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Reise von PFERD & REITER: Reiterträume am Roten Meer
Persönlichkeiten der Pferdeszene: Jacques Toffi
Der besondere Moment
Seit über 40 Jahren gehört Jacques Toffi zum Fotografentross auf Turnieren. Seine Bilder stechen immer aus der Masse heraus. Höchste Zeit, diesen so besonderen Menschen, der einst als Seemann aus Syrien nach Deutschland kam und für diese Serie fotografiert, selbst vor die Kamera zu holen.
Fotos: Jean Georges Toffi
Es ist der Glanz auf dem Fell des Pferdes, die gestochen scharfen Konturen der Muskulatur, das leuchtende Pferdeauge, die exakt geflochtene Mähne, die Pferdebeine im Moment der Schwebephase oder die spritzenden Wassertropfen – es ist dieses eine Detail eines Bildes, dieser eine einzigartige Moment in der Bewegung von Pferd und Reiter. Das ist ein Toffi. Ein Bild des Fotografen Jacques Toffi, der zwar selbst nur einmal im Sattel saß und Pferde nur in Ausnahmefällen berührt, der es aber wie kein Zweiter versteht, den Pferdesport in Szene zu setzen. Der, der seit über 40 Jahren hinter der Kamera steht, Menschen mit seinen herausragenden Bildern so viel Freude bereitet und zu den besten Fotografen weltweit zählt, gehört nun einmal selbst in den Mittelpunkt. Denn nicht nur lassen sich mit seiner Fotosammlung ganze Hallen füllen, sein Leben liefert auch Stoff für ein ganzes Buch.
Zur Seefahrt nach Hamburg
Jacques ist 1952 als Sohn griechischer Eltern in Latakia geboren, einer großen syrischen Hafenstadt am Mittelmeer. Aufgewachsen ist er mit sechs Geschwistern in einem jüdischen Viertel. „Ich hatte eine sehr schöne Kindheit mit Spaß, Spiel und Schule“, berichtet er. „Es war auch die schönste Zeit, die der Nahe Osten erlebt hat.“ Als Christ ging Jacques mit Juden und Muslimen zusammen in eine französische Jesuitenschule, 13 Jahre lang, bis zum Abitur. Mit 18 Jahren wollte er raus in die Welt. Er besuchte sechs Monate lang einen Deutschkurs im Goethe-Institut in Beirut. Denn er wollte zur See fahren und die deutschen Schiffe im Hafen seien sehr saubere, sehr gut geführte Schiffe gewesen, begründet er seine Sprachwahl. Schließlich nahm er mit zwei guten Freunden die Reise über die Balkanroute nach Hamburg auf sich. Dort absolvierte er die Ausbildung zum Seemann, erhielt nach drei Jahren den Matrosenbrief und schlug danach die theoretische Laufbahn an der Seefahrtschule ein bis zum „Kapitänspatent für Große Fahrt“. Im Studentenheim in Hamburg lernte er über eine Freundin seine spätere Frau Katharina kennen. Die beiden heirateten 1976 und bekamen zwei Kinder (1984 und 1986). Mittlerweile ist Jacques in zweiter Ehe verheiratet mit Maria. Er hat ein Enkelkind. 2011 brach in Syrien der Bürgerkrieg aus. Das war das letzte Mal, dass Jacques in seiner Heimat war.
Vom Hobby- zum Sportfotograf
Hobbymäßig hat Jacques Toffi schon zu seiner Schulzeit fotografiert, mit einer Kamera, die er von einem Freund geschenkt bekommen hatte. Von seinem ersten Gehalt kaufte er sich eine Minolta-Kamera. Eine analoge. Digitale Spiegelreflex-Kameras gab es erst später. Zu den Pferden kam Jacques über seine Frau. Sie war mit ihnen großgeworden und ritt regelmäßig. Das erste Turnier, auf dem Jacques fotografierte, war eine Vielseitigkeitsprüfung in Schenefeld, nordwestlich von Hamburg. 1982 war er das erste Mal beim Hamburger Derby und fotografierte von der Zuschauertribüne aus. In dem Jahr, in dem Achaz von Buchwaldt auf Wendy gewann. Das Derby sollte zu seinem Lieblingsturnier werden. Aber ihm kamen nicht nur Pferde vor die Kamera. Er fotografierte auch Bootsrennen, stand auf Fußballplätzen der Bundesliga und war dabei, als der HSV Deutscher Meister wurde.
Das Jahr 1984
Jacques Freund Hanna Saliba, mit dem er aus Syrien nach Hamburg gekommen war, eröffnete das erste von mittlerweile in ganz Hamburg verteilten Restaurants mit libanesischen Köstlichkeiten, der feinen Küche Syriens. Das war 1984. Das Jahr, in dem sich Jacques Toffi schließlich ganz der Fotografie verschrieb. „Ich habe damals nicht viel kapiert“, sagt er lachend: „Wenn du einen Gaul siehst oder ein edles Pferd, dann merkt man das schon. Aber das Wissen kam erst später. Zum Beispiel das Verständnis für Taktik und Schnelligkeit.“
Jacques Toffi (rechts) 2009 bei einem seiner letzten Besuche in seiner syrischen Heimatstadt Latakia. Foto: Jakob Touba
Von schwarz-weiß zu digital
Zu Beginn seiner Laufbahn fotografierte Jacques schwarz-weiß, dann auf Dias, die per Kurier verschickt wurden, und später auf Farbnegativen. „Ein Diafilm verzeiht keinen Fehler in der Belichtung, eine Korrektur ist unmöglich“, erzählt er von früheren Zeiten. „Nach einem Turnier hatte man eine Woche Arbeit mit der Entwicklung der Bilder, der Bearbeitung und dem Verschicken der Abzüge. Das größte Objektiv damals war 300 Millimeter, das ist heute Standard. Damals war man mit 10.000 DM super ausgestattet. Heute hat man drei Objektive, die jeweils 14.000 Euro kosten.“ Jacques arbeitete für den Holsteiner Verband und die Reiter Revue, dann mit Verlagen und Verbänden in der Schweiz, in Frankreich und den Niederlanden. Schließlich wurde er der Haus- und Hof-Fotograf der Zeitschrift St.GEORG, die mittlerweile eingestellt ist. 1990 reiste Jacques zu den ersten Weltreiterspielen nach Stockholm (Schweden). „Ich war damals der erste mit einem 600 Millimeter-Objektiv. Damit schaffte ich es sogar in die Zeitung. Bei der WM 1998 in Rom arbeiteten wir dann schon mit Scanner und Rechnern. Das hat eine Weile gedauert, bis ich mich in die Materie eingearbeitet hatte. Im Pressezentrum war ich der Lacher.“ Ab dem Jahr 2000 wurde dann mehr und mehr digital fotografiert. Seine erste Digitalkamera bekam Jacques von seiner Kollegin Gabriele Boiselle zur Verfügung gestellt. Aber die ersten digitalen Bilder seien sehr „flach“ gewesen, weiß er zu berichten.
Fasziniert von Fleiß
„Ich bin in erster Linie Fotograf. Bei mir steht nicht das Pferd im Mittelpunkt, sondern das Reiter-Pferd-Paar“, betont der 73-Jährige. „Ich interessiere mich für das Thema, die Möglichkeiten der Technik, für Details wie Stiefel, Sättel oder Porträts. Ich fotografiere einen Athleten, der versucht, Herausforderungen zu überwinden. Das ist die Leistung eines Pferd-Reiter-Paares. Aber bei mir steht nicht die Leistung im Vordergrund, sondern das ,wie’. Wie gut der Reiter seine Aufgabe gemeistert hat. Wenn jemand gewonnen hat, es aber nicht gut gemacht hat, respektiere ich das nicht so, wie eine richtig gute Runde im Parcours. Mir geht es um das Auftreten, den Umgang, den Gesamtcharakter, das Verhalten gegenüber den Grooms, dem Pferd und den Besitzern. Ein Sieg ist immer eine Teamleistung. Ich bin fasziniert von harter Arbeit und Fleiß. Wenn ich einen Top-Reiter sehe, der morgens in den Stall geht, sein Pferd abtastet, ihm in die Augen schaut, innehält und in die Seele des Pferdes steigt – das zieht mich in den Bann. Franke Sloothaak verkörpert das zum Beispiel für mich.“
Hingabe für den Moment
Auf die Frage, ob er ein Lieblingspferd habe, sagt Jacques sofort: Totilas. „Den musste man einfach fotografieren. Er war ein Vulkan, ein Erdbeben, eine Naturgewalt. Ich habe Paul Schockemöhle noch nie mit so viel Ehrfurcht vor einem Pferd gesehen. Da habe ich einiges verstanden. Totilas hat unmissverständlich auf die Menschen herabgeschaut.“ Dann zählt er auch Silbersee auf, der vor 40 Jahren mit Michael Rüping in Aachen gewonnen hat. Classic Touch, Olympiasiegerin unter Ludger Beerbaum. „Und ich bewundere Pferde wie Sam (Michael Jung). Diese Intelligenz, diese Athletik.“ Die Besonderheit seiner Fotos erklärt er so: „Andere fotografieren mit dem Finger, ich begleite die Reiter in ihrer Prüfung. Ich bin beim Reiter im Sattel, erlebe das Abheben des Pferdes am Sprung, die Bewegung über dem Hindernis. So bekomme ich diesen einen Moment. Das bedarf Gefühl für Bewegung und für Rhythmus. Außerdem ist da volle Konzentration gefragt. Ich bin bei jedem Reiter 90 Sekunden konzentriert oder auch fünf Minuten. Ich wechsle zwischendurch die Kamera oder das Objektiv. Wenn ich durch meine Kamera schaue, ist die Außenwelt für mich ausgeblendet. Manchmal vergesse ich zu atmen, bis der Reiter im Ziel ist. Nach einem Grand Prix in Aachen bin ich fix und fertig.“
Seit 1982 schon fotografiert Jacques Toffi beim Hamburger Derby, seinem Lieblingsturnier. Zu sehen hier Franke Sloothaak, einer der Reiter, von denen er sagt, dass er ihn besonders in den Bann gezogen hat. Foto: Jacques Toffi
Wo steht Jacques?
Hinzu kommt, dass Jacques sehr gut ausgerüstet ist und so andere Möglichkeiten hat als andere. Auf Turnieren steht er ganz oft an anderen Standorten als der Rest der Fototruppe. Häufig geistert die Frage „Wo steht Jacques heute?“ durch das Pressezentrum vor einer Prüfung. Die Konkurrenz orientiert sich an ihm. „Ich bin nicht besser als andere. Ich fotografiere einfach nur auf meine Art. Und mein Standort ist nicht für alle der Richtige.“ Jacques hat keine Lieblingsdisziplin.
Er liebt die Vielfalt des Sports und sieht die Aufgabe der Fotografen darin zu zeigen, was in den Pferden steckt, auch wenn sie nicht gewinnen. Ein persönliches Anliegen ist ihm der Distanzsport, der hierzulande keinen besonders guten Ruf hat. Dabei: „Die Idee des Sports ist sehr edel. Anzuprangern sind die miesen Reiter. Das Distanzreiten hat eine reine kulturelle Identität, es war reisen zu Pferden. Und damals war klar, wer nicht auf die Bedürfnisse des Pferdes eingeht, wird niemals an seinem Ziel ankommen.“
Überall bekannt
Kündigt man Jacques als Begleitung für einen Termin an, geht ein Strahlen über das Gesicht der Menschen. Sie öffnen sofort bereitwillig Tür und Tor und kümmern sich um Speis und Trank, um den syrischen Fotografen empfangen Por t rät zu können. Jacques kennt Gott und die Welt, im Reitsport sowieso. Ob die mittlerweile verstorbenen Altmeister Dr. Reiner Klimke, Hans Günter Winkler und Paul Stecken oder die Generation mit Peter Lutter, Klaus Balkenhol und Kalli Streng genauso wie die aktiven Reiter, Funktionäre und Offizielle – alle wissen, wer Jacques ist, er findet immer sofort ein Gesprächsthema und hält auf jeder Strecke bei jemandem für einen Plausch und einen Kaffee. Die Grande Dame Rosemarie Springer, damals 95 Jahre, ließ sich bei einem Besuch zu einem Flirt hinreißen.
Volles Auto, großes Herz
Jacques ist ein Herzensmensch, der einem mit dem Blick aus seinen freundlichen Augen in die Seele zu schauen scheint. Auf eine Frage hin, schweigt er manchmal sehr lang. Diese Stille gilt es auszuhalten. Denn er antwortet wohl überlegt, oft fast philosophisch. Einzig um sieben Uhr morgens hat der 73-Jährige die Augen nur offen, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Croissant und Kaffee sind hilfreich, wenn man ihn abholt. Griffbereit hat er stets eine Schiebermütze. Seine Haare und der Vollbart sind mit der Zeit weiß geworden. Die Autofahrten mit ihm sind gemütlich. Selten schneller als 100 km/h und mit genügend Zeitpuffern geplant. Sein Auto: voll mit Kameras, Objektiven, Stativen, Lichtschirmen und mehr. Für Fotoproduktionen in einer Reithalle musste man immer besonders viel Zeit einplanen, denn ohne eine komplette Fotolichtausstattung nahm Jacques seine Kamera nicht in die Hand. Denn das Mindeste an einem guten Foto sind die Schärfe und die gute Belichtung, sagt er. Weitere Zutaten seien die Emotionen, die ein Foto widerspiegeln sollte. Ob einen ein Foto aber wirklich packt, entscheidet am Ende des Tages der eigene Geschmack, ist sich der Experte sicher.
Mehr als „nur“ Pferde
Jacques hat die ganze Welt bereist und Fotos gemacht. Es gibt wohl kein Championat, bei dem er nicht mit einem Presseleibchen im Parcours stand, Piaffe und Passage eingefangen oder sich im Gelände den besten Platz gesucht hat (seine Vorliebe: Wasserhindernisse). Er hat unzählige Porträts, Homestories und Reportagen in allen Sparten des Reitsports fotografiert, Praxisbeiträge, Gestüte und Hengste. Auch für den Stallburschenkalender war er im Einsatz. Er hat eine Fotoserie über Reitstiefel bekannter Persönlichkeiten herausgebracht genauso wie etliche Fotobücher und -bände mit seiner Freundin und Partnerin Ludwiga von Korff und Fotoausstellungen in ganz Deutschland. Gewidmet hat er seine Arbeit aber nicht nur den Pferden. Der Hamburger Hafen mit seinen riesigen Containerschiffen und seiner speziellen Atmosphäre gehört ebenfalls zu seinen Lieblingsmotiven genauso wie Porträts seiner syrischen Freunde oder Bilder aus seiner Heimat. „Die Zeit“ hat Jacques und seiner Arbeit 2016 eine ganze Seite gewidmet. 2017 hat ihn die FN, genauer Breido Graf zu Rantzau, mit dem Reiterkreuz in Bronze ausgezeichnet und er hat das Silberne Pferd für sein Lebenswerk erhalten. Letztes Jahr feierte er beim CHIO Aachen sein 40-jähriges Jubiläum. Der Zigarillo-Geruch, der ihn früher umgeben hat, ist verflogen. Eine Corona- Infektion hat ihn aus dem Tritt gebracht. Seitdem macht er langsamer. Nun musste er den Kampf gegen den Krebs antreten – und tut auch das mit stoischer Würde.
Laura Becker
Aus den Händen des mittlerweile verstorbenen, ehemaligen FN-Präsidenten Breido Graf zu Rantzau erhielt Jacques Toffi 2017 das Reiterkreuz in Bronze. Foto: Ludwiga von Korff
In der Pressestelle 2002 bei den Weltreiterspielen in Jerez de la Frontera. Foto: Arnd Bronkhorst
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