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Atypische Weidemyopathie
Auf den Spuren des Bergahorns
Im Herbst und frühen Winter steigt das Risiko: Auf abgegrasten Weiden werden die Samen des Bergahorns zur tödlichen Gefahr. Was Pferdehalter wissen müssen – und wie sie ihre Tiere schützen können.
Im Herbst steigt die Gefahr, dass Pferde Ahornsamen aufnehmen. Foto: Christiane Slawik
Die Atypische Weidemyopathie (AWM) beginnt meist plötzlich und kann binnen Stunden tödlich verlaufen. Charakteristisch sind Muskelprobleme wie Muskelzittern, ein steifer Gang oder die totale Verweigerung von Bewegung und der oft kaffeebraune Urin betroffener Tiere. Vor gut zehn Jahren, nach einer europaweiten Krankheitswelle, stand die Atypische Weidemyopathie stark im Fokus. Inzwischen ist es ruhiger geworden – doch vom Tisch ist sie nicht. Wie groß die Gefahr ist, zeigt die europaweite Fallauswertung der Atypical Myopathy Alert Group (AMAG) um Dr. Dominique Votion an der Universität Lüttich, die Verdachts- und Krankheitsfälle sammelt und auswertet: Seit 2006 wurden dort rund 3.200 Fälle dokumentiert, über 300 davon in Deutschland. Dabei muss man berücksichtigen, dass es sich ausschließlich um gemeldete Fälle handelt – die Dunkelziffer der in Deutschland aufgetretenen Fälle dürfte nach Experteneinschätzung weitaus größer sein. Zwischen Alarmismus und Sorglosigkeit bleibt vieles unklar. Sicher ist nur: Samen und Keimlinge des Bergahorns (Acer pseudoplatanus) und auch des Eschenahorns (Acer negundo) können für Pferde auf der Weide lebensgefährlich sein. „Das Tückische ist: Es gibt praktisch keine Frühwarnzeichen“, sagt Annette Zeyner, Professorin für Tierernährung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Treten Symptome auf, ist die Krankheit meist schon weit fortgeschritten – und die Prognose entsprechend schlecht.
Sofortmaßnahmen im Verdachtsfall
- Sofort den Tierarzt rufen – keine Zeit verlieren!
- Pferde, die noch laufen können, möglichst wenig bewegen und ausschließlich im Anhänger transportieren (Bewegung verschlimmert die Muskelschäden).
- Sauberes Wasser anbieten, im Zweifel leicht angewärmt.
- Beim Füttern vorsichtig sein – selten treten Schluckstörungen auf.
- Zeigen die Tiere Muskelzittern oder starkes Schwitzen: eindecken.
- Noch unauffällige Weidepartner im Blick behalten.
Ursachen ermittelt
Seit den 1970er- und 1980er-Jahren ist die Atypische Weidemyopathie in Mitteleuropa ein fester Begriff. Lange blieb die Ursache aber ein Rätsel. Erst 2013 identifizierten Forscher die Aminosäure Hypoglycin A (HGA), später auch Methylenecyclopropylglycin (MCPrG). Beide Protoxine finden sich vor allem in Samen und Keimlingen des Bergahorns. Nach Einschätzung von Prof. Zeyner könnten noch weitere Substanzen beteiligt sein, deren Rolle sei aber noch nicht vollständig geklärt.„Heute verstehen wir einige biochemische Prozesse im Zusammenhang mit der Erkrankung deutlich besser als früher“, sagt sie. „Im Bergahorn befinden sich sogenannte Protoxine, die erst im Stoffwechsel des Pferdes in hochgiftige Verbindungen umgewandelt werden und vor allem die Energiegewinnung in den Mitochondrien stören.“ Dabei entstehen charakteristische Abbauprodukte und ihre sogenannten Konjugate. Sie gelten als wichtige Marker im Blut oder Harn, sind in der Praxis aber nur in hochspezialisierten Laboren nachweisbar.
Lange unterschätzt
Inzwischen weiß man, dass nicht nur Hypoglycin A (HGA) eine Rolle spielt, sondern auch Hypoglycin B (HGB). Es ist HGA chemisch sehr ähnlich und kommt ebenfalls in Samen und Keimlingen des Bergahorns vor. „Dem HGB wurde bislang wenig Bedeutung beigemessen. Wir wissen aber heute, dass es im Verdauungstrakt von Tieren zu HGA umgewandelt werden kann“, erklärt Prof. Zeyner. Experimentell wurde das im Pansensaft von Wiederkäuern gezeigt, und es wird vermutet, dass das auch im Verdauungstrakt von Pferden erfolgen kann. Die Konsequenz: Selbst, wenn in einer Pflanzenprobe kein HGA nachweisbar ist, könnte HGB enthalten sein. Ein negativer Befund im Pflanzenmaterial bedeutet daher keine sichere Entwarnung.
Bergahorn (Acer pseudoplatanus): Typisch sind die fünf stumpf zugespitzten, grob gesägten Lappen. Fotos (2): Sabine Heüveldop
Feldahorn (Acer campestre): Die kleineren, rundlichen Lappen unterscheiden ihn vom Bergahorn
Weidepflege optimieren, Risiko minimieren
- Flächen mit AWM-Vorfällen meiden: Weiden, auf denen bereits Erkrankungsfälle aufgetreten sind, in den kritischen Zeiten (Herbst mit Samen, Frühjahr mit Keimlingen) meiden.
- Weiden absuchen: Zwischen Frühjahr und Herbst gezielt auf Samen und Keimlinge kontrollieren – auch auf Paddocks, Ausläufen und in Heuraufen.
- Samenflug bedenken: Auch entfernte Bäume können riskant sein – nach Sturm oder starkem Wind die Flächen prüfen.
- Keimlingsstadium beachten: Besonders gefährlich sind junge Pflanzen mit nur zwei Keimblättern; im späteren Stadium entwickeln die Pflanzen Bitterstoffe und werden meist gemieden.
- Weidezeit auf Flächen mit Risiko begrenzen: Pferde weniger als sechs Stunden täglich grasen lassen – AMAG-Daten zeigen ein deutlich geringeres Risiko.
- Futterangebot sichern: Sicherstellen, dass allen Pferden, auch neuen und rangniedrigen, immer ausreichend bekannte und qualitativ einwandfreie Futterpflanzen zur Verfügung stehen.
- Raufutter anbieten: Hochwertiges Heu ad libitum in überdachten Raufen, niemals vom Boden füttern.
- Weidepflege: Lückige Grasnarben durch Nachsaat und Düngung schließen; übernutzte Flächen rechtzeitig schließen.
- Keimlinge abmähen: Im Frühjahr abmähen, um den toxischen Druck zu verringern und die ökologische Nachhaltigkeit zu erhalten.
Risiko unberechenbar
Besonders kritisch wird es im Spätherbst, wenn die Temperaturen plötzlich sinken. „Dann werfen Bergahornbäume ihre Samen in großen Mengen ab“, warnt Prof. Annette Zeyner. Wind und Regen verbreiten sie – auch auf Paddocks oder in Heuraufen. In größeren Abständen produzieren Bäume wie der Bergahorn besonders viele Samen. In diesen sogenannten Mastjahren steigt das Risiko zusätzlich. „Besonders gefährlich sind Samen auf abgegrasten Flächen, wo Pferde sie leicht mit den Lippen aufnehmen können“, erklärt Silke Dehe, Biologin und Grünlandexpertin. Wie viele Samen oder Keimlinge tatsächlich gefährlich sind, lässt sich jedoch kaum abschätzen. Untersuchungen der Universität Halle zeigen: Die Gehalte an Protoxinen schwanken erheblich – von Jahr zu Jahr, von Baum zu Baum und sogar innerhalb eines einzelnen Baumes. Mitunter kann eine Handvoll Samen so giftig sein wie mehrere tausend. Dass Pferde nicht nur durch die direkte Aufnahme gefährdet sind, verdeutlichen auftretende Fälle bei Saugfohlen, welche die Ahorntoxine nur über die Milch oder über die Plazenta aufgenommen haben können.
Schlechte Prognosen
Fachleute weisen darauf hin, dass Symptome in der Regel erst auftreten, wenn die Erkrankung bereits weit fortgeschritten ist – die Prognose ist dann meist schlecht. Weil sich Symptome oft erst spät zeigen, ist es umso wichtiger, kleinste Auffälligkeiten ernst zu nehmen. Dr. Katja Roscher, Fachtierärztin für Pferde an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Mitglied der Atypical Myopathy Alert Group (AMAG), unterscheidet drei Verlaufsformen:
- milde Fälle: Mattigkeit, Bewegungsunlust oder Liegen
- schwere Verläufe: deutliche Schwäche, Schwitzen und Muskelzittern; in kurzer Zeit Festliegen möglich. Typisch ist in dieser Phase auch eine Verfärbung des Urins – von rotbraun bis kaffeefarben – als Hinweis auf massiven Muskelzerfall.
- schwerste Form: Tod innerhalb weniger Stunden, oft ohne Vorzeichen.
Anders als bei Botulismus handelt es sich beim Festliegen nicht um eine schlaffe Lähmung, darauf macht Prof. Annette Zeyner aufmerksam. Manche Pferde fressen sogar noch im Liegen weiter – was aus der Ferne den Eindruck erwecken kann, es gehe ihnen gut. „Warten kostet wertvolle Zeit – rufen Sie sofort den Tierarzt, wenn Sie verdächtige Auffälligkeiten bemerken“, rät Dr. Roscher. Pferde, die noch laufen können, sollten möglichst im Pferdeanhänger transportiert werden, da jede zusätzliche Bewegung die Muskelschäden verschlimmern kann.
Europaweite Datenbank
Seit 2006 sammelt die Atypical Myopathy Alert Group (AMAG) an der Universität Lüttich (Belgien) europaweit Verdachts- und Krankheitsfälle der Atypischen Weidemyopathie – bislang über 3.200. Ziel ist es, Risiko- und Schutzfaktoren besser zu verstehen und Präventionsempfehlungen abzuleiten. Die Datenbank gilt als wichtigste Grundlage für die internationale Forschung: Je mehr Fälle dokumentiert werden, desto verlässlicher lassen sich Muster erkennen. Pferdehalter und Tierärzte können Fälle online melden: www.myopathie-atypique.uliege.be
Wird Heu vom Boden gefüttert, können Ahornsamen ins Raufutter gelangen. Fotos (3): Christiane Slawik
Eine überdachte Raufe schützt das Heu vor herabfallenden Ahornsamen.
Schwierige Diagnostik
Der Verdacht ergibt sich meist aus dem plötzlichen Krankheitsbeginn in Verbindung mit Bergahorn in Weidenähe. Klinische Symptome allein reichen jedoch nicht aus, um die Diagnose Atypische Weidemyopathie zu bestätigen. Klarheit können nur Laboruntersuchungen bringen – etwa der Nachweis spezifischer Abbauprodukte von Hypoglycin A (HGA) und Methylenecyclopropylglycin (MCPrG). „Das Problem ist, dass solche Analysen und deren Interpretation nur von hochspezialisierten Laboren durchgeführt werden können und dadurch im Alltag praktisch nicht verfügbar sind“, erklärt Prof. Zeyner. Hinzu kommt, dass erkrankte Pferde oft kaum Harn absetzen. Blutproben sind einfacher zu gewinnen. Typisch ist ein extremer Anstieg des Muskelenzyms Creatinkinase (CK) – oft hunderttausendfach über dem Normalwert. Zwar ist CK nicht krankheitsspezifisch, doch die enormen Werte gelten als deutlicher Hinweis auf eine Atypische Weidemyopathie.
Dr. Dominique Votion von der Forschungsgruppe der Universität Lüttich verweist mit Blick auf das AMAG-Monitoring darauf, dass selbst klinisch unauffällige Weidepartner messbare Mengen von Hypoglycin A im Blut tragen können. Das verdeutlicht ein zentrales Rätsel: Viele Pferde nehmen die Giftstoffe auf, doch nur ein Teil erkrankt. Wissenschaftler vermuten, dass individuelle Unterschiede in der mikrobiellen Besiedelung des Verdauungstraktes und dem Stoffwechsel der Tiere eine Schlüsselrolle spielen.
Wenig Handlungsspielraum
Obwohl die biochemischen Abläufe inzwischen wissenschaftlich erklärt werden können, gibt es bis heute keine ursächliche Therapie. Dr. Katja Roscher beschreibt das Dilemma so: „Da Hypoglycin A im Körper so umgebaut wird, dass die Energiegewinnung in den Muskelzellen massiv gestört wird, führt der Prozess zu einer hochgradigen Zellschädigung bis hin zur vollständigen Zerstörung der Muskulatur. Aus diesen Gründen ist eine gezielte Behandlung nicht möglich.“ Als wichtigste Maßnahmen zur Linderung der Symptome nennt sie Infusionstherapien, um insbesondere die Nieren vor Schäden durch das Muskelprotein Myoglobin zu schützen, sowie die Verabreichung von Aktivkohle, um eine weitere Aufnahme von Hypoglycin aus dem Darm zu verhindern. Besonders bei festliegenden Tieren und bei jungen Pferden unter fünf Jahren ist die Prognose nach Einschätzung von Roscher aber sehr vorsichtig bis schlecht. Die Sterblichkeit liegt laut AMAG bei etwa 70 bis 74 Prozent – nur jedes vierte Pferd überlebt.
In offenen Tränken können sich Giftstoffe aus Bergahornsamen oder Keimlingen lösen und ins Trinkwasser der Pferde gelangen – eine oft unterschätzte Gefahr.
Ungelöste Rätsel
Trotz intensiver Forschung gibt es noch viele offene Fragen zur atypischen Weidemyopathie. Für Prof. Annette Zeyner sind mehrere Fragestellungen besonders relevant: Warum erkranken manche Pferde auf einer belasteten Weide, während andere trotz nachweisbarer Toxinaufnahme gesund bleiben? Das legt nahe, dass individuelle Unterschiede im Stoffwechsel oder auch das Mikrobiom eine Rolle spielen könnten. Ein weiterer Fortschritt wären praxistaugliche Schnelltests und neue Therapieansätze. „Gezielt am Ort des Geschehens in den Mitochondrien einzugreifen, wäre eine spannende Perspektive“, sagt Prof. Zeyner.
Schutz durch Prävention
Die Verbreitung der Samen durch den Wind macht es schwer, Pferde zuverlässig zu schützen: „Wir hatten schon Fälle, wo ein Bergahorn mehr als 50 Meter entfernt stand und dennoch genügend Samen auf die Koppel geweht wurden, um ein Pferd zu vergiften“, berichtet Prof. Zeyner. Entscheidend sei, dass Pferde nicht mangels Aufwuchs gezwungen sind oder unwillkürlich auf abgegrasten Flächen Samen oder Keimlinge aufnehmen. Daher empfiehlt sie, in Risikophasen hochwertiges Raufutter ad libitum in überdachten Raufen bereitzustellen. Außerdem Salzlecksteine und Mineralleckmasse an verschiedenen Stellen anzubieten sowie bei Bedarf ein entsprechendes Krippenfutter. Auch Wasser kann zur Gefahr werden: In Studien wurde nachgewiesen, dass Hypoglycin A aus Keimlingen und Samen ins Wasser übertreten kann. Schon zwei Liter Wasser, das über Keimlinge lief, können die tägliche Toleranzdosis für ein Pferd enthalten (Votion et al. 2019). Und auch Samen, die nach Frost- und Auftauphasen in Tränken oder Regentonnen geraten, setzen messbare Mengen HGA frei (González- Medina et al. 2025). Deshalb sollten Pferde nicht aus Pfützen oder Regentonnen trinken – und Wassertröge regelmäßig gereinigt werden.
Wichtige Kontrollen
Dr. Katja Roscher rät zu konsequenter Kontrolle: Koppeln regelmäßig auf Samen und Keimlinge abzusuchen; belastete Bereiche nicht zu nutzen und dort keine Futterstellen einzurichten. Grundsätzlich gilt: Raufutter nicht vom Boden füttern. Im Frühjahr steigt die Gefahr nochmal an, ergänzt die Biologin Silke Dehe: „Besonders gefährlich sind Keimlinge im Frühstadium, solange noch die Keimblätter zu sehen sind. Denn diese enthalten noch keine Ekelstoffe, die in den später erscheinenden Primärblättern gebildet werden.“ Wenn die Keimblätter vergilbt und abgefallen sind, so erklärt die Biologin, schmeckt die ganze Pflanze eklig und wird eher gemieden. Daher gelte: Flächen mit jungem Aufwuchs regelmäßig absuchen – insbesondere, wenn die Grasnarbe lückig oder zu stark abgefressen ist. Früher galten vor allem junge, schlanke Pferde auf feuchten Dauerweiden als besonders gefährdet – heute weiß man: Grundsätzlich kann jedes Pferd erkranken. Daten aus dem AMAG-Monitoring belegen zudem, dass eine begrenzte Weidedauer auf möglicherweise kontaminierten Weiden das Risiko verringert: Pferde, die weniger als sechs Stunden täglich auf der Weide sind, erkranken signifikant seltener. Dies sollte jedoch nur als vorrübergehende Maßnahme gesehen werden, bis die Weidepflege angepasst ist. Manche Pferdehalter betrachten inzwischen jeden Ahornbaum mit Misstrauen. Die Sorge ist verständlich – doch nicht jede Art stellt ein Risiko dar. „Wir sind sicher, dass diese beiden Arten harmlos sind“, schreibt Dr. Dominique Votion über Feldahorn (Acer campestre) und Spitzahorn (Acer platanoides). Sie verweist dazu auf Studien von Westermann et al. (2016) sowie Votion et al. (2019), in denen für beide Arten kein Hypoglycin A nachgewiesen wurde.
Wichtiges Monitoring
Zwischen 2006 und Dezember 2023 dokumentierte die Atypical Myopathy Alert Group (AMAG) in Zusammenarbeit mit RESPE, dem französischen Netzwerk für Pferdegesundheit, insgesamt 3.199 Fälle von Atypischer Myopathie in Europa.
Die fünf Länder mit den meisten Fällen
Frankreich:………………………………………………………………1.310
Belgien:……………………………………………………………………..782
Vereinigtes Königreich:…………………………………………….412
Deutschland:……………………………………………………………..314
Niederlande:……………………………………………………………… 111
Im Herbst 2022 meldete zudem Ungarn erstmals einen Fall an AMAG.
Rund um die Atypische Weidemyopathie sind noch viele Fragen offen: Warum erkranken einige Pferde auf einer belasteten Weide, während andere gesund bleiben? Foto: Christiane Slawik
Gefahr erkannt
Neben weiterer Forschung sieht Prof. Zeyner auch Behörden und Politik in der Verantwortung. Zwar sei die Problematik des Bergahorns in Fachkreisen bekannt, in der Praxis werde sie jedoch häufig noch zu wenig berücksichtigt. Auch die Frage, ob riskante Bäume in bestehenden Betrieben gefällt und durch andere Arten ersetzt werden sollten, werde bislang kaum diskutiert. „Dies sind sicherlich Fallentscheidungen.
Zumindest sollte abgewogen werden, ob es möglich wäre, Ersatzpflanzungen an anderer Stelle vorzunehmen und die Pferdehaltung zu belassen“, sagt Prof. Zeyner. Und weiter: „Letztlich ist das auch eine Frage des Tierschutzes – wenn der Schutz von Bäumen über den Schutz von Pferden gestellt wird, nimmt man in Kauf, dass Tiere zu Schaden kommen.“ Deutlich wird: Die Atypische Weidemyopathie ist nicht nur ein Problem für Pferdehalter, sondern wirft auch rechtliche und politische Fragen auf. Trotz wichtiger Fortschritte in der Forschung bleibt sie eine unberechenbare Gefahr. Solange es keine ursächliche Therapie gibt, können Pferde nur durch umsichtiges Weidemanagement bestmöglich geschützt werden.
Sabine Heüveldop
Rechtliche Situation
Urteile zur Atypischen Weidemyopathie: Haftung klar geregelt
Dass Samen und Keimlinge des Bergahorns auf Pferdeweiden nicht nur ein Naturereignis sind, sondern auch rechtliche Folgen haben können, zeigen Gerichtsurteile. So verurteilte das Amtsgericht Heinsberg (Az. 19 C 363/19) einen Stallbetreiber zum vollen Schadensersatz, nachdem zwei Jährlinge auf einer Weide mit dem Verdacht auf Atypische Weidemyopathie erkrankten – einer davon tödlich. Dabei musste nicht der Pferdehalter den Bergahorn als Ursache belegen, sondern der Stallbetreiber hätte beweisen müssen, dass die Erkrankung nicht aus seinem Verantwortungsbereich stammte. Diesen Nachweis konnte er nicht erbringen. Auch das Amtsgericht Hohenstein- Ernstthal kam in einem vergleichbaren Fall zu dem Ergebnis, dass die Obhutspflichten eines Stallbetreibers verletzt worden waren, und sprach dem Pferdehalter Schadensersatz zu.
Wann haftet der Stallbetreiber?
Rechtsanwalt Wolfgang Walter Horn ist auf hippologische Rechtsfragen spezialisiert. Sein Schwerpunkt liegt im Pferdesportrecht, insbesondere im Schadens-, Haftungs- und Tierarztrecht. Horn erklärt: „Juristisch ist ein Einstellvertrag kein Mietvertrag, auch wenn oft von ‚Boxenmiete‘ die Rede ist. Tatsächlich handelt es sich um einen Verwahrungsvertrag (§§ 688 ff. BGB). Und dieser beinhaltet eine besonders strenge Sorgfaltspflicht des Verwahrers – also des Stallbetreibers – gegenüber dem in Verwahrung gegebenen Gut.“ Diese überobligatorische Pflicht liegt deutlich über der gewöhnlichen anderer Verträge wie Miet- oder Pachtverträge. Sie umfasst nicht nur Box und Zäune, sondern auch die Weiden und deren Umgebung. „Der Stallbetreiber muss strengstens prüfen, ob dort giftige Pflanzen stehen oder Samen einwehen können, und er muss Maßnahmen ergreifen. Tut er das nicht, haftet er, wenn das Pferd krank wird oder verstirbt – unabhängig davon, ob der Bergahornbaum auf dem eigenen Grundstück steht oder Samen von weiter her auf die Weide geweht werden“, so Horn. Eine Ausnahme gilt nur, wenn dem Pferdehalter ein Mitverschulden (§ 254 BGB) nachgewiesen wird. Erkennt er die Gefahr und ignoriert sie, kann das die Haftung mindern – sie entfällt jedoch nicht vollständig. Anders ist es, wenn ein Einsteller eine ausdrücklich gesperrte Fläche nutzt: In diesem Fall haftet der Stallbetreiber nicht.
Fazit
„Ich wundere mich, wie leichtfertig manche Stallbetreiber noch immer mit dieser Verantwortung umgehen“, warnt Horn. Die Rechtsprechung ist eindeutig: Wird die Sorgfaltspflicht verletzt, haftet der Stallbetreiber für die Folgen – auch im Fall von Atypischer Weidemyopathie durch Bergahorn.
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