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8. FN-Bildungskonferenz in Vechta zu Gast

Der Schlüssel zum Erfolg

Die FN-Bildungskonferenz machte auf ihrer Reise durch Deutschland in diesem Jahr in Vechta Station und bot den knapp 300 Besuchern wieder ein interessantes und hochkarätiges Programm.

Bettina Hoy zeigte mit zwei Schülerinnen im Praxisteil der Konferenz, wie „Lernen mit allen Sinnen“ funktioniert und stieg auch selbst in den Sattel.

Wie in den Vorjahren waren auch bei der achten Bildungskonferenz Referenten aus Wissenschaft und Praxis geladen. „Der Schlüssel zum Erfolg eines Ausbilders liegt in der Weiterbildung und im Erfahrungsaustausch mit Wissenschaftlern und anderen Trainern,“ betonte FN-Vizepräsident Dieter Medow und fügte hinzu: „Neue Angebotsformen des Lernens und des Lehrens, Qualitätssicherung und -management sowie der Erwerb von besonderen Schlüsselqualifikationen in der Trainertätigkeit sind Schlagworte, die in dieser Konferenz im Mittelpunkt stehen.“ Genau diesem Gedanken entsprach dann auch gleich das erste Referat des Tages, gehalten von Dr. Christian Heiss. Der Leitende Sportpsychologe des Deutschen Fechtverbandes sprach über effektive Wissensvermittlung im Reitsport aus (sport-) psychologischer Sicht

„Nun hör mal gut zu?!“ lautete die – etwas ketzerische – Überschrift seines Vortrags. Denn mit derartigen Aufforderungen lässt sich eine Verbesserung von Lernen und Leistung wohl eher nicht erzielen. Was kann und soll ein Lehrer, Trainer oder Ausbilder aber tun, um sein Ziel, also die Ausbildung und Förderung seines Schülers, zu erreichen? Ein entsprechendes Auftreten sowie ein sicherer Einsatz von verbalen und nonverbalen Kommunikationsmitteln wie Körpersprache, Sprache und Parasprache (Lautstärke, Betonung, Stimmlage, Geschwindigkeit) sei eine der Voraussetzungen. „Sie müssen sich aber auch darüber im Klaren sein“, erklärte er den Konferenzteilnehmern, „dass nicht alles, was Sie sagen, beim Sportler ankommt. Zwischen dem, was Sie meinen, und dem, was der Sportler, hier also der Reiter, versteht, kann es zu einem mehr oder weniger deutlichen Informationsverlust kommen.“

Dr. Christian Heiss, Sportpsychologe des Deutschen Fechtverbands, erklärte, wie der Trainer seinen Schüler ansprechen muss, um verstanden zu werden.

Nichts verstanden?

Die Gründe dafür seien unterschiedlicher Natur. So reichten bereits unterschiedliche Sprachebenen aus, effektive Kommunikation zu verhindern. „Sie erklären etwas und nutzen dabei vielleicht Fachbegriffe, die dem Schüler fremd sind. Da er ein netter Schüler ist, nickt er brav – hat aber vielleicht nur die Hälfte oder nichts verstanden.“ Aber auch Dinge wie Emotionen oder Erwartungen hätten Einfluss auf das, was beim Schüler ankommt und was nicht oder aber anders, als es der Ausbilder erhofft. Der 50-minütige Vortrag des Sportpsychologen ging um wie im Fluge, ein Zeichen, dass seine Kommunikation mit den Zuhörern perfekt funktionierte. Einen Tipp gab er den Ausbildern noch mit auf den Weg: „Wenn Sie mit Ihren Schülern im Training sprechen, dann in einfachen Sätzen, anschaulich, prägnant und strukturiert. Es geht nicht darum, dass Sie Ihr Wissen präsentieren, sondern dass Sie es ihrem Schüler effektiv vermitteln. Mehr als drei Punkte gleichzeitig sollten Sie dabei nicht ansprechen, denn mehr kann vom Schüler nicht aufgenommen werden.“

Sozialkompetenz

Um Vermittlung von Werten und vor allem auch von Sozialkompetenzen ging es im zweiten Vortrag des Tages, den Fußballtrainer und Trainerausbilder Martin Hugel aus Münster hielt. Bei seinen Ausführungen interessierte vor allem die Frage, wie andere Sportverbände Jugendarbeit und Traineraus- und -fortbildung betreiben. „Der Blick über den Gartenzaun hinüber zu anderen Sportarten ist ja ein erklärtes Ziel unserer Konferenz“, erklärte Organisatorin Eva Lempa-Röller, Fachreferentin in der FN-Abteilung Ausbildung und Wissenschaft und „Erfinderin“ der FNBildungskonferenz. „Sicher ist nicht alles auf den Pferdesport übertragbar, aber es geht hier mehr darum, sich auszutauschen, voneinander zu lernen und gute Ideen aufzugreifen.“ Dass die Trainer-C-Ausbildung des Deutschen Fußballbundes einen Prüfling nur rund 100 Euro kostet, war in diesem Zusammenhang natürlich ein Grund für amüsierten Applaus.

„Der DFB ist eben“, grinste Hugel, „ein ziemlich reicher Verband. Dafür kommen beim Trainer A dann aber im Gegenzug auch schon mal Kosten von rund 20.000 Euro zusammen.“ Hugel, im Hauptberuf Lehrer, hob vor allem die soziale Bedeutung des Fußballs und des Sports hervor. „Kinder sind heute stark durch Erwachsene geprägt“, erklärte er. „Im Gegensatz zu früher lernen Kinder heute kaum noch, sich selbst auszuprobieren und dabei Grenzen zu erfahren. Kita, Kindergarten, Schule – alles wird reglementiert, überall greifen sofort Erwachsene ein.“ Der Fußball böte dagegen Kindern die Möglichkeit, Verständnis für andere zu erlernen. „Wir wollen deshalb Worte wie Teamgeist, Respekt, Fairplay oder Umgang mit Sieg oder Niederlage wieder an die erste Stelle setzen und deren Inhalte auch vermitteln.“ Dass das funktionieren kann, bestätigte im Anschluss FN-Ausbildungsleiter Thies Kaspareit, dessen beide Söhne in Hugels Verein SC Preussen Münster Fußball spielen. „Schon wenn man sieht, wie dort alle miteinander umgehen, Kinder, Eltern und Trainer gleichermaßen,“ erklärte er, „dann weiß man, dass der eigene Nachwuchs da gut aufgehoben ist.“

Fußballtrainer und Trainerausbilder Martin Hugel aus Münster erklärte den Zuhörern, wie die Jugend in seiner Sportart gefördert wird.

Gastgeber Klaus Bergjohann vom Pferdesportverband Weser-Ems führte die Teilnehmer ins Thema ein und verdeutlichte die Wichtigkeit qualifizierter Trainer. Zudem erläuterte er die Arbeitsschwerpunkte der Landeslehrstätte Pferdesport in Vechta.

Richtige Werte vermitteln

Bevor der Praxisteil der Konferenz begann, informierte Kaspareit über das neue Bildungsverständnis der FN. „Die Idee, ,Bildung durch Pferdesport‘ mehr in den Fokus zu rücken, ist ja – leider – vor einigen Jahren durch damals aktuelle Doping- und Medikationsverstöße entstanden. Wir haben uns seinerzeit die Frage gestellt: Wo kommt eine solche Manipulationsbereitschaft überhaupt her und was kann man tun, um richtige Werte schon Kindern erfolgreich zu vermitteln.“ Erste Ergebnisse aus diesen Überlegungen flossen bereits in die APO ein, verbunden mit einem neuen Lern- und Lehrverständnis. Das ‚Mentoring‘ in der Trainerausbildung sowie das DOSB-Ausbilderzertifikat sind nur zwei Neuerungen. Auch die Veränderung der Abzeichenprüfungen weg von der strikten Trennung von Theorie und Praxis und reinem Wissensabfragen hin zu offenen, praxisorientierten Prüfungsgesprächen gehört dazu. „Wir wollen damit ein neues Prüfungsverständnis ‚rüberbringen und etablieren“, so Kaspareit. „Das Prinzp lautet: handlungsorientiert, ganzheitlich und praxis-theorie-integiert.“

Wolfgang Egbers zeigte mit seiner Schülerin neben der Wirkungsweise des Schenkelweichens auch die Erarbeitung der beginnenden Versammlung durch Galopp-Schritt-Übergänge auf kleinen gebogenen Linien.

Lernen mit allen Sinnen

Wie das in der Praxis aussehen kann, war Themenschwerpunkt der Olympionikin Bettina Hoy. Ihre Lehrdemo stand unter der Überschrift „Lernen mit allen Sinnen“ und zeigte, wie man als Ausbilder mit sprachlichen Erklärungen, Einsatz von Hilfsmitteln sowie selber reiten seine Schüler so effektiv wie möglich unterrichten kann. Ihr zur Seite standen bzw. ritten zwei junge Reiterinnen, die ihre Pferde zunächst durch einen längs gestellten Stangen-Slalom im Zick-Zack-Schenkelweichen Schritt reiten sollten. „Auf diese Weise müssen sie genaue Hilfen geben und fühlen besser die Wirkung ihres inneren Schenkels in Verbindung zum jeweils äußeren Zügel“, erklärte Bettina Hoy.

Nach und nach steigerte sie die Anforderungen, bis sie sich schließlich aufs erste Pferd selbst setzte. „Ich werde oft gefragt“, lachte sie, „wie hast du das gelernt? Meine Antwort: Indem ich gemacht habe, was der Ausbilder mir gesagt hat. Indem ich anderen Reitern zuschaue. Aber den größten Unterschied hat es für mich als Kind gemacht, wenn Papi sich aufs Pferd gesetzt hat und ich anschließend lernen konnte, wie es sich richtig anfühlt.“ Auch aufs zweite Pferd ihrer Lehr-Demo sprang die Vielseitigkeitsreiterin kurz drauf und arbeitete es ein paar Minuten in Trab und Galopp. Beide Reitschülerinnen fühlten anschließend einen deutlichen Unterschied vom Sattel aus und wussten plötzlich, was Bettina Hoy meinte, wenn sie von „dein Pferd muss mehr vor den treibenden Hilfen sein“ oder „gib ihm am Schenkel mal einen Schubs“ sprach. „Deshalb setze ich mich auch immer auf die Pferde meiner Schüler. Ich finde es enorm wichtig, selbst zu fühlen, was mit einem Pferd ist, wie es reagiert. Ich kann sonst dem Reiter alles Mögliche von unten sagen, aber von oben sieht die Sache vielleicht ganz anders aus.“

Karin Lührs will ihre Reitschüler zu mehr Selbständigkeit im Trainingsprozess erziehen.

Ein Dankeschön für unermüdliches Engagement in der Förderung der Bodenarbeit: Sally Mauson wurde von FN-Vizepräsident Dieter Medow (li.) und Klaus Bergjohann mit der Dieter-Graf-Landsberg- Velen-Medaille in Bronze ausgezeichnet.

Selbständigkeit

Ohne eigenes Reiten kamen die beiden letzten Referenten des Tages aus, denn sie hatten eigene Schüler und Pferde mitgebracht, die sie bereits kannten. Zunächst ging Karin Lührs, Richterin, Grand Prix-Reiterin und als Trainerin A auf der eigenen Reitanlage selbstständig, ans Werk. „Förderung der Selbstständigkeit im Trainingsprozess“ lautete ihr Thema, bei dem sie demonstrierte, wie man als Ausbilder einen Reitschüler in den Lehr- und Lernprozess mit einbinden kann. „Beim Unterrichten schaue ich zunächst: Was ist gut, was ist weniger gut“, erklärte sie. „Ich muss differenzieren und einen Fokus legen. In diesem Fall hier wäre das heute die Verbesserung des Bergaufs in der Galoppade.“ Im Gegensatz zu manchen Trainern sprach Karin Lührs eher weniger, gab nur hin und wieder kurze Anweisungen, die sie nach Ausführung einer Übung immer kurz mit der Reiterin besprach und sich von ihr beschreiben ließ, wie sie die Übung gefühlt habe und wie sie sie bewerten würde. „Wir müssen es als Ausbilder erreichen“, so Lührs, „dass der Reiter immer besser ein eigenes Feedback geben kann. Ich bin als Trainer ja nicht immer dabei und möchte meine Reitschüler deshalb zum selbstständigen Arbeiten mit ihrem Pferd führen. Ich möchte einem Reiter im Unterricht immer klar machen, warum er etwas tut und was es bewirkt. Um das zu erreichen, besprechen wir in der Stunde die Dinge, die wir bearbeiten. Mal ist dabei mehr der Reiter im Fokus, mal das Pferd.“ Den Fokus vermehrt aufs Pferd richtete anschließend Pferdewirtschaftsmeister Wolfgang Egbers, unter anderem Vorstandsmitglied der FN Abteilung Sport und des DOKR.

Mitgebracht hatte er eine schwedische Reiterin auf einem sechsjährigen, großrahmigen Schimmel, mit der er das Erarbeiten und Verfeinern der diagonalen Hilfengebung aufzeigte. Über das Schenkelweichen im Schritt – „aus meiner Sicht eine enorm wichtige Übung, wenn es um die Abstimmung zwischen Zügel- und Schenkelhilfen geht“ – ließ Egbers die Reiterin bis hin zu schwungvollen, weit ausgreifenden Traversalen arbeiten. Zu jedem Einzelschritt erklärte er den Zuhörern und damit auch der Reiterin, wozu etwas, wie beispielsweise Trab-Schritt-Übergänge innerhalb eines Schenkelweichens, dient, was eine derartige Übung bewirkt und welche Hilfen dazu richtig bzw. falsch seien.

Bodenarbeit im Fokus

Bevor es dann an die nun schon traditionelle Ehrung der Amateurausbilder mit der Lütke Westhues-Auszeichnung für besonders gute Leistungen in den jeweiligen Ausbilderprüfungen ging, stand noch eine ganz spezielle Auszeichnung auf dem Programm. Sally Mauson, langjährige Breitensportbeauftragte beim Pferdesportverband Weser-Ems, Mitglied im FN-Arbeitskreis Bodenarbeit, erhielt aus der Hand von Claus Bergjohann, Vorsitzender des Pferdesportverbandes Weser-Ems und des Reiterverbandes Niedersachsen, und Dieter Medow die Dieter-Graf- Landsberg-Velen-Medaille in Bronze für besondere Verdienste verliehen. Sally Mauson stand die Überraschung ins Gesicht geschrieben. „Ich wusste wirklich bis eben nicht, warum ich gebeten worden war zu kommen“, lächelte sie und appellierte dann eindringlich: „Bodenarbeit wird oft als Anfängerkram abgetan. Aber denken Sie daran: Nicht alle Reiter werden Grand-Prix-Reiter. Aber alle Grand-Prix-Reiter waren mal Anfänger.“

Britta Schöffmann

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