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Emotionen und Stress bei Pferden
Eine Frage des Gefühls
Die Diskussion um die Empfindsamkeit von Tieren reicht bis in die Antike zurück und dennoch steht die Emotionsforschung noch recht am Anfang. In der Ethologie und Tierpsychologie wächst ihre Bedeutung zusehends und auch außerhalb der Wissenschaft gewinnt die Frage nach den Gefühlen mit Blick auf Tierwohl und Tierschutz an Relevanz.
Auch die Haltung kann Stress auslösen, wenn ein Pferd beispielsweise dauerhaft mit einem Artgenossen zusammensteht, mit dem es sich nicht versteht oder von dem es „gemobbt“ wird. Alle Fotos: Christiane Slawik
Ob und welche Spezies Emotionen empfinden, gilt als großes Streitthema in der Wissenschaft und auch der Wirtschaft. Schließlich stellen Erkenntnisse auf dem Gebiet unsere moralischen und ethischen Grundsätze auf den Prüfstein, wenn es zum Beispiel um die Fleischindustrie oder den Umgang mit Tieren im Allgemeinen geht. Bezogen auf den Pferdesport ermöglicht die Emotionsforschung jedoch perspektivisch ein viel besseres Miteinander mit dem Partner Pferd. Wer es versteht sein Pferd zu lesen, kann dementsprechend handeln.
Ein Modell als Grundlage
Eine entscheidende Rolle bei der Kategorisierung von Emotionen spielt innerhalb der Emotionsforschung das Valence-Arousal-Model. Es beschreibt Emotionen nicht als einzelne, klar abgegrenzte Kategorien wie Angst oder Freude, sondern als Position in einem zweidimensionalen Raum. Die Dimension Valenz gibt an, ob ein emotionaler Zustand eher positiv oder negativ ist, während Arousal den Grad der inneren Aktivierung bzw. Erregung beschreibt – also ob ein Zustand eher ruhig oder stark aktiviert ist. In der modernen Verhaltensbiologie und Tierforschung wird dieses Modell zunehmend genutzt, um Emotionen bei Tieren differenzierter zu erfassen. Statt menschliche Emotionsbegriffe direkt zu übertragen, können tierische Zustände so als Kombination aus positiver oder negativer Bewertung und unterschiedlicher Aktivierung beschrieben werden. Es lässt sich beobachten, dass diese beiden Dimensionen auch bei Tieren erkennbar sind, etwa anhand von Körperhaltung oder Bewegung. Allerdings gelingt die Einschätzung der Aktivierung oft besser als die der positiven oder negativen Bewertung.
Zur Seite geneigte Ohren, Falten über dem Auge und ein Umblicken zum Körper sind Anzeichen für Schmerz. In Studien ließ sich beobachten, dass Pferde sich nach dem Ausgangspunkt vom Schmerzen umschauen.
Vor allem das Auge des Pferdes gibt oft Ausschluss über seine Empfindungen.
Tief verankert
„Emotionen sind evolutionär tief verankert in allen höher entwickelten Lebewesen. Das weiß man, weil das Verhalten flexibel gesteuert werden kann. Flexibles Verhalten ist die Fähigkeit eines Organismus, sein Verhalten an wechselnde Umweltbedingungen anzupassen. Im Gegensatz zu reflexiven oder strikt angeborenen Reaktionen ist flexibles Verhalten veränderbar, situationsabhängig und oft erfahrungsbasiert“, erklärt Prof. Dr. Uta König von Borstel, die seit über 25 Jahren zu Verhalten, Emotionen und Gefühlslage bei Pferden forscht. Daraus lassen sich auch wichtige Erkenntnisse für das Miteinander von Pferd und Mensch ableiten: Das Pferd kann lernen und sein Verhalten flexibel anpassen, wenn der Mensch es entsprechend übt. Das Fluchtverhalten zum Beispiel ist zunächst einmal instinktiv. Wenn das Pferd sich aber an einen auslösenden Reiz gewöhnt, schwindet die Angst und damit auch das Fluchtverhalten. Das Pferd kann lernen, dass von diesen Reizen keine Gefahr ausgeht. „Trotzdem ist Angst eine der grundlegendsten Emotionen und daher schwer vollständig auslöschbar. Mit Angst verknüpfte Situationen bleiben besonders stark in Erinnerung und Angst kann sehr leicht wieder durch entsprechend verknüpfte Reize getriggert werden“, erläutert Prof. Dr. Uta König von Borstel. Deshalb ist gut durchdachtes Training wichtig und entscheidend.
Indikatoren für Schmerzen
Scharren, Wälzen, häufiges Umschauen zum Bauch bei Kolik, Lahmen, Zukneifen der Augen, Heuwickeln, Hypersensibilität im Flankenbereich bei Entzündungen im Urogenitalbereich, Abwehrreaktionen bei Berührungen von schmerzhaften Körperregion, REM-Schlafmangel, Flehmen, Gähnen, Stöhnen, Schwitzen, Zittern, Zähneknirschen, Stampfen, reduzierte Futteraufnahme, schnellere Atmung, gesteigerte Aggressivität, Ängstlichkeit, gesteigerte oder verminderte Aktivität sowie Abwehr- und Ausweichverhalten. Unter dem Sattel können weitere Schmerzindikatoren wie beispielsweise Taktfehler, Taktstörungen, Veränderung der Reiteigenschaften wie vermeintliche Faulheit, Steigen oder Buckeln oder das Umspringen im Galopp hinzukommen.
Die Mimik von Pferd und Mensch ist ähnlicher als gedacht. Nach dem Equine Facial Action Coding System zeigen sich zum Beispiel Übereinstimmungen beim Oberlidheber, Mundwinkelzieher sowie dem Kinnheber. Entsprechend lassen sich bestimmte Gesichtsmerkmale als Indizien für Schmerz ausmachen: zusammengekniffene und nach oben gezogene Augenpartie, ein angespanntes Kinn wie auch ein fest verschlossenes Maul.
Einmal etwas Schlechtes erlebt? Angst ist eine der grundlegendsten Emotionen und daher schwer vollständig auslöschbar.
Valence-Arousal-Model nach James Russell. Grafik: Rainer Schmoll
Beispiel-Emotion Stress
Besonders bedeutend wird die Emotionsforschung, wenn es darum geht, frühe Schmerzsignale bei Pferden wahrzunehmen. Schmerz entsteht über die Erregung sogenannter Nozizeptoren durch einen Reiz, die Weiterleitung dieser Erregung über das Rückenmark an das Gehirn und die dortige Verarbeitung. Diese Verarbeitung ist unter anderem geprägt von Kontext und Erfahrung. Das Schmerzempfinden dient als Schutz des Organismus vor Schädigung des Gewebes. Solange der gewebeschädigende Reiz vorhanden ist, wird diese Botschaft ans Gehirn weitergegeben und im Schmerzgefühl verarbeitet. „Daraus lässt sich schließen, dass Schmerz immer eine subjektive Wahrnehmung ist. Das liegt auch an der Dichte der vorhandenen Nozizeptoren der Haut, die sich von Pferd zu Pferd unterscheiden kann. Deshalb können Pferde unterschiedlich mit Schmerz umgehen“, erklärt Prof. Dr. Uta König von Borstel.
Mimikforschung als Ansatz
Um Emotionen von Pferden geordnet zu strukturieren, kommt die Mimikforschung zur Anwendung. Grundlage bildet dabei die Mimikforschung beim Menschen, die auf das Pferd übertragen wird. So wird eine Vergleichbarkeit angestrebt. Dabei geht es primär um die Frage: Welcher Muskel steuert welche Mimik? Die Forschung zeigt zum Beispiel, dass identische Muskeln bei Pferd und Mensch eine vergleichbare Mimik erzeugen, zum Beispiel im Bereich der Augen, von Nüstern bzw. Nase und des Mauls bzw. Munds. So hergeleitet, haben weiterführende Forschungen gezeigt, dass Falten über dem Auge des Pferdes als Schmerzindikator angesehen werden können. Mittlerweile gibt es eine Reihe standardisierter Protokolle zu Schmerz und Angst, die validiert sind.
So zum Beispiel die Horse Grimace Scale (HGS):Diese stellt ein mimikbasiertes Protokoll zur Erkennung von Schmerzen dar – eine Validierung liegt für Kastrationen vor. Anwendung findet die HGC aber auch in Zusammenhang mit Hufrehe, akuter Kolik und orthopädischen Schmerzen. „Merkmale sind zum Beispiel die Ohrenposition, die Öffnung des Auges, der Bereich oberhalb des Auges, also ob das Schläfenbein stark hervortritt und noch weitere. Die ist aber stark abhängig von dem Typ des Pferdes, also ob ein Pferd viel Unterhautfett oder viel Fell hat. Man benötigt zur genauen Beurteilung also immer mehrere Merkmale“, erklärt Prof. Dr. Uta König von Borstel.
Schmerzforschung
Entscheidend ist auch die Erkenntnis, dass bestimme Verhaltensweisen, also Schmerzäußerungen, in Anwesenheit von Personen eventuell nicht gezeigt werden. Dies liegt am Instinktverhalten des Pferdes, welches dem Fluchttier Pferd früher das Überleben gesichert hat. Ausdruck von Schmerz wird unterdrückt, um keine Schwäche zu zeigen. Nur weil kein Unwohl-Verhalten zu beobachten ist, bedeutet dies nicht, dass kein Schmerz vorhanden ist. Studien zeigen dies vor allem in Anwesenheit von fremden Personen. Doch auch der umgekehrte Fall ließ sich beobachten: Im Beisein von Personen, zu denen das Pferd eine sehr gute Beziehung hatte, konnte das Verhalten sogar verstärkt gezeigt werden. Bei gerittenen Pferden ist die Horse Grimace Scale allerdings nur schwer anzuwenden, da viele Aspekte in Bewegung und durch Ausrüstung nicht eindeutig auszumachen sind. Dafür liefert das Ridden Horse Pain Ethogram einen ersten Ansatz im Dressurkontext: Hier werden 24 Verhaltensweisen aufgelistet. Wenn acht oder mehr Verhaltensweisen innerhalb von acht bis zehn Minuten auftreten, hat das Pferd gemäß dieses Bewertungsprotokolls sehr wahrscheinlich Schmerzen. Das Ridden Horse Pain Ethogram ist jedoch teilweise wenig objektiv, da u.a. der Grenzwert von acht Verhaltensweisen nicht ausreichend validiert ist. „Grundsätzlich bewegen wir uns hinsichtlich des Tierwohls und der besseren Einschätzung von tierschutzrelevantem Verhalten und dem Ausmachen von Schmerzindikatoren auf einem guten Weg. Auch künstliche Intelligenz wird künftig noch eine entscheidende Rolle spielen“, resümiert Emotionsexpertin Prof. Dr. Uta König von Borstel.
Definition Verhalten
Verhalten ist das Maß der Dinge, wenn man Emotionen erkennen und messen will. Verhalten ist per Definition flexibel, das Pferd kann also lernen. Die Abwesenheit eines Verhaltens ist dementsprechend nicht die Abwesenheit einer Emotion. Und umgekehrt: Bei Vorhandensein eines Schmerzverhaltens muss diese Emotion nicht tatsächlich vorhanden sein. Es kann sich ein Schmerzgedächtnis entwickelt haben, was sich zum Beispiel in Verhaltensauffälligkeiten äußert: Das Pferd streckt beim Reiten die Zunge heraus. Dieses Verhalten geht meistens einher mit Schmerzempfinden im Maul. Doch selbst wenn der Schmerzreiz weg ist, kann das Zungenproblem bleiben. Das Pferd assoziiert das Reiten weiterhin mit einer schmerzauslösenden Situation, weshalb die Verhaltensäußerung bestehen bleibt. „Grundsätzlich ist Verhalten aber ein sehr guter Indikator, und das fordert den Menschen zur ständigen Reflexion im Umgang mit dem Pferd auf“, sagt Uta König von Borstel, Expertin für Verhaltensforschung.
Angst und Stress
Stress ist in der Emotionsforschung weniger als echte Emotion zu sehen, sondern vielmehr als Reaktion des Pferdes auf einen stressauslösenden Reiz. In der Beurteilung des Tierwohls werden jedoch in erster Linie Stress und Schmerz herangezogen. Diese beiden Emotionen bzw. Verhaltensäußerungen sind nicht immer präzise voneinander zu trennen. Oftmals reagiert der Körper auf Angst- oder Schmerzzustände gestresst. Eine isolierte Betrachtung der Emotionen und Indikatoren ist dementsprechend nicht möglich, sondern muss mit Blick auf eine Beurteilung immer mehrere Aspekte umfassen.
Positiv oder negativ erregt?
Auch Stress lässt sich gut über das Valence- Arousal-Modell einordnen: Stress entspricht in diesem Modell vor allem einer erhöhten Erregung, während die zugrunde liegende Emotion die Valenz bestimmt. Man unterscheidet daher zwischen Eustress (hohe Erregung bei positiver Valenz, z.B. bei Spiel oder erwartungsvoller Haltung) und Distress (hohe Erregung bei negativer Valenz), der durch Emotionen wie Angst oder Schmerz ausgelöst wird.
Im Beisein von Menschen werden bestimmte Schmerzäußerungen eventuell nicht gezeigt – ein Relikt aus dem Instinktverhalten des Fluchttiers Pferd. Die gute Nachricht: Je vertrauter die Bezugsperson, desto eher zeigt das Pferd, wenn es ihm nicht gutgeht.
Wer sein Pferd gut kennt und ihm aufmerksam begegnet, wird Abweichungen im Verhalten besser wahrnehmen und einschätzen können.
Diese treten häufig nicht isoliert auf, sondern beeinflussen sich gegenseitig und verstärken gemeinsam das Stressniveau. Für die Praxis bedeutet das: Ein Pferd kann sich in einem Zustand hoher Erregung befinden, dessen Ursache nur über die zugrunde liegende Emotion – etwa Angst oder Schmerz – zu erschließen ist, auch wenn im Verhalten oft nur ein Teilaspekt sichtbar wird.
Für gerittene Pferde gibt es noch kein 100 % valides Tool, um Unwohlsein und Schmerz eindeutig zu erfassen und von anderen Anzeichen wie zum Beispiel Anstrengung abzugrenzen.
Gelassenheitstraining lohnt! Angst kann durch Gewöhnung und Training abgebaut werden.
Zusammenhänge
„Angst ist in der Regel ein akuter, meistens kurzfristiger emotionaler Zustand, der durch einen bestimmten Reiz, zum Beispiel ein angsteinflößendes Objekt oder eine unbekannte Situation, ausgelöst wird. Für Pferde als Fluchttiere ist Angst überlebensnotwendig und daher erstmal ganz natürlich. Angst ist etwas sehr Individuelles und hängt davon ab, welche Erfahrungen ein Pferd gemacht hat“, erklärt Dr. Katharina Kirsch, Expertin für Tierwohl und Verhaltensforschung an der Freien Universität Berlin. Demzufolge kann Angst sowohl angeborener Instinkt als auch erlernt sein und durch Gewöhnung oder Training abgebaut werden. Zwei Beispiele dafür, wie aus Angst oder auch Hunger Stress entstehen kann: Angst führt zu einer Fluchtreaktion, Hunger dazu, dass nach Futter gesucht wird. Wenn das Pferd aber durch ungünstige Haltungsbedingungen nicht in der Lage ist, durch sein Verhalten wieder ein Gleichgewicht herzustellen, also Nahrung aufzunehmen oder zu fliehen, dann führt das häufig zu Stresszuständen. „Kurzfristige Stresszustände müssen aber nicht zwangsläufig negativ sein. Ein völlig stressfreies, ereignisloses Leben kann langfristig durch Unterforderung und Langeweile wiederum auch zu Frustration und damit zu Stress führen“, erklärt Dr. Katharina Kirsch.
Indikatoren von Stress
Zu unterscheiden sind akute und chronische Stresssituationen. In einer akuten Stresssituation zeigen Pferde häufig spezifische Verhaltensweisen. Sie richten ihre Aufmerksamkeit in Richtung eines bestimmten Reizes, die Körperhaltung ist oft angespannt, der Kopf hoch erhoben, die Ohren gespitzt.
Häufiges Wiehern, Scheuen, hinund herlaufen oder häufiger Kotabsatz können ebenfalls typische Verhaltensweisen in akuten Stresssituationen sein. Auch steigen Herz- und Atemfrequenz in der Regel an. „Studien zeigen aber auch, dass Pferde nach stressigen Situationen häufiger blinzeln als in entspannten Situationen, deshalb wird in manchen Studien neben dem Verhalten auch die Blinzelrate als Stressindikator verwendet. Zudem erhöht sich unter Stress die Körpertemperatur, was mittels Thermographie gut am Auge gemessen werden kann. Darüber hinaus kann das Stresshormon Cortisol im Blut, Speichel oder auch im Haar oder Kot gemessen werden“, erklärt Dr. Katharina Kirsch.
Verhaltensauffälligkeiten wie Koppen oder Weben sind eindeutige Signale dafür, dass etwas nicht stimmt. Hier sollte der Mensch unbedingt eingreifen und Haltungs- und Trainingsbedingungen auf den Prüfstein stellen.
Häufiger als man im ersten Moment denkt: Haltungsbedingungen als Auslöser für Stress.
Chronisch gestresst
Bei chronischem Stress sind die Anzeichen meist zunächst eher subtil. Häufig zeigen sich Veränderungen im Verhalten, da der Cortisolspiegel dauerhaft erhöht bleibt, was langfristig zur Erschöpfung führt. Wenn nach der Stresssituation keine Entspannung mehr folgt, kann es zu gesundheitlichen Problemen kommen, wie beispielsweise Magengeschwüren oder Beeinträchtigungen des Immunsystems und dadurch zu einer erhöhten Infektanfälligkeit und Verhaltensänderungen. Länger andauernder Stress kann zudem zur Entwicklung von Stereotypien führen – wiederholten Verhaltensweisen ohne erkennbare Funktion. Dazu zählen zum Beispiel Koppen, Weben, exzessives Spiel mit Zunge oder Lippe, das Benagen von Gegenständen oder selten auch ständiges Kopfschlagen. „Chronischer Stress wirkt sich beim Menschen außerdem auch stark auf die kognitive Leistungsfähigkeit aus. Beim Pferd gibt es dazu zwar noch nicht so umfangreiche Untersuchungen, aber einige Studien deuten darauf hin, dass das beim Pferd ähnlich ist und gestresste Pferde daher unter Umständen weniger gut neue Aufgaben lernen bzw. sich nicht so gut konzentrieren können und die Leistungen nicht entsprechend abrufen können. Das ist auch entscheidend für potenziell stressige Situationen z.B. auf dem Turnier“, resümiert Dr. Katharina Kirsch.
Handlungsbedarf?
Chronischer Stress kann zu behandlungsbedürftigen Erkrankungen führen, häufig kommt es allerdings schon vorher zu Veränderungen im Verhalten. Voraussetzung, um diese zu erkennen, ist, dass Pferdebesitzer das individuelle Normalverhalten ihres Tieres gut kennen und aufmerksam beobachten. Handlungsbedarf besteht, wenn ein Pferd über mehrere Tage hinweg deutliche Abweichungen vom Normalverhalten zeigt, etwa beim Fress-, Ruheoder Schlafverhalten. In der Forschung kommen hier Bewegungssensoren zum Einsatz, die über Halsbänder kontinuierlich Daten erfassen und so helfen, auch subtile Verhaltensveränderungen frühzeitig sichtbar zu machen. Die Ursachen sind jedoch nicht immer leicht zu erkennen, da eine lückenlose Beobachtung – vor allem im Alltag – kaum möglich ist.
In einer akuten Stresssituation richten Pferde meist ihre Aufmerksamkeit in Richtung eines Reizes. Ihre Körperhaltung ist oft angespannt, der Kopf hoch erhoben, die Ohren gespitzt.
Nur eine kurze Stresssituation oder länger anhaltend? Chronisch gestresste Pferde sind infektanfälliger.
Futter gegen Stress
Grundsätzlich ist, neben einer artgerechten Haltung mit täglich freier Bewegung, Licht, Luft und Sozialkontakten, eine bedarfsgerechte Fütterung sehr wichtig für das allgemeine Wohlbefinden und die Gesundheit eines Pferdes. Ein häufiges Problem ist ein Ungleichgewicht zwischen Energiezufuhr und -bedarf, da letzterer oft überschätzt wird. Gleichzeitig ist Fressen – vor allem von Raufutter – ein zentrales Bedürfnis, das einen Großteil des Tages einnimmt. Zu kurze Fresszeiten und zu lange Fresspausen (> 4 Stunden), insbesondere, wenn die Einstreu der Pferde nicht fressbar ist, können daher Langeweile und Frustration fördern und sind ein Risikofaktor für Magengeschwüre. Bei gestressten Pferden ist zudem Vorsicht mit Kraftfutter geboten, da dessen hoher Stärkegehalt die Magenschleimhaut zusätzlich reizen kann, während Raufutter durch vermehrte Speichelbildung den Magen eher schützt und das Kauen zusätzlich beruhigt. Für empfindliche Pferde sind daher hochwertiges Raufutter und reduzierte Kraftfuttermengen empfehlenswert, ergänzt gegebenenfalls durch Schleimstoffe wie Leinsamen. Futterzusätze „gegen Stress“ zielen meist auf die Unterstützung des Nervensystems ab (z.B. B-Vitamine oder Tryptophan). „In einer Studie konnte zumindest ein kurzfristiger beruhigender Effekt von Tryptophan, einer Vorstufe von Serotonin, also quasi ein natürliches Antidepressivum, als Futterzusatz festgestellt werden. Die Studienlage ist hier aber nicht eindeutig und der Effekt wahrscheinlich eher gering. Meines Erachtens sind vor allem pferdegerechte Haltungs- und Trainingsbedingungen mit artgerechter Fütterung, viel Möglichkeit zu freier Bewegung und Sozialkontakt wirksamer gegen Stress als Futterzusätze“, ordnet Dr. Katharina Kirsch ein. Zusätzlich muss bei Turnierpferden auf die ADMR-Konformität der Zusatzfuttermittel geachtet werden.
Stressmanagement
Kurzfristige Angst und Stressreaktionen sind normaler Teil eines Pferdelebens. Sie lassen sich zwar häufig durch Gewöhnung und behutsames Training reduzieren, aber wohl nie ganz vermeiden. Umso wichtiger ist es, dass der Mensch ein Bewusstsein dafür entwickelt, welchen Stressoren das Pferd im Alltag ausgesetzt ist. Eine aufmerksame Beobachtung des individuellen Verhaltens und der Reaktionen des Pferdes ermöglichen es, belastende Situationen frühzeitig zu erkennen und, wo möglich, gezielt zu reduzieren. Grundsätzlich sollte hier das Wesen des Pferdes als hochsensibles und soziales Fluchttier berücksichtigt werden und ein Pferd sollte immer behutsam an neue, potenziell stressige Situationen herangeführt werden. Manchmal braucht es zum Beispiel beim Erlernen einer neuen Fähigkeit oder bei der Umstellung in eine neue Haltung oder Eingliederung in eine neue Gruppe etwas Zeit, bis sich das Pferd an die neue Situation gewöhnt hat. Davon klar zu unterscheiden sind chronische Stresszustände, die aus einer langfristigen Überforderung der Anpassungskapazität des Pferdes, beispielsweise durch ungünstige Haltungsbedingungen, entstehen. In solchen Fällen wird sich das Pferd nicht durch Gewöhnung an die bestehenden Bedingungen anpassen können. Stattdessen müssen die Haltungs- und Trainingsbedingungen so verändert werden, dass sie den Bedürfnissen des Pferdes gerecht werden.
Lorella Joschko
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