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Getreidefreie Pferdefütterung

Geht´s ganz ohne?

Die Auswahl steigt stetig, Zusatzfuttermittel mit unterschiedlichsten Versprechen werden angepriesen. Und es gibt noch einen Trend am Futtermittelmarkt für Pferde: die getreidefreie oder getreidearme Fütterung. Was es damit auf sich hat und welche funktionale Rolle Getreide innerhalb der Fütterung spielt – das PM-Forum schaut genau hin.

Getreide ist ein etablierter Bestandteil der Pferdefütterung – doch geht es auch ohne? Foto: Stefan Lafrentz

Von der ersten Domestizierung des Pferdes bis heute als Sport- und Freizeitpartner ist viel Zeit vergangen. Haltung, Nutzung und Fütterung haben sich verändert. Doch eines ist immer gleichgeblieben: der funktionelle Vorgang der Verdauung. Das Wissen darüber sollte stets der Grundstein eines gesunderhaltenden Fütterungsmanagements sein – daher der Reihe nach: Im Dünndarm werden Stärke, Zucker, sowie vorverdaute Eiweiße und Fette mithilfe von Verdauungsenzymen und Galle in ihre kleinsten Bestandteile zerlegt. Die freigesetzten Nährstoffe – Glukose, Aminosäuren, Fettsäuren sowie fettlösliche Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente – können anschließend über die Darmwand direkt in die Blut- oder Lymphbahn aufgenommen werden. Diese effiziente Aufschlüsselung ist entscheidend für die Gesunderhaltung des Pferdes. Denn gelangen größere Mengen unverdauter Stärke, zum Beispiel durch zu große Getreiderationen, in den Dickdarm, kommt es dort leicht zu Fehlgärungen und einem Abfall des pH-Wertes. Dies kann gefährliche Störungen der Darmflora nach sich ziehen. Trotzdem ist das Pferd primär ein „Dickdarmverdauer“. Hier finden die mikrobielle Verdauung und Zersetzung von Futterbestandteilen wie Cellulose, Hemicellulose, Pektinen und weiteren statt, die vor allem in Heu, Gras und Stroh vorhanden sind. Die Darmflora des Dickdarms ist sehr sensibel und auf ebendiese faserreiche Nahrung (Strukturkohlenhydrate) angewiesen und ausgelegt, die durch Bakterien und Darmsymbionten wie Pilze und Protozoen verdaut wird.

Energie als Antrieb

Kohlenhydrate sind eine Energiequelle. Dabei muss unterschieden werden zwischen Nicht-Struktur-Kohlenhydraten, also leicht verdaulichen Kohlenhydraten wie Zucker und Stärke, und Struktur-Kohlenhydraten wie Cellulose und Hemicellulose. Zucker und Stärke werden wie eingangs beschrieben im Dünndarm verdaut und gelangen als Zucker in die Blutbahn, faserreiche Nahrung hingegen wird im Dickdarm zu kurzkettigen Fettsäuren abgebaut – diese werden vom Pferd genutzt, lassen jedoch den Blutzuckerspiegel nicht ansteigen. 

Pferde, insbesondere sportlich genutzte, brauchen Energie – doch diese muss nicht zwangsläufig aus Getreide und der darin enthaltenen Stärke stammen. Foto: Christiane Slawik

Praxisüblich basiert der Kraftfutteranteil für sportlich genutzte Pferde auf Getreidestärke, die wertvolle Energie zuführt, und das Enzym Amylase zur Verdauung im Dünndarm benötigt. Ein Enzym, das beim Pferd eher wenig vorkommt. „Die Stärkeverdaulichkeit ist ein zentraler Aspekt in der Pferdefütterung, da sie direkten Einfluss auf die Gesundheit des Verdauungssystems hat“, erklärt Agrarwissenschaftlerin Sara Esser, die als Produktmanagerin für einen großen Pferdefuttermittelhersteller arbeitet. Klar ist: Jedes Pferd benötigt Energie. Diese muss aber nicht zwingend aus Getreidestärke gezogen werden. Auch andere Nahrungsquellen liefern gute Energie. „Fett liefert etwa doppelt so viel Energie wie Stärke. Demzufolge sind Öle und ölhaltige Saaten, zum Beispiel Sonnenblumenkerne oder Leinsamen, sehr gute Energiequellen für das Pferd. Sie werden langsamer verdaut und schonen den Darm“, erklärt Sara Esser. Hierbei sollten fetthaltige Futtermittel langsam eingeschlichen werden. Der Schluss: Eine getreidefreie Fütterung ist per se erstmal für alle Pferde geeignet.

Verdaulichkeit ausschlaggebend

Wird Stärke in zu großen Mengen pro Mahlzeit gefüttert oder ist die Verdaulichkeit gering – zum Beispiel bei unbehandeltem Mais und Gerste – kann sie nicht im Dünndarm aufgeschlossen werden und gelangt in den Dickdarm, dessen Darmflora durch den übermäßigen Stärkegehalt aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann. „Dadurch werden gesundheitliche Probleme wie Koliken, Durchfall oder Hufrehe begünstigt. Eine gute Stärkeverdaulichkeit schützt also vor solchen Risiken und sorgt für eine effiziente Energieversorgung“, erläutert Fütterungsexpertin Sara Esser. Getreide liefert schnell verfügbare Energie und ist grundsätzlich nicht schlecht, insbesondere für Pferde, die einen erhöhten Energiebedarf haben. „Wichtig ist es, auf angepasste Mengen zu achten. Als Faustregel gilt: maximal ein Gramm Stärke pro Kilogramm Körpergewicht des Pferdes pro Mahlzeit. Dies bedeutet am Beispiel von Hafer max. 1,5 Kilogramm Hafer pro Mahlzeit für ein 600 Kilo schweres Pferd. Diese theoretische Regel bezieht sich allerdings auf Stärke als Basis und kann nicht auf alle Futtermittel übertragen werden. Getreidefreies oder getreidereduziertes Futter hat zwar einen niedrigen Stärkegehalt, das bedeutet aber nicht, dass man deshalb gleich deutlich mehr füttern kann. Denn zusätzlich muss man auf die Gesamtmenge der Mahlzeit achten, um den Magen und die Verdauung nicht zu überladen. Es gilt ein Maximum von ca. 0,3 Kilogramm pro 100 Kilo Körpergewicht. Die gesamte Futtermenge pro Mahlzeit für ein 600 Kilo schweres Pferd sollte also 1,8 Kilogramm keinesfalls überschreiten“, erklärt Sara Esser. Wichtig ist auch zu überlegen: Wieviel Leistung erbringt mein Pferd wirklich? Hier wird das tatsächliche Arbeitspensum oft überschätzt und entsprechend zu viel Kraftfutter gefüttert.

Unverhältnismäßige Getreidefütterung:

Erkrankungen und Symptome

  • Bewegungsunlust
  • Kreuzverschlag-ähnliche Symptome
  • übermäßiges Schwitzen
  • Muskelzittern
  • Empfindlichkeiten
  • häufiges Gähnen beim/nach dem Füttern, Leerkauen
  • Empfindlichkeit beim Gurten
  • Fehlgärungen und Maulgeruch
  • Rittigkeitsprobleme
  • Adipositas/Gewichtsabnahme

Egal für welches Pferd: Qualitativ hochwertiges Raufutter sollte immer die Basis aller Fütterung sein. Die Zusammensetzung variiert u.a. je nach Region, Düngung und Schnittzeitpunkt.

Sinnvoll: Wer sein Heu analysieren lässt, kann anschließend Zusatzfutter zielgerichtet ergänzen. Fotos (6): Christiane Slawik

Auf dem Vormarsch

Die Futtermittelindustrie erlebt in den letzten Jahren einen regelrechten Boom an Marktneuzugängen. Nicht leicht, hier den Überblick zu behalten. Wichtig: „Die Grundlage jeder Ration muss qualitativ gutes Heu sein, erst dann sollte bei Bedarf zusätzliche Energie zugeführt und die Ration durch Zusätze ergänzt werden – doch nur, wenn es wirklich nötig ist“, appelliert Sara Esser. Um die Ration spezifisch errechnen und ergänzen zu können, kann eine Analyse des Raufutters sinnvoll sein. Die Zusammensetzung von Raufutter variiert nämlich je nach Region, Düngung, Wiese und Schnittzeitpunkt. Das, was das Raufutter an Nährstoffen nicht liefert, muss ergänzt werden. Ähnlich verhält es sich beim Weideaufwuchs, wenn auch Weidegras einen Teil der Ration einnimmt. „Und es kommen natürlich weitere spezifische Faktoren vom Pferd selbst hinzu: Alter, Leistung, Futterverwertung, Bemuskelung, Krankheiten, Verletzungen und Nutzung des Pferdes“, erklärt Dr. Anne Mößeler-Witte, Fachtierärztin für Tierernährung und Diätetik. Die Trendwende zu getreidearmer und getreidefreier Fütterung ergibt sich aus dem zunehmenden Bewusstsein für Magen- und Darmprobleme und anderen Stoffwechselerkrankungen wie EMS, PSSM 1, MIM oder Hufrehe. Auch Unverträglichkeiten lassen sich oft mit Getreide in Verbindung bringen. „Unterm Strich können alle Pferde getreidefrei versorgt werden, wenn die Rationsberechnung stimmt und die Energiezufuhr über andere Quellen erfolgt. Vor allem bei getreideinduzierten Symptomen oder vorliegenden Erkrankungen sollte auf Getreide verzichtet werden“, fasst Sara Esser zusammen. Hinzu kommt, dass bei vermehrter Getreidefütterung auf eine ausreichende Versorgung mit essenziellen Aminosäuren geachtet werden muss. Denn Getreide enthält zwar Eiweiß, jedoch oft in unzureichender Menge ebendieser essenziellen Aminosäuren. Dabei sind Lysin, Methionin und Threonin besonders wichtig für Muskelaufbau und Regeneration. Diese wichtigen Nährstoffe können alternativ auch aus getreidefreien Einzelfuttermitteln wie Luzerne, Sojaextraktionsschrot, Bierhefe, Erbsenflocken und Leinkomponenten zugeführt werden – also aus Ölsaaten und Hülsenfrüchten.

Rationsberechnung

Die Lehre der Diätetik ist Teil der allgemeinen Ernährungslehre und befasst sich vorranging mit ernährungstherapeutischen Maßnahmen zur Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten. „Es geht in dieser Lehre und Praxis nicht bloß darum, das Pferd bedarfsgerecht zu versorgen. Die bedarfsgerechte Versorgung ist sogar im Tierschutzgesetz geregelt. Diätetik geht darüber hinaus, weil bestimmte Erkrankungen oder auch vorliegende Veranlagungen einen spezifischeren Blick auf die Ernährung erfordern“, erklärt Diätetik- Expertin Dr. Anne Mößeler-Witte. Diät bezieht sich hier also nicht zwangsläufig auf das Reduzieren von Gewicht, sondern gleichermaßen auf eine individuelle Fütterung und entsprechende Maßnahmen innerhalb des Fütterungsmanagements. Sie kann sich also auch auf die Fütterungstechnik auswirken, wie zum Beispiel das Angebot vieler kleiner Kraftfuttermahlzeiten oder das Wässern von Heu. „Eine Rationsüberprüfung und -optimierung ist bei Pferden allgemein sinnvoll, nicht nur, wenn gesundheitliche Probleme bestehen“, rät Dr. Mößeler-Witte.

Hafer, Gerste und Maisflocken

Getreide im Vergleich

Hafer ist das einzige Getreide, das auch in unbehandelter Form eine Stärkeverdaulichkeit von über 80 Prozent aufweist. Das liegt vor allem an der rauen Oberflächenstruktur, die schnell zerfällt. Im Vergleich dazu haben unbehandelter Mais und Gerste eine glatte Oberfläche, weshalb ihre Stärkeverdaulichkeit bei unter 30 Prozent liegt. Wärmebehandlungen wie Flockieren oder Puffen machen Mais deutlich verdaulicher. Gerste sollte hingegen immer gequetscht werden. Alternativ bietet Getreidemischfutter in Pelletform oder hydrothermisch aufgeschlossen eine gute Stärkeverdaulichkeit im Dünndarm.

Stoffwechselerkrankungen

Pferde mit Stoffwechselstörungen (z.B. Insulindysregulation; Insulinresistenz) sollten idealerweise kein Futter mit hohem glykämischen Index erhalten, also keine Futtermittel, die den Blutzuckerspiegel nach oben treiben. Etliche Pferde sind ohnehin übergewichtig, wenn diese Störung vorliegt. Bei Cushing- Patienten und PSSM1 ist eine getreidefreie bzw. zuckerarme Fütterung sinnvoll. Unbedingt zu beachten ist, dass „getreidefrei“ beim Futter nicht unbedingt bedeutet, dass es arm an Zucker ist. 

Eine getreidefreie bzw. zuckerarme Fütterung kann vor allem bei Pferden mit Stoffwechselerkrankungen wie Cushing sinnvoll sein. Fotos (4): Christiane Slawik

Energie muss nicht nur aus Stärke stammen: Öle und ölhaltige Saaten wie Leinsamen oder Sonnenblumenkerne liefern doppelt so viel Energie, werden langsam verdaut und schonen den Darm.

Und Zucker lässt den Blutzuckerspiegel noch schneller ansteigen als Stärke. Möhren und Äpfel, daher auch Trester in Leckerlies, sind diesbezüglich besonders hervorzuheben und sollten daher bei Pferden mit den genannten Krankheiten als Snack eher die absolute Ausnahme bleiben.

Markt voller Möglichkeiten

Der Markt bietet mittlerweile schier grenzenlose Möglichkeiten innerhalb der Pferdefütterung. Für nahezu alle Krankheiten, Symptome und Pferdetypen gibt es spezielle Futtermittel. Oftmals wird durch gut platzierte Werbung ein Problem suggeriert, für das die entsprechende Lösung in Form eines Futtermittels natürlich schon parat steht. 

„Die Vielzahl an Produkten kann Segen und Fluch zugleich sein – wenn ich weiß, was mein Pferd zusätzlich zur Basisration benötigt, dann finde ich mit hoher Wahrscheinlichkeit ein passendes Produkt“ sagt Dr. Anne Mößeler- Witte und mahnt gleich dazu: „Für den Laien ohne entsprechend fundierte Beratung und ohne Futteranalysen sind der Markt und einzelne Futtermittel oftmals gar nicht überschaubar. Durch die Kombination mehrerer Produkte, zum Beispiel mineralisiertes Müsli plus Ergänzungsfutter für beispielsweise gute Hufe, kann es durchaus auch zu kritischen Überversorgungen kommen. Auch unbeabsichtigte und unbemerkte Unterversorgungen sind ein Thema, zum Beispiel kann bei hoher Kalziumaufnahme durch vermehrten Einsatz von Luzerne die Zinkverwertung gestört sein.“ Es empfiehlt sich also unbedingt genau hinzuschauen und bei der Fütterung individuelle Lösungen zu finden. Oftmals gilt: weniger ist mehr. Und ob mit oder ohne Getreide hängt dann vom Einzelfall ab.

 

Lorella Joschko

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