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Getreidefreie Pferdefütterung

Fitness: Pferde systematisch trainieren

Mit Pulsuhr und Gefühl

Ein möglichst fittes Pferd möchte jeder haben. Denn Fitness hat nicht nur mit Erfolg zu tun, sondern auch mit Gesundheit, Motivation und Sicherheit. Wie Reiter die Fitness ihrer Pferde fühlen und einschätzen lernen und wie Tierärzte Leistungsfähigkeit diagnostizieren, erklären FN-Tierärztin Stephanie Horstmann, Chiropraktikerin Dr. Anita Schade, Vielseitigkeits-Kaderreiterin Pauline Knorr und Nina Weltrich von der Pferdeklinik Burg Müggenhausen.

Foto: Arnd Bronkhorst

Da stimmt etwas nicht, das gefällt mir nicht, irgendetwas ist komisch – welcher Reiter kennt solche Momente nicht? Derart unspezifische Gefühle hatte auch ein Vielseitigkeitsreiter nach dem Ziel einer Geländestrecke der Klasse L. So meldete er sein Pferd zur Leistungsdiagnostik in der Pferdeklinik Burg Müggenhausen in Weilerswist/ NRW an. Leistungsdiagnostik – das ist die systematische Erfassung, Bewertung und Überwachung der körperlichen Leistungsfähigkeit und Fitness des Pferdes. Bei dem Vielseitigkeitspferd in Weilerswist kam die Tierärztin Nina Weltrich von Burg Müggenhausen schnell auf ein Ergebnis: eine leichte Entzündung der tiefen Atemwege. Das Gefühl des Reiters täuschte also nicht. Gut, dass das Problem frühzeitig entdeckt wurde. Entsprechende Maßnahmen und ein angepasstes Training brachten das Pferd nach wenigen Wochen wieder fit und gesund zurück in den Sport.

Leistungsdiagnostik – wie und warum?

Um die Leistung eines Pferdes während des Trainings objektiv und genau zu erfassen, ist es sinnvoll, bestimmte Parameter wie Geschwindigkeit, Dauer, Höhenprofil, Herzfrequenz und Laktatwerte regelmäßig zu messen. Wer Trainingsdaten misst, kann objektiv erkennen, ob das Pferd fitter wird. Das ist zum Beispiel erkennbar, wenn …

  • das Pferd das gleiche Training absolviert, aber eine niedrigere Herzfrequenz hat als zuvor.
  • das Pferd eine definierte Strecke schneller galoppieren kann und die Herzfrequenz gleichbleibt – die kann der Reiter über einen Pulsgurt kontrollieren.

Check: Ist mein Pferd fit?

Das ist ein typisches Beispiel, welches die Tierärztin Nina Weltrich in der Pferdeklinik Burg Müggenhausen oft erlebt. Die Klinik bietet wie viele andere Pferdekliniken eine umfassende Leistungsdiagnostik an, um zu checken, ob das Pferd fit für die Anforderungen ist, die ihm gestellt werden. In der Regel schließt sich an die Diagnose ein Trainingsplan an, um Überlastung zu vermeiden, die Fitness zu steigern und die Gesundheit langfristig zu sichern. 

Vielseitigkeitsreiterin Pauline Knorr hat das Prinzip Leistungsdiagnostik verinnerlicht. Foto: Thomas Holcbecher/sportfotos-lafrentz.de

Auf dem Laufband lässt sich Leistung unter standardisierten Bedingungen kontrollieren. Foto: Frank Sorge

Kurz erklärt: Belastungs-Endoskopie und EKG

Die Belastungsendoskopie untersucht mit einer Kamera, die per flexibler Sonde durch die Nüstern in die oberen Atemwege eingeführt wird, wie das Pferd unter dem Reiter oder auf einem Laufband während der Bewegung atmet. Erkennbar sind dann gegebenenfalls Kehlkopfpfeifen, Ursachen von Atemgeräuschen, Lähmungen oder ungewöhnliche Bewegungen von Kehlkopf oder Gaumensegel, oder eventuell Schleim und Sekrete in der Luftröhre. So kommen Tierärzte eventueller Leistungsschwäche auf die Spur. Ein Belastungs-EKG (Elektrokardiogramm) ist eine medizinische Untersuchung, mit der die elektrische Aktivität des Herzens während der Bewegung aufgezeichnet wird. Dabei werden kleine Elektroden auf der Haut unter beziehungsweise neben dem Sattel angebracht. Diese messen die elektrischen Signale, die das Herz bei jedem Schlag erzeugt. Das EKG kann dazu dienen, unter Umständen lebensbedrohende Herzrhythmusstörungen zu identifizieren, welche sich oft erst unter der Belastung zeigen.

Am Deutschen Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR) in Warendorf ist die Leistungsdiagnostik seit den 1990er Jahren ein Thema für die Spitzensportpferde (siehe Infokasten Seite 12). „Ziel der Leistungsdiagnostik ist die optimale Vorbereitung auf die Wettkampfanforderungen und die langfristige Gesunderhaltung der Pferde“, sagt Stephanie Horstmann, die seit 15 Jahren im DOKR-Projekt „Leistungsdiagnostik“ mitarbeitet. „Ein fittes Pferd ist auch eine Frage der Sicherheit für Pferd und Reiter: Werden Pferde müde, leidet ihre Koordination. Dann stolpern sie eher“, warnt Stephanie Horstmann. Die Fitness des Pferdes geht also jeden Reiter an.

Im Blick behalten

Lange vor dem Spitzensport und dem Besuch in einer Pferdeklinik gilt es für verantwortungsbewusste Reiter, täglich das Pferd bezüglich seiner Fitness in Augenschein zu nehmen. Dr. Anita Schade aus Freckenhorst in Nordrhein- Westfalen ist Tierärztin, Chiropraktikerin und Osteopathin. Sie betont, dass eine gute Beobachtung die Basis ist: „Dafür ist es wichtig, dass jeder sein Pferd gut kennt, sonst kann man nicht werten, ob es ihm gut oder weniger gut geht!“. Der erste Check beginnt beim „Hallo“-Sagen: „Schauen Sie Ihrem Pferd ins Auge, wie ist der Blick? Das Ohrenspiel, wie wach schaut es Sie an? Ist das Auge groß, hell und wach? Oder wirkt das Pferd, als ob es in sich hineinblickt?“ Im Stall lässt sich viel erkennen: Wie verhält sich das Tier zur Futterzeit? Wie steht es angebunden beim Putzen – wie ist die Kopf-Hals-Haltung, ist die Körperspannung positiv? Glänzt das Fell oder entdeckt man Stellen mit aufgestellten Haaren? „Das kann ein Zeichen sein, dass die Muskulatur an dieser Stelle Stress hat“, macht die Tierärztin aufmerksam. Ist das Pferd symmetrisch und spiegelbildlich bemuskelt? Es sollten keine Knochenvorsprünge zu sehen sein: nicht am Hüftknochen, nicht an der Wirkbelsäule und auch nicht an Widerrist oder Schulter – auch wenn das typabhängig ist. „Ein fittes, durchtrainiertes Pferd wirkt immer relativ harmonisch“, findet Dr. Anita Schade. „Diese Pferde strahlen auch eine souveräne Gelassenheit und ein gewisses Selbstbewusstsein, Ruhe und Selbstvertrauen aus. Kurz: Sie lassen uns einen gewissen Habitus spüren.“ Doch auch sie weiß, dass es gute und weniger gute Tage gibt. Oft seien es nur feine Nuancen, die sich manchmal in Luft auflösen oder frühzeitig Hinweise geben – bevor ein Problem zu einer echten Gesundheitsfrage wird.

Der Weg zur Leistungsdiagnostik für Spitzenpferde 

Was heute im Spitzensport der Pferde als selbstverständlich gilt, begann Mitte der 1990er Jahre mit einem Forschungsprojekt der Universität Hannover in Kooperation mit der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) und der Bundeswehrsportschule Warendorf. Ziel war es, herauszufinden, welche Auswirkungen systematisches Training auf junge Pferde hat. Dafür wurden dreijährige, noch nicht eingerittene Pferde, in der Bundeswehrsportschule eingestallt und über mehrere Jahre unter unterschiedlichen Bedingungen trainiert sowie wissenschaftlich begleitet. Aus diesen Untersuchungen gingen mehr als 30 Dissertationen hervor. Die Anregung, dieses Wissen und die Methoden in den Spitzensport zu transferieren, brachte eine Doktorandin, die gleichzeitig im Kader des Vielseitigkeitssports war. Dann standen die Olympischen Reiterspiele in Hongkong 2008 unter speziellen klimatischen Bedingungen an. Die hohen Temperaturen und die hohe Luftfeuchtigkeit stellten die Pferde vor eine Herausforderung. Im Vorfeld der Spiele wurde erstmals eine hauptberufliche tierärztliche Stelle zur Betreuung der Olympiapferde eingerichtet. Daraus entwickelte sich ein festes Team, das heute aus drei Tierärzten und einem Trainingsdaten-Analysten besteht. Sie betreuen vier olympische und paralympische Reitsportdisziplinen, mit Schwerpunkt auf der Vielseitigkeit. Pro Jahr werden heute rund 140 Pferde analysiert. Die Arbeit des Teams beruht auf drei Säulen: Analyse von Wettkampf- und Trainingsleistungen, Trainingsdokumentation und systematischer Trainingsplanung. Besonders im Nachwuchsbereich hat sich diese Herangehensweise etabliert. Viele ehemalige Junioren, die heute im Olympiakader stehen, sind mit dieser Form der Trainingsbegleitung aufgewachsen. Die enge Verzahnung von Wissenschaft, Trainerteam und Reitern zeigt Erfolge – unter anderem durch zahlreiche olympische Medaillen.

Schon beim Umgang im Stall und beim Putzen können aufmerksame Reiter viel darüber erfahren, wie es ihrem Pferd geht. Foto: Stefan Lafrentz

Wer immer dieselbe Strecke galoppiert und dabei Zeit und Herzfrequenz misst, gewinnt einen guten Eindruck darüber, ob sich die Kondition verbessert. Fotos (3): Stefan Lafrentz

Messungen in Eigenregie

Um die Fitness anhand von Messungen zu prüfen, muss man nicht gleich in eine Pferdeklinik oder an das DOKR: Die Vitalwerte geben erste Hinweise und diese kann jeder selbst messen – Puls, Atmung und Temperatur (siehe Infokasten unten). Den Puls kann man am Gefäß über dem Backenknochen tasten: 15 Sekunden lang den Puls fühlen und die Zahl mit 4 multiplizieren. In Ruhe liegt der Puls bei 28 bis 40. „Die Atemzüge kann ich sogar zählen, wenn ich auf dem Pferd sitze – weil ich das ja spüre. Oder jemand beobachtet die Flanken des Pferdes und zählt die Atemzüge eine halbe oder ganze Minute“, sagt Stephanie Horstmann. Wichtig sind für solche Beobachtungen – um sie als Vergleich heranzuziehen – standardisierte Belastungen unter standardisierten Bedingungen. „Zum Beispiel immer auf demselben Reitplatz 20 Minuten Schritt, zehn Minuten Trab, fünf Minuten Galopp und dann die Atemzüge zählen – das ist ein Beispiel, das kann man alle ein oder zwei Wochen aufschreiben.“ Achtung: Die Atemfrequenz hat eine hohe Abhängigkeit von der Außentemperatur. Eine Zählung aus dem Februar ist kaum mit der aus dem Mai vergleichbar. 

Dennoch bekommt man eine Idee und merkt eher, wenn Pferde zum Beispiel schlechter oder plötzlich hörbar atmen, trotz Ausdauertraining. Das Thema Lunge ist aktuell in allen Ställen. Es gilt der Merksatz: „Jedes Pferd, das hustet, hat ein Problem mit der Lunge. Jedes Pferd, das nicht hustet, hat aber nicht kein Problem mit der Lunge.“ Lungenprobleme mindern die Leistungsfähigkeit.

Technische Unterstützung

Technische Hilfsmittel wie Pulsuhren für Pferde, die als Gurt angelegt werden, Herzfrequenzsensoren-Geräte, die die Intensität des Trainings überwachen, kann heutzutage fast jeder Reiter selbst ausprobieren. Die Messung der Herzfrequenz ist allerdings technisch anspruchsvoll. Stephanie Horstmanns Erfahrung zeigt, dass viele günstige Pulsmessgeräte eher unzuverlässige Werte liefern. Spezielle Apps, oftmals kostenlos, für Reiter und Pferd zeichnen Länge, Tempo und die Verteilung der Gangarten während der Bewegungseinheit auf. Eine ernstzunehmende Vergleichbarkeit der gesammelten Daten funktioniert aber nur unter annähernd konstanten Bedingungen: wenn etwa die abgemessene Galoppstrecke immer auf demselben Weg oder Platz stattfindet.

Auch bei Belastung darf die Temperatur des Pferdes nie über 41 Grad steigen. Foto: Stefan Lafrentz

PAT-Werte

Mit Leistung und Gesundheit haben die sogenannten „Vitalwerte“ zu tun: Puls, Atmung, Temperatur seines Pferdes sollte jeder Pferdemensch kennen. Die PAT-Werte im Ruhezustand eines erwachsenen Pferdes sind:

  • Puls: 28 bis 40 Herzschläge pro Minute (bei großer Anstrengung bis zu 220)
  • Atmung: 8 bis 18 Atemzüge pro Minute (bei großer Anstrengung 80 bis 100)
  • Temperatur: normal sind 37,5 bis 38,0 °C (bei großer Anstrengung maximal 41 °C).

Nur müde oder nicht fit?

Ist das Pferd heute etwas träge? Ist das nur die Tagesform oder hat es vielleicht doch irgendetwas? Das ist immer wieder die Frage, die Reiter verunsichern kann. Der pragmatische Rat der DOKR-Tierärztin und Diagnostikspezialistin Stephanie Horstmann: „Das ist die Gratwanderung zwischen dem Gefühl, den feinen Antennen vertrauen, sich aber nicht gleich die ganz großen Sorgen machen oder gar sofort den Tierarzt anrufen. Erst einmal abwarten. Wenn das Pferd einen Tag nicht mit der gewohnten Motivation an die Arbeit geht, heißt das nicht automatisch, dass es ernsthaft krank ist. 

Das Stoppelfeld als Viereck für dressurmäßige Arbeit – unterschiedliche Böden schulen die Fußungsintelligenz des Pferdes.

Es kann zum Beispiel ein kleiner Infekt sein, den das Pferde-Immunsystem selbst in den Griff bekommt. Es gibt hundert Gründe, warum Pferd heute nicht so fit ist wie gestern. Keine Panik – aber wir sollten Rücksicht darauf nehmen – darauf reagieren, ohne es überzubewerten.“

Leistungsdiagnostik

Bleibt das schlechte Gefühl, nutzen einige Pferdebesitzer die Möglichkeit der tiermedizinischen Leistungsdiagnostik an Pferdekliniken. „Es sind fast immer ambitionierte Reiter, sowohl aus dem klassischen Sport als auch aus dem Breitensport. Zu uns kommen Distanzoder Islandpferdereiter ebenso wie Vielseitigkeitsreiter, um zu prüfen, ob ihre Pferde wirklich fit für deren Ansprüche sind“, erklärt Nina Weltrich aus ihrer Erfahrung in der Klinik Burg Müggenhausen. Zu Beginn der Untersuchung einer möglichen Leistungsschwäche steht der klinische Untersuchungsgang. Dazu gehört das Abtasten des Bewegungsapparates, genauso wie das Abhören. Danach schaut man sich das Pferd in der Bewegung an. Zu den gerätetechnischen Untersuchungen gehören etwa eine Endoskopie oder gar eine Belastungsendoskopie – die Kamera eines flexiblen Endoskopes zeigt die oberen Atemwege und den Kehlkopf in der Bewegung – sowie ein Belastungs-EKG, das zeichnet beim Reiten mögliche Störungen der Herztätigkeit auf. „Zu den Top 3 der Ursachen für ein Leistungsdefizit gehören orthopädische Probleme und Atemwegserkrankungen gefolgt von Herz- Kreislauf-Problemen“, das ist die Erfahrung von Nina Weltrich.

Fitness im Film

Über das „Projekt Leistungsdiagnostik Pferd“ ist 2022 ein Film, produziert vom Deutschen Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR), entstanden. Die damalige Nachwuchsbundestrainerin Julia Krajewski und der aktuelle Nachwuchstrainer im Springreiten, Peter Teeuwen, kamen zu Wort, ebenso wie die Kaderreiter Jérôme Robiné und Calvin Böckmann, zu dem Zeitpunkt des Filmes noch im Perspektivkader, aktuell im Olympiakader Vielseitigkeit. Mit dem QR-Code geht es direkt zum Film…

    Wenn es die Möglichkeit gibt: Reiten im Wasser ist ein super Konditionstraining.

    Eine normale Reitpferdekondition reicht in der Regel für A-Dressur und A-Springen aus. Foto: Sabine Brose/galoppfoto.de

    Unglaubliche Grundkondition

    „Die Frage nach ‚Fit‘ ist immer verbunden mit der Frage ‚wofür‘“, stellt Stephanie Horstmann klar. Nicht jeder Ritt ist Training. Manchmal ist es „nur“ Bewegung. Training ist, wenn es einen Trainingsreiz gibt. Einen Reiz, der so intensiv ist, dass sich im Körper etwas verändert, der das Pferd erst müde macht, es am Ende fitter daraus hervor geht. Pferde sind von Natur aus ausgesprochen ausdauernd und bringen eine erstaunliche Grundkondition mit. Schon mit einfacher „Reitpferdekondition“ können Pferde viel leisten, ohne direkt an ihre Grenzen zu stoßen. Die Reitpferdekondition reicht für eine A-Dressur oder ein A-Springen aus – sie baut sich auf, wenn die Pferde vier- bis fünfmal pro Woche je etwa eine Stunde gearbeitet werden. Eine Geländestrecke der Klasse A ist ebenfalls mit dieser Grundkondition machbar. Besser ist dennoch eine gute Vorbereitung, Stephanie Horstmann rechnet ein Beispiel aus: 

    „Wenn in der Prüfung fünf Minuten Galopp im Tempo 500 Meter/Minute gefordert sind, ist das Ziel bis zum Zeitpunkt des vorletzten Galopptrainings vor der Prüfung, dass ich zehn Minuten im geforderten Tempo galoppieren kann, das jedoch unterteilt in drei Intervalle mit Sprintstrecken dazwischen: 4 + 3 + 3 Minuten mit durchschnittlich 450 Meter/Minute.“ Hilfreich sind die Trainingsuhren der Vielseitigkeitsreiter, die nach einer Minute piepsen. Die Trainings-Intensität lässt sich durch äußere Bedingungen wie Steigung, Bodenbeschaffenheit, im Wasser oder mit Sprüngen steigern.

    Trainingsplan als Kreislauf 

    Generell gilt laut Stephanie Horstmann: „Ein Trainingsplan ist immer ein Kreislauf. Es beginnt mit der Analyse der Ist-Situation. Dann dem Ziel, das man sich formuliert, dann der Planung, dann die Ausführung und dann die Kontrolle – bin ich noch auf dem richtigen Weg? Passt das Training zum jetzigen Ist-Zustand? Wenn nicht, wird der Plan neu angepasst.“ Jedes Jahr im Januar erstellt Stephanie Horstmann mit den Vielseitigkeitsreitern einen Plan für die ganze Saison. „Ich habe noch nie diesen Plan eins zu eins umgesetzt, weil es Quatsch wäre. Wenn dann jemand fragt, warum wir den Plan überhaupt machen, antworte ich: ‚Wenn wir einen Plan haben, ist das Vorgehen um ein Vielfaches systematischer und strukturierter, dass die Reiter immer besser trainieren, selbst wenn der Plan sich alle drei Wochen nochmal ändert. Er ist ein roter Faden, an dem man sich langhangelt und man weiß immer, wo man eigentlich hinwollte.‘“

    Muskelcheck: Ein Bild von einem Pferd 

    Ob ein Pferd an den richtigen Stellen Muskulatur aufbaut, können Tierärzte, Physiotherapeuten oder Chiropraktiker gut beurteilen. Wer sich selbst unsicher ist, kann Veränderungen auch einfach dokumentieren. Der Tipp von Stephanie Horstmann (DOKR): Einmal im Monat ein Foto von der Seite, immer am gleichen Ort, zur gleichen Tageszeit und aus demselben Winkel hilft dabei, die Entwicklung der Bemuskelung und des Körperzustands (BCS) objektiv zu beobachten. So lassen sich Fortschritte, Rückschritte oder auch Fettpolster besser erkennen – denn ein speckiger Hals wird oft fälschlich für einen muskulösen gehalten.

    Prinzip verinnerlicht

    Pauline Knorr, 30, Pferdewirtschaftsmeisterin aus Warendorf, reitet aktuell mit ihrer Stute Aevolet M-A-F im Perspektivkader der Vielseitigkeit. Schon mit 16 Jahren lernte sie im Juniorenkader die Arbeit von Stephanie Horstmann kennen. Pauline Knorr führte – damals noch handschriftliche – Trainingsprotokolle, an welchen Tagen Dressur, Springen, Geländetraining, Longe, Weide oder Führmaschine angesagt war, inklusive Infos über die Dauer und die Intensität sowie die Art der Böden: 

    Galopp am Strand – nicht nur traumhaft schön, sondern auch ideal als Baustein für einen Trainingsplan. Foto: Stefan Lafrentz

    tief, hart, weich, Gras, Sand oder Asphalt. Sie ist quasi mit der Leistungsdiagnostik im Sport groß geworden. „In der Zeit habe ich auch gelernt, wie wichtig unterschiedliche Böden sind, um die ‚Fußungsintelligenz‘ des Pferdes zu schulen.“ Und: „Ich habe seither das Prinzip der begleitenden Leistungsdiagnostik verinnerlicht. Mir hat das alles geholfen, meine Pferde ganzheitlich zu betrachten und individuell das Trainingsund Gesundheitsmanagement anzupassen“.

    Training und Turnier

    Der Laktatwert ist im Plan der Sportreiter ein zentraler Indikator für die Fitness, da er zeigt, ob der Muskel noch ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird oder bereits in den anaeroben Bereich gerät. Überschreitet das Pferd diese Schwelle, steigt der Laktatwert deutlich, was zu Muskelübersäuerung, Ermüdung und höherem Verletzungsrisiko führt. Ziel des Trainings ist es, diese Schwelle schrittweise zu verschieben, um die Leistungsfähigkeit zu steigern. Die Laktatwerte der Sportpferde werden aus dem Blut genommen – regelmäßig im Training und auf dem Turnier zehn Minuten nach dem Zieleinritt und gegebenenfalls nach einer weiteren Zeitspanne ein zweites oder drittes Mal. Wer im Training nie an die anaerobe Schwelle kommt, aber in der Prüfung schon, „der riskiert Verletzungen“, sagt Pauline Knorr. „Ich bin verantwortlich für das Pferd. Mit dem passenden Training minimiere ich das Risiko.“

    Gespür und Gefühl

    Allerdings: Pferde sind unterschiedlich. „Manche Pferde haben einen natürlichen Puffer – deren Laktatwert steigt nicht stark an. Andere zeigen hohe Werte und sind trotzdem topfit“, erklärt die Vielseitigkeitsreiterin Pauline Knorr. Deshalb sind immer wieder die Beobachtungsgabe und das Gefühl des Reiters entscheidend. So sieht das auch die DOKR-Tierärztin Stephanie Horstmann: „Jedes Mal, wenn ich mit unseren Spitzensportlern die Trainingspläne durchspreche, wie wir sie anpassen oder ändern, ist die allerwichtigste Frage: „Wie hat es sich angefühlt? Zu den Junioren und Jungen Reitern sage ich immer: Wenn ihr zum Galopptraining fahrt und das Pferd hat immer Lust zu galoppieren, und an einem Tag hat es mal weniger Lust, dann beendet das Training, reitet zehn Minuten am langen Zügel Schritt. Am nächsten Tag versucht ihr, das Galopptraining fortzusetzen. Das Gefühl zu spüren, was mein Pferd leisten kann, wie es Lust hat, sich zu bewegen – das ist der größte Indikator, den wir haben.“

     

    Cornelia Höchstetter

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