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Pferd mit Job
Holzschlepper und Sympathieträger
Henry, staatliches Holzrücke-Pferd im Forstamt Köpenick in Berlin
Försterin Ulrike Lucas, Berliner Forsten – Forstamt Köpenick, Revier Grünau – K28, Regattastraße 192, 12527 Berlin
berlin.de/forsten
Südöstlich von Berlin, wo die Hauptstadt langsam in große Waldgebiete übergeht, liegt die Revierförsterei Grünau – eine von neun Revierförstereien des Forstamtes Köpenick. Insgesamt rund 8.500 Hektar Wald pflegen die Forstleute und ernten Holz. In drei Revieren werden gezielt Pferde im Wald eingesetzt, weil sie beim Holzrücken besonders bodenschonend, lärm- und emissionsfrei arbeiten. Außerdem können Rückepferde gerade in unwegsamen, nassen oder ökologisch sensiblen Waldstücken präzise das Holz abtransportieren. Die Pferde der Berliner Forsten sind „Staatsangestellte“, denn der Wald gehört dem Land Berlin. „In den 1990er Jahren fiel der Beschluss zum ‚Berliner Verfahren‘“, erzählt die Grünauer Revierförsterin Ulrike Lucas. „Unsere Wälder sind seit 2002 FSC und Naturland zertifiziert, unser Ziel ist eine ökologische Waldbewirtschaftung.“
Dürfen wir vorstellen? Henry, dunkelbrauner Wallach, Rheinisch-Deutsches Kaltblut, geboren am 1. Februar 2017. Vater ist das Rheinisch-Deutsche Kaltblut V. PR. Heidjer II (Heron-Astra), die Mutter ist Violett von Elite (v. Verdun), eine Altmärkische Kaltblutstute. Züchter ist Manfred Scheel aus Spoldershagen in Mecklenburg-Vorpommern. Henry steht im Besitz der „Berliner Forsten“.
Berufsbezeichnung: Henry ist von Beruf Rückepferd in der Revierförsterei Grünau in Berlin. „Das Besondere an unseren Wäldern ist, dass noch die Kiefern dominieren, dort aber der Waldumbau in Richtung Mischwald im Gang ist“, erklärt Revierförsterin Ulrike Lucas. „Die Pferde setzen wir ein, weil viele Standorte Naturschutzgebiete sind. Die Pferde sind positiv öffentlichkeitswirksam, denn gerade bei uns sind viele Spaziergänger unterwegs. Dank der Pferde kommen wir schnell ins Gespräch und zeigen, dass wir ökologisch unterwegs sind“, erklärt die Revierförsterin. „Wir beteiligen uns an Aktionstagen wie dem ‚Girls’ Day‘, uns besuchen Kindergärten und Schulen, wir sind Ziel an Wandertagen zum Thema Mischwald.“
Kurzcharakteristik: Henry ist mit seinen 1,60 Meter Stockmaß und etwa 600 Kilogramm ein kompakter, für seine Rasse eher ein schmächtiger Typ. Dafür ist er sehr arbeitswillig, manchmal schon fast ungeduldig. „Dabei ist gerade das Stehen und Abwarten eine der Kernkompetenzen der Rückepferde – das fällt ihm manchmal noch etwas schwer“, sagt Ulrike Lucas. Sei es drum: Henry ist sehr fein im Handling und reagiert sensibel an der Führleine und hört auch ohne Leine auf Kommandos, wenn seine Gespannführerin Ronja Löhlein mit ihm arbeitet. Er ist sehr lieb und immer aufmerksam.
Tätigkeiten im Saisonverlauf
Im Winter haben Stämme und Äste weniger Saft, deshalb finden die meisten Fäll- und Holzarbeiten von September bis etwa Februar/März statt. Entsprechend ist die Wintersaison die Hochsaison. Henry bildet ein festes Team mit der Holzrückerin Ronja Löhlein, Forstwirtin und Gespannführerin. Wenn Henry sich ins Kummet wirft und Holz aus dem Wald zieht, hängt an der Kette das sogenannte Kurzholz – drei bis fünf Meter lang. Ziel der Schleppaktion per Pferdestärke sind jeweils die Rückegassen, wo das Holz von großen Maschinen aufgeladen wird. Im Sommer geht es seltener in den Wald, dafür manchmal vor den Pflug, in der Försterei Dreilinden.
Besondere Kenntnisse und Fähigkeiten
Kraft und einen guten Schritt, die Fähigkeit, schnell abzufußen und sich in Bruchteilen von Sekunden den richtigen Platz für die nächsten Schritte zu suchen – das gehört zum Know-how der Rückepferde. Bei der Waldarbeit knirscht und kracht das Holz, die Motorsäge brüllt: Dafür braucht Henry eine gute Portion Nervenstärke, Geduld und Vertrauen. „Eine natürliche Tiefenentspanntheit und eine gewisse Grundgelassenheit sind wünschenswert“, erklärt Ulrike Lucas, die Henry gut kennt. Wichtig sind Konzentrationsfähigkeit und Gehorsam auf Stimmkommandos, denn im Holz marschieren die Pferde wie per Fernsteuerung gelenkt: „Hott“ heißt rechts, „Wist“ bedeutet links. Mit diesen kurzen Worten lenken die Rücker ihre Pferde sicher zwischen Bäumen und Stämmen hindurch. Da sie in unterschiedlichen Revieren eingesetzt werden, müssen Rückepferde außerdem „verladefromm“ sein. Und weil in den Berliner Wäldern häufig Spaziergänger, Radfahrer und Hunde unterwegs sind, ist Freundlichkeit Pflicht: Henry hat die richtige Einstellung, denn er ist den Menschen generell zugewandt.
Lebenslauf
Henrys Herkunft ist nur teilweise bekannt. Er wurde bei einem Kaltblutzüchter in Mecklenburg-Vorpommern geboren, sein weiterer Weg nach dem Absetzen bleibt unklar. Ein Förster entdeckte ihn später in Brandenburg und vermittelte ihn über eine Tierärztin an den Berliner Forst. 2021 wurde Henry gekauft, geimpft und zur Ausbildung als Holzrückepferd zu Christel Erz bei der „RossNaTour“ auf die Schwäbische Alb geschickt. Mit diesem Rüstzeug in Kopf und Körper kehrte er nach Berlin zurück und lernte dort mit Ronja Löhlein im täglichen Einsatz weiter.
Der normale Alltag
Henry lebt gemeinsam mit seinem Arbeitskollegen in einem Offenstall am Forsthaus, sie teilen sich ein Sandpaddock, den Unterstand und den zeitgesteuerten Futterautomat – hier gibt es alle zwei bis drei Stunden Heu. Die Berliner Rückepferde sind echte Staatsangestellte mit festen Dienstzeiten. Im Sommer arbeiten sie von 6.30 bis 15 Uhr, im Winter von 7 bis 15.30 Uhr, parallel zu ihren Forstwirten. Nach dem Frühstück (zählt zur Arbeitszeit) aus Mash, Leinsamen und Flohsamen werden sie geputzt und für den Einsatz vorbereitet. Meist geht es mit dem Anhänger ins Revier, wo sie bis etwa 14 Uhr Holz rücken, unterbrochen von einer Mittagspause mit Heunetzen. Danach folgen der Rücktransport und die abendliche Versorgung im Stall.
Freizeitausgleich
Weil Holzarbeit hauptsächlich im Winter stattfindet, „leisten wir uns im Sommer je nach Wetterlage richtiggehende Sommerferien für die Pferde. Die gehen nach Brandenburg zu einem Landwirt für vier bis sieben Wochen auf die Sommerweide“, sagt Ulrike Lucas.
Henry lebt gemeinsam mit seinem Arbeitskollegen in einem Offenstall. Fotos: Peter Harbauer (2), privat (2)
Sonntagsarbeit
Zu den geregelten Arbeitszeiten gehören freie Samstage und Sonntage. „Außer, es finden Veranstaltungen statt, bei denen die Pferde ihren Beitrag für die Öffentlichkeitsarbeit leisten müssen“, erzählt Ulrike Lucas.
Ausbildungsleiter
Gespannführerin Ronja Löhlein ist Henrys unmittelbare Vorgesetzte. Ulrike Lucas ist die oberste Chef-Etage im Forstrevier.
Wie würde das Zwischenzeugnis lauten?
Ulrike Lucas formuliert: „Henry muss lernen, noch ruhiger und gelassener zu agieren – sagen wir mal so: Henry ist herausfordernd für seine zweibeinigen Vorgesetzten.“
Die Unterscheidung zum privaten Hobbypferd
Ulrike Lucas findet: „Wir lieben und umsorgen unsere Pferde genauso. Das Besondere ist aber Symbiose während der Arbeit, die absolute Vertrauensbasis, denn im Arbeitseinsatz muss das Pferd seine Leistung zuverlässig abrufen.“
Arbeit im Alter – Rentenversicherung
Wenn die Pferde gesund bleiben, werden sie mit 20 Jahren in Pension geschickt. Danach gibt es mehrere Möglichkeiten: „Wir suchen ihnen einen guten Platz in Berlin, vermitteln sie in gute Hände.“ Oft gehen die Holzrückepferde noch in eine Art Altersteilzeit: auf Therapiehöfen oder in Kutschbetrieben sind sie gerne als zuverlässige und erfahrene Mitarbeiter gesehen.
Cornelia Höchstetter
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