die Fingerprobe an ungeeigneter Stelle durchgeführt, etwa seitlich am Maulwinkel oder am weicheren Unterkiefer, wo das Gewebe stärker nachgibt. Solche Messfehler können eine zu enge Verschnallung kaschieren – und damit tierschutzrelevante Probleme verdecken.“ Einen möglichen Ausweg aus diesem Dilemma bieten standardisierte Prüfwerkzeuge: keilförmige Messgeräte, die analog zur Zwei-Finger-Regel auf dem Nasenrücken unter den Nasenriemen geschoben werden und ein objektives, reproduzierbares Maß liefern. Die Fédération Équestre Internationale (FEI) hat reagiert: Seit Mai 2025 kommt bei internationalen Turnieren ein einheitlicher Messkeil zum Einsatz. 

Das Jochbein (hellblau) und die Nervenaustrittspunkte (gelb) müssen beim Anpassen des Reithalfters berücksichtigt werden. Foto: Thoms Lehmann/FN-Archiv

So geh´s: Die Zwei-Finger-Regel

Ziel: Die Verschnallung von Nasen- und Kinnriemen muss so angepasst sein, dass das Pferd ungestört kauen, atmen und schlucken kann – ohne Druck auf empfindliche Strukturen.

So wird korrekt gemessen: 

Messpunkt: Auf dem knöchernen Nasenrücken – nicht am Maulwinkel oder am Unterkiefer.

Fingerstellung: Zwei Finger nebeneinanderliegend – nicht übereinander. Das gilt für das hannoversche Reithalfter. Beim englischen und kombinierten sind es ein bis zwei Finger.

Messdruck: Die Finger eines Erwachsenen sollen ohne Druck unter den Riemen passen.

Wann messen? Nach dem Schließen aller Riemen, in aufrechter Kopfhaltung des Pferdes.

Er wird von Reitern, Trainern und Stewards bisher überwiegend als positive Weiterentwicklung angesehen. Auf nationaler Ebene wird der Einsatz eines Messkeils durch die Richter ebenfalls diskutiert und der Messkeil der FEI wurde bereits getestet. „Wir vertrauen dem Sachverstand unserer Richter, die Zwei-Finger-Regel korrekt anzuwenden“, sagt Andrea Winkler von der FN. „Und dennoch kann ein standardisierts Messinstrument unseren Offiziellen auf den Turnieren den Rücken stärken und Entscheidungen unterstützen.“

Forschung für das Pferd

Die korrekte Verschnallung des Reithalfters – insbesondere des Kinnriemens am kombinierten Reithalfter – ist nicht nur durch Regelwerke definiert, sondern auch Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Im Mittelpunkt steht dabei die Beweglichkeit des Unterkiefers: Sie ist entscheidend für eine freie Kautätigkeit, ein ungestörtes Abschlucken – und damit für das Wohlbefinden des Pferdes. Kienapfel und Preuschoft (2010) zeigten, dass zwischen den Zahnreihen ein Mindestabstand von zehn Millimetern im Bereich der Backenzähne und 17 Millimetern im Bereich der Schneidezähne erforderlich ist, damit das Pferd ungestört kauen kann. Wird das Reithalfter zu eng verschnallt, schränkt das diesen Bewegungsspielraum ein – mit möglichen Folgen wie einer unphysiologischen Lage des Trensengebisses, muskulären Verspannungen und Stress. Zentral in diesem Zusammenhang ist das Zungenbein (Os hyoideum): 

Viele Reiter interessieren sich für Alternativen, daher häufiger zu sehen: Das Micklem. Foto: Thoms Lehmann/FN-Archiv

Knochenläsionen auf dem Nasenbein: Hier sieht man, was passieren kann, wenn der Nasenriemen dauerhaft zu eng verschnallt wird. Foto: Helle Katrine Kleven

Es spielt eine Schlüsselrolle beim Kauen und Schlucken und ist über Muskeln und Faszien eng mit Kiefer, Kehlkopf, Genick und Schultergürtel verbunden. Daher warnt Helle Kleven: Zu fest gezogene Riemen können das Kiefergelenk blockieren und Verspannungen in Kaumuskulatur, Genick und Nacken auslösen. Diese Spannungen können sich über Muskel- und Faszienketten bis in die Halswirbelsäule und weiter bis zur Hinterhand fortsetzen. Die anatomisch- biomechanischen Zusammenhänge sind sowohl durch wissenschaftliche Studien als auch durch osteopathische Praxis gut belegt. Mehrere Studien stützen diese Einschätzungen:

  • Murray et al. (2015) zeigten, dass Pferde mit anatomisch optimierter Zäumung – etwa einem druckentlasteten Genickstück und gepolstertem Nasenriemen – deutlich mehr Losgelassenheit in der Bewegung zeigten, insbesondere in Karpal- und Sprunggelenken.
  • Fenner et al. (2016) belegten einen Zusammenhang zwischen zu eng verschnallten Nasenriemen, eingeschränkter Maultätigkeit und stressbedingten Verhaltensmerkmalen.
  • Doherty et al. (2020) konnten mithilfe von Thermografie eine erhöhte Augeninnentemperatur als physiologisches Stressmerkmal bei zu enger Verschnallung nachweisen.

Zukunft mit System

Neben Kontrolle und Regelwerk braucht es vor allem eines: ein tieferes Verständnis für die Wirkung der Ausrüstung – und deren pferdegerechte Weiterentwicklung. Der Fachhandel registriert ein wachsendes Bewusstsein. „Viele unserer Kunden wünschen sich Trensen ohne Kinnriemen – oder zumindest mit der Option, ihn abzunehmen“, heißt es auf Nachfrage bei einem großen deutschen Händler für Pferdesportzubehör. Besonders gefragt sind Modelle, die gezielt Rücksicht auf empfindliche Gesichtsnerven nehmen. Der Trend geht klar in Richtung anatomisch geformter Reithalfter mit optimierter Passform und gezielter Druckentlastung – insbesondere im Kinnund Genickbereich. Charakteristisch sind weich gepolsterte, geschwungene Genickstücke mit Ohrenaussparungen, verbreiterte Nasenriemen und flexible Verschnallmöglichkeiten. Auch gebisslose Zäumungen mit weicher Polsterung und anatomischem Schnitt finden zunehmend Beachtung. Untersuchungen zeigen zudem: Ein seitlich angebrachter Kinnriemen übt weniger Druck auf den Nasenrücken aus als eine mittig geführte Schlaufe.

Fachkundig und individuell

Anatomisch gestaltete Trensen können das Wohlbefinden, die Losgelassenheit und die Leistungsbereitschaft des Pferdes deutlich fördern – vorausgesetzt, sie werden fachkundig ausgewählt, individuell angepasst und korrekt verschnallt. Denn nicht alles, was als „anatomisch“ gilt, ist auch funktional sinnvoll: „Es gibt keine Einheitslösung. Die Ausrüstung kann helfen – aber nur, wenn sie wirklich zur Kopfform des Pferdes passt“, differenziert Helle Kleven. Der Kinnriemen ist dabei kein isoliertes Detail, sondern Teil eines funktionalen Ganzen. Entscheidend ist am Ende nicht der Riemen selbst, sondern die Hand, die ihn verschnallt – und natürlich kommt es vor allem auch auf das korrekte Reiten an, das zum Wohlbefinden des Pferdes beiträgt.

 

Sabine Heüveldop

Bei allen Riemen und Zäumungen ist am Ende für das Wohlbefinden des Pferdes vor allem auch das feine, gute und korrekte Reiten entscheidend. Foto: Thoms Lehmann/FN-Archiv

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